Arno Gruen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Arno Gruen (2010)

Arno Gruen (* 26. Mai 1923[1] in Berlin; † 20. Oktober 2015 in Zürich[2]) war ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Psychologe und Psychoanalytiker. Nach der Flucht aus Nazideutschland 1936 verbrachte er über 40 Jahre in den USA, wo er studierte und eine akademische Laufbahn einschlug, bis er 1979 nach Europa zurückkehrte und fortan in seiner Wahlheimat Zürich lebte.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gruen wurde 1923 in Berlin als Sohn jüdischer Eltern geboren.

Ein Ereignis in der Volksschule war ihm bis ins hohe Alter in Erinnerung: Die Lehrerin ermahnte Arno Gruens Klasse, sie sei zu undiszipliniert, und beschloss, einen Rohrstock zu beschaffen, um die Kinder damit zu bestrafen. Sie nahm also ihr Portemonnaie aus der Tasche, suchte einen Groschen heraus und fragte, wer zum Laden laufen wolle, um den Rohrstock zu kaufen. 29 Zeigefinger schnellten in die Höhe, nur der des sechsjährigen Arno nicht. „Ist das nicht verrückt“, wunderte sich der Psychoanalytiker noch später, „alle wollten unbedingt den Stock kaufen, mit dem sie geschlagen werden sollten.“ In dieser Berliner Volksschule erfuhr er auch mit sieben Jahren zum ersten Mal, dass er Jude war. Vor dem Religionsunterricht wurde er nach Hause entlassen. Sein Vater erklärte ihm, dass man zwischen Juden, Christen, Atheisten unterscheide, oft auch zwischen Deutschen und Franzosen. Arno antwortete erstaunt:

„Ich dachte, wir sind alle Menschen.“

Arno Gruen: dreizehnjährig[3]

1936 floh die Familie aus dem mittlerweile vom Nationalsozialismus beherrschten Deutschland und emigrierte über Polen und Dänemark in die USA. Nach eigenen Angaben nahm der heranwachsende Arno auf dieser Flucht drei Bücher mit, die ihn prägten: ein Lexikon, einen Band mit Gedichten von Chaim Nachman Bialik und die Jüdische Bibel. Auf der Flucht fand am Sabbat des 6. Juni 1936 in der Großen Synagoge in Warschau die Feier seiner Bar Mitzwa statt.[4]

Gruen studierte Psychologie in New York, eröffnete 1958 eine psychoanalytische Praxis und promovierte 1961 bei Theodor Reik. Danach übte er in den USA verschiedene Berufe aus, zuletzt war er als Professor der Psychologie an der Rutgers University in New Jersey tätig. Seit 1979 lebte und praktizierte Gruen in Zürich.

Während seiner Zeit in New York war Gruen mit dem Schriftsteller Henry Miller gut befreundet und wurde nach eigenen Angaben stark von ihm beeinflusst. So nutzte er etwa einen autobiografischen Text Millers in einem Psychotherapieseminar, um die Studenten auf die entfremdende Macht abstrakten Denkens aufmerksam zu machen. Kaum einer seiner Zuhörer war demnach in der Lage, tatsächlich Gruens Aufgabenstellung zu entsprechen und sich mit den Gefühlen des Erzählers, der in der zitierten Episode beschworenen „Realität der Verzweiflung“ auseinanderzusetzen. „Diese jungen Leute wurden geschult, nicht mit Gefühl auf Erleben zu reagieren, sondern indem sie sich distanzieren.“[5]

2001 erhielt er für sein Buch Der Fremde in uns den Geschwister-Scholl-Preis, der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Stadt München vergeben wird. Der mit 10.000 Euro dotierte Geschwister-Scholl-Preis wird für ein Buch verliehen, das „von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem gegenwärtigen Verantwortungsbewußtsein wichtige Impulse zu geben“. Der Laudator war Burkhard Hirsch.[6]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gruen veröffentlichte schon seit Ende der 1960er Jahre Aufsätze zu den Grundthemen seines Denkens, die sich in Anlehnung an Erik Eriksons Begriff der Autonomie mit der Entwicklung des Selbst befassen. Ein zentraler Gedanke ist hierbei der postulierte Widerspruch zwischen Autonomie und Identifikation in der Entwicklung von Identität: „Vielleicht sollten wir den Unterschied zwischen Identität und Identifikation deutlich machen, indem wir erkennen, dass Identifikation nicht die Basis für eine eigene Identität bildet. Dass Identifikation und Identität einen Widerspruch in sich bergen, weil Identifikation eben nicht zur Entwicklung einer autonomen, originären Identität führt“.[7]

1984 erschien Der Verrat am Selbst. Gruen bündelt hier seine Einsichten als Psychotherapeut zu einer umfassenden Kritik an der kulturell vorherrschenden Ideologie der Macht und des Herrschens, die defiziente und pathologische Formen der Subjektwerdung zur Normalität erhebt. Der gängige, kriegerische Begriff von Autonomie beruhe auf einer auf Abstraktionen aufgebauten Idee des Selbst, das, um die eigene Wichtigkeit und Unabhängigkeit zu behaupten, seine Gefühle abspaltet und dessen vermeintliche Freiheit sich in dem Zwang erschöpfe, sich und anderen ständig Beweise der Stärke und Überlegenheit liefern (zu) müssen. Gelingende Autonomie sei dementgegen (…) derjenige Zustand, in dem ein Mensch in voller Übereinstimmung mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ist.[8] Wo Hilflosigkeits- und Ohnmachtserfahrungen ebenso forciert wie verleugnet werden müssen, da trete das Prinzip der Macht an die Stelle der schon im Säugling angelegten Fähigkeit des Menschen zu Kommunikation und Empathie. Das letztlich jedoch unzerstörbare Autonomiebedürfnis des Menschen gehe, wo es sich nicht als verfehlte Anpassung in destruktiven Formen gegen die Außenwelt richte, in den Untergrund.

Gruens Arbeit als Therapeut war demnach von dem Bemühen und der Hoffnung gekennzeichnet, auch in schwerwiegenden Störungsbildern larvierte und entstellte Formen ursprünglicher Autonomie aufzudecken und zu befreien. Im Rahmen dieser Auffassung kritisierte er auch die klassische Psychoanalyse, deren grundlegender Mythos tatsächlich seine Lesart bestätige: „Das ist es, was Ödipus wirklich verkörpert: die ursprüngliche Verletzung, die sich zum Streben nach Dominanz verwandelt (…) Was oft als das Durcharbeiten eines Ödipus-Komplexes (…) gilt, ist die Befreiung von Skrupeln, das Verstärken von Ehrgeiz, Wettbewerb und Macht. Die tiefen Verletzungen, die zu Gefühlen unakzeptabler Hilflosigkeit und Ängsten führen, können in einer Therapie, die der Ideologie der Herrschaft und der Macht verhaftet ist, nicht wirklich berührt werden.“[9]

Das 1987 veröffentlichte Werk Der Wahnsinn der Normalität (Realismus als Krankheit) führt den Gedanken fort. Gruen fragt nach den Einflüssen, die im Sinne seines Autonomieverständnisses zu Isolation, Selbstentfremdung und einer zerstörerischen Geisteshaltung führen, die gleichzeitig als sogenannte „Normalität“ gehandelt wird. Er sieht seine Analyse als Teil der philosophischen Debatte über die menschliche Destruktivität.[10]

Der Kampf um die Demokratie ist 2002 erschienen. Gruen begann mit dem Schreiben des Buchs im Mai 2001. In diese Zeit fielen die Terroranschläge am 11. September 2001. Dieses Ereignis beeinflusste den Inhalt des Buchs. Es beschäftigt sich mit den Ursachen der menschlichen Destruktivität und ihren mannigfaltigen Ausprägungen. → Hauptartikel: Der Kampf um die Demokratie

Der Fremde in uns erschien ebenfalls 2002. Gruen beschreibt darin, wie Abweisungen/Zurückweisungen durch die Eltern in der frühen Kindheit zu einer nur schwach ausgebildeten Identität führen können. Die dadurch entstehende innere Leere wird oft durch die Neigung kompensiert, starken Personen oder Ideologien zu folgen, oder auch durch ein einfaches, polarisierendes Weltbild, das einen Feind als Ursache aller (oder zumindest der wichtigsten) Probleme benennt. Gruen belegt dieses Grundmuster durch Fälle aus seiner eigenen Praxis wie auch durch historische Fälle. Neben „normalen“ Kriminellen führt er auch Nazi-Größen wie Göring, Heß, Frank und Hitler an.

Dem Leben entfremdet erschien 2013. Gruen schreibt in einer Vorbemerkung: „Dieses Buch spiegelt die Entwicklung meines Denkens, das mit dem Verrat am Selbst begann“. Gruen stellt fest: „Wie in Shakespeares Hamlet vollzieht unsere Kultur ein Nichtsein, das auf abstraktem Denken beruht und unser grundlegendes empathisches Bewusstsein verneint und verleugnet. Es geht darum, dieses wieder zum Herzstück unseres Seins zu machen“. Das Buch ist eine Fundamentalkritik der bestehenden Zivilisation.

Über die „zerstörerische Dynamik des Gehorsams“ legte Gruen 2014 ein weiteres Essay-Buch vor. „Gehorsam meint, dass man das eigene Selbst nicht wirklich entwickeln kann“, lautet seine Grundthese, und: „dass man keine wirkliche Verantwortung für sich selbst entwickelt.“[11]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher
Aufsätze
Hörbücher

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Arno Gruen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Doppel-Kopf - Am Tisch mit Arno Gruen "Seelen-Denker"
  2. Arno Gruen mit 92 Jahren gestorben, NZZ, 22. Oktober 2015
  3. Monika Schiffer: Arno Gruen: Jenseits des Wahnsinns der Normalität. Biografie. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-608-94449-5.
  4. Siehe S. 46 der Biografie.
  5. Gruen (1984), S. 75 f.
  6. [1]
  7. Arno Gruen: Identität, speziell: „Jüdische Identität“. Zum Tod von Arno Gruen, posthum veröffentlichter Text auf Hagalil.com, 23. Oktober 2015 (abgerufen am 18. Januar 2016)
  8. Vgl. Gruen (1984), S. 17 f.
  9. Gruen (1984), S. 91
  10. Vgl. Gruen (1987), S. 157 f.
  11. Warum sind wir so gerne gehorsam? Der Psychoanalytiker über sein neues Buch Wider den Gehorsam, Deutschlandradio Kultur vom 24. November 2014, abgerufen 25. November 2014
  12. Verlagsinfo zu Buch von Monika Schiffer: Arno Gruen