Arthur Müller (Unternehmer)

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Arthur Müller

Arthur Müller (geboren am 23. Oktober 1871 als Aron Cohn in Stuhm, Westpreußen; gestorben am 19. Januar 1935 in Berlin) war ein deutscher Unternehmer und Erfinder. Bekannt wurde er vor allem als einer der Gründer und Direktor der Deutsche Flugplatz Gesellschaft, die den Flugplatz Johannisthal, den ersten kommerziell betriebenen deutschen Flugplatz in Berlin-Johannisthal, initiierte, errichtete und betrieb.[1]

Leben und wirtschaftliche Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aron Cohn wurde als zweiter Sohn des Ehepaares Cohn geboren, er hatte einen älteren Bruder und eine Schwester. Über seine Jugend ist wenig bekannt. Ab 1885 besuchte er das Gymnasium im schlesischen Schweidnitz, außerdem absolvierte er eine kaufmännische Lehre. Spätestens 1895 nahm er den Namen Arthur Müller an.

Land- und Industriebauten AG[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1895 arbeitete er als Vertreter für mehrere Düngemittel- und Futterfirmen. Er erfand ein spezielles Futtermittel aus Melasse und einem amerikanischen Mais-Glukose-Fabrikat, das von der landwirtschaftlichen Hochschule Bonn positiv beurteilt wurde. 1902 gab Müller das Futtermittelgeschäft auf und widmete sich einer neuen Tätigkeit. Aus seinen Verbindungen zu Landwirten wusste er, dass diesen oft Lagerraum fehlte. Deshalb entwickelte er gemeinsam mit einem Techniker Scheunen in Leichtbauweise, bestehend aus einem Holzskelett, das mit Holz oder Planen verkleidet werden konnte. Diese Erfindung ließ er sich patentieren. Nach der Aufnahme weiterer Gesellschafter zur Finanzierung der Expansion des Unternehmens firmierte dieses ab 1908 als Arthur Müller Land- und Industriebauten AG. Die von Müller entwickelten Leichtbauten fanden auch in der Luftfahrtindustrie als Ballon- und Zeppelinhallen, bald aber auch als Flugzeughallen Verwendung. Für die erste Internationale Luftschiffahrt-Ausstellung Frankfurt 1909 baute er alle Luftschiffhallen auf eigenes Risiko und vermietete sie an den Veranstalter.

Flugplatz Johannisthal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deckblatt des Programms zur Inbetriebnahme des Flugplatzes Berlin-Johannisthal ab dem 26. September 1909

Über den Direktor der Frankfurter Ausstellung, Georg von Tschudi, erfuhr er von den Plänen, in Berlin einen Motorflugplatz zu errichten. Bis dahin fanden Zeppelinlandungen und erste Motorflugversuche auf Truppenübungsplätzen wie dem Tempelhofer Feld statt, was die Entwicklung einer zivilen Luftfahrt auf die Dauer behinderte. Über seine früheren Kontakte zum Agrarbereich konnte Müller erreichen, dass die zu gründende Deutsche Flugplatz Gesellschaft das Gelände des künftigen Flugplatzes Johannisthal günstig vom preußischen Forstfiskus pachten konnte.

Zur Finanzierung des Flugplatzes waren von Anfang an vor allem die Einnahmen aus Eintrittsgeldern von Besuchern des täglichen Flugbetriebs und von Flug-Großveranstaltungen vorgesehen.[2] Die meisten der dazu benötigten Flugplatzbauten, wie Holzschuppen als Flugzeughallen, Zuschauerabsperrungen, Kassenhäuschen, Zuschauertribünen errichtete sein Unternehmen, die Arthur Müller Land- und Industriebauten AG. Der Flugplatz wurde mit einem Konkurrenz-Fliegen ab dem 26. September 1909 eröffnet.

Die von Müller gegründete Terrain-Aktien-Gesellschaft am Flughafen Johannisthal-Adlershof (Tagafia) erwarb schließlich das Gelände des Flugplatzes Johannisthal, wobei 31 % der Fläche den Gemeinden Johannisthal und Adlershof für kommunale Zwecke kostenlos abzutreten waren. Außerdem ließ sich Müller ein persönliches Vorkaufsrecht am Flugplatzgelände für einen stattlichen Betrag von der Terrain-Aktien-Gesellschaft abkaufen.[3]

Mit mehreren ehemaligen Geschäftspartnern geriet Müller in ausufernden Rechts- und publizistischen Streit, da diese ihm unter anderem vorwarfen, sich über die Tagafia die Grundstücke in Johannisthal betrügerisch angeeignet zu haben. Mehrere Zeitungen und Zeitschriften (unter anderem Die Bank) veröffentlichten Artikel gegen Müller; schließlich erschien im Mai 1913 eine Schrift von Albert Greeven unter dem Titel Moderne Gründungen, die antisemitische Töne anschlug. Das darin über Müller geprägte Bild als Spekulant prägte sein Bild bis in die Gegenwart. Der Artikel Die Geschichte einer Gründung über die Tagafia in der Zeitschrift Die Bank wurde auch von Lenin ausgewertet.[4] Müller verfasste gewissermaßen als Gegendarstellung zu Moderne Gründungen die Schrift Thersites, nicht Gracchus,[5] in der er sich mit den Motiven seiner Widersacher auseinandersetzte.

Luft-Verkehrs-Gesellschaft AG[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1912 gründete er unter Beteiligung der Deutschen Kolonialbank am Flugplatz Johannisthal die Luft-Verkehrs-Gesellschaft AG (LVG), die sich im Ersten Weltkrieg nach den Albatros Flugzeugwerken zum zweitgrößten Flugzeugproduzenten des deutschen Kaiserreiches entwickelte.

AMBI Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrages die Flugzeugproduktion in Deutschland zunächst untersagt war, konzentrierte sich Müller auf andere Geschäftsfelder. Nach Übernahme der Hallen der AEG und der Rumpler-Werke wurden dort Eisenbahnwagen repariert. Im Sommer 1919 fasste Müller seine Unternehmen zu den AMBI-Werken (Arthur Müller Bauten- und Industriewerke) zusammen. Nachdem sich der Flugverkehr von Johannisthal nach Tempelhof verlagert hatte, verkaufte er das Flugplatzgelände in Johannisthal. Die AMBI-Werke waren ein Mischkonzern, der unter anderem in den Branchen Bau, Baustoffe, Maschinenbau, Waggonbau, Chemie, Gießerei und Holzhandel aktiv war.

Ab 1923 unternahm Müller mit seinen beiden Söhnen eine dreijährige Reise in die USA. Dort stellte er Kontakte zur Edward G. Budd Manufacturing Co. her, die ein Verfahren zur Fertigung von Ganzstahlkarosserien für Automobile entwickelt hatte. Dabei wurden die tiefgezogenen Blechteile durch Punktschweißen miteinander verbunden und nicht mehr wie bei der Gemischtbauweise auf ein hölzernes Karosseriegerippe genagelt. Die Kontakte zu Budd mündeten nach seiner Rückkehr in die Gründung des Gemeinschaftsunternehmens AMBI-Budd Presswerk.

Zur Leipziger Frühjahrsmesse 1926 wurde auf dem Augustusplatz ein Verkehrsturm errichtet, auf dem ein AMBI-Verkehrsregler montiert war. Im Gegensatz zum Verkehrsturm am Potsdamer Platz , der mit Lichtsignalen ausgestattet war, besaß der AMBI-Verkehrsreger drehbare Formsignale und war in der Anschaffung günstiger.[6]

Die Berliner Adressbücher 1926 und 1929 vermitteln einen Eindruck von den vielfältigen Büro- und Fertigungs-Standorten der AMBI-Werke.[7][8]

Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1934 erlitt Müller auf seinem Firmengelände in Johannisthal einen Arbeitsunfall, in dessen Folge ihm ein Bein amputiert werden musste. Zudem litt er an Diabetes. An den Folgen des Unfalls verstarb Müller am 19. Januar 1935. Er wurde auf dem Friedhof Heerstraße bestattet. Bei ihrer Emigration nahm seine Frau die Urne mit und ließ auf dem Linden Hill Cemetery im New Yorker Stadtteil Queens ein neues Grab errichten.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Arthur Müller heiratete im Herbst 1898 die aus Coburg stammende Thekla Benari (1873–1953). Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, die beide emigrieren konnten. Auch Thekla Müller konnte noch 1941 in die USA emigrieren.

Verbleib der Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thekla Müller wurde gezwungen, ihre Anteile an der AMBI-Gruppe an einen Treuhänder zu übergeben. Zudem wurde sie gezwungen, ihr weiteres Vermögen weit unter Wert zu verkaufen. Nach ihrer Emigration wurde das Treuhandvermögen vom Deutschen Reich eingezogen.

Nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach langen Rechtsstreitigkeiten wurde die Familie von der Bundesrepublik Deutschland ab 1956 entschädigt. In der DDR unterblieb eine Entschädigung, obwohl die meisten Grundstücke und Unternehmen Müllers in Johannisthal lagen und selbst die Regelungen der SMAD die Rückgabe enteigneten jüdischen Besitzes vorsahen.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Tod von Arthur Müller ließen „Führer und Gefolgschaft“ der AMBI-Werke eine Todesanzeige veröffentlichen, in der sie Müller als herausragende Persönlichkeit würdigten. Das war angesichts der inzwischen herrschenden Verhältnisse nicht selbstverständlich.

Ansonsten wurden die Verdienste von Arthur Müller lange Zeit verschwiegen. Während der NS-Zeit war er als Jude verfemt, in der DDR galt er als Bodenspekulant. Erst nach der Wende wurden seine Verdienste gewürdigt. Seit 2002 trägt eine Straße in einem neu angelegten Wohngebiet an der Südwestseite des ehemaligen Flugplatzes Johannisthal seinen Namen. Auch am im Bau befindlichen Flughafen Berlin Brandenburg wurde eine Straße nach Arthur Müller benannt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rainer Karlsch, Thomas Flemming, Burghard Ciesla: 100 Jahre Innovation aus Adlershof – Wiege der deutschen Motorluftfahrt. In: Wista-Management (Hrsg.): Adlershofer Geschichten. Band 1. Berlin Juni 2009, S. 72 (Leseprobe [PDF; abgerufen am 28. Januar 2017]).
  • Günter Schmitt: Als die Oldtimer flogen. transpress Verlag für Verkehrswesen 1987, ISBN 3-344-00129-9, S. 17 ff.
  • Monika Tatzkow, Hartmut Henicke: Arthur Müller: Leben, Werk, Vermächtnis. proprietas-verlag, Berlin 2000, ISBN 3-00-005740-4

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wiege der deutschen Motorluftfahrt S. 7
  2. Als die Oldtimer flogen S. 18
  3. Als die Oldtimer flogen S. 26 ff
  4. Lenin Werke, Band 39, „Hefte zum Imperialismus“, Seite 163 (Digitalisat, PDF). Lenin zitierte aus dem Aufsatz von Ludwig Eschwege „Die Geschichte einer Gründung“ in der Zeitschrift „Die Bank“, Wochenhefte für Finanz-, Kredit- und Versicherungswesen, Bank-Verlag 1912, Seite 420 ff.
  5. Thersites, nicht Gracchus. Entgegnungen auf die Broschüre des Herrn Albert Greeven. Nebst dem Abdruck der Broschüre von Albert Greeven. Charlottenburg, Selbstverlag 1913.
  6. Februar 1926, Leipzig, Augustusplatz - Verkehrsturm, AMBI-Verkehrsregler (in der Suchmaske AMBI eingeben). In: Bilddatenbank des Bundesarchivs, abgerufen am 9. August 2019.
  7. Einträge der AMBI-Werke im Berliner Adressbuch 1926
  8. Einträge der AMBI-Werke im Berliner Adressbuch 1929