Atelestit

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Atelestit
Atelestite-824233.jpg
Hellgelbe Atelestitkristalle auf Matrix aus der Typlokalität Grube Neuhilfe bei Neustädtel, Erzgebirge, Sachsen (Gesamtgröße: 3,1 cm × 2,7 cm × 1,1 cm)
Allgemeines und Klassifikation
Andere Namen

Rhagit[1][2]

Chemische Formel
  • Bi2[O|OH|AsO4][3]
  • Bi2O(AsO4)(OH)[4]
Mineralklasse
(und ggf. Abteilung)
Phosphate, Arsenate und Vanadate
System-Nr. nach Strunz
und nach Dana
8.BO.15 (8. Auflage: VII/B.18)
41.11.05.01
Kristallographische Daten
Kristallsystem monoklin
Kristallklasse; Symbol monoklin-prismatisch; 2/m[5]
Raumgruppe P21/c (Nr. 14)Vorlage:Raumgruppe/14[6]
Gitterparameter a = 7,000 Å; b = 7,430 Å; c = 10,831 Å
β = 107,08°[6]
Formeleinheiten Z = 4[6]
Häufige Kristallflächen {101}, {010}, {100}, }201}, {111}, {110}, }211}[7]
Physikalische Eigenschaften
Mohshärte 4,5 bis 5[7]
Dichte (g/cm3) gemessen: 7,14; berechnet: 6,95[7]
Spaltbarkeit undeutlich nach {100}[7]
Bruch; Tenazität schwach muschelig
Farbe hellgelb bis schwefelgelb, gelblichgrün, schwarz; im Durchlicht hellgelb bis farblos[7]
Strichfarbe weiß[7]
Transparenz durchsichtig bis durchscheinend
Glanz Harzglanz bis Diamantglanz[7]
Kristalloptik
Brechungsindizes nα = 2,140[8]
nβ = 2,150[8]
nγ = 2,180[8]
Doppelbrechung δ = 0,040[8]
Optischer Charakter zweiachsig positiv
Achsenwinkel 2V = 42° bis 46° (gemessen), 62° (berechnet)[8]

Atelestit ist ein selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ mit der chemischen Zusammensetzung Bi2[O|OH|AsO4][3] und ist damit chemisch gesehen ein Bismut-Arsenat mit zusätzlichen Sauerstoff- und Hydroxidionen.

Atelestit kristallisiert im monoklinen Kristallsystem, entwickelt jedoch nur winzige, tafelige bis prismatische Kristalle bis etwa zwei Millimeter Länge mit einem harz- bis diamantähnlichen Glanz auf den Oberflächen. Bekannt sind auch warzen- bis zapfenförmige und kugelige Aggregatformen.

Die durchsichtigen bis durchscheinenden Kristalle sind von hellgelber bis schwefelgelber, gelblichgrüner oder schwarzer Farbe. Im Durchlicht erscheint Atelestit hellgelb bis farblos. Seine Strichfarbe ist allerdings immer weiß.

Etymologie und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine erste Kurzbeschreibung des Minerals veröffentlichte August Breithaupt 1832 in seinem Werk Vollständige Charakteristik des Mineral-Systems. Er beschränkte sich dabei allerdings auf die Charakterisierung weniger Eigenschaften wie Farbe, Glanz, Transparenz und Kristallform. Bei der von Breithaupt beschriebenen Probe sitzen die zarten Atelestit-Kristalle auf „wismutischem Blende-Erz“ (nach Witzke identisch mit Eulytin) aus Schneeberg im Erzgebirge. Die Angabe der chemischen Zusammensetzung fehlt in der Kurzbeschreibung allerdings ebenso wie eine Erklärung zu dem gewählten Namen Atelestit.[9]

Eine „Grube Neuhilfe“ hat es jedoch im Schneeberg-Neustädteler Bergbaugebiet nie gegeben. Wie beim Paulkellerit[10] handelt es sich bei der korrekten Fundortbezeichnung um den Gang Neuhilfe Flacher der Grube Junge Kalbe in Schneeberg-Neustädtel.

Im Handbuch der Mineralogie, das Carl Hintze 1933 herausgab, wird der Name damit erklärt, dass er eine Anlehnung an den griechischen Begriff άτελής [ateles] für unvollkommen sein soll, weil die chemische Zusammensetzung des Minerals zunächst unbekannt war. Diese wird erst 1889 durch Karl Busz erstmals an Proben aus der Grube Neuhilfe bei Neustädtel (Schneeberg) ermittelt. Die angegebene Oxidformel 3 Bi2O3 · As2O5 · 2 H2O entspricht in moderner Schreibweise der Formel Bi3(AsO4)O2(OH)2. K. Mereiter und A. Preisinger vereinfachten die Formel nach neueren Analysen 1986 schließlich zu Bi2(AsO4)O(OH) (auch Bi2O(AsO4)(OH)),[9] was der kristallchemischen Strukturformel Bi2 [O|OH|AsO4] entspricht.

Bevor man ihn als eigenständige Mineralart erkannte, wurde auch Brendelit aufgrund seiner Erscheinungsform zunächst für Atelestit gehalten.

Klassifikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits in der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Atelestit zur Mineralklasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ und dort zur Abteilung der „Wasserfreien Phosphate, Arsenate und Vanadate mit fremden Anionen“, wo er zusammen mit Georgiadesit und Sahlinit die „Georgiadesit-Sahlinit-Atelestit-Gruppe“ mit der System-Nr. VII/B.18 bildete.

Im überarbeiteten und aktualisierten Lapis-Mineralienverzeichnis nach Stefan Weiß, das sich aus Rücksicht auf private Sammler und institutionelle Sammlungen noch nach der alten Form der Systematik von Karl Hugo Strunz richtet, erhielt das Mineral die System- und Mineral-Nr. VII/B.30-02. In der „Lapis-Systematik“ entspricht dies ebenfalls der Abteilung „Wasserfreie Phosphate, mit fremden Anionen F,Cl,O,OH“, wo Atelestit zusammen mit Hechtsbergit, Petitjeanit, Preisingerit, Schlegelit, Schumacherit und Smrkovecit eine eigenständige, aber unbenannte Gruppe bildet (Stand 2018).[11]

Auch die seit 2001 gültige und von der International Mineralogical Association (IMA) bis 2009 aktualisierte[12] 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Atelestit in die Abteilung der „Phosphate usw. mit zusätzlichen Anionen; ohne H2O“ ein. Diese ist allerdings weiter unterteilt nach der relativen Größe der beteiligten Kationen und dem Stoffmengenverhältnis der zusätzlichen Anionen (OH, etc.) zum Phosphat-, Arsenat- beziehungsweise Vanadatkomplex (RO4), so dass das Mineral entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „Mit ausschließlich großen Kationen; (OH, etc.) : RO4 ≥ 1 : 1“ zu finden ist, wo es als Namensgeber die „Atelestitgruppe“ mit der System-Nr. 8.BO.15 und den weiteren Mitgliedern Hechtsbergit und Smrkovecit bildet.

Die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Atelestit ebenfalls in die Klasse der „Phosphate, Arsenate und Vanadate“ und dort in die Abteilung der „Wasserfreie Phosphate etc., mit Hydroxyl oder Halogen“ ein. Hier ist er als einziges Mitglied in der unbenannten Gruppe 41.11.05 innerhalb der Unterabteilung „Wasserfreie Phosphate etc., mit Hydroxyl oder Halogen mit verschiedenen Formeln“ zu finden.

Kristallstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Atelestit kristallisiert monoklin in der Raumgruppe P21/c (Raumgruppen-Nr. 14)Vorlage:Raumgruppe/14 mit den Gitterparametern a = 7,000 Å; b = 7,430 Å; c = 10,831 Å und β = 107,08° sowie 4 Formeleinheiten pro Elementarzelle.[6]

Modifikationen und Varietäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter der Bezeichnung Rhagit (von griechisch ῥαγες rhages für Weinbeere oder ῥαγοιδης bzw. ῥαγωδης, rhagodes bzw. rhagoïdes für traubenförmig[13]) beschrieb 1874 Albin Weisbach ein in kugelig-traubigen, feinkristallinen Aggregaten auftretendes, hellgelblichgrünes bis weinbeergrünes Bismutarsenat, das in der Weißer Hirsch Fundgrube bei Schneeberg entdeckt wurde.[2][14] Erst 1943 konnte Clifford Frondel durch einen Vergleich der röntgenografischen Pulverdiffraktion (siehe auch Debye-Scherrer-Verfahren) nachweisen, dass Atelestit und Rhagit eine praktisch identische Zusammensetzung haben. Die Mineralbezeichnung Rhagit wurde daher diskreditiert und gilt seitdem als Synonym für den Atelestit.[15]

Bildung und Fundorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Atelestit bildet sich sekundär in der Oxidationszone von bismut- und arsenhaltigen Lagerstätten. Als Begleitminerale können unter anderem Beyerit, Bismutit, Bismutostibiconit, Erythrin, Eulytin, Konichalcit, Mixit, Preisingerit, Quarz, Torbernit und Walpurgin auftreten.

Neben seiner Typlokalität, der Grube Neuhilfe, konnte Atelestit in Sachsen noch in mehreren Gruben im Schneeberger Bergbaurevier entdeckt werden. Daneben trat das Mineral noch in der Grube Hohes Genist (auch Himmelfahrt (Christi)) bei Steinbach im Bergrevier Johanngeorgenstadt sowie in den Schächten Alexander und Pucher im Bergbaubezirk St. Wolfgang und Maaßen auf. Des Weiteren fand sich Atelestit noch an mehreren Orten im Schwarzwald in Baden-Württemberg wie beispielsweise in den Gruben Clara bei Oberwolfach, Dorothea bei Freudenstadt und Königswart bei Schönegründ (Gemeinde Baiersbronn) sowie im hessischen Odenwald bei Gadernheim und am Hohenstein bei Reichenbach (Lautertal).

Der bisher einzige bekannte Fundort in Österreich ist die Tramerscharte im Zirknitzer Tal in der Goldberggruppe in Kärnten. Auch in der Schweiz kennt man das Mineral bisher von einem Fundort, nämlich der Mine de Collioux inférieur bei Saint-Luc im Kanton Wallis.

Weitere Fundorte liegen unter anderem in England (UK), Finnland, Frankreich, Griechenland, Spanien und Tschechien sowie im US-Bundesstaat Utah.[16]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • August Breithaupt: Atelestit. In: Vollständige Charakteristik des Mineral-Systems. Arnoldische Buchhandlung, Dresden 1832, S. 307 (rruff.info [PDF; 79 kB; abgerufen am 21. Dezember 2019]).
  • K. B. Culver, L. G. Berry: Flinkite and atelestite. In: The Canadian Mineralogist. Band 7, 1963, S. 547–553 (rruff.info [PDF; 352 kB; abgerufen am 21. Dezember 2019]).
  • Joel D. Grice, Giovanni Ferraris: New minerals approved in 2002 and nomenclature modifications approved in 1998-2002 by the Commission on the New Minerals and Mineral Names, International Mineralogical Association. In: The Canadian Mineralogist. Band 41, 2003, S. 795–802 (rruff.info [PDF; 44 kB; abgerufen am 7. Juni 2018]).
  • Hans Jürgen Rösler: Lehrbuch der Mineralogie. 4. durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie (VEB), Leipzig 1987, ISBN 3-342-00288-3, S. 653.
  • Petr Korbel, Milan Novák: Mineralien-Enzyklopädie (= Dörfler Natur). Edition Dörfler im Nebel-Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S. 174.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Atelestite – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Friedrich Klockmann: Klockmanns Lehrbuch der Mineralogie. Hrsg.: Paul Ramdohr, Hugo Strunz. 16. Auflage. Enke, Stuttgart 1978, ISBN 3-432-82986-8, S. 639 (Erstausgabe: 1891).
  2. a b Albin Weisbach: Mineralogische Notizen. 1. Pucherit. 2. Domeykit. 3. Rhagit. 4. Roselith. In: Jahrbuch für das Berg- und Hüttenwesen im Königreiche Sachsen. 1874, S. 249–254.
  3. a b Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 469 (englisch).
  4. Malcolm Back, William D. Birch, Michel Blondieau und andere: The New IMA List of Minerals – A Work in Progress – Updated: November 2019. (PDF 1720 kB) In: cnmnc.main.jp. IMA/CNMNC, Marco Pasero, November 2019, abgerufen am 21. Dezember 2019 (englisch).
  5. David Barthelmy: Atelestite Mineral Data. In: webmineral.com. Abgerufen am 21. Dezember 2019 (englisch).
  6. a b c Kurt Mereiter, Anton Preisinger: Kristallstrukturdaten der Wismutminerale Atelestit, Mixit, und Pucherit. In: Anzeiger der Österreichische Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse, Anzeiger. Band 123, 1986, S. 79–81 (Publikation bei researchgate.net [abgerufen am 21. Dezember 2019]).
  7. a b c d e f g Atelestite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (handbookofmineralogy.org [PDF; 67 kB; abgerufen am 21. Dezember 2019]).
  8. a b c d e Atelestite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 21. Dezember 2019 (englisch).
  9. a b Thomas Witzke: Entdeckung von Atelestit. www.strahlen.org/tw, 24. Juni 2017, abgerufen am 21. Dezember 2019.
  10. Thomas Witzke: Ein neues Bismutphosphat aus Schneeberg. www.strahlen.org/tw, 24. Juni 2017, abgerufen am 21. Dezember 2019.
  11. Stefan Weiß: Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
  12. Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF 1816 kB) In: cnmnc.main.jp. IMA/CNMNC, Januar 2009, abgerufen am 21. Dezember 2019 (englisch).
  13. Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon für die in der Sprache der Aerzte am häufigsten vorkommenden Wörter Griechischen Ursprungs. Rudolf Deuerlich, Göttingen 1821, S. 599 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  14. K. C. von Leonhard, H. G. Bronn, G. Leonhard, H. B. Geinitz (Hrsg.): Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geologie und Paläontologie. E. Schweizerbart’sche Verlagshandlung, Stuttgart 1874, S. 302–303 (online verfügbar bei archive.org – Internet Archive).
  15. Clifford Frondel: New data on agricolite, bismoclite, koechlinite, and the bismuth arsenates. In: American Mineralogist. Band 28, Nr. 9–10, 1943, S. 536–540 (minsocam.org [PDF; 304 kB; abgerufen am 21. Dezember 2019]).
  16. Fundortliste für Atelestit beim Mineralienatlas und bei Mindat, abgerufen am 21. Dezember 2019.