Bartning-Notkirche

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Johanniskirche in Rostock kurz nach der Fertigstellung 1952
Lutherkirche in Mainz
St.-Petri-Kirche in Hannover-Döhren
Die Auferstehungskirche in Pforzheim
Martin-Luther-Kirche Würzburg
Lukaskirche in Worms

Die Bartning-Notkirchen waren ein Kirchbauprogramm des Evangelischen Hilfswerks,[1] das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von dem Architekten Otto Bartning entwickelt wurde, um den Mangel an gottesdienstlichen Räumen, der durch die Zerstörung vieler Kirchen und den Zuzug von Flüchtlingen entstanden war, mit schnellen und einfachen Mitteln zu beseitigen.[2]

Warum Notkirchen?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Im November 1947 aber, als ich gerade in Berlin war, ereilte mich telefonische Nachricht: Der „Weltrat der Kirchen in Genf“, „Lutheran World Federation“, „Evangelical and Reformed Church“, „Presbyterian Church“ und „Schweizer Hilfswerk“ haben 40 Notkirchen, 40 mal 10 000 $ gestiftet.

Grosse Erfüllung! … Diejenigen, die mir die Nachricht meldeten, erwarteten wohl, ich würde laut aufjubeln. Und ich dachte eigentlich selbst, ich müßte es tun. Aber ich verstummte, ging auf die Straße und wanderte stundenlang durch die Trümmerfelder, wie ein Besessener, wie ein Verurteilter. … Wird es 40, ach nein: wird es 10, oder auch nur 5 solcher Not-Gemeinden geben? Wenn nicht, so will und muß ich den wunderbaren Auftrag in die Hände der großmütigen Stifter zurücklegen. … Und so fing ich an, von Bauort zu Bauort zu fahren, die Bauplätze, das Material und die Mittel zu prüfen – und die Bereitschaft der Gemeinden. Auch den Zustand der Ruinen, denn oft lassen die Elemente der Notkirche sich merkwürdig einfügen. … Darum bauen wir Notkirchen.“

Otto Bartning: Warum Notkirchen? [3]

Gleichwohl galten Bartning-Notkirchen von Anfang an keineswegs als Provisorien.[4] In einigen Fällen verhinderten Denkmalschutzbehörden den geplanten Abriss einer Notkirche und den Bau eines Ersatzgebäudes.[5]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bartning, der auf seine Erfahrungen unter anderem beim Bau der Stahlkirche auf der Pressa-Ausstellung in Köln (1928) zurückgreifen konnte, entwickelte einen Modellraum in Leichtbauweise aus vorgefertigten, genormten Einzelteilen. Die Notkirchen, für die Bartning auf den Entwurf der nicht realisierten Sternkirche von 1922 zurückgriff, zeichnen sich durch das Fensterband im Obergaden und das an einen Schiffsbauch erinnernde Kirchenschiff aus. Dank der Fertigbauteile und der Mitarbeit der Gemeinde kostete der Bau einer Bartning-Kirche nur etwa die Hälfte dessen, was für eine Kirchbau in Massivbauweise zu veranschlagen gewesen wäre.[6] In den Kirchen fanden zwischen 350 bis 500 Gottesdienstbesucher Platz. Integriert war meist eine Sakristei und ein abtrennbaren Gemeinderaum unter der Empore.

Das benötigte Holz für das zeltförmige Tragwerk, Einbauten und Gestühl wurde meist von Gemeinden in Skandinavien oder den USA gestiftet. Dieses tragende Gerüst aus sieben hölzernen Dreigelenkbindern wurde in wenigen Tagen auf dem von der Gemeinde zu errichtetem Fundament aufgestellt. Den Rest des Baus organisierte die Gemeinde selbst. Das Grundmodell ließ sich leicht für lokale Bedürfnisse variieren. Dabei konnten auch die Überreste kriegszerstörter Kirchen integriert werden. Für die nichttragenden Wände konnten sogar Trümmersteine verwendet werden. Der Turm wurde meist seitlich an der symmetrischen Westfassade angesetzt.

Die Planung sah zwei Typen von Kirchbauten vor:

  • Typ A mit Spitztonnengewölbe und gemauertem Altarraum, den Bartning auf Grundlage des Entwurfs des Schweizer Ingenieurs Emil Staudacher entwickelte,[7] wurde aufgrund der aufwendigeren Dachkonstruktion[4] mit der Bethanienkirche in Frankfurt am Main nur einmal in der ursprünglichen Form errichtet.[8]
  • Typ B, eine "Saalkirche mit Satteldach",[9] wurde mit drei verschiedenen Chorabschlüssen gestaltet:
    • mit polygonalem Altarraum
    • mit angemauertem Altarraum
    • ohne gesonderten Altarraum

Geplant waren ursprünglich 48 Kirchbauten, 3 des Typs A und 45 des Typs B, von denen 43, 2 Notkirchen des Typs A, neben der Frankfurter Bethanienkirche in abgewandelter Form die Schweizer Kirche in Emden, und 41 des Typs B, realisiert wurden. Zwei Kirchen des Typs B wurden später an einen anderen Ort umgesetzt.[10] Zwei Typ-B-Kirchen (Aachen und Düsseldorf) wurden abgebrochen, von der Notkirche in Hannover-List sind nur die Binder in einer anderen Kirche wiederverwendet worden. Ein dritter Typ C wurde nicht realisiert.

In einem eigenständigen Folgeprogramm der Notkirchen wurde später eine Serie von Gemeindezentren und Diasporakapellen errichtet.[11] Die Gemeindezentren wurden auch als Notkirchen Typ D bezeichnet.

Notkirchen der Typen A und B[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Notkirchen Typ D[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Delbrück: Ehemalige Segenskirche (1949, Prototyp des Typs D, zunächst in Heidelberg aufgebaut und anschließend nach Delbrück transloziert, später u. a. Diskothek)
  • Peiting-Herzogsägmühle (1949, erhalten)
  • Rheinbach (1949, nach 1969 abgerissen)
  • Königswinter-Oberpleis (1949, im Wesentlichen erhalten)
  • Bawinkel, Petruskirche (1950, im Wesentlichen erhalten)
  • Neufahrn in Niederbayern, Friedenskirche (1950, im Wesentlichen erhalten)
  • Wertingen, Bethlehemkirche (1950, 2006 abgerissen)
  • Steinfeld (Oldenburg) (1950, 1979 nach Ahlhorn umgesetzt, jetzt: St. Petri zu den Fischteichen)
  • Neuenkirchen-Wettringen, Friedenskirche (1950, im Wesentlichen erhalten)
  • Sögel, Markuskirche (1950, im Wesentlichen erhalten)
  • Geeste-Dalum (Niedersachsen) (1950, im Wesentlichen erhalten)
  • Emstek (1950, 1971 abgerissen)
  • Garrel (1950, 2009 im Ort umgesetzt, im Wesentlichen erhalten)
  • Neuenhaus (Dinkel), St.-Johannes-Kirche (1950, im Wesentlichen erhalten)
  • Viechtach (1950, beispielhaft erhalten)
  • Algermissen (1950, im Wesentlichen erhalten)
  • Nürnberg-Schafhof, Gnadenkapelle (1951, im Wesentlichen erhalten)
  • Neuss-Reuschenberg, Alte Erlöserkirche (1951, heute Gemeindehaus)
  • Overath, Versöhnungskirche (1951, im Wesentlichen erhalten, seit 2018 im Freilichtmuseum Kommern)
  • Nordhorn, Martin-Luther-Haus (1951, im Wesentlichen erhalten)
  • Bakum (Kreis Vechta), Gethsemanekirche (1951, im Wesentlichen erhalten)

Typ Diasporakapelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludwigshafen (Bodensee) (1950, später nach Billigheim (Baden) versetzt, erhalten)
  • Neusorg, Christuskirche (1950, erhalten)
  • Billerbeck, Kapelle zum Guten Hirten (1950, 1973 oder 1975 abgerissen)
  • Sundern, Lukaskirche (1950, erhalten)
  • Erfurt, Cyriakkapelle (1950, erhalten)
  • Ascheberg, Gnadenkapelle (1950, erhalten)
  • Erolzheim, Diasporakapelle (1951, erhalten)
  • Werlte, Lukaskirche (1951, erhalten)
  • Voltlage (1951, 1970 als Thomaskapelle nach Bramsche-Lappenstuhl umgesetzt, erhalten)
  • Pocking, Kreuzkirche (1951, erhalten und in der Denkmalliste eingetragen)
  • Kevelaer, Martin-Luther-Kapelle (1951, 1962 innerorts umgesetzt, 2007 abgerissen)
  • Berlin-Wedding, Kapelle Dorotheenstädtischer Friedhof II, zuvor Kapelle der Dankeskirchengemeinde (1951, erhalten)
  • Neubrandenburg, St.-Michael-Kirche (1951, erhalten)
  • Bilshausen, Pauluskirche (1951, erhalten)
  • Giesen-Ahrbergen, Friedenskapelle (1951, 1981 abgebrannt)
  • Hoyerswerda, Lutherhaus (1951, erhalten)
  • Gerzen, Erlöserkirche (1951, erhalten)
  • Lodenau, Gustav-Adolf-Kirche (1951, erhalten)
  • Birkenheide, Lukaskirche (1951, erhalten)
  • Gummersbach-Berghausen, ev. Kirche (1951, erhalten)
  • Heitersheim, ehem. ev. Kirche (1951, um 1971 zu einem Wohnhaus umgebaut)
  • Breisach, Diasporakapelle (1951, durch Neubau von 1967 ersetzt)
  • Grevenbroich (Gustorf-Gindorf), Markuskirche (1951, erhalten)
  • Dachau, jetzt Golgathakirche München-Ludwigsfeld (1952, umgesetzt 1967, jetzt georgisch-orthodoxe Kirche)
  • Elzach, Johanneskirche (1952, erhalten)
  • Donzdorf, ehem. ev. Kirche (1952, 1979 profaniert)
  • Wachtendonk, Notkirche (1952, nach 1985 verschenkt und in Hagen-Haspe als kath. Lioba-Kapelle eingeweiht, erhalten)
  • Neumarkt-St. Veit, Friedenskirche (1952, erhalten)
  • Gescher, Gnadenkirche (1952, erhalten)
  • Emsbüren-Leschede, Erlöserkirche (1952, erhalten)
  • Stadtallendorf, Notkirche (1952, erhalten, seit 1960 Gemeinderaum)
  • Visbek, Diasporakapelle (1953, um 1997 nach Sudargas/Litauen transloziert: Emmauskirche, erhalten)

Sondertypen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johanngeorgenstadt, Typ Haus der Kirche (1951, verändert)
  • Schlema, Typ Haus der Kirche (1952, nach Schneeberg und später nach Aue versetzt)
  • Haselünne, Dreifaltigkeitskirche, Anbau (1951, erhalten)
  • Zarnekow, Gemeindehaus (1951, substantiell verändert)
  • Sassnitz (Rügen), Söderblomhaus (1952, erhalten)

Notkirchen sollen Weltkulturerbe werden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau, das EU-Projekt „Otto Bartning in Europa“, das Otto Bartning-Archiv an der Technischen Universität Darmstadt, das Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst der EKD und örtliche Initiativen fordern, die Notkirchen zum UNESCO-Weltkulturerbe zu ernennen.[19] Dieser Forderung hat sich 2017 u. a. die Johanneskirche in Leverkusen (Typ B mit Anbau) angeschlossen.

„Die zwischen 1947 und 1953 errichteten sogenannten Notkirchen des Architekten und einstigen Bauhaus-Direktors Otto Bartning „sind herausragende Bauzeugnisse der Architekturgeschichte und bildeten als Gesamtheit ein einzigartiges sakrales und kulturhistorisches Flächendenkmal.““

Otto Bartning-Arbeitsgemeinschaft: Evangelische Zeitung, 30. September 2012, S. 39 N

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Otto Bartning: Die 48 Notkirchen. (Entwurf u. Leitung: Hilfswerk der Ev. Kirchen in Deutschland, Bauabteilung Neckarsteinach), Schneider Heidelberg 1949
  • Chris Gerbing: Die Auferstehungskirche in Pforzheim (1945–1948). Otto Bartnings Kirchenbau im Spannungsfeld zwischen Moderne und Traditionalismus. Schnell & Steiner, Regensburg 2001, ISBN 3-7954-1428-8
  • Christoph Schneider: Das Notkirchenprogramm von Otto Bartning. (Edition Wissenschaft, Bd. 7, Reihe Kunstgeschichte), Tectum Verlag, Marburg 1997, ISBN 3-8288-0089-0
  • Svenja Schrickel: Die Notkirchen von Otto Bartning – eine serielle Kirchenbauproduktion der Nachkriegszeit. Überlieferte Zeichen eines Neuanfangs nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Esslingen am Neckar 34 (2005), H. 4, S. 201–213, ISSN 0342-0027
  • Michael Flock: Der Notkirchenbau von Otto Bartning. 2008 (PDF; 1,7 MB, abgerufen am 2. März 2020)
  • Julia Ricker: Spiritualität in Serie. Otto Bartning und seine Kirchen. In: Monumente Ausgabe 2/2016, ISSN 0941-7125, Bonn 2016, S. 66–73, online.
  • Werner Durth, Wolfgang Pehnt, Sandra Wagner-Conzelmann: Otto Bartning, Architekt einer sozialen Moderne, Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2017, ISBN 978-3-87390-393-7.
  • Jörg Rehm, Sabrina Kronthale: Sakralbau in Zeiten des Mangels – Otto Bartnings Notkirchenbauprogramm. München 2019 (pdf, abgerufen am 2. März 2020)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Notkirchen – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bartning.Bartning.Bartning. Architekt der Moderne - LVR-Freilichtmuseum Kommern. Abgerufen am 7. Januar 2020.
  2. Sigrid Hoff: Ein moderner Kirchenvater. Otto Bartning war Vordenker der Bauhaus-Bewegung und maßgeblich im Kirchenbau engagiert. In: Christ in der Gegenwart, Jg. 69 (2017), S. 183.
  3. Otto Bartning: Warum Notkirchen? Abgerufen am 23. März 2015.
  4. a b Julia Ricker: Otto Bartning und seine Kirchen: Spiritualität in Serie. Monumente. Magazin für Denkmalkultur in Deutschland. Ausgabe April 2016
  5. Otto-Bartning-Abrbeitsgemeinschaft Kirchenbau e.V. (OBAK): Friedenskirche Garrel. OBAK-Datenbank
  6. Jörg Rehm, Sabrina Kronthale: Sakralbau in Zeiten des Mangels – Otto Bartnings Notkirchenbauprogramm. München 2019, S. 18
  7. Jörg Rehm, Sabrina Kronthale: Sakralbau in Zeiten des Mangels – Otto Bartnings Notkirchenbauprogramm. München 2019, S. 20
  8. Bethanienkirche
  9. Jörg Rehm, Sabrina Kronthale: Sakralbau in Zeiten des Mangels – Otto Bartnings Notkirchenbauprogramm. München 2019, S. 22
  10. Bartnings Sakral- und Sepulkralwerk bauzeitlich-systematisch mit Gesamtverzeichnis der Notkirchen, abgerufen am 2. Oktober 2012
  11. Die Kirchenbauten Bartnings auf der Seite der Otto Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau e. V. (OBAK).
  12. Bremische Evangelische Kirche – Ev. Gemeinde Gröpelingen und Oslebshausen In: kirche-bremen.de, abgerufen am 9. März 2018.
  13. Weser-Kurier 4. April 2015, S. 23; auch zur Weltkulturerbe-Initiative
  14. Gemeindegeschichte « St. Martinus-Eppendorf In: alsterbund.de, abgerufen am 9. März 2018.
  15. Karin Berkemann: „Baukunst von morgen!“ Hamburgs Kirchen der Nachkriegszeit. Hrsg.: Denkmalschutzamt Hamburg. Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2007, ISBN 978-3-937904-60-3, S. 47.
  16. Historisches In: kirche-koeln-muelheim.de, abgerufen am 9. März 2018.
  17. Wiederaufbau der Kirche St. Leonhard 1958 In: leonhard-schweinau.de, abgerufen am 9. März 2018.
  18. Geschichte der Ludwig-Hofacker-Gemeinde, abgerufen am 11. April 2019.
  19. In einem Atemzug mit der „Akropolis“ genannt – „Notkirchen“ sollen Weltkulturerbe werden – Arbeitskreis in Dalum unterstützt die Initiative, in: Evangelische Zeitung, Zwischen Weser & Ems, 30. September 2012, S. 39 N