Bescheidenheit

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Bescheidenheit (von „sich bescheiden“, „sich zurücknehmen“, „sich begnügen“, „verzichten“) ist im heutigen Sprachgebrauch gleichbedeutend mit „Genügsamkeit“, „Anspruchslosigkeit“, „Einfachheit“, „Zurückhaltung“.[1] Sie kann sich auf die Wesensart eines Menschen beziehen (= Bescheidenheit als Charakterzug) oder auch nur ein bestimmtes Verhalten auszeichnen (= einfache Lebensführung, Luxusverzicht). In der positiven Bewertung bildet sie den Kontrapart zu Begriffen wie „Geltungssucht“, „Überheblichkeit“, „Unbescheidenheit“, „Maßlosigkeit“ oder „Prunksucht“. In einer spöttisch abwertenden Tönung findet sie sich in Redewendungen wie „eine bescheidene Leistung“, „mit einer bescheidenen Intelligenz gesegnet“, „aus bescheidenen Lebensverhältnissen kommend“. Selbstironisch spricht man auch von „mein bescheidener Anteil“ (= geringer Anteil), „meine bescheidene Person“ (= meine Wenigkeit), „mein bescheidener Beitrag“, „meine bescheidene Gabe“ (= Mitbringsel/Spende).

Bescheidenheit kann damit als freiwillige Selbstbeschränkung, als schicksalsverordnete Einschränkung der Persönlichkeit oder der Lebensverhältnisse oder als ironisches Understatement verstanden werden und erfährt daraus eine entsprechende Bedeutung.

Wortgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Bescheidenheit leitet sich sprachgeschichtlich ab von ahd. bisceidan > mhd./nhd. bescheiden. In der mittelalterlichen Rechtssprache drückte es eine richterliche Entscheidung aus und nahm die Bedeutung "Bescheid geben", "zuteilen" an, was sich heute noch in der Redewendung „mein bescheidener (= mein mir beschiedener) Anteil“ wiederfindet. In der aktuellen Kanzleisprache ist diese Aussageform noch in der Redeweise jemanden abschlägig bescheiden präsent.

Das reflexive sich bescheiden folgt der Bedeutung „sich vom Richter bescheiden lassen“ und mit dem neutralen Richterspruch „sich zufrieden geben, sich begnügen“. Das Adjektiv „bescheiden“ folgte der Bedeutung des Verbs und meinte ursprünglich „vom Richter festgesetzt, zugeteilt“. Die Menschen, die sich entsprechend bescheiden ließen und zu bescheiden wussten, galten in mittelhochdeutscher Sprachgebung als „einsichtsvoll, besonnen, verständig“. Bescheidenheit war ein Synonym für „Verstand, Verständigkeit“. Heute ist das Wort vor allem im Sinne von „genügsam, einfach, anspruchslos“ in Gebrauch. In einer fast in Vergessenheit geratenen Wortbedeutung findet sich die Formulierung „Jemandem Bescheid tun“ (= antwortend zutrinken) auch noch in der Entgegnung auf einen Trinkspruch.[2]

Motivation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bescheidenheit kann unterschiedliche Beweggründe haben: Als durchgängige menschliche Lebenseinstellung kann sie etwa aus einer Haltung der Demut erwachsen, der gottgewollten Ehrfurcht vor den Gaben der Natur, die sorgsam zu behandeln und nicht zu verschwenden sind.[3][4]

Im profanen Bereich kann sie als freiwillig selbstbeschränkende Bedürfnislosigkeit den Charakter einer Persönlichkeit kennzeichnen, die sich von materiellen Gütern unabhängig macht, die nicht auf überflüssigen Luxus setzt und ihre Sinnausrichtung an immateriellen Aufgaben und Wertvorstellungen orientiert. Im Unterschied zu der religiösen erwächst sie aus einer ethischen Motivation.[5]

Ideengeschichte und Bewegungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kynismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Kynismus

Der Kynismus war eine im antiken Griechenland des 5. Jahrhunderts v. Chr. aufkommende philosophische Strömung, die sich die Bedürfnislosigkeit zu einem hochrangigen ethischen Ziel gesetzt hatte. Antisthenes und sein Schüler Diogenes von Sinope und zuletzt noch Demetrios oder Salustios aus Emesa in der römischen Kaiserzeit des 1. bzw. 5. nachchristlichen Jahrhunderts vertraten eine Lebensauffassung, nach welcher der Natürlichkeit, Bedürfnislosigkeit und Askese eine hohe Bedeutung zukam. Sie glaubten, ähnlich der Philosophenschule der Stoiker, über sie das Glück des Einzelnen erreichen zu können, das nach ihrer Überzeugung aus innerer Unabhängigkeit und Autarkie erwachse. (Wer nichts besitzt, kann auch nichts verlieren und entsprechend enttäuscht werden). Für die Richtung der Stoiker bedeutete Reichtum und Ansehen nur ein vermeintliches Glück.[6]

Christliches Verständnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der mittelhochdeutsche Ausdruck „Bescheidenheit“ ist zunächst eine Entsprechung zu lateinisch „prudentia, sapientia, scientia, discretio“[7], so etwa bei Freidank, der um 1230 eine Sammlung von Epigrammen mit dem Titel Bescheidenheit verfasste.[8] Das Wort wird hier im Sinne des Unterscheidungsvermögens (lat. discretio) von Gut und Böse gebraucht. In anderen Kontexten ist eine Übersetzung etwa mit „Verständigkeit“ oder „Verstand“ möglich.

Erst seit Martin Luther wird im Deutschen „Bescheidenheit“ auch gebraucht als Entsprechung zu lateinisch moderatio, modestia, also im Sinne von „Zurückhaltung“ wie im heutigen Alltagssprachgebrauch. Dem liegt vermutlich ein juristischer Wortgebrauch zugrunde: althochdeutsch bisceidan, mittelhochdeutsch bescheiden für (gerichtlich) „den (ggf. ‚bescheidenen’ im heutigen Wortsinne) Anteil zuweisen“. Die moderatio, die Zügelung im menschlichen Handeln, wird in Ansätzen der Tugendethik des 12. und 13. Jahrhunderts mit Bezug insbesondere auf Cicero üblicherweise der temperantia nahegestellt bzw., wie etwa bei Thomas von Aquin, der temperantia als einer der vier Kardinaltugenden untergeordnet.[9]

„Bescheidenheit“ wird auch unter die Zwölf Früchte des heiligen Geistes eingeordnet, wie etwa im Katechismus der Katholischen Kirche:

„Die Früchte des Geistes sind Vollkommenheiten, die der Heilige Geist in uns als die Erstlingsfrüchte der ewigen Herrlichkeit hervorbringt. Die Überlieferung der Kirche zählt deren zwölf auf: ‚Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Langmut, Sanftmut, Treue, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Keuschheit‘ (Gal 5,22–23 Vg.).“

Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 1832.

Im Bezugstext der lateinischen Bibelübertragung steht hier "modestia" (Gal 5,22-23 VUL) (während der griechische Bibeltext nur neun Tugenden listet, haben u. a. die im 12. Jh. meistverwendete karolingische Rezension der Vulgata und die Glossa ordinaria deren zwölf, namentlich noch patientia, mansuetudo, castitas - ebenso Thomas u.v.a.).

Von Demut und Selbsterniedrigung heißt es u. a bei Lk 18,14 ELB im christlichen Neuen Testament: „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Friedrich Nietzsche gibt dem im Zuge seiner Kritik christlicher Ethik die ironische Wendung:

„Lucas 18,14 verbessert: Wer sich selbst erniedrigt, will erhöhet werden.“

Menschliches, Allzumenschliches, KSA 2, S. 87, Nr. 87

Jugendbewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Jugendbewegung

Die aus dem sogenannten Wandervogel hervorgegangene Jugendbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts prägte eine eigene Jugendkultur, die sich in Denken und Lebensstil von dem der Elterngeneration abzusetzen versuchte. In der Tradition der Fahrenden Schüler des Mittelalters flohen die Schüler und Studenten unter dem Leitbild eines einfachen Lebens im Einklang mit der Natur aus den Städten und gingen „auf Wanderfahrt“. Man nutzte das Wandern als Fortbewegungsmittel, bereitete sich Speisen auf offenem Feuer und übernachtete in Scheunen, Zelten oder unter freiem Himmel. Verfallende Burgruinen wurden nach und nach zu Jugendherbergen ausgebaut. Zielsetzung der dynamischen Bewegung war das Erleben der Gemeinschaft und der Natur, die Selbstfindung über Wagnis und Abenteuer als beglückende ursprüngliche, selbstbestimmte Lebenserfahrung.[10]

Trekking und Survival[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Trekking
Hauptartikel: Survival

Die moderne Outdoorbewegung hat Aktivitäten hervorgebracht, die sich in Absetzung von der konsumorientierten Überflussgesellschaft und in der Beschränkung auf eine minimale Ausstattung mit Zivilisationsmitteln dem einfachen Leben und Überleben in der Wildnis als asketische, anstrengende, aber glückbringende Lebensformen verschrieben haben. Zivilisationsferne einsame Gebiete liefern das Gelände, in dem der Trekker, auf sich, seine Fertigkeiten und Kreativität gestellt, zu sich finden und kraft der erworbener Kompetenzen, einer robusten physischen Fitness und einer stabilen Psyche die Herausforderungen und Gefahren meistern kann, die sich ihm stellen. Dies setzt die Bereitschaft und die Fähigkeit zu einer von Zivilisationshilfen reduzierten, bescheidenen Lebensführung voraus. In der Erlebnispädagogik und der Wagniserziehung finden sie ihr wichtigstes pädagogisches und psychologisches Übungsfeld.[11]

Survival-Unternehmungen führen als Überlebensveranstaltungen bis an die Grenzen der physischen, psychischen und mentalen Belastbarkeit des Einzelnen und der Gruppe. Entstanden aus dem Erfordernis, auch Extremsituationen beim Trekking, bei Expeditionen oder militärischen Spezialeinsätzen noch gewachsen zu sein, setzen sie ein intensives Training, die Fähigkeit zu extremer Bedürfnislosigkeit und eine schrittweise Steigerung der Anforderungen voraus. Sie bedingen die Bereitschaft, sich im äußersten Fall ohne nahezu alle zivilisatorischen und mitmenschlichen Hilfen auf sich selbst verlassen zu können, mit entbehrungsreichen und gefährlichen Situationen zurechtzukommen.[12]

Beurteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seiner Analyse des historisch immer wieder auflebenden Trends zur Bescheidenheit, zum Maßhalten und zum einfachen Leben, der sich von den antiken Philosophen über das Mittelalter mit der ständig wiederholten Forderung nach der Mâze bis in die Deutsche Wandervogelbewegung und das aktuelle Trekking- und Survival-Erlebnis verfolgen lässt, sieht der Wagnisforscher Siegbert A. Warwitz ein Bedürfnis nach dem elementaren Leben als „Schlüssel zum Glücklichsein“. Er fordert ein Umdenken, diese archaische Haltung nur als kurios oder krankhaft zu verstehen: „Nicht die Bedürfnislosigkeit, sondern die überzogene Bedürfnishaltung ist in Wirklichkeit pathologisch“. (S. 223) In einer zunehmend auf materiellen Wohlstand und übertriebenen Luxus ausgerichteten Anspruchsgesellschaft kann der Bescheidene nach Warwitz zum Mahner der Gesellschaft werden, wie es die großen Propheten Buddha oder Jesus den Menschen ihrer Zeit vorgelebt haben. Das Loslösen von überflüssigen Bedürfnissen verspricht dabei mehr Freiheit für immaterielle Wertverwirklichungen. Das Geheimnis des Glücks liegt danach nicht im überproportionierten bequemen Wohlstand, sondern in der erlernbaren Fähigkeit, Ansprüche an sich selbst zu stellen, mit dem Notwendigen auszukommen, für sich eine ethisch basierte Sinngebung zu finden und über die eigene Leistung dabei mit sich und der persönlichen Lebensvorstellung ins Gleichgewicht zu gelangen.[13]

Bescheidenheit muss sich dabei in einer aktiven Gestaltung der Persönlichkeit und der eigenen Lebensverhältnisse erweisen. Sie muss aus der Freiwilligkeit und der Einsicht der Sinnhaftigkeit des Tuns erwachsen. Wenn sie aus einer Position der Schwäche entsteht und sich etwa als Unterwürfigkeit, phlegmatische Geisteshaltung oder mangelnder Einsatzwillens darstellt, wird sie zur Untugend, wie der Philosoph und Pädagoge Otto Friedrich Bollnow darlegt.[14] Eine „falsche Bescheidenheit“ kann auch die Karriere und den Einfluss in der sozialen Gruppe hemmen. Echte Bescheidenheit ist gesellschaftlich angesehen. Sie wirkt im Unterschied zur Eigenschaft des Hochmuts und zum Luxusleben sympathisch.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • K. Berg: Zur Geschichte der Bedeutungsentwicklung des Wortes Bescheidenheit, In: Würzburger Prosastudien Bd. 1: Wort-, Begriffs- und textkundliche Untersuchungen, München 1968, S. 16–80.
  • Otto Friedrich Bollnow: Wesen und Wandel der Tugenden. Ullstein, Frankfurt 1958, S. 122-135.
  • Otto Friedrich Bollnow: Die Tugend der Bescheidenheit. Die Sammlung 11, 1956, 225ff.
  • Friedrich Koch: Der Kaspar-Hauser-Effekt. Über den Umgang mit Kindern. Opladen 1995. ISBN 978-3810013590.
  • John-Roger und Peter MacWilliams: Geld alleine macht nicht glücklich. Wege zur neuen Bescheidenheit. Ullstein, Frankfurt am Main 1994.
  • B. Schwenk: Art. Bescheidenheit, In: Historisches Wörterbuch der Philosophie Bd. 1, S. 837f.
  • Heinz Volz: Überleben in Natur und Umwelt. 14. Auflage, Walhalla-Fachverlag, Regensburg 2010, ISBN 978-3-8029-6436-7.
  • Siegbert A. Warwitz: Flow - Wenn Wagnis sich in Wohlgefühl wandelt, In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Schneider, 2. Auflage, Baltmannsweiler 2016, S. 222–223.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerhard Wahrig: Bescheidenheit, In: Ders.: Deutsches Wörterbuch. Gütersloh 1970, Spalte 643
  2. K. Berg: Zur Geschichte der Bedeutungsentwicklung des Wortes Bescheidenheit, In: Würzburger Prosastudien Bd. 1: Wort-, Begriffs- und textkundliche Untersuchungen, München 1968, S. 16–80
  3. P. Laféteur: Die Mäßigkeit., in: Arbeitsgemeinschaft von Theologen [Hrsg.]: Die katholische Glaubenswelt: Wegweisung und Lehre. - Herder, Freiburg [u. a.]. - 3. Auflage 1960. - Bd. 2: Moraltheologie., S. 868 (933)
  4. Otto Friedrich Bollnow: Wesen und Wandel der Tugenden. Ullstein, Frankfurt 1958, S. 131
  5. Siegbert A. Warwitz: Thesen zum wertorientierten Wagnis, In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Schneider, 2. Auflage, Baltmannsweiler 2016, S. 301–308
  6. Klaus Döring: Die Kyniker, C. C. Buchners Verlag, Bamberg 2006
  7. Schwenk, 837
  8. Vgl. neben den Angaben im Hauptartikel Freidank Einleitung und Text In: Wolfgang Spiewok (Hrsg.): Freidanks Bescheidenheit. Auswahl, mittelhochdeutsch - neuhochdeutsch. Reclam, Leipzig 1985
  9. Vgl. u. a. Summa theologica IIª-IIae, q. 143 co. Einen exemplarischen Überblick zu Debatten im 12. Jahrhundert und weitere Literatur bietet: Bernd Roling: Das 'Moderancia'-Konzept des Johannes de Hauvilla. Zur Grundlegung einer neuen Ethik laikaler Lebensbewältigung im 12. Jahrhundert, In: Frühmittelalterliche Studien 37 (2003), S.167–258
  10. Reinhard Barth: Jugend in Bewegung. Die Revolte von Jung gegen Alt in Deutschland im 20. Jahrhundert. Berlin 2006
  11. John-Roger und Peter MacWilliams: Geld alleine macht nicht glücklich. Wege zur neuen Bescheidenheit. Ullstein, Frankfurt am Main 1994
  12. Heinz Volz: Überleben in Natur und Umwelt. 14. Auflage, Walhalla-Fachverlag, Regensburg 2010
  13. Siegbert A. Warwitz: Wenn Wagnis sich in Wohlgefühl wandelt, In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Schneider, 2. Auflage, Baltmannsweiler 2016, S. 222–223
  14. Otto Friedrich Bollnow: Wesen und Wandel der Tugenden. Ullstein, Frankfurt 1958, S. 122-135

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Bescheidenheit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen