Blackface

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Dieser Artikel behandelt die Maskerade. Siehe auch Black Face, Felswand in der Antarktis bzw. Faccetta Nera.
Reproduktion eines Minstrel-Show-Plakats aus dem Jahre 1900. Es zeigt die Verwandlung von „weiß“ nach „schwarz“.

Blackface ist eine Theater- und Unterhaltungsmaskerade, die in den Minstrel Shows des 18. und 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten populär wurde. Dabei malten sich weiße Darsteller das Gesicht dunkel an und spielten einen Schwarzen. Die Darstellung schwarzer Menschen durch dunkel geschminkte weiße Menschen wird als Blackfacing bezeichnet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Maske hatte in der klassischen Tradition des Narren aus der italienischen Commedia dell’arte die Funktion, dem dahinter verborgenen Sprecher Narrenfreiheit zu gewähren. Dieser „konnte so seine Späße ungehindert treiben und musste keine Konsequenzen fürchten. Durch diese Maske konnten die Minstrels auch ernsthafte Kritik äußern, ohne richtig ernst genommen werden zu müssen.“[1] Blackface unterscheidet sich jedoch von den oft aus Holz modellierten Masken der Commedia dell’arte durch das typische Merkmal: schwarz gefärbtes Gesicht und durch Schminktechnik grotesk hervorgehobene Partien und freigestellter Mund.

Im Zuge der europäischen Expansion kamen an Fürsten- und Adelshäusern Hof- oder Kammermohren in Mode. Sie hatten die Doppelfunktion zwischen Diener und Dekorationsobjekt. Häufig trugen sie weiße Handschuhe, die später in den Blackface minstrelsys ein gängiges Ausstattungsmerkmal wurden.[2]

Die ersten varietéartigen Blackface Minstrel Shows fanden um 1830 in den Vereinigten Staaten statt und wurden kurze Zeit später auch in Großbritannien aufgeführt. In den Vereinigten Staaten waren die Shows vor und nach dem amerikanischen Bürgerkrieg besonders beliebt und wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von Vaudeville und Film sowie wegen wachsender Kritik verdrängt. In Großbritannien wurden Blackface Minstrel Shows noch bis in die 1980er aufgeführt, etwa die Black and White Minstrel Show im BBC.[3] Blackface wurde zur Belustigung eines weißen Publikums eingesetzt. Weiße Künstler, deren Haut dunkel eingefärbt war, kombiniert mit dem Aufmalen wulstig betonter Lippen, stellten stereotype Figuren von Schwarzen dar. Plantagenarbeiter oder Hausangestellte wurden als naive, fröhlich singende Sklaven verhöhnt.[4] Die zunächst in Minstrel Shows popularisierten rassistischen Bilder wurden Bestandteil der Alltagskultur, sie fanden Einzug in Radiosendungen, Film und Fernsehen und wurden zur Vermarktung von Konsumgütern wie z. B. Marmelade oder Schuhcreme verwendet. Kinderbuchfiguren wie Golliwog wurden von Blackface-Stereotypen inspiriert.[5] In Amerika bestand das Publikum überwiegend aus Männern der Arbeiterschicht, in Großbritannien wurden die Veranstaltungen von sozial bessergestellten Zuschauern besucht.[6] Zu den bekanntesten Blackface-Darstellern gehörten Thomas D. Rice, der als „Jim Crow“ bekannt wurde, Joel Sweeney, Al Jolson, Emmett Miller und Eddie Cantor.

Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg übernahmen auch Afroamerikaner, die sich mit Kohle tiefschwarz anmalten, diese Rollen, setzten sie aber ein, um die diskriminierende Kultur der Weißen zu ironisieren.[7]

Debatte um Blackfacing in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2009 wurde eine Diskussion um die Neuauflage des Blackface-Begriffs in Bezug auf den Film Schwarz auf Weiß und das Buch Aus der schönen neuen Welt von Günter Wallraff geführt.[8][9][10] Tahir Della, Vorsitzender der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, kritisierte, dass, wie so oft, über Schwarze gesprochen werde, aber nicht mit ihnen. Das Erfahrungswissen und die Analysen Schwarzer, so andere Kommentatoren, stünden schon lange Zeit zur Verfügung, würden aber ignoriert.[11]

Im September 2011 erregte der Satiriker Martin Sonneborn ungewollt Verärgerung, als er sich als Spitzenkandidat seiner satirisch geprägten Partei Die PARTEI im Wahlkampf vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin 2011 mit schwarz gefärbtem Gesicht und dem Slogan „Ick bin ein Obama“ ablichten ließ und so vorwiegend in den USA Erinnerungen an Blackface-Vorstellungen hervorrief.[12]

Nach der Voraufführung des Stücks Ich bin nicht Rappaport am 5. Januar 2012 in Dieter Hallervordens Berliner Schlossparktheater, in dem der schwarz geschminkte weiße Schauspieler Joachim Bliese die Figur des Afroamerikaners Midge Carter darstellte, sah sich das Theater Protesten ausgesetzt. Hauptsächlicher Grund war neben der Verwendung der Maske selbst, dass das Theater den Einsatz des weißen Darstellers in einem Brief an Kritiker damit rechtfertigte, dass der übliche Spielplan der deutschsprachigen Bühnen eine Festanstellung eines schwarzen Darstellers kaum gestatte.[13] Nach Ansicht der Kritiker, darunter Bühnenwatch, hatte das Schlossparktheater ungewollt eine allgemeine, unausgesprochene Praxis an deutschsprachigen Bühnen eingestanden, der die Auffassung zugrundeliege, dass weiße Darsteller für alle Rollen geeignet seien, sogar für schwarze, schwarze Darsteller aber allenfalls für schwarze Rollen.[14][15][16][17] Daran schloss sich eine Debatte um die grundsätzliche Ächtung von Blackfacing an. In dem Zusammenhang wurde auch über eine Umbenennung des 2014 bei den Wiener Festwochen aufgeführten Theaterstücks Die Neger und die Besetzung klassischer Stücke wie Othello nachgedacht.[18]

Nintendo änderte die Texturen der Gesichter des Pokémons Rossana in Pokémon Rot und Blau für Nordamerika und Europa, und des Horror Kid aus The Legend of Zelda: Majora’s Mask um Missverständnissen bezüglich des Blackfaces vorzubeugen.

Im Dezember 2013 wurde dem ZDF in Twitterkommentaren vorgeworfen, in der Sendung Wetten, dass..? vom 14. Dezember 2013 eine an Blackface erinnernde Stadtwette durchgeführt zu haben. Augsburger Bürger wurden aufgefordert, paarweise als Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer verkleidet auf die Bühne zu kommen.[19] Derartige Vorwürfe wurden in der Presse als „daneben“ bezeichnet. Der „mutige, abenteuerlustige und sympathische Held“ Jim Knopf sei ein Vorbild, mit dem sich schon Generationen von Kindern jeder Hautfarbe identifiziert hätten.[20]

Blackfacing wurde in Deutschland zum Anglizismus des Jahres 2014 gewählt.[21] Anatol Stefanowitsch von der Initiative Anglizismus des Jahres erklärte dazu: „Jedes Mal, wenn ein schwarz geschminkter Weißer irgendwo auftritt, sagt das: Schwarze können das nicht. Schwarze kennen wir nicht. Schwarze gibt es in unserer Mitte nicht. Was Schwarze von dieser Rolle halten würden, wenn es sie in unserer Mitte gäbe, interessiert uns nicht.“[22][23]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Pickering: Blackface Minstrelsy in Britain. Ashgate, Aldershot 2008, ISBN 978-0-7546-5859-7
  • Michael Pickering: ›Fun Without Vulgarity‹? Commodity Racism and the Promotion of Blackface Fantasies. In Wulf D. Hund und Michael Pickering (Hrsg.): Colonial Advertising & Commodity Racism. Lit-Verlag, Zürich 2013, ISBN ISBN 978-3-643-90416-4
  • Thomas Edlinger: Wer fürchtet sich vorm Blackfacing?, in: ders.: Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik, Suhrkamp, Berlin 2015, ISBN 978-3-518-12693-6, S. 117–122
  • Tania Meyer: Gegenstimmbildung. Strategien rassismuskritischer Theaterarbeit, Transcript Verlag, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3520-1, S. 153ff (Blackface und Debatte um das Blackfacing an Berliner Bühnen)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Blackface minstrelsy – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jochen Scheytt: The Minstrel Show. Soziale Aspekte auf jochenscheytt.de, 2000 (deutsch). Zuletzt abgerufen am 11. August 2016.
  2. Tania Meyer, ebd. S. 153, 159
  3. Michael Pickering: Blackface Minstrelsy in Britain. Ashgate, Aldershot 2008, ISBN 978-0-7546-5859-7, S. 12f.
  4. Tania Meyer: Gegenstimmbildung, s. Literatur, ebd. S. 153
  5. Michael Pickering: ›Fun Without Vulgarity‹? Commodity Racism and the Promotion of Blackface Fantasies. In Wulf D. Hund und Michael Pickering (Hrsg.): Colonial Advertising & Commodity Racism. Lit-Verlag, Zürich 2013, ISBN 978-3-643-90416-4, S. 119–144.
  6. John Mullen: The Show Must Go On! Popular Song in Britain During the First World War. Routledge, London 2016, ISBN 978-1-315-55293-4, S. 54.
  7. Tania Meyer: Gegenstimmbildung, s. Literatur, ebd. S. 154
  8. Andrian Kreye: Wörter die im Deutschen fehlen – Blackface. Auf sueddeutsche.de/feuilletonist vom 18. Oktober 2009. Zuletzt abgerufen am 9. Januar 2012.
  9. Andrian Kreye: Film und Fernsehen. Auf sueddeutsche.de/feuilletonist vom 8. November 2009. Zuletzt abgerufen am 9. Januar 2012.
  10. Hannah Pilarczyk: Criticism of New Racism Film – Journalist goes Undercover to Discover Life as a Black Man in Germany. Auf spiegel.de/international/germany vom 21. Oktober 2009 (englisch). Zuletzt abgerufen am 9. Januar 2012.
  11. [1] Spiegel Online, "Einfach nur der Fremde", abgerufen am 2. September 2012
  12. Moises Mendoza: Blackface Obama billboard sparks outrage. Auf thelocal.de vom 15. September 2011. Zuletzt abgerufen am 9. Januar 2011.
  13. [2] Wortlaut siehe hier: beatsandpicturesandlifeandstuff.tumblr.com, abgerufen am 23. Juli 2012
  14. [3] Taz Online: "Ein rassistisches Ausgrenzungstool", abgerufen am 23. Juli 2012
  15. [4] Gazelle Online, abgerufen am 25. Juli 2012
  16. [5] Migazin: "Alles nur Theater?", abgerufen am 25. Juli 2012
  17. [6] Milagro: Die Bequemlichkeit der Definitionshoheit, Nachtkritik, abgerufen am 2. August 2012
  18. Thomas Edlinger, s. Literatur, S. 116
  19. [7] Der Westen: "Rassistische Stadtwette? - Shitstorm gegen Wetten, dass..?", abgerufen am 15. Dezember 2013
  20. [8] Augsburger Allgemeine: Warum die Rassismus-Vorwuerfe wegen Jim Knopf daneben sind
  21. http://www.berliner-zeitung.de/panorama/gesicht-schwarz-anmalen--blackfacing--zum--anglizismus-des-jahres--gekuert,10808334,29674180.html
  22. taz.de
  23. sueddeutsche.de 27. Januar 2015: Was Blackfacing mit Pegida zu tun hat