Cell Broadcast

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Cell Broadcast, auch SMS-CB genannt, ist ein seit 1999[1] von asiatischen, amerikanischen und europäischen Netzbetreibern eingesetzter Mobilfunkdienst zum Versenden von Nachrichten ähnlich SMS-MO an alle Empfänger innerhalb einer Funkzelle. Anders als SMS-MO-Nachrichten, die nur an einen Empfänger gerichtet sind, wird eine Cell-Broadcast-Nachricht von der Basisstation an alle Mobiltelefone geschickt, die sich in dieser Funkzelle befinden und den Dienst aktiviert haben. Er ist durch das 3rd Generation Partnership Project (3GPP) standardisiert und ein Teil der 2G-, 3G-, 4G- und 5G-Standards.[2] Durch seine Verankerung in den Standards, wenig externe Abhängigkeiten und den technisch einfachen Aufbau ist der Dienst relativ robust.[3]

Die Nachrichten bestehen aus alphanumerischen Zeichen, einschließlich nicht lateinischer Alphabete. Somit können Weblinks angegeben werden, aber das Mitschicken von Grafiken ist nicht möglich. Mehrsprachlichkeit ist zwar möglich, aber durch die Nachrichtenlänge von 1395 Zeichen begrenzt. Eine Cell-Broadcast-Nachricht ist ein unbestätigter Push-Dienst, daher werden keine Mobiltelefonnummern benötigt.[4] Dementsprechend weiß der Absender der Nachrichten nicht, wer sie empfangen hat. Die letzte Generation von Cell-Broadcast-Systemen ist in der Lage, eine Nachricht an hunderttausende Zellen zu senden und somit eine große Zahl von Mobilfunkteilnehmern zu erreichen.[5][3]

Technische Umsetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwickelt wird Cell Broadcast vom GSM-Komitee der ETSI und 3GPP und ist Bestandteil der 2G-, 3G-, 4G- und 5G-Mobilfunkstandards (Spezifikation 3GPP TS 23.041).

Ein Cell Broadcast Center (CBC) ist verbunden mit einem:

  • BSC in GSM-Netzen (beschrieben im 3GPP-Standard TS 48.049)
  • RNC in UMTS-Netzen (beschrieben im 3GPP-Standard TS 25.419)
  • MME in LTE-Netzen (beschrieben im 3GPP-Standard TS 29.168)
  • AMF in 5G-Netzen (beschrieben im 3GPP-Standard TS 29.518)

Durch die verwendete Kodierung entsprechen die Übertragungen maximal 82 Byte oder 93 Zeichen, durch Aneinanderhängen von 15 Nachrichten erreicht man 1395 Zeichen. Zeichen können mit der UCS-2-Codierung (ähnlich UTF-16) dargestellt werden. Cell Broadcast ist von der Netzverkehrsbelastung nicht betroffen, da die Kommunikation unidirektional ist. Dies ist besonders während Katastrophen von Vorteil, wenn Lastspitzen dazu führen, dass das Mobilfunknetz signifikant verlangsamt wird und Daten (Social Media, Warn-Apps), SMS-MO und Sprachanrufe (Massenanrufereignisse) nicht wie gewohnt funktionieren.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

EU-Alert/NL-Alert Cell Broadcast in der Gegend von Venlo (Niederlande) am 7. August 2018 wegen eines Großbrands[6]

Beispiele für Warnsysteme, die Cell Broadcast als primären mobilen Alarmkanal nutzen:

Nutzungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland ist die Funktion nicht bei allen Betreibern aktiviert, aber praktisch alle Handys und Smartphones unterstützen Cell Broadcast.[12][13] Zeitweise gab es Kanäle mit verschiedenen Themen wie Nachrichten (ProSieben, Handelsblatt), Online-Angeboten (snap123 auf Kanal 123 im D2-Netz) und Wettervorhersagen. Da diese sich mehr und mehr zurückziehen, stehen bei vielen Anbietern nur noch Basisthemen zur Verfügung (Standortbestimmung, Tarifinformation). Da CB für den Benutzer kostenlos ist, wurden diese Dienste meist durch Sponsoren finanziert.

Allgemein ist Kanal 50 in vielen Ländern bei verschiedensten Mobilfunkanbietern für die Ortsangabe in Gebrauch. So wurden die lokalen Ortsnetzvorwahlen, die für bestimmte Tarife relevant sind, bei Vodafone auf den CB-Kanälen 50 und 100 übertragen; am 1. April 2009 wurden diese Informationen eingestellt.[14] Vodafone in Deutschland bot den sogenannten Vodafone-Ticker an; hierfür waren mit einem speziellen Client ausgestattete Mobiltelefone notwendig; dies wurde als „erweitertes Cell Broadcast“ bezeichnet. Der Dienst vodafone-Ticker wurde zum 31. Dezember 2006 eingestellt und am 1. Januar 2008 wiederaufgenommen. Auf Kanal 837 übermittelt Vodafone in unregelmäßigen Abständen Datum und Uhrzeit, auf zehn Minuten genau, und auf Kanal 833 die Netzelementbezeichnung (Stand: Juni 2008). O₂ sendet auf Kanal 221 die Position der Basisstation in Gauß-Krüger-Koordinaten. Dadurch kennen die Mobiltelefone den Standort der Basisstation und können home und ein Häuschen anzeigen, wenn sich das Telefon in der Homezone – d. h. in der als Homezone definierten Basisstation – befindet, bzw. city, wenn es sich in der Cityzone befindet. Die ersten sechs Stellen ergeben dabei, um Null ergänzt, den Rechtswert, die letzten sechs Stellen mit angehängter Null den Hochwert. Telekom Deutschland hat die Aussendung von Cell-Broadcast-Nachrichten nach einem Testbetrieb wieder eingestellt. E-Plus hat diesen Dienst nie eingeführt. In der Schweiz sendet die Swisscom auf Kanal 50 den Namen der Region oder der Stadt, in der man sich befindet. Größere Städte werden dabei meist in mehrere geografische Gebiete unterteilt (z. B. Zürich Airport, Zürich Nord-West, Zürich West usw.).[15]

Nach dem Hochwasser in West- und Mitteleuropa 2021 kamen Forderungen auf, den Dienst auch in Deutschland zur Warnung der Bevölkerung in Katastrophenfällen einzusetzen.[16] Die Bundesregierung hat die Einführung im August 2021 beschlossen.[17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martin Stößlein: Anspruchsgruppenkommunikation: Wertorientierte Gestaltungsmöglichkeiten mit wissensbasierten Stakeholder-Informations-Systemen. Springer, 2007, ISBN 978-3-8350-9289-1, S. 49 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Michael Decker: Modellierung ortsabhängiger Zugriffskontrolle für mobile Geschäftsprozesse. KIT Scientific Publishing, 2011, ISBN 978-3-86644-732-5, S. 64 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Mahmoud Al-Dalahmeh, u. a.: The Viability of Mobile Services (SMS and Cell Broadcast) in Emergency Management Solutions: An Exploratory Study. In: International Journal of Interactive Mobile Technologies (iJIM). Vol. 12, Nr. 1, Januar 2018, ISSN 1865-7923, S. 95–115, doi:10.3991/ijim.v12i1.7677 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Cell Broadcast – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. DaFu – Datenfunk in Deutschland (Cellbroadcast). Abgerufen am 10. September 2020.
  2. 3GPP Organizational Partners (ARIB, ATIS, CCSA, ETSI, TSDSI, TTA, TTC): Technical realization of Cell Broadcast Service (CBS). September 2020, abgerufen am 17. Oktober 2020 (englisch).
  3. a b Beleving NL-Alert bij burgers. 2. Juli 2020, abgerufen am 20. Oktober 2020 (niederländisch).
  4. Marion Choppin: GeoSafe. Intersec, abgerufen am 17. Oktober 2020 (britisches Englisch).
  5. Mobile Network Public Warning Systems and the Rise of Cell-Broadcast. (PDF) GSMA, Januar 2013, abgerufen am 16. Oktober 2020 (englisch).
  6. Brand und Explosion in Venlo. In: RP online. Abgerufen am 7. August 2018.
  7. Lithuania Public Warning and Information System.
  8. UK EU-Alert-System aktiv 2021.
  9. Italien EU-Alert-System aktiv 2020.
  10. Taiwan Public Warning Cell Broadcast Service.
  11. Peruanisches öffentliches Warnsystem SISMATE.
  12. CellBroadcast. In: Android wiki. Android/Google, abgerufen am 17. Oktober 2020.
  13. About emergency and government alerts on iPhone and Apple Watch. Apple Inc., 14. August 2019, abgerufen am 17. Oktober 2020 (englisch).
  14. Vodafone schaltet Cellbroadcast-Dienst ab, teltarif.de, 27. März 2009.
  15. Unvollständige Liste von Cell Broadcast Standortmeldungen der Swisscom auf Kanal 50. Abgerufen am 22. Juli 2021.
  16. Sascha Lobo: Die bürokratische Verhöhnung des 21. Jahrhunderts. In: spiegel.de, 21. Juli 2021.
  17. heise online: Cell Broadcast: Bundesregierung bringt TKG-Änderung auf den Weg. Abgerufen am 18. August 2021.