Christian Michelides

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Christian Michelides, 2006

Christian Michelides (geboren am 19. Juli 1957 in Graz) ist ein österreichischer Fotograf und Ausstellungsmacher, Autor und Psychotherapeut. Seit 2000 leitet er das Lighthouse Wien.

Leben und Wirken

1973 begann Christian Michelides beim Feuilleton der Südost Tagespost zu arbeiten. 1975 war er als Regieassistent für Stücke von Eugène Ionesco und Thomas Bernhard am Wiener Burgtheater engagiert. Nach der Externistenreifeprüfung 1978 studierte er in Mailand Regie, in New York Anthropologie und in Wien Kunstgeschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft. Parallel dazu publizierte er im Feuilleton österreichischer und italienischer Medien. In den 1980er Jahren arbeitete er in der neu gegründeten Zeitschrift WIENER, in der Werbeagentur GGK Wien und im Marketing der Uhrenmarke Swatch in Biel.

1982 gründete er mit dem Fotografen Jorit Aust (geb. 1963) in der Wiener Stiftgasse die Fotogalerie Molotov.[1] Zwischen 1983 und 1985 organisierte er mehr als 20 Ausstellungen, stellte österreichische Fotografen aus und holte Arbeiten internationaler Fotografen nach Wien, darunter John Dugdale, Marcus Leatherdale, Robert Mapplethorpe, den Schweizer Fotokünstler Christian Vogt, den New Yorker Fotografen Todd Watts und Joel-Peter Witkin.[2] Unter anderem organisierte er 1983 für die Galerie in der GGK in der Villa Vojcsik die Ausstellung Wiener Blut '83: eine Gesellschaftskomödie mit Paten und Kindern.[3][4] Im gleichen Jahr veranstaltete er mit Fotografie '83 die erste Fotografie-Kunstmesse Österreichs in der Wiener Stadthalle und gab dazu einen Katalog heraus.[5] Mit der Ausstellung Männerakte präsentierte er 1984 Fotografien von Herlinde Koelbl im Künstlerhaus Wien.[6]

In den frühen 1990er Jahren schrieb er für die Zeitschriften FORVM, Falter, profil und weitere Medien. Michelides brachte die Bauernbund-Mitgliedschaft von Thomas Bernhard an die Öffentlichkeit,[7] deckte die heimliche Einstellung des Grillparzer-Preises durch die Akademie der Wissenschaften[8] und die nationalsozialistische Vergangenheit der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger[9] auf, konfrontierte Rudolf Augstein mit der Veröffentlichung einer seiner Kurzgeschichten im Völkischen Beobachter,[10][11][12] recherchierte und dokumentierte die großdeutschen Ambitionen der Kulturpreise vergebenden Stiftung F.V.S. und die Nähe ihres Stifters Alfred Toepfer zum NS-Regime und zu Joseph Goebbels.[13]

Michelides war von 1995 bis 1997 Vorsitzender des Österreichischen Lesben- und Schwulenforums (ÖLSF) und gehörte als dessen Vertreter zu den Initiatoren und Mitwirkenden des symbolischen Internationalen Menschenrechts-Tribunals im Republikanischen Club in Wien. 1996 wirkte er maßgeblich an der Organisation der ersten Regenbogenparade in Wien mit.[14] Im Jahr 1998 begann er seine soziale Arbeit für obdachlose und HIV-positive Menschen.[15] Er gründete Häfn Human (Menschlicher Knast), eine Organisation, die aids- und suchtkranke Häftlinge der Justizanstalt Stein betreut.[16] 2000 gründete er das Wohnprojekt Lighthouse Wien mit, als dessen Leiter er fungiert.[17]

Von 1999 bis 2002 absolvierte er die Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater an der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin. Seit 2009 leitet er eine psychoanalytische Männergruppe. 2010 wurde er als Gruppenanalytiker vom Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (ÖAGG) graduiert und arbeitet seither als Psychotherapeut (OPD-2-zertifiziert) in freier Praxis in Wien. Er engagiert sich berufspolitisch und vertritt den ÖAGG im Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie.[18][19]

Publikationen (Auswahl)

  • (Hrsg.) Wiener Blut '83. Eine Gesellschaftskomödie mit Paten und Kindern. Eine Aufstellung und Hängung von Werken durch Christian Michelides in der Galerie in der GGK Wien, Villa Vojcsik. 24. März bis 16. Juni 1983, Michelides, Wien 1983, ISBN 978-3-9503703-0-0
  • (Hrsg.) Marcus Leatherdale. Mit Texten von Kathy Acker und Christian Michelides. Michelides, Wien 1983.
  • (Hrsg.) Fotografie '83. Zur ersten österreichischen Fotografie-Kunstmesse in der Stadthalle Wien, Michelides, Wien 1983.
  • (Hrsg.) Lothar Rübelt: Das Geheimnis des Moments. 36 ausgew. Photographien u. e. Text von Lothar Rübelt. Ausstellungskatalog, Albertina, Michelides Verlags- u. VeranstaltungsgmbH, Wien 1985.
  • (Hrsg.) Memorandum über die Stiftungen des Alfred C. Toepfer und deren Zusammenarbeit mit der Universität Wien. (=Komitee zur Rettung des Grillparzer-Preises, 20) Wien 1991, 3. Auflage.
  • Die Republik ist schuldig: Homosexualität und Strafrecht in Österreich. Teil 2, Die Verurteilungen seit 1950. In: LAMBDA-Nachrichten, 1 (1996), S. 38ff.

Weblinks

 Commons: Christian Michelides – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. The Photographer's complete guide to exhibition & sales spaces, Photographic Arts Center, 1985, ISBN 9780913069066, S. 26 (Google Books Snipet)
  2. Du (Zeitschrift) 1984, (Google Books Snipet), S. 80
  3. Christian Michelides: Wiener Blut '83: eine Gesellschaftskomödie mit Paten und Kindern. Eine Aufstellung und Hängung von Werken durch Christian Michelides. (Katalog zur Ausstellung), Galerie in der GGK Wien, Villa Vojcsik, von 24. März bis 16. Juni 1983
  4. Anna Auer: Die Wiener Galerie Die Brücke – Ihr internationaler Weg zur Sammlung Fotografis. Klinger, Passau 1999, ISBN 3-932949-03-X, S. 207f. (S. 207/208, das komplette Buch ist als pdf abrufbar)
  5. Christian Michelides (Hrsg.): Fotografie '83. Zur ersten österreichischen Fotografie-Kunstmesse in der Stadthalle. Wien 1983.
  6. In: Magazin Wochenpresse, Band 39/1984, S. 54
  7. Christian Michelides und Marcus Oswald (Hrsg.): Thomas Bernhard und die ÖVP. Dokumentation einer Debatte im Falter Oktober und November 1990. / Komitee zur Rettung des Grillparzer-Preises. Wien 1990.
  8. Sylvia Vogler, Christian Michelides (Hrsg.): Der Skandal um den Grillparzer-Preis. Pressedokumentation, Wien 1990.
  9. Friedrich Denk: Die Zensur der Nachgeborenen. Weilheim i.OB 1996 (3. Aufl.), S. 13–138, 164–188.
  10. Rudolf Augstein: „In eigener Sache“. Der Spiegel 52 (21. Dezember 1992), 75-76
  11. Neil H. Donahue und Doris Kirchner (Hrsg.): Flight of Fantasy: New perspectives of inner emigration in German literature, 1933-1945. Berghahn Books, Oxford 2003, 108.
  12. Christian Michelides: Der Spiegel bricht. FORVM 468, 10-13.
  13. Michael Pinto-​Duschinsky: Der Kampf um Geschichte. Der Fall Alfred C. Toepfer und der Nationalsozialismus. In: Michael Fahlbusch, Ingo Haar (Hrsg.): Völkische Wissenschaften und Politikberatung im 20. Jahrhundert. Paderborn 2010.
  14. Andreas Brunner: Regenbogen-Parade. Wie alles begann. (PDF, 5,23 MB) In: Lamdanachrichten. Heft 3/2005, S. 6 f. Abgerufen am 15. September 2011.
  15. Alexa Lutteri: HIV: Wie leben. Österreicher mit dem Virus? News.at, 28. April 2018 (abgerufen am 5. August 2018)
  16. Florian Klenk: Drei Leichen im Keller. In: Falter. Nr. 24, 13. Juni 2001. (Memento vom 16. August 2011 im Internet Archive)Falter. Nr. 24, 13. Juni 2001. (Memento vom 16. August 2011 im Internet Archive)
  17. Werner Grotte: Besuch im "Lighthouse", Wiens einziger Wohngemeinschaft obdachloser Drogensüchtiger mit Aids-Infektion. Licht in Wiens "Schwarzes Loch", Wiener Zeitung, 13 Februar 2009 (abgerufen am 2. August 2018)
  18. Christian Michelides: Psychotherapie, die Hilfe, die die Kasse nicht zahlen will. Der Standard, 1. Juli 2012.
  19. ÖAGG, Delegation im ÖBVP.