Der menschliche Makel (Roman)

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Der menschliche Makel (englisch: The Human Stain) ist ein Roman des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth, der im Jahr 2000 beim Verlag Houghton Mifflin erschien. Er bildet den Abschluss der „amerikanischen Trilogie“, die 1997 mit Amerikanisches Idyll (American Pastoral) eröffnet wurde und 1998 mit Mein Mann, der Kommunist (I Married a Communist) ihre Fortsetzung fand. Die deutsche Übersetzung von Dirk van Gunsteren publizierte im Jahr 2002 der Carl Hanser Verlag. 2003 entstand die gleichnamige Verfilmung von Robert Benton.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1998 ist Nathan Zuckerman 65 Jahre alt. Fünf Jahre zuvor zog sich der Schriftsteller von Manhattan in die Berkshire Mountains im Westen von Massachusetts zurück, wo er, nach einer Prostataoperation inkontinent und impotent geworden, weitgehend isoliert lebt. Vor zwei Jahren machte er die Bekanntschaft des inzwischen 71-jährigen Coleman Silk, eines Professors für klassische Literatur am nahegelegenen Athena College. Als der allgemein geschätzte jüdische Altphilologe und frühere Dekan seine akademische Laufbahn mit Lehrveranstaltungen ausklingen lassen wollte, unterlief ihm eine folgenschwere Äußerung, in der er zwei regelmäßig nicht anwesende Teilnehmerinnen am Seminar ironisch als „dunkle Gestalten, die das Seminarlicht scheuen“ bezeichnete. Die Silk unbekannten Studentinnen waren Schwarze, und seine Wortwahl wurde ihm als Rassismus ausgelegt. Die folgenden Anhörungen und inneruniversitären Machtkämpfe führten zur entnervten Aufgabe seiner Professur und, wie er glaubt in einem kausalen Zusammenhang stehend, zum Tod seiner Frau Iris durch einen Schlaganfall. Am Tag darauf bat der wutentbrannte Silk Zuckerman um die Niederschrift der Ereignisse. Obwohl der Schriftsteller den Auftrag nicht annahm, freundeten sich die beiden Männer an.

Zwei Jahre später, im Jahr, als die Lewinsky-Affäre ganz Amerika in ihren Bann schlägt, hat Silk das Manuskript selbst vollendet, doch ist er an einer Veröffentlichung nicht mehr interessiert. Inzwischen hat ihn eine ganz andere Leidenschaft ergriffen: die Affäre mit der 34-jährigen Faunia Farley, einer Putzfrau an seinem College. Die junge Frau floh mit 14 Jahren vor dem sexuellen Missbrauch durch ihren Stiefvater, mit 23 heiratete sie den Vietnamkriegsveteranen Lester Farley, der unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung leidet, seine Ehefrau schlug und sie auch nach der Scheidung weiter verfolgt. Farley macht seine geschiedene Frau für den Tod ihrer beiden Kinder verantwortlich, die starben, nachdem eine Heizsonne das Haus in Brand gesteckt hatte.

Die Affäre des emeritierten Professors mit seiner nicht einmal halb so alten Geliebten bleibt nicht geheim. Erst protestiert die Literaturprofessorin Delphine Roux, Silks junge Gegenspielerin am College, in einem anonymen Brief gegen die Beziehung, in der der alte Mann statt Studentinnen nun eine ihm ausgelieferte Analphabetin unterdrücke. Dann kommt es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit dem Psychopathen Farley, die Silk um sein Leben fürchten und seinen Anwalt Nelson Primus den Abbruch der Beziehung anraten lässt. Schließlich wenden sich auch Silks vier Kinder von ihrem Vater ab, als Gerüchte aufkommen, Faunia habe nach einem von Silk erzwungenen Schwangerschaftsabbruch einen Suizidversuch unternommen.

Am Vorabend von Silks 72. Geburtstag kommt es zum definitiven Zusammenstoß mit Lester Farley, der nach dem Besuch einer Nachbildung des Vietnam Veterans Memorial vollständig die Kontrolle über sich verloren hat und mit seinem Pickup Silks Wagen attackiert und von der Straße drängt. Weder Silk noch seine Beifahrerin Faunia überleben den Sturz in einen Fluss. In der Stadt verbreitet sich das Gerücht, der Unfall sei durch einen Oralverkehr während der Fahrt ausgelöst worden, während die Polizei schlicht von überhöhter Geschwindigkeit ausgeht. Nur Zuckerman ahnt, dass ein Dritter am Geschehen beteiligt gewesen sein muss, doch seine Forderung nach Aufklärung stößt bei Silks Kindern auf taube Ohren. Diese wollen ihren Vater postum rehabilitieren, indem sie seine unstandesgemäße letzte Liebe totschweigen.

Erst nach ihrem Tod deckt Zuckerman in beider Leben lang gehütete Geheimnisse auf. Faunia Farley führte Tagebuch und gab sich nur ihrer sozialen Stellung wegen als Analphabetin aus. Coleman Silk hingegen wurde als besonders hellhäutiger Schwarzer geboren, der die Identität eines weißen Juden annahm, nachdem er sich bei der Navy als Weißer eingeschrieben hatte. Seiner ersten Freundin Steena Palsson offenbarte er noch seine wahre Herkunft, was diese überforderte und zur Trennung führte. Bei seiner Ehefrau Iris wagte er die Offenheit nicht mehr, und nachdem er sie die gesamte Ehe hindurch getäuscht hatte, glaubte er am Ende gar, sie nur wegen ihres Lockenhaars und der Tarnung, die dieses für das Aussehen der gemeinsamen Kinder bot, geheiratet zu haben. Um seine Version des amerikanischen Traums, der Freiheit und Unabhängigkeit von seiner Herkunft, zu verwirklichen, ging Silk soweit, seine Mutter tief zu kränken und die eigene Familie zu verleugnen, zu der er mit Ausnahme seiner Schwester keinerlei Kontakt mehr hatte.

Auf Silks Beerdigung lernt Zuckerman dessen Schwester Ernestine kennen, von der er die Lebensgeschichte des Toten erfährt, die er am Ende doch zu einem Buch verarbeitet. Er folgt ihrer Einladung nach East Orange in New Jersey, wo Silk in unmittelbarer Nachbarschaft seiner eigenen Heimatstadt Newark aufwuchs. Auf der Fahrt erkennt er ausgerechnet Lester Farleys Pickup am Straßenrand. Zuckerman steigt aus und findet den Vietnamveteranen auf einem zugefrorenen See beim Eisfischen. Im Gespräch beider wird klar, dass Zuckerman weiß, dass Farley Silk umgebracht hat, und dass Farley dieses weiß, aber auch Namen und Wohnort seines Gegenübers kennt, wie er mit gezücktem Eisbohrer zu verstehen gibt. Hastig zieht sich der Schriftsteller von Silks Mörder zurück. Ihm bleibt die Gewissheit, dass er nicht mehr in der Gegend wird leben können, sobald sein Buch erschienen sein wird.

Titel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der titelgebende „menschliche Makel“ wird im Roman als jene Prägung beschrieben, die ein wildes Tier durch den Umgang mit Menschen davonträgt: „Die Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck. Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen – der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden.“[1] In diesem Sinne hat für Ulrich Greiner jede im Roman vorkommende Figur ihren Makel, den sie verborgen hält. So verleugnen sowohl Silk als auch seine Geliebte Faunia ihre Herkunft. Der „Makel“ stehe für das „Unreine, Verfehlte des Menschen. Nie kann er im Reinen mit sich selbst sein. Es bleibt immer ein untilgbarer Fleck.“[2] Paul Konrad Kurz bringt mit dem „Makel der Erbsünde“ eine theologische Deutung ins Spiel.[3]

Der englische Begriff „stain“ hat jedoch auch ganz direkte Bezüge, etwa zur Hautpigmentierung und damit zu Silks verborgenem Geheimnis, aber auch zum „all-too-human stain“, dem allzumenschlichen präsidialen Spermafleck auf dem blauen Kleid Monica Lewinskys. Jeremy Green betrachtet den „stain“ ganz allgemein als ein Zeichen von Geheimnis und Scham, aber auch als ein Merkmal dessen, was den Menschen jenseits aller gesellschaftlichen Normen ausmache: seine Triebe, seine Sexualität, seine fleischlichen Gelüste. In diesem Sinne sei der „stain“ auch ein unveränderbares Zeichen des Widerstands des Menschen gegen alle sozialen Umerziehungsversuche, die sich etwa in einer Sprache der „gemeinsamen Verantwortung“ ausdrückten.[4]

Übersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der deutsche Übersetzer Dirk van Gunsteren wies im Vorwort des Romans darauf hin, dass das Wortspiel um Coleman Silks vermeintlich rassistische Bemerkung nicht übersetzbar war. Im englischen Original verwendete Roth den Begriff „Spooks“, der sich als „Gespenster“ übersetzen lässt, aber bis in die 1950er Jahre auch eine abfällige Bezeichnung für Schwarze war. Um die Zweideutigkeit des originalen Ausdrucks ins Deutsche zu retten, wich van Gunsteren auf die Phrase „dunkle Gestalten“ aus.[5] Für seine Übersetzung angelsächsischer Literatur, insbesondere die Übertragung von Der menschliche Makel erhielt van Gunsteren 2007 den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis.[6]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Rezensionen von Der menschliche Makel sahen eine Inspiration für die Figur Coleman Silk im Leben des 1990 verstorbenen amerikanischen Literaturkritikers und Herausgebers der New York Times Anatole Broyard, der sich als Sohn von Kreolen ein Leben lang als Weißer ausgegeben hatte. Dazu gehörten Charles Taylor auf Salon.com[7] sowie Michiko Kakutani[8] und Lorrie Moore in der New York Times.[9] Auch in späteren Publikationen wurde diese These immer wieder verbreitet.[10] Philip Roth widersprach 2008 in einem Interview und erklärte, dass er erst Monate, nachdem er mit dem Roman Der menschliche Makel begonnen habe, durch einen Artikel von Broyards Passing erfahren habe.[11]

Nachdem sich die Aussage auch im englischen Wikipedia-Artikel zum Roman[12] wiederfand, veröffentlichte Roth im September 2012 einen Brief im New Yorker, in dem er klarstellte, dass es keine Verbindung seiner Romanfigur Coleman Silk zu Anatole Broyard gebe. Der Auslöser für den Roman sei ein Erlebnis seines Freundes Melvin Tumin[13] gewesen, eines Soziologieprofessors in Princeton, der in seiner Soziologie-Klasse im Herbst 1985 denselben Ausspruch getätigt habe, den er im Roman Coleman Silk in den Mund legte. Ungeachtet einer langen akademischen Karriere, in der er sich gerade auch als Spezialist zu Rassenfragen einen Namen gemacht hatte,[14] sah sich Tumin wie Silk einer Hexenjagd ausgesetzt und musste sich mit mehreren Erklärungen gegen den Vorwurf der „Hate Speech“ verteidigen.[15]

Adaptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2003 entstand der Film Der menschliche Makel unter der Regie von Robert Benton. Die Hauptrollen spielten Anthony Hopkins (Coleman Silk), Nicole Kidman (Faunia Farley), Ed Harris (Lester Farley) und Gary Sinise (Nathan Zuckerman).[16] Im selben Jahr produzierte der SWR ein Hörspiel in der Bearbeitung von Valerie Stiegele. Unter der Regie von Norbert Schaeffer sprachen unter anderem Jürgen Hentsch (Nathan Zuckerman), Michael Mendl (Coleman Silk), Sophie Rois (Faunia Farley) und Peter Dirschauer (Lester Farley).[17] Das Hörspiel wurde von Der Hörverlag auf CD veröffentlicht.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der menschliche Makel gewann im Jahr 2001 den PEN/Faulkner Award for Fiction (USA) und den WH Smith Literary Award (Großbritannien) sowie 2002 den Prix Médicis étranger (Frankreich). In Deutschland hielt sich der Roman drei Monate lang auf der SWR-Bestenliste und erreichte im März 2002 den ersten Rang.[18]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Philip Roth: Der menschliche Makel. Rowohlt, Reinbek 2003, S. 271–272.
  2. Ulrich Greiner: Die Tyrannei des Wir. In: Die Zeit. 14. Februar 2002.
  3. Paul Konrad Kurz: Der menschliche Makel. In: Stimmen der Zeit. Heft 7, 2004, S. 497.
  4. Jeremy Green: Late Postmodernism. American Fiction at the Millennium. Palgrave, New York 2005, ISBN 1-4039-6632-X, S. 74.
  5. Philip Roth: Der menschliche Makel. Rowohlt, Reinbek 2003, S. 4.
  6. Dirk van Gunsteren erhält Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis. Auf: boersenblatt.net, 28. August 2007.
  7. Charles Taylor: Life and life only. Auf: Salon.com, 24. April 2000.
  8. Michiko Kakutani: Confronting the Failures Of a Professor Who Passes. In: The New York Times. 2. Mai 2000.
  9. Lorrie Moore: The Wrath of Athena. In: The New York Times. 7. Mai 2000.
  10. Vgl. etwa: Mark Shechner: Roth’s American Trilogy. In: Timothy Parrish (Hrsg.): The Cambridge Companion to Philip Roth. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-68293-0, S. 153–155.
  11. Robert Hilferty: Philip Roth Serves Up Blood and Guts in ‚Indignation‘ (Update1). Bei Bloomberg. 16. September 2008.
  12. Vgl. The Human Stain in der englischsprachigen Wikipedia
  13. Vgl. Melvin Tumin in der englischsprachigen Wikipedia
  14. Wolfgang Saxon: Melvin M. Tumin, 75, Specialist in Race Relations. In: The New York Times vom 5. März 1994.
  15. Philip Roth: An Open Letter to Wikipedia. In: The New Yorker. 7. September 2012.
  16. Der menschliche Makel in der Internet Movie Database (englisch)
  17. Der menschliche Makel. in der Hörspieldatenbank HörDat.
  18. Die Bestenliste von 2002 beim SWR (pdf; 120 kB).