Einfache Sprache

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Einfache Sprache ist eine sprachlich vereinfachte Version der Standardsprache oder Fachsprache. Der Sprachstil ist einfacher, klarer und verständlicher. Insbesondere im Zusammenhang mit Bürgerbeteiligung und der öffentlichen Kommunikation von Behörden und öffentlichen Einrichtungen ist die Bezeichnung Bürgernahe Sprache verbreitet.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Menschen mit geringer Lesefähigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben rund 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten in Deutschland – unter anderem Menschen mit einer schweren Lese- und Rechtschreibschwäche, Menschen mit einer geistigen Behinderung und Menschen, die Deutsch als Fremdsprache sprechen – gibt es in der Bundesrepublik Deutschland rund 13 Millionen Menschen mit schwacher Lesekompetenz in zahlreichen Abstufungen.

Wie in der Grundbildungsstudie LEO 2010[1] näher ausgeführt, ist die Lesekompetenz von rund 25 % der Bevölkerung in Deutschland für einen literarisch anspruchsvollen Text nicht ausreichend, ohne dass diese zum Personenkreis des funktionalen Analphabetismus gehörten. Nach den Ergebnissen der PISA-Studien 2010 für Deutschland haben 18,5 % der 15-Jährigen keine ausreichenden Lesefähigkeiten und nur 7,6 % der Schülerinnen und Schüler können sehr gut lesen. Bei den Erwachsenen kommt die Level One Studie von 2011 zu dem Ergebnis: „Fehlerhaftes Schreiben trotz gebräuchlichen Wortschatzes zeigt sich bei […] fünfundzwanzig Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung, dies betrifft vor allem die Rechtschreibung (Lage auf Alpha-Level 4, 18–64 Jahre). Das entspricht über 13 Millionen Menschen in Deutschland.“[2]

Diese Personenkreise sind die Zielgruppen für Einfache und Bürgernahe Sprache. Einige dieser Personen sind während der Schulbildung nicht über ein niedriges Leseniveau hinausgekommen. Andere müssen das Lesen nach schwerer Krankheit wieder ganz neu erlernen.

Gesellschaftliche Bedeutung von Einfacher und Bürgernaher Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geringe Lesefähigkeit erschwert oder versperrt den Zutritt zu vielen Lebensbereichen – Erwerbsarbeit, Mediennutzung, öffentliches Leben, soziale Dienstleistungen sowie der demokratischen Mitgestaltung des Gemeinwesens. Einfache Sprache soll diesen Personen einen Einstieg in die Schriftsprache erleichtern und ist damit eine wesentliche Grundlage für die Herstellung von Niedrigschwelligkeit und der tatsächlichen Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe eines wesentlichen Teils der Gesellschaft.

Texte in Einfacher Sprache ermöglichen einem größeren Teil der Bevölkerung Zugang zu Informationen oder Literatur. Wobei es nicht ausschließlich darum geht, Texte für bildungsferne Gruppen zu verfassen, sondern ganz allgemein schwierige Texte für möglichst breite Bevölkerungsgruppen zugänglich zu machen. Als Bürgernahe Sprache in der Kommunikation zwischen öffentlichen Stellen und der Bevölkerung ist sie eine wichtige Voraussetzung, um demokratische Teilhabe über die gebildeten Schichten hinaus zu ermöglichen.

Unterschiede zur Leichten Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leichte Sprache wurde in den 1970er Jahren in den USA für und mit Menschen mit geistiger Behinderung entwickelt und ist ein wichtiger Bestandteil von Barrierefreiheit und Inklusion. Etwa 20 Jahre später kam das Konzept auch nach Deutschland.[3] Leichte Sprache hat feste Regeln, die für Deutschland vom Netzwerk Leichte Sprache besprochen und festgelegt werden. Texte in Leichter Sprache sind optisch gut zu erkennen, denn sie unterscheiden sich von der Alltagssprache: Die Sätze sind sehr kurz, es gibt Zeilenumbrüche nach jedem Satz, der Genitiv wird nicht genutzt, zusammengesetzte Wörter werden mit Trennstrichen geschrieben, viele Bilder und Fotos werden zur Veranschaulichung des Textes verwendet.

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Texte in Einfacher oder Bürgernaher Sprache haben kürzere Sätze und einfachere Satzstrukturen als die Standardsprache. Fremdwörter, schwer verständliche Stilfiguren, wie etwa Redewendungen oder Metaphern, werden dabei ebenso vermieden wie bildhafte Wendungen sowie Anspielungen. Boulevardmedien haben meist das Niveau von Einfacher Sprache. Vergleicht man Einfache Sprache mit dem Erwerb einer Fremdsprache, so ist sie im gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen etwa auf dem Niveau A2-B1.

Einfache oder Bürgernahe Sprache besitzt im Gegensatz zur Leichten Sprache kein festes Regelwerk. Dementsprechend werden die beiden Begriffe nicht systematisch verwendet. Ansätze einer Definition finden sich in der Studie Leichte Sprache – Einfache Sprache[4] von Andreas Baumert, der sich zudem für die wissenschaftliche Entwicklung einer sogenannten Standardisierten Einfachen Sprache Deutsch (SESD) einsetzt.

Häufige Empfehlungen für Einfache Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da es kein geschlossenes Regelwerk für Einfache Sprache gibt, können die vorhandenen Leitfäden und Handreichungen zum Thema durchweg nur Empfehlungen aussprechen. Häufig geht dies mit Appellen an die Absender Einfacher oder Bürgernaher Texte einher, die Regeln mit einem empathischen Blick für die Adressaten des Textes sinngemäß anzuwenden.

Nachfolgende Empfehlungen finden sich dabei in vielen Ratgebern wieder:

  • Die Satzstruktur ist einfach und logisch, Gedankensprünge werden vermieden.
  • Die Satzlänge beschränkt sich auf rund zehn bis elf Wörter, bei Verwendung von Nebensätzen auf etwa fünfzehn Wörter.
  • Jeder Satz enthält nur einen Gedanken.
  • Sätze sind im Aktiv geschrieben.
  • Die Wortwahl ähnelt derjenigen der gesprochenen Sprache.
  • Die Wörter sollten allgemein bekannt und möglichst eindeutig sein: „Geld“ statt „Zahlungsmittel“ oder „Kirche“ statt „Gotteshaus“.
  • Fremdwörter, schwierige Begriffe oder lange zusammengesetzte Wörter sollen durch einfache und eindeutige Wörter ersetzt werden. Wenn die Verwendung dieser Wörter notwendig ist, sollten sie kurz erklärt und durch Beispiele verdeutlicht werden.
  • Metaphern, Ironie und Redewendungen werden nicht verwendet.
  • Abstrakte Begriffe werden durch konkrete Ausdrücke ersetzt.
  • Abkürzungen, auch weit verbreitete, werden stets ausgeschrieben.

Beispieltext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgender Auszug aus einem literarischen Text zeigt beispielhaft den Einsatz Einfacher Sprache:

„Immer größer wurde der Tumult. Leute hielten Plakate mit der Aufschrift «Keine Gewalt» in die Höhe. Polizisten prügelten mit Schlagstöcken auf sie ein. Einige versuchten, aus der Menge auszubrechen. Die Polizisten waren sofort hinter ihnen her und rissen sie zu Boden. Menschen schrien. Sirenen heulten. Polizeiwagen fuhren vor. Es herrschte ein entsetzliches Durcheinander. Zwei Polizisten packten mich und wollten mich wegschleifen. In dem Moment sah ich sie. Im feinen roten Abendkleid, die Handtasche über dem Arm. Meine Mutter.“

Eva Dix: Goodbye, Lenin! Text in Einfacher Sprache. Spaß am Lesen Verlag, Münster 2015, S. 25, ISBN 978-3-944668-22-2

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Medienangebote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2016 sendet der Deutschlandfunk einmal pro Woche Nachrichten in einfacher Sprache.[5] Die österreichische Zeitung Kurier bietet auf ihrem Internetangebot ausgewählte Nachrichten und Geschichten in einfacher Sprache, die von der Inklusiven Lehrredaktion verfasst werden.[6] Die Bundeszentrale für politische Bildung gibt das Internetangebot „Politik. Einfach für alle“ heraus, auf der Hefte, Hörbücher und Nachrichten in einfacher Sprache (mit Neigung zur Leichten Sprache) erhältlich sind.[7] Die Hansestadt Herford hat 2019 einen Stadtführer in Einfacher Sprache herausgebracht.[8] Gesundheitsratgeber in Einfacher Sprache finden sich seit September 2019 auf der Website der Apotheken Umschau. Diese Übersetzungen sind doppelt fachlich geprüft, sowohl von der medizinischen Fachredaktion als auch sprachwissenschaftlich von der Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim.[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Verlage publizieren Literatur in Einfacher Sprache. Im Auftrag der Stabsstelle Inklusion der Stadt Frankfurt am Main startete das Literaturhaus Frankfurt 2016 das Projekt „Frankfurt, deine Geschichte – Literatur in einfacher Sprache“. Dabei schrieben die Schriftsteller Alissa Walser, Henning Ahrens, Mirko Bonné, Nora Bossong, Olga Grjasnowa und Kristof Magnusson Texte nach einem Regelwerk.[10] Im Jahr 2020 erschien das Buch zum Projekt mit Texten unter anderem von Judith Hermann, Alissa Walser und Arno Geiger.[11]

Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zusammenhang mit der Einführung des Neuen Steuerungsmodells und der Forderung nach mehr Bürgernähe in den öffentlichen Verwaltungen Deutschlands in den 2000er Jahren, wurden auch Rufe nach einer Bürgernahen Sprache in der Kommunikation zwischen Behörden und Bürgerschaft laut. Das sogenannte „Amtsdeutsch“ wurde dabei als dem Alltag der Menschen entfremdet und Ausdruck eines veralteten Selbstverständnisses kritisiert. In der Folge begannen eine ganze Reihe von Behörden Ratgeber für eine Bürgernahe Sprache zu publizieren, so beispielsweise das Bundesverwaltungsamt[12], das Bayerische Staatsministerium des Inneren[13] oder die Stadt Bochum[14].

Bürgerbeteiligung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Feld der Bürgerbeteiligung gilt die Nutzung von Bürgernaher Sprache ausdrücklich als wesentliche Grundlage für die erfolgreiche und breite Einbeziehung verschiedener Gruppen.[15] So gehöre Bürgernahe Sprache mittlerweile zu den unverzichtbaren Fähigkeiten, die eine öffentliche Verwaltung zur Erfüllung ihrer Aufgaben beherrschen müsse.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftliche Literatur über Einfache/Bürgernahe Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andreas Baumert: Leichte Sprache – Einfache Sprache. Literaturrecherche • Interpretation • Entwicklung. o. O. 2016 (294 S., hs-hannover.de [PDF]).
  • Leichte und Einfache Sprache. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte. 64. Jahrgang, Nr. 9-11, 24. Februar 2014 (40 S., bpb.de).
  • Anke Grotlüschen, Klaus Buddeberg (Hrsg.): LEO 2018. Leben mit geringer Literalität. W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2020, ISBN 978-3-7639-6071-2 (378 S.).
  • Anke Grotlüschen, Wibke Riekmann (Hrsg.): Funktionaler Analphabetismus in Deutschland. Ergebnisse der ersten leo. - Level-One-Studie. Waxmann, New York, München, Berlin 2012, ISBN 978-3-8309-2775-4.

Handreichungen zum Verfassen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andreas Baumert: Einfache Sprache. Verständliche Texte schreiben. 1. Auflage. Spaß am Lesen Verlag, Münster 2018, ISBN 978-3-944668-87-1.
  • Martina Ziegler, Karl-Heinz Eser, Sonja Abend, Peter Piasecki, Mechthild Ziegler (Hrsg.): Einfache Sprache in Bildung und Ausbildung. Herausforderungen, Voraussetzungen, Möglichkeiten. Lernen fördern – Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Lernbehinderung e.V., Stuttgart 2015, ISBN 978-3-943373-06-6 (176 S.).
  • Bundesverwaltungsamt (Hrsg.): Arbeitshandbuch Bürgernahe Verwaltungssprache. 4. Auflage. Köln 2002 (bund.de [PDF]).
  • Bayerisches Staatsministerium des Innern (Hrsg.): Freundlich, korrekt und klar – Bürgernahe Sprache in der Verwaltung. Neuauflage Auflage. München 2008 (uni-wuerzburg.de [PDF]).
  • Stadt Bochum (Hrsg.): Tipps zum einfachen Schreiben. o. O. (moderne-verwaltungssprache.de [PDF]).

Literatur in Einfacher/Bürgernaher Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alissa Walser, Anna Kim, Arno Geiger, Henning Ahrens, Jens Mühling, Judith Hermann, Julia Schoch, Kristof Magnusson, Maruan Paschen, Mirko Bonné, Nora Bossong, Olga Grjasnowa, Ulrike Almut Sandig: LiES. Literatur in einfacher Sprache. Hrsg.: Hauke Hückstädt. Piper, München 2020, ISBN 978-3-492-07032-4 (283 S.).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Einfache Sprache – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary: Bürgernahe Sprache – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anke Grotlüschen, Wibke Riekmann (Hrsg.): Funktionaler Analphabetismus in Deutschland. Ergebnisse der ersten leo. - Level-One-Studie. Waxmann, New York, München, Berlin 2012, ISBN 978-3-8309-2775-4.
  2. Anke Grotlüschen, Klaus Buddeberg (Hrsg.): LEO 2018. Leben mit geringer Literalität. W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2020, ISBN 978-3-7639-6071-2 (378 S.).
  3. Die Geschichte der Leichten Sprache. In: Internetangebot des Netzwerks Leichte Sprache e.V. Netzwerk leichte Sprache e.V., abgerufen am 28. Februar 2021.
  4. Andreas Baumert: Leichte Sprache – Einfache Sprache. Literaturrecherche • Interpretation • Entwicklung. o. O. 2016 (294 S., hs-hannover.de [PDF]).
  5. Deutschlandfunk: nachrichtenleicht. Der Wochenrückblick in einfacher Sprache. Abgerufen am 28. Februar 2021 (deutsch).
  6. Kurier: Kurier.at in einfacher Sprache. Abgerufen am 28. Februar 2021.
  7. Bundeszentrale für politische Bildung: Politik. Einfach für alle. Abgerufen am 28. Februar 2021.
  8. Stadt Herford: Herford entdecken. Stadtführer in Einfacher Sprache. Abgerufen am 28. Februar 2021.
  9. Apothekenumschau: Apotheken-Umschau.de in Einfacher Sprache. Abgerufen am 28. Februar 2021.
  10. Literaturhaus Frankfurt -Termin-Detail-Ansicht. Abgerufen am 3. Mai 2020.
  11. Anja Brockert (SWR2): Hauke Hückstädt (Hg.) - "Lies! Das Buch. Literatur in Einfacher Sprache". Abgerufen am 3. Mai 2020.
  12. Bundesverwaltungsamt (Hrsg.): Arbeitshandbuch Bürgernahe Verwaltungssprache. 4. Auflage. Köln 2002 (bund.de [PDF]).
  13. Bayerisches Staatsministerium des Innern (Hrsg.): Freundlich, korrekt und klar – Bürgernahe Sprache in der Verwaltung. Neuauflage Auflage. München 2008 (uni-wuerzburg.de [PDF]).
  14. Stadt Bochum (Hrsg.): Tipps zum einfachen Schreiben. o. O. (moderne-verwaltungssprache.de [PDF]).
  15. Nils Jonas: Beziehungsweise Bürgerbeteiligung. Gute Beteiligung fußt auf einem gelingenden Miteinander. In: eNewsletter Netzwerk Bürgerbeteiligung. Nr. 03, 2018, S. 5 (8 S., netzwerk-buergerbeteiligung.de [PDF; abgerufen am 28. Februar 2021]).
  16. Anna Renkamp: Vom Besserwissen zum Bessermachen – wie Infrastrukturbeteiligung gelingt. In: Einwurf. Zukunft der Demokratie. Nr. 01, 2015, S. 7 (8 S., bertelsmann-stiftung.de [PDF]).