Flupirtin

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Strukturformel
Struktur von Flupirtin
Allgemeines
Freiname Flupirtin
Andere Namen
  • Ethyl-2-amino-6-[(4-fluorbenzyl)amino]-3-piridincarbamat
  • 2-Amino-6-[(4-fluorbenzyl)amino]pyridin-3-carbamidsäureethylester (IUPAC)
Summenformel C15H17FN4O2
CAS-Nummer
  • 56995-20-1 Flupirtin
  • 75507-68-5 Flupirtin·Maleat
PubChem 53276
ATC-Code

N02BG07

DrugBank DB06623
Arzneistoffangaben
Wirkstoffklasse

Nichtopioid-Analgetikum

Wirkmechanismus

Hemmt die Schmerzweiterleitung durch Stabilisierung des Ruhemembranpotentials[1][2]

Eigenschaften
Molare Masse 304,32 g·mol−1
Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]
keine GHS-Piktogramme
H- und P-Sätze H: keine H-Sätze
P: keine P-Sätze [3]
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Flupirtin ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der zentral wirkenden, nicht-opioiden Analgetika. Flupirtin wirkt sowohl schmerzstillend (analgetisch) als auch muskelentspannend. Es ist zugelassen zur Behandlung von akuten Schmerzen bei Erwachsenen, wenn eine Behandlung mit anderen Analgetika (z. B. nicht-steroidale Antirheumatika, schwache Opioide) kontraindiziert ist.[4]

Pharmakologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flupirtin greift als zentral wirksames Analgetikum an der postsynaptischen Membran an. Es wirkt nicht über eine Beeinflussung der Glutamat-Ausschüttung/Übertragung wie die Opioide, sondern öffnet selektiv einwärtsgerichtete Kaliumkanäle („GIRK“, G-Protein regulated inwardly rectifying K+ channels) an der postsynaptischen Membran.[1] Dadurch stabilisiert sich das Ruhemembranpotential, so dass die Schmerzweiterleitung gehemmt ist. Es bedarf eines größeren Schmerzreizes und dadurch einer erhöhten Glutamat-Ausschüttung, um an der postsynaptischen Membran ein Aktionspotential auszulösen und so den Schmerz weiterzuleiten.[2]

Die muskelentspannende Wirkung beruht auf dem gleichen Prinzip.[5] Allerdings ist nicht sicher, ob nicht noch ein weiterer, bisher unbekannter Mechanismus zur Analgesie existiert.[5]

Die analgetische Potenz von Flupirtin liegt etwa zwischen der von Codein und Morphin.[2]

Anwendungsgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Anwendungsgebiet sind akute Schmerzen bei Erwachsenen, wenn eine Behandlung mit anderen Analgetika (z. B. nicht-steroidale Antirheumatika, schwache Opioide) kontraindiziert ist.[4]

Nebenwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die häufigsten Beschwerden sind Müdigkeit und Schwindel, außerdem können gastrointestinale Beschwerden wie Sodbrennen, Übelkeit oder Durchfall auftreten. Sehr selten kommt es zur arzneimittelinduzierten Hepatitis bis hin zum Leberversagen.[6] Allergische Reaktionen wie Hautausschlag oder Hautjucken (Pruritus) sind möglich. In Einzelfällen kann die Einnahme von Flupirtin zur Abhängigkeitsentwicklung führen.[7]

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ) berichtete im März 2013 über Leberschäden unter Flupirtin.[8] Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) leitete ein Risikobewertungsverfahren zu Flupirtin ein. Das Verfahren ging auf einen Antrag des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zurück, dem insgesamt rund 950 Berichte über unerwünschte Arzneimittelwirkungen vorlagen. Darüber hinaus sah das BfArM die Wirksamkeit von Flupirtin bei chronischen Schmerzen als unzureichend belegt an.[9] In der Folge wurden im Juli 2013 nach Bewertung des Lebertoxizitätsrisikos die therapeutische Anwendung hinsichtlich Zielgruppe und Behandlungsdauer eingeschränkt[10] und weitere Maßnahmen angeordnet, um das Risiko von schwerwiegenden Leberschädigungen zu vermindern.[11]

Wechselwirkungen und Anwendungsbeschränkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flupirtin bindet stark an Serumeiweiße und vermag andere eiweißgebundene Arzneistoffe aus ihrer Bindung zu verdrängen, insbesondere Warfarin und Diazepam, deren Wirkung dadurch verstärkt wird. Auch die Wirkung von Alkohol, muskelentspannenden und weiteren sedierend wirkenden Arzneistoffen kann verstärkt werden.

Flupirtin wird in erheblichem Umfang über die Leber verstoffwechselt, was bei der gleichzeitigen Anwendung von Stoffen mit bekannter und klinisch bedeutsamer Hepatotoxizität (z. B. Carbamazepin, Paracetamol, Alkohol) zu berücksichtigen ist.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flupirtin wurde von dem Chemiker Walter von Bebenburg für die Firma Asta Medica AG (Frankfurt a.M.) entwickelt. Bebenburg wurde unter seinem Pseudonym Walter E. Richartz als Schriftsteller bekannter.[12]

Handelspräparate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flupirtin gibt es als Monopräparat in Kapseln zu je 100 mg Flupirtinmaleat oder als Retard-Formulierung mit 400 mg Flupirtinmaleat, die nur einmal täglich eingenommen wird.

Katadolon S long (D), Katadolon (D), Trancolong (D), Trancopal Dolo (D), Flupigil (D), Antidol (A), diverse Generika (D)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b J. Kornhuber, S. Bleich, J. Wiltfang, M. Maler, C. G. Parsons: Flupirtine shows functional NMDA receptor antagonism by enhancing Mg2+ block via activation of voltage independent potassium channels. In: J. Neural Transm. 106:857-867, 1999. PMID 10599868.
  2. a b c T. Herdegen: Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie. Seite 287, Thieme, Stuttgart / New York 2008.
  3. a b Datenblatt Flupirtine maleate salt bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 17. Juli 2017 (PDF).
  4. a b Flupirtinhaltige Arzneimittel: Umsetzung des Durchführungsbeschlusses der EU-Kommission. BfArM, 27. Januar 2014, abgerufen am 17. Juli 2017.
  5. a b M. Strohmeier: Pharmakologische Schmerztherapie, Teil 5: Zentral wirksame Muskelrelaxantien, Zentral wirksamer SNEPCO: Flupirtin. (Nicht mehr online verfügbar.) In: Orthopädie und Rheuma – Zeitschrift für Orthopäden – SpringerMedizin. , ehemals im Original, abgerufen am 15. November 2014 (Verweist auf Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: @1@2Vorlage:Toter Link/www.springermedizin.dediesen Artikel, der nur mit Anmeldung zugänglich ist).@1@2Vorlage:Toter Link/www.springermedizin.de (Seite nicht mehr abrufbar; Suche in Webarchiven)
  6. Fachinformation Katadolon 100 mg Hartkapseln, Stand Oktober 2008, AWD.pharma GmbH & Co. KG. Abrufbar auf dem Portal des Bundes und der Länder, PharmNet.Bund
  7. C. Stoessel, A. Heberlein, T. Hillemacher, S. Bleich, J. Kornhuber: Positive reinforcing effects of flupirtine – two case reports. In: Prog. Neuropsychopharmacol. Biol. Psychiatry. 34:1120-1121, 2010. PMID 20362025
  8. Leberschäden unter Flupirtin (PDF; 127 kB) Aus der UAW-Datenbank der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AKdÄ), abgerufen am 5. März 2013
  9. Flupirtin: Europäisches Risikobewertungsverfahren gestartet. BfArM, 15. März 2013, abgerufen am 17. Juli 2017.
  10. Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ): Rote-Hand-Brief Einschränkung der therapeutischen Zielgruppe und Begrenzung der Behandlungsdauer nach Bewertung des Lebertoxizitätsrisikos, (PDF; 369 KB)
  11. Flupirtinhaltige Arzneimittel: Umsetzung des Durchführungsbeschlusses der EU-Kommission, 27. Januar 2014
  12. Heribert Offermanns: W.E. Richartz, W. von Bebenburg – Schriftsteller und Chemiker. In: Chemie in unserer Zeit. Band 46, Nr. 3, 2012, S. 158–159, doi:10.1002/ciuz.201200591.
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