Freiheitsindex

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Als Freiheitsindex (englisch: freedom index) wird eine Messgröße bezeichnet, welche die Gesamtheit oder einen Teilbereich der individuellen oder kollektiven politisch-zivilen oder wirtschaftlichen Freiheiten eines Landes beschreiben helfen soll und auf der Grundlage von Datenerhebungen meist quantitativer Art gebildet wird. Die Indizes sind mit Ratings verbunden, auf denen die Länder nach ihrer wirtschaftlichen oder politischen Freiheit oder spezieller bspw. nach dem Grad ihrer Marktöffnung angeordnet werden.

Überblick[Bearbeiten]

Freiheitsindizes schließen im weiteren Sinne Faktoren ein, die als Ausdruck, aber auch als Grundlage bzw. Voraussetzung oder Risiko für diese Freiheiten gelten können. Die Frage, ob dieses Vorgehen sinnvoll ist und welche Indikatoren auf der Grundlage welcher Einzelmesswerte und welcher Bereiche definiert und wie diese verrechnet werden sollten, ist dabei naturgemäß umstritten und orientiert sich mithin an der politischen Ausrichtung der ermittelnden bzw. veröffentlichenden Organisationen.

Übersichtskarten[Bearbeiten]

Die folgenden Übersichten zeigen die Ergebnisse der bekanntesten Untersuchungen für politisch-zivile Freiheit (Freedom House) und wirtschaftliche Freiheit (Heritage Foundation) auf je einer Weltkarte nach Ländern.

Politische und zivile Freiheit auf der Welt, basierend auf einer jährlichen Studie von Freedom House (2016) / Grün = frei, Gelb = teilweise frei, Lila = unfrei
Wirtschaftliche Freiheit auf der Welt, basierend auf einer jährlichen Studie der Heritage Foundation (2015)

Liste[Bearbeiten]

Die folgende Tabelle listet regelmäßig erscheinende Indizes auf Basis unterschiedlicher mit politischer und wirtschaftlicher Freiheit in Verbindung gebrachter Indikatoren auf sowie jene Organisationen, die diese Indizes veröffentlichen.

Organisation Index
Simon Anholt Good Country Index
Arton Capital Passport Index
Avenir Suisse Avenir Suisse Freiheitsindex
Bertelsmann Transformationsindex
BlackRock Sovereign Risk Index
Cato Institute, Fraser Institute, Economic Freedom Network Economic Freedom of the World
Cato Institute, Fraser Institute, Liberales Institut Human Freedom Index
Centrum für Europäische Politik Länder-Kreditfähigkeits-Untersuchung (cepDefault-Index)
CIA, Political Instability Task Force Polity data series
Control Risks Group Risk Map
Economist, Economist Intelligence Unit Democracy Index
Economist, Universität Sydney Global Peace Index
Freedom House Freedom in the World

Internet Freedom Index
Press Freedom Survey

Foreign Policy Magazine, Fund for Peace Fragile / Failed States Index
Germanwatch Global Climate Risk Index
Globalfirepower Power Index / World Military Strength Ranking
Heritage Foundation, Wall Street Journal Index of Economic Freedom
John Stuart Mill Institut Freiheitsindex Deutschland
Legatum Institute Prosperity Index
Maplecroft Political Risk Index und zahlreiche andere
Open Door Weltverfolgungsindex
Open Knowledge Open Data Index
Reporter ohne Grenzen World Press Freedom Index
Transparency International Korruptionswahrnehmungsindex (Corruption Perceptions Index)

Bestecher-Index (Bribe Payers Index)
Globales Korruptionsbarometer (Global Corruption Barometer)

The Free Existence

Drug Freedom Index
Freedom Index
Gun Rights Index

United Nations Development Programme Human Development Index
University of Connecticut CIRI Human Rights Data Project
Vision of Humanity Global Terrorism Index
Weltbank Worldwide Governance Indicators

Ease of Doing Business-/ Distance to Frontier-Ranking

World Economic Forum Global Competitiveness Report
World Economic Forum Global Risks Report
World Justice Project Rule of Law Index
Yale University Environmental Performance Index

Diskussion und Kritik[Bearbeiten]

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Allen Indizes liegen mehr oder weniger implizite oder explizite Annahmen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge bzw. anzustrebende Zustände zugrunde. Während manche Indizes die individuelle Freiheit im Sinne des Schutzes vor staatlichen Eingriffen und Übergriffen zu messen versuchen, fokussieren andere die wirtschaftlichen Chancen privater Akteure und Investoren. Wieder andere Indizes stellen die Freiheit der Märkte und ein anzustrebendes niedriges staatliches Regulationsniveau als Treiber des wirtschaftlichen Wachstums in den Vordergrund oder aber – im Gegensatz dazu – starke staatliche Institutionen und eine Regierungspolitik, die für Rechtssicherheit, persönliche Sicherheit und sozialen Ausgleich sorgen. Letztere Aspekte werden seltener in Freiheits-, sondern eher in Governance-Indizes abgebildet, wie sie von der Weltbank verwendet werden.[1]

Lawson und Hall fanden im Rahmen einer umfangreichen Sekundäranalyse, dass mehr als zwei Drittel von 198 empirischen Studien. die den von Milton Friedman angeregten EWF-Index (Economic Freedom of the World) nutzten, eine positive Korrelation von wirtschaftlicher Freiheit mit Faktoren wie Wirtschaftswachstum und Wohlstand zeigten.[2] Lawson gehörte freilich selbst zum Entwicklerteam des Index.

Die für die Indizes wirtschaftlicher Freiheit gewählten Indikatoren sind jedoch im einzelnen ebenso strittig wie die Nutzung der Indizes durch den Internationalen Währungsfonds, der die Herauf- oder Herabstufung von Ländern auf den Indizes als Erfolgsmaßstab der von ihm angestrebten Durchsetzung marktorientierter Reformen interpretiert.[3] Auch sind die von den Herausgebern der Indizes postulierten Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher Freiheit einerseits und demokratischen Reformen, persönlicher Freiheit oder Lebensqualität andererseits nicht zwingend, vor allem nicht im Bereich sehr hoher ökonomischer Freiheitswerte. Erich Weede weist darauf hin, dass wirtschaftliche Freiheiten durch fehlende soziale Institutionen ihre Wirksamkeit verlieren können.[4] Umgekehrt können Institutionen wie das indische Kastensystem, das die soziale Ungleichheit zementiert, die positiven Wirkungen einer ansonsten großen wirtschaftlichen Freiheit wie in Indien verhindern.[5] Die ausgewählten Indikatoren wirtschaftlicher Freiheiten sind oft eher von Bedürfnissen internationaler Investoren bestimmt (z. B. Grad der Beseitigung von Importhemmnissen und Kapitalverkehrsbeschränkungen) als durch die von lokalen Kleinunternehmen.

Das gilt auch für den gemeinsamen Freiheitsindex der Heritage Foundation, einer konservativen Denkfabrik, die sich aktiv für Deregulierung, Senkung der Staatsausgaben und Sozialabbau einsetzt, und des Wall Street Journal. Dort liegt Kolumbien (Platz 28) vor Österreich (30) und Chile (7) weit vor Deutschland (16).[6] Die Heritage Foundation schätzt also viele Länder, die in der Freedom House-Studie als frei gelten, als teilweise unfrei ein, da ihr der Grad der Liberalisierung und Deregulierung nicht hinreichend erscheint. Doch sind kleine und mittlere Unternehmen in europäischen Ländern mit vergleichsweise hohen regulatorischen Restriktionen international aktiver als in Ländern mit geringen Restriktionen und tätigen häufiger Direktinvestitionen im Ausland.[7] D.h. Länder mit geringen Restriktionen ziehen eher Investitionen auf sich, während viele Länder mit höheren Restriktionen Kapital exportieren.

Positive Werte auf Freiheitsindizes (so auf dem Freedom House-Index) korrelieren oft mit hohen Zuflüssen an ausländischen Direktinvestitionen. Diese können aber nur zu Wachstum führen, wenn das Humankapital ebenfalls wächst und die soziale Ungleichheit nicht zu groß ist.[8] Außerdem schwächt sich in jüngster Zeit (2015) im Zuge der Wachstumskrise der Schwellenländer der Zusammenhang von liberalem Wirtschaftsregime und hohen Direktinvestionen deutlich ab. Im Index der Heritage Foundation bildete er sich schon früher kaum ab.

Eine Untersuchung von Niclas Berggren ergab, dass steigende Werte auf einem Freiheitsindex zwar mit wirtschaftlichem Wachstum korrelieren, absolut hohe Werte aber mit extrem ungleicher Einkommensverteilung verbunden sind.[9] In vielen Ländern mit hohen Freiheitswerten auf dem Index der Heritage Foundation wie Kolumbien oder Südafrika ist der Gini-Koeffizient als Maß der ungleichen Einkommensverteilung extrem hoch.

Der Doing Business-Index der Weltbank misst zwar Restriktionen durch Regulation, Belastungen durch Steuern und Behinderungen durch Bürokratie, ignoriert aber die oft endemische Korruption, die bspw. bei Genehmigungsverfahren zur Beschleunigung der im Index angenommenen Prozesszeiten eine Rolle spielt. In diesem Business-Index steht etwa Makedonien weltweit auf Platz 30 von 185 Nationen vor Frankreich auf Platz 31.[10] Für eine Charakterisierung der Lage von einheimischen Kleinunternehmen ist er wenig relevant.

Allerdings haben manche Länder mit geringen Werten auf einem speziellen Freedom-from-Corruption-Index, also mit ausgeprägter Korruption hohe Gründungsraten im Bereich kleiner und mittlerer Unternehmen. Dazu gehören z.B. Thailand, Kolumbien oder Mexiko. Dieses sind meist durch Arbeitsplatzmangel diktierte Notgründungen.[11]

Literatur[Bearbeiten]

  • Th. Stratmann, B. Akitoby: The Value of Institutions for Financial Markets: Evidence From Emerging Markets. International Monetary Fund, Februar 2009.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Weltbank: Worldwide Governance Indicators (WGI) abgerufen 4. August 2014
  2. J. C. Hall, R. A. Lawson: Economic Freedom of the World: An Accounting of the Literature. O’Neil Center for Global Markets and Freedom, Working Paper 2013-2. Online: [1] (pdf), abgerufen 4. August 2015
  3. T. Knedlik, F. Krothaler: Entwicklungshilfe und ökonomische Freiheit: Besteht ein Zusammenhang? (IWH Halle). In: Wirtschaft im Wandel, 11/2006, S. 344. [2] (pdf), abgerufen 3. August 2015
  4. E. Weede: Economic freedom and development: New calculations and interpretations. In: Cato Journal, 26 (2006), Heft 3, S. 511-524.
  5. E. Weede: Entwicklungsländer in der Weltgesellschaft. Springer 2013.
  6. Ranking der Heritage Foundation abgerufen am 3. August 2015
  7. International Investment Perspectives 2007: Freedom of Investment in a Changing World. OECD, September 2008, S. 220. [3]
  8. M. Bengoa, B. Sanchez-Robles: Foreign Direct Investment and Growth: New Evidence from Latin America. In: European Journal of Political Economy. 19. Jg. (2003), H. 3, S. 529-545.
  9. N. Berggren: Economic Freedom and Equality: Friends or Foes? In: Public Choice, 100. Jg. (1999), H. 3/4, S. 203-223.
  10. Website Doing Business
  11. Thailand: Key issues and policies. OECD Studies on SME and Entrepreneurship. November 2011, ISSN 2078-0982, S. 67 f. - Mexico: Key issues and policies. OECD Studies on SME and Entrepreneurship. November 2011, ISSN 2078-0982 ,April 2013, S. 66.