Fritz Ertl

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Fritz Karl Ertl (* 31. August 1908 in Breitbrunn bei Hörsching; † 2. November 1982 in Linz) war ein österreichischer Architekt, der im KZ Auschwitz als stellvertretender Leiter der SS-Zentralbauleitung tätig war.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fritz Ertl, Sohn des Baumeisters Josef Ertl († 21. Mai 1935),[1] studierte nach dem Abschluss seiner Schullaufbahn zunächst an der Bundeslehranstalt für Hochbau in Salzburg und von 1928 bis 1931 am Bauhaus Dessau und schloss seine Ausbildung als Diplom-Architekt ab. Anschließend arbeitete er im Bauunternehmen seiner Familie.[2] Er bestand 1934 die Prüfung zum Baumeister.[3]

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich trat Ertl der NSDAP (Mitgliedsnr. 6.418.769) und der SS (SS-Nr. 417.971) bei.[4] Ertl wurde im örtlichen Wirtschaftsbeirat der NSDAP als „Sachbearbeiter Bauwesen“ tätig.[2]

Tätigkeiten im Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Baracke KZ Auschwitz-Birkenau (2006)

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges meldete sich Ertl Mitte November 1939 zur Waffen-SS und war mit der 8. SS-Totenkopf-Standarte in Krakau stationiert.[5] Ab dem 27. Mai 1940 gehörte Ertl der SS-Neubauleitung Auschwitz an.[6] Von Beginn an leitete Ertl dort die Abteilung Hochbau.[4] Als Stellvertreter des Bauleiters der Sonderbauabteilung für die Errichtung des Kriegsgefangenenlagers Auschwitz entwarf Ertl die Baracken für das zunächst als Kriegsgefangenenlager geplante KZ Auschwitz-Birkenau, die jeweils mit 550 Häftlingen belegt werden sollten. Sein Vorgesetzter Karl Bischoff korrigierte diese Zahl auf 744, womit beide „die deutsche Gleichsetzung von Sowjetsoldat mit Untermensch ins Architektonische übersetzt“ hatten. Letztlich wurden aus Kostengründen Fertigbauteile für Heeres-Pferdeställe für die KZ-Baracken verwandt.[2] Anfang September wurde Ertl zeitweise zum Verwaltungsamt der SS, dem späteren SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt, kommandiert.[5] Anfang Januar 1942 wurde Ertl als Fachführer der SS Stellvertreter des Leiters bei der nun als Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz bezeichneten Bauleitung in Auschwitz.[7] Bei der Waffen-SS stieg Ertl zeitgleich zum SS-Untersturmführer auf.[3] Zur Planung der Krematorien leitete Ertl im August 1942 eine Besprechung, wo er die Krematorien euphemistisch als „Badeanstalten für Sonderaktionen“ im Besprechungsprotokoll beschrieb.[2]

Ertl schied Ende Januar 1943 aus der Zentralbauleitung Auschwitz aus und absolvierte die SS-Pionierschule. Ab Mai 1943 war er beim Pionierbataillon der SS-Kavallerie-Division eingesetzt und gehörte dem Stab beim SS-Truppenübungsplatz Heidelager an.[5] Als Stellvertreter Bischoffs folgte ihm Anfang April 1943 Werner Jothann nach.[8] Als Beweggrund für seine Entscheidung, sich aus Auschwitz versetzen zu lassen, gab Ertl nach Kriegsende zu Protokoll: „Schon zu Ende 1942, als ich sah wie sich der Lagerbetrieb entwickelte, faßten ich und mehrere andere Kameraden den Entschluß, uns aus Auschwitz wegzumelden. Nach der Niederlage von Stalingrad bot sich hierzu eine günstige Gelegenheit. Alle wurden hinsichtlich ihrer Kriegsverwendungsfähigkeit untersucht. Wir ließen es gar nicht auf unsere Untersuchung ankommen und meldeten uns freiwillig. Daraufhin wurde ich am 3.2.1943 zum Ersatztruppenteil nach Dresden versetzt“.[9]

Jean-Claude Pressac berichtet von einer Liebesbeziehung Ertls zu einer Polin, die jener im Winter 1942 einging und der später ein unehelich geborener Sohn entspross. Diese Beziehung wurde von seinen Kameraden missbilligt. Erst nachdem seine Geliebte als Volksdeutsche eingestuft worden war, kam es im August 1943 zur Heirat.[10]

Ab Dezember 1943 folgten Fronteinsätze, zunächst in Russland und ab Februar 1944 in Kroatien. Laut Hans Schafranek schlossen diese Einsätze „sehr wahrscheinlich massive Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung“ ein.[11] Am 19. März 1944 nahm er an der deutschen Besetzung Ungarns teil.[11] Laut späterer Anklageschrift wurde er Mitte Mai 1944 „im Zuge der Besetzung Ungarns zum Beauftragten des Amtsgruppenchefs C beim SS-Wirtschafter in Ungarn abkommandiert“.[12] Ab Mitte August 1944 wurde Ertl wieder unter Bischoff bei der Bauinspektion Schlesien als Bauleiter in Breslau und in Arnstadt tätig.[13]

Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Kriegsende befand sich Ertl kurzzeitig in amerikanischer Kriegsgefangenschaft.[2] Anschließend war er als Baumeister in Linz tätig.[4]

Durch den Auschwitzüberlebenden Hermann Langbein wurden die Angehörigen der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz Ertl und Walter Dejaco 1961 wegen ihrer Tätigkeit bei der Bauleitung Auschwitz angezeigt.[14] Vor dem Schwurgericht des Landgerichts Wien begann erst am 18. Januar 1972 der Prozess gegen Ertl und Dejaco als erster Auschwitzprozess in Österreich. Verfahrensgegenstand war deren Beteiligung am Holocaust durch Planung, Bau und Instandhaltung der Gaskammern und Krematorien des KZ Auschwitz-Birkenau. Dejaco war zusätzlich beschuldigt, zwischen 1940 und 1942 zwölf KZ-Häftlinge erschossen oder erschlagen zu haben.[15]

„Ihre Bautätigkeit war von vornherein auf ein kurzfristiges Vegetieren der Häftlinge ausgerichtet, und stellte eine Verhöhnung der elementaren Grundsätze der Bautechnik dar. Dass sich die Beschuldigten sehr wohl bewusst waren, dass die von ihnen ohne Fenster und ausreichende Belüftung gebauten, eng nebeneinander liegenden Baracken, keinen ausreichenden Lebensraum für Menschen boten, ersieht man aus ihrem Bemühen, die für die Wachhunde und Kühe bestimmten Baracken durch entsprechende Belüftung zu verbessern, um eine gesunde Haltung der Tiere zu gewährleisten.“

Aus der Anklageschrift vom 18. Juni 1971 gegen Walter Dejaco und Fritz Ertl vor dem Landgericht Wien[16]

Der Prozess gegen Ertl und Dejaco endete am 10. März 1972 jeweils mit einem Freispruch,[17] da Dejaco und Ertl nicht die „geistigen Urheber“ der Gaskammern seien.[2][18] In den Medien wurden Ertl und Dejaco als „Baumeister des Massenmordes“ tituliert und teils zumindest das Urteil gegen Dejaco skandalisiert. Der Prozess spielte jedoch in den Medien nur eine Nebenrolle und stieß nur auf geringes Zuschauerinteresse.[19]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, ISBN 3-7643-6390-8.
  • Adina Seeger: Vom Bauhaus nach Auschwitz. Fritz Ertl (1908 bis 1982): Bauhausschüler in Dessau, Mitarbeiter der Auschwitzer Bauleitungen, Angeklagter im Wiener Auschwitzprozess – Stationen und Kontexte eines Werdegangs zwischen Moderne und Nationalsozialismus. Diplomarbeit, Universität Wien, 2013.
  • Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-039333-3.
  • Hans Schafranek: Eine unbekannte NS-Tätergruppe: Biografische Skizzen zu österreichischen Angehörigen der 8. SS-Totenkopf-Standarte (1939–1941) . In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Täter. Österreichische Akteure im Nationalsozialismus, Wien 2014 (= Jahrbuch 2014), S. 79−105. [www.doew.at/cms/download/b1c3n/jb2014_schafranek.pdf (pdf)]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, S. 186.
  2. a b c d e f Roland Stimpel: Architekten in Auschwitz. Tiefpunkt der Architekturgeschichte. In: Deutsches Architektenblatt. 2011.
  3. a b Hans Schafranek: Eine unbekannte NS-Tätergruppe: Biografische Skizzen zu österreichischen Angehörigen der 8. SS-Totenkopf-Standarte (1939–1941) . In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Täter. Österreichische Akteure im Nationalsozialismus, Wien 2014, S. 97
  4. a b c Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Personenlexikon. Frankfurt/M 2013, S. 110
  5. a b c Hans Schafranek: Eine unbekannte NS-Tätergruppe: Biografische Skizzen zu österreichischen Angehörigen der 8. SS-Totenkopf-Standarte (1939–1941) . In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Täter. Österreichische Akteure im Nationalsozialismus, Wien 2014, S. 98
  6. Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, S. 78.
  7. Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, S. 132.
  8. Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, S. 140.
  9. Zitiert bei: Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz; Frankfurt am Main, Berlin, Wien: Ullstein, 1980, ISBN 3-548-33014-2, S. 477.
  10. Jean-Claude Pressac: Die Krematorien von Auschwitz – Die Technik des Völkermordes. Neuausgabe München/Zürich 1995, ISBN 3-492-12193-4, S. 177f.
  11. a b Hans Schafranek: Eine unbekannte NS-Tätergruppe: Biografische Skizzen zu österreichischen Angehörigen der 8. SS-Totenkopf-Standarte (1939–1941) . In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Täter. Österreichische Akteure im Nationalsozialismus, Wien 2014, S. 99
  12. Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Personenlexikon. Frankfurt am Main 2013, S. 110
  13. Jean-Claude Pressac: Die Krematorien von Auschwitz... S. 180.
  14. Holocaust und Kriegsverbrechen vor Gericht. KZ Auschwitz: Die Österreicher waren die Ärgsten auf www.orf.at
  15. Österreichische Auschwitzprozesse – Prozess gegen Walter Dejaco und Fritz Ertl (18. 1. – 10. 3. 1972).
  16. Zitiert bei: Justiz und Erinnerung. 10/2005, Wien 2005, S. 24.
  17. Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Personenlexikon. Frankfurt/M 2013, S. 89, S. 110
  18. Prozesse österreichischer Geschworenengerichte (1955-1975). – LG Wien Vr 3806/64: DEJACO Walter (geb. 1909), Baumeister [und] ERTL Fritz (geb. 1908), Baumeister. In: Justiz und Erinnerung. 12/2006, Wien 2006, S. 20. (PDF; 712 kB)
  19. Presse-Echo des Prozesses gegen Fritz ERTL und Fritz ERTL. Die Berichterstattung ausgewählter Zeitungen zum 1. Wiener Auschwitz-Prozess (1972). auf: nachkriegsjustiz.at