Günter Theißen

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Günter Theißen 2015 oberhalb von Vernazza (Italien)

Günter Theißen (* 16. Januar 1962 in Mönchengladbach) ist ein deutscher Genetiker. Er ist Lehrstuhlinhaber für Genetik und Leiter der Struktureinheit Genetik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Günter Theißen studierte Biologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und promovierte 1991 ebenda bei Rolf Wagner. Von 1992 bis 2001 war er Arbeitsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln. Er habilitierte 2000 an der Universität zu Köln im Fach Genetik. Er war 2001 als Professor für Botanik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster tätig und ist seit 2002 Lehrstuhlinhaber für Genetik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Wissenschaftliches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theißen beschäftigt sich in seiner Forschung unter anderem mit der Molekulargenetik und Evolution der Pflanzenentwicklung. Insbesondere untersuchen er und seine Arbeitsgruppe spezielle Transkriptionsfaktoren, die MADS-Box-Proteine (oder MADS-Domänen-Proteine) genannt werden. Diese spielen unter anderem bei der Blütenentwicklung von Bedecktsamern (Angiospermen, Blütenpflanzen) eine große Rolle[1][2]. Seine Arbeitsgruppe konnte z. B. anhand der MADS-Box-Gene zeigen, dass die Ordnung der Gnetales enger mit den Koniferen verwandt ist als mit den Blütenpflanzen[3]. Auf der Grundlage experimenteller Befunde hat Theißen mehrere Modelle zur Entwicklung und Evolution der Pflanzen vorgeschlagen, die weitreichende Beachtung fanden. So schlug er 2001 das Konzept der floral quartets vor, bei dem jeweils vier MADS-Domänen-Transkriptionsfaktoren zusammenwirken, um die Identität der verschiedenen Blütenorgane festzulegen[4][5]. Das floral-quartet-Modell hat in den letzten Jahren unterschiedliche experimentelle Tests bestanden, z. B.[6][7]

Auf der Grundlage der neueren Erkenntnisse zur Entwicklungsgenetik der Blüte entwickelte Theißen auch Modelle zur Entstehung der Blüte in der Evolution. Bekannt wurde z. B. das „out-of-male“-Modell[8]. Es beinhaltet, dass die zwittrige Blüte der Bedecktsamer aus einem männlichen Zapfen der Nacktsamer (Gymnospermen) durch die apikale Reduktion in der Expression eines Gens entstanden ist, dessen Aktivität männliche Reproduktionsorgane von weiblichen unterscheidet.

Theißen untersucht auch die Frage, warum viele Transkriptionsfaktoren Heterodimere sind, also aus zwei verschiedenen Proteinen zusammengesetzt sind[9]. Zusammen mit Stefan Schuster, seinem Bioinformatik-Kollegen an der Universität Jena, beschäftigt er sich mit Anwendungen der Spieltheorie in der Biologie[10].

Außerdem setzt sich Günter Theißen mit Mechanismen der Makroevolution auseinander. Dabei bezieht er auch Mechanismen einer saltatorischen (sprunghaften) Evolution und die von Richard Goldschmidt vorgeschlagene Hopeful-Monster-Hypothese ein[11]. Auf der Grundlage erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Überlegungen tritt er als kritische Stimme gegen den pseudowissenschaftlichen Kreationismus ebenso auf wie gegen überzogene Geltungsansprüche der Naturwissenschaft Evolutionsbiologie.

Referenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. R. Melzer, G. Theissen: MADS and more: transcription factors that shape the plant. Methods Mol. Biol. 754 (2011) 3-18
  2. L. Gramzow, L. Weilandt, G. Theißen: MADS goes genomic in conifers: towards determining the ancestral set of MADS-box genes in seed plants. Ann. Bot. 114 (2014) 1407-1429
  3. K.U. Winter, A. Becker, T. Münster, J.T. Kim, H. Saedler, G. Theissen G.: MADS-box genes reveal that gnetophytes are more closely related to conifers than to flowering plants. Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 96 (1999) 7342-7347
  4. G. Theißen: Development of floral organ identity: stories from the MADS house. Curr. Opin. Plant Biol. 4 (2001) 75-85
  5. G. Theißen, H. Saedler: Floral quartets. Nature 409 (2001) 469-471
  6. R. Melzer, G. Theissen G.: Reconstitution of 'floral quartets' in vitro involving class B and class E floral homeotic proteins. Nucl. Acids Res. 37 (2009) 2723-2736
  7. S. Puranik, S. Acajjaoui, S. Conn, L. Costa, V. Conn, A. Vial, et al. Structural basis for the oligomerization of the MADS domain transcription factor SEPALLATA3 in Arabidopsis. Plant Cell 26 (2014) 3603-3615
  8. G. Theißen, A. Becker, C. Kirchner, T. Münster, K.-U. Winter, H. Saedler: How land plants learned their floral ABCs: the role of MADS-box genes in the evolutionary origin of flowers. In: Developmental Genetics and Plant Evolution (Q.C.B. Cronk, R.M. Bateman, J.A. Hawkins, Hrsg.). Taylor & Francis, London 2002, pp. 173-205
  9. T. Lenser, G. Theissen, P. Dittrich: Developmental robustness by obligate interaction of class B floral homeotic genes and proteins. PLoS Comput. Biol. 5 (2009) e1000264
  10. S. Hummert, K. Bohl, D. Basanta, A. Deutsch, S. Werner, G. Theissen, A. Schroeter, S. Schuster: Evolutionary game theory: cells as players. Mol. Biosyst. 10 (2014) 3044-3065
  11. G. Theissen: Saltational evolution: hopeful monsters are here to stay. Theory Biosci. 128 (2009) 43-51

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]