George Weidenfeld

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Sir Arthur George Weidenfeld, Baron Weidenfeld, GBE (* 13. September 1919 in Wien; † 20. Januar 2016 in London)[1] war ein britischer Journalist, Verleger und Diplomat österreichisch-jüdischer Herkunft. Er war auch Kolumnist der Berliner Tageszeitung Die Welt. 1949 wurde er politischer Berater der israelischen Regierung und Kabinettschef des Präsidenten Chaim Weizmann. Er war britischer und seit 1994 auch wieder österreichischer Staatsbürger.

Leben[Bearbeiten]

Weidenfeld wuchs als Einzelkind in einer bürgerlichen Wiener Familie auf und entwickelte früh eine Liebe zur Oper.[2] Er besuchte nach dem Piaristengymnasium in Wien die Universität Wien und die Diplomatische Akademie Wien. Während des Studiums wurde er Mitglied der Jüdisch-akademischen Verbindung Unitas.[3] Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 emigrierte er nach London und begann bei der British Broadcasting Corporation (BBC) zu arbeiten, hauptsächlich für den „BBC Overseas Service“. Ab 1942 war er politischer Kommentator der BBC für europäische Angelegenheiten und verfasste eine wöchentliche Zeitungskolumne.

Margaret Weidenfeld aus Wien, später Gretel Beer, lebte seit 1939 ebenfalls in England. Sie war eine Cousine von George Weidenfeld und ebenfalls für Medien tätig.

1945 gründete er zusammen mit Nigel Nicolson den Verlag „Weidenfeld & Nicolson“, für den er bis zuletzt tätig war. 1946 wurde er britischer Staatsbürger. Er war viermal verheiratet und verstarb im Alter von 96 Jahren in London.[1]

Verlegerische Tätigkeit[Bearbeiten]

Der Verlag „Weidenfeld & Nicolson“ publizierte in seiner Anfangszeit einige aufsehenerregende Titel, darunter Vladimir Nabokovs Lolita. Weil Weidenfeld Strafverfolgung wegen des Vorwurfs der Pornografie befürchtete, ließ er zunächst nur eine kleine Auflage drucken und davon sieben Exemplare aufbinden, die er an die Regierung mit der Bitte schickte, das Werk zu prüfen und die Unbedenklichkeit zu bestätigen, was auch geschah.[4] In der Folge spezialisierte sich der Verlag auf die Herausgabe wichtiger Werke zur europäischen Geschichte und auf Biografien, darunter die Memoiren von Charles de Gaulle, Konrad Adenauer, Harold Wilson, Golda Meir, Lyndon B. Johnson, Mosche Dajan, Henry Kissinger und Schimon Peres.

1985 expandierte Lord Weidenfeld in die Vereinigten Staaten und kaufte zusammen mit Ann Getty den Verlag „Grove Press“. „Grove Press“ fusionierte später mit der New Yorker Niederlassung von „Weidenfeld & Nicolson“ unter dem Namen „Grove Nicolson“. 1991 wurde „Weidenfeld & Nicolson“ in Großbritannien von der „Orion Publishing Group“ erworben, die Marke „Weidenfeld & Nicolson“ jedoch für Sachbücher und Biografien beibehalten, die weiterhin von George Weidenfeld verantwortet wurden. 1993 fusionierte seine amerikanische Firma „Grove Nicolson“ mit der „Atlantic Monthly Press“ zur „Grove/Atlantic Inc.“

Lord Weidenfeld konnte sich dadurch aus dem verlegerischen Tagesgeschäft zurückziehen und mehr um die Kontakte zu namhaften Autoren kümmern. Ein weiterer Meilenstein für „Weidenfeld & Nicolson“ war im Jahre 2005 die Herausgabe des biografischen Werks Erinnerung und Identität von Papst Johannes Paul II. Lord Weidenfeld war außerdem als Kolumnist der Berliner Tageszeitung Die Welt und der Wochenzeitung Bild am Sonntag tätig.

Politisches und öffentliches Wirken[Bearbeiten]

1948, bei der Gründung des Staates Israel, wurde Weidenfeld Berater der israelischen Regierung und 1949 für ein Jahr Kabinettschef des ersten Staatspräsidenten des neuen Staates, Chaim Weizmann.

Mitte der 1990er Jahre gründete Weidenfeld den Club of Three, der führende Vertreter des politischen, kulturellen und öffentlichen Lebens aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland zu informellen Diskussionen über Fragen der Weiterentwicklung Europas zusammenbrachte, um die Zusammenarbeit und Verständigung innerhalb Europas zu fördern. 2006 entstand daraus das Institute for Strategic Dialogue. Verbunden damit war eine Neuausrichtung auf längerfristige Programme im Bereich der Extremismusbekämpfung, der Erziehung und der Stellung Europas in der Welt. Weidenfeld war bis zu seinem Tode Präsident des Instituts.[5]

Neben seiner verlegerischen Tätigkeit war Lord Weidenfeld an der Gründung und Weiterentwicklung mehrerer Universitäten beteiligt. Er war 1996 bis 2004 Vorsitzender der Ben-Gurion-Universität des Negev und Gouverneur der Universität von Tel Aviv. Er war emeritierter Gouverneur des Weizmann-Instituts. Von 1992 bis 1994 war er stellvertretender Vorsitzender der „University of Oxford Campaign“ und ab 1994 Vizepräsident des „Oxford University Development Programme“. Im Jahr 2000 benannte die IJP (Internationale Journalisten-Programme) ihr traditionelles deutsch-britisches Stipendienprogramm für Journalisten nach Lord Weidenfeld.[6]. 2004 war er Mitgründer der internationalen Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium in Potsdam und bis zuletzt Co-Chairman des M100-Beirats.

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Im Jahre 1969 wurde Weidenfeld von Königin Elisabeth II. als Knight Bachelor in den Adelsstand erhoben und erhielt dadurch den Titel Sir. 1976 wurde er Life Peer mit dem Titel Baron Weidenfeld, of Chelsea in the County of Greater London. In der New Year Honours List 2011 wurde er mit der höchsten Stufe des Order of the British Empire, dem Knights Grand Cross of the Order of the British Empire (GBE) geehrt.[7]

Lord Weidenfeld wurde für seine Bemühungen um die europäische Integration vielfach geehrt. 1991 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern.[8] Im April 2002 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft 1. Klasse und 2003 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien.[9] Seit 2006 war er Vorsitzender der Israel Group im House of Lords.

Film[Bearbeiten]

  • Die Brückenbauer Henry Kissinger, Fritz Stern und Lord George Weidenfeld. Jüdische Emigranten und die Wiedervereinigung. Dokumentation, 43 Minuten, Deutschland, USA, Israel, England, Österreich, Schweiz, 2010. Buch und Regie: Evi Kurz, Produktion: TLF-Timelinefilm GmbH Fürth, Erstsendung: ARD, 29. September 2010. In Interviews äußern sich neben Kissinger, Stern und Weidenfeld u.a. Helmut Schmidt, Angela Merkel, Hans-Dietrich Genscher, Richard von Weizsäcker, Timothy Garton Ash und Niall Ferguson.[10]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Bernhard Schulz: Charmanter Beobachter: Journalist, Diplomat und Verleger Lord Weidenfeld ist tot. In: Tagesspiegel. 20. Januar 2016, abgerufen am 20. Januar 2016.
  2. Andrea Seibel: „Kaum vorstellbar, dass der neue Papst Europäer ist.“ welt.de, 18. Februar 2013, abgerufen am 13. September 2014
  3. Laudatio Dr. Wolfgang Schüssel. m100potsdam.org
  4. Andrea Seibel: Lord Weidenfeld und das Who's Who der Literatur. welt.de, 13. September 2014, abgerufen am 13. September 2014
  5. Institute for Strategic Dialogue – History. Abgerufen am 20. Januar 2016 (englisch, Darstellung der Institutsgeschichte auf der Website des Institute for Strategic Dialogue).
  6. IJP George Weidenfeld Journalistenstipendium für britische und deutsche Journalisten
  7. Honours List (PDF; 462 kB) 31. Dezember 2010
  8. Börsenblatt für den deutschen Buchhandel 158 (1991), S. 2568
  9. „Brückenbauer“ Lord George Weidenfeld erhielt Ehrenzeichen. wien.at, 10. April 2003, abgerufen am 22. November 2010
  10. Inhaltsangabe (PDF; 76 kB) der TLF-Timelinefilm GmbH