Jüdische Studentenverbindung

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Jüdische Studentenverbindungen entstanden im Deutschen Kaiserreich und in der Donaumonarchie. Die erste von Juden nur für Juden gegründete Verbindung war die Viadrina, gestiftet am 23. Oktober 1886 an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Die jüdischen Studentenverbindungen bestanden noch in der Weimarer Republik und im Ständestaat (Österreich). Der Nationalsozialismus machte ihnen ein Ende.

Jüdische Studenten[Bearbeiten]

Zionistische Verbindung Jordania München (SS 1912)
Hauptartikel: Judenfrage und Jüdische Emanzipation

In der Habsburgermonarchie erhielten die Juden schließlich im Jahre 1867, im deutschen Kaiserreich 1871 die rechtliche Gleichstellung; sie wurde aber in der Praxis nicht vollständig umgesetzt, weil zum Beispiel für die Einstellung in den Staatsdienst eine christlich-religiöse Eidesformel gesprochen werden musste. Der Staat war damals der bei weitem wichtigste Arbeitgeber für Akademiker. Juden konnten immer noch nicht Offiziere, Diplomaten, Beamte, Lehrer oder Professoren werden. Angestrebt wurden deshalb vor allem die freien Berufe und die Studienfächer Rechtswissenschaft und Medizin, die auch von der Mehrheit der Mitglieder schlagender Verbindungen gewählt wurden. Die Corps trugen wesentlich zur Assimilation der Juden bei. Ein Wendepunkt war das Duell Vering–Salomon.

Die Möglichkeit zum Universitätsstudium wurde von der jüdischen Bevölkerung eifrig genutzt. Während der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung in Preußen um 1886 nur etwa bei einem Prozent lag, betrug der Anteil jüdischer Studenten an den Universitäten rund neun Prozent. Der Anteil der Juden bei den preußischen Rechtsanwälten betrug 1871 nur 3 %, im Jahre 1880 waren es bereits 7,3 %, im Jahre 1893 war der Anteil auf 25,4 % angewachsen. Die Entwicklung bei den freiberuflich tätigen Ärzten verlief ähnlich.

Im Königreich Preußen hatten Berlin, Breslau und Königsberg i. Pr. die größten jüdischen Gemeinden. In Wien war damals jeder zehnte Einwohner jüdischen Glaubens, aber jeder zweite Rechtsanwalt und jeder zweite Arzt war Jude. Das begünstigte Judenfeindlichkeit und „rassisch“ begründeten Antisemitismus (bis 1945), der sich auch gegen getaufte Juden und ihre Nachkommen richtete. Viele Studentenverbindungen gingen nach und nach dazu über, keine Juden mehr als Neumitglieder aufzunehmen. Einige studentischen Verbände nahmen das Arierprinzip in ihre Statuten auf. Der Ausschluss existierender jüdischer Mitglieder hätte gegen das in den Verbindungen hochgehaltene Lebensbundprinzip verstoßen und wurde erst in den 1920er Jahren vereinzelt diskutiert sowie später nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gesetzlich gefordert. Viele Studentenverbindungen – sofern noch nicht aufgelöst – hatten nach 1933 noch jüdische Mitglieder.

Aufgrund der nachlassenden Bereitschaft der Studentenverbindungen, jüdische Studenten in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, gründeten sich in den 1880er Jahren bald eigene, speziell jüdische Verbindungen, die sich unterschiedliche Ziele und Formen gaben, aber zu einem großen Teil die Traditionen der deutschen Studentenverbindungen für sich übernahmen und fortsetzten. Über seine Zeit im Russisch-Jüdischen Verein zu Königsberg hat Schemarjahu Levin in Jugend in Aufruhr (Berlin 1933) einen aufschlußreichen Bericht hinterlassen.[1]

Ausrichtungen[Bearbeiten]

Couleurkarte des Königsberger Vereins Jüdischer Studenten

Paritätische Verbindungen[Bearbeiten]

Die liberalen (paritätischen) Verbindungen betrachteten die Abtrennung der Juden vom Rest der Bevölkerung als falschen Weg und wollten Juden und Nichtjuden in ihren Reihen zusammenführen. Aufgrund des großen Andrangs von jüdischen Studenten und des geringen Interesses von anderer Seite entwickelten sie sich aber auch bald zu rein jüdischen Verbindungen. Erste Gründung war die Freie Wissenschaftliche Vereinigung in Berlin 1881, der sich bald weitere Vereinsgründungen in anderen Städten anschlossen.

Jüdische Studenten nach der Mensur, Heidelberg 1906. Es handelt sich um Mitglieder des Kartell-Conventes, vermutlich der K.C. Bavaria Heidelberg

Deutsch-jüdische Verbindungen[Bearbeiten]

Verbindungen wie die Viadrina Breslau betrachteten die Juden in Deutschland als deutsche Bürger jüdischen Glaubens und als integralen Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Sie orientierten sich stark an den deutschen studentischen Traditionen. Sie wollten die Diskriminierung durch den Beweis ihrer Gleichwertigkeit mit dem Rest der Bevölkerung überwinden und zeigen, dass auch Juden schneidige und wehrhafte Verbindungsstudenten sein können und dadurch das Vorurteil der Feigheit und Weichlichkeit widerlegen. Die rechtliche Emanzipation der Juden in Deutschland nach der Reichsgründung von 1871 war für sie der Beweis, dass dieses Ziel erreichbar war. Sie vereinten deutsches Nationalbewusstsein und jüdische Kulturzugehörigkeit.

Zionistische Verbindungen[Bearbeiten]

Die jüdisch-nationalen Korporationen wie die Kadima Wien betrachteten die Versuche zur Integration der Juden in die deutsche Nation als vergeblich und die rechtliche Emanzipation der Juden in Deutschland als gescheitert. Sie teilten die Ziele des Zionismus und strebten die Bildung eines jüdischen Staates in Palästina an. Ihr Verbleib in Mitteleuropa hatte ihrer Auffassung nach nur provisorischen Charakter. Sie hielten sich aber trotzdem an die studentischen Traditionen Deutschlands. Ein wichtiger Verband war der Bund Jüdischer Corporationen (1901) der 1914 mit dem Kartell Zionistischer Verbindungen (KZV) zum Kartell Jüdischer Verbindungen fusionierte.

Siehe auch: Theodor Herzl

Konfessioneller Verband[Bearbeiten]

Der Bund Jüdischer Akademiker (BJA, gegründet 1903) bezog keine gesellschaftspolitischen Positionen. Typische Merkmale einer Studentenverbindung hatte er kaum. Er unterschied nicht zwischen Aktiven und Alten Herren und lehnte Mensur, Couleur und Kneipe ab. Ihm ging es um Glauben, Kultur und Wissenschaft.

Frage der Ehre[Bearbeiten]

Die deutsch-jüdischen, aber auch die zionistischen Verbindungen, sahen die traditionellen deutschen Formen des Verbindungsstudententums als geeignet an, sich gesellschaftlichen Respekt zu verschaffen. Besonders durch die kompromisslose Pflege von Mensur und Duell wollten sie Vorurteilen gegen Juden entgegenwirken. Auch das Ramschen war ihnen nicht fremd (siehe Corpsstudentische Inaktivenvereinigungen#Breslau). Dass jede antisemitische Äußerung eines Kommilitonen mit einer Säbelforderung quittiert wurde, brachte einigen jüdischen Verbindungen bald den Ruf besonderer Aggressivität ein. Einige wurden verboten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden in dieser Angelegenheit mehrere Pistolenduelle mit tödlichem Ausgang ausgetragen.

Die Erfolge der jüdischen Verbindungsstudenten auf dem Gebiet von Duell und Mensur wurden bald unbequem; denn sie widersprachen der Auffassung der Antisemiten vom „feigen“ und „kneifenden“ Juden. Die erste Reaktion erfolgte in Deutschösterreich mit dem Waidhofener Prinzip. Danach wurde den Juden die Ehre und damit die Satisfaktionsfähigkeit abgesprochen:

„In Anbetracht der vielen Beweise, die auch der jüdische Student von seiner Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit gegeben, und da er überhaupt der Ehre nach unseren deutschen Begriffen völlig bar ist, fasst die heutige Versammlung deutscher wehrhafter Studentenverbindungen den Beschluß: Dem Juden auf keine Waffe mehr Genugtuung zu geben, da er deren unwürdig ist.“

Waidhofener Beschluss

Diese Beschlüsse erregten den Protest auch seitens vieler konservativer Verbindungsstudenten in Deutschland, weil die Erklärung der Ehrlosigkeit gegenüber einer Gruppe von Studenten den ureigensten Traditionen des Verbindungsstudententums widersprach. Feigheitsvorwürfe gegenüber anderen Studenten galten traditionell als schlimmste Verstöße gegen den Comment. Gerade die Auffassung, dass alle Studenten gemeinsam einem besonderen Stande angehörten, durch den sie sich vom Rest der Bevölkerung unterschieden, war die Grundlage des Waffenstudententums nach damaliger Auffassung. Die Waidhofner Beschlüsse verstießen somit gegen die ältesten Traditionen der Studentenverbindungen.

Das „Waidhofner Prinzip“ blieb lange Zeit umstritten, konnte sich aber auch in Deutschland, hier allerdings erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, durchsetzen.

Der K.C. beharrte auf seinen waffenstudentischen Grundsätzen:

„Wir führen unsere Waffen, um unsere Ehre vor jedem Angriff derer zu schützen, die in diesen Formen das Wesentliche sehen, um mit dem Säbel, der unsere Farben trägt, zu beweisen, daß es nichts als ein Vorurteil ist, wenn man dem Juden Mut und Unerschrockenheit bestreitet. Wir lehnen es daher ab, die Waffen abzulegen, weil man sie uns streitig macht. Darum tragen wir auch Couleur.“

Thomas Schindler[2][3]

Manche (nichtschlagenden) jüdischen Korporationen gingen in der Folge so weit, dass sie ihre Mitglieder in Kampfsportarten (Boxen, Jiu Jitsu, etc.) ausbildeten, damit sie sich bei tätlichen Angriffen von Kommilitonen wehren konnten.

Zwangsauflösung jüdischer Verbindungen im Deutschen Reich[Bearbeiten]

Während nach der Reichstagswahl März 1933 die zionistischen Verbände ihre Mitglieder sofort zum Verlassen des Deutschen Reiches aufriefen, erwähnten die Verbandszeitschriften der deutschnationalen jüdischen Verbände den Machtwechsel gar nicht.

Am 30. Juni 1933 wurden alle jüdischen Verbindungen im Deutschen Reich für aufgelöst erklärt und ihr Eigentum beschlagnahmt. Die Altherrenschaften konnten unter der Aufsicht der Geheimen Staatspolizei noch bis 1938 fortbestehen. Wiedergründungen hat es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben; es soll aber einen Altherrenverband in Israel geben. Der Beitrag von Mitgliedern insbesondere der zionistischen Verbindungen am Aufbau Israels kann nicht unterschätzt werden. So waren auch Mitglieder in der Regierung zu finden.

Bekannte Mitglieder jüdischer Studentenverbindungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Adolph Asch: Geschichte des K.C. (Kartellverband jüdischer Studenten) im Lichte der deutschen kulturellen und politischen Entwicklung. London 1964.
  • Kurt U. Bertrams: Der Kartell-Convent und seine Verbindungen. WJK-Verlag, Hilden 2008, ISBN 978-3-933892-69-0.
  • Kurt U. Bertrams: Jüdisch-nationale Studentenverbindungen und Verbände. WJK-Verlag, Hilden 2013, ISBN 978-3-944052-24-3.
  • Kurt U. Bertrams: Vergangene Farbenwelten – Erinnerungen jüdischer Korporierter. WJK-Verlag, Hilden 2006, ISBN 3-933892-48-1.
  • Eli Rothschild (Hg.): Meilensteine. Vom Wege des Kartells Jüdischer Verbindungen (K.J.V.) in der Zionistischen Bewegung. Tel Aviv 1972.
  • Martin Biastoch: Jüdische Studenten und studentischer Antisemitismus 1919 bis 1922 in Tübingen. In: Einst und Jetzt. Bd. 38 (1993), S. 249–252.
  • Norbert Kampe: Jews and Antisemites at Universities in Imperial Germany (I). Jewish Students. Social History and Social Conflict. In: Year Book of the Leo Baeck Institute, Bd. 30, 1985, S. 357–394.
  • Thomas Schindler: Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung Bayerns von 1880 bis 1914, Wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister artium (M.A.), Würzburg 1987.
  • Norbert Kampe: Jews and Antisemites at Universities in Imperial Germany (II), The Friedrich Wilhelms Universität of Berlin. A Case Study on the Students „Jewish Question“. In: Year Book of the Leo Baeck Institute, Bd. 32, 1987, S. 43–101.
  • Norbert Kampe: Studenten und „Judenfrage“ im Deutschen Kaiserreich. Die Entstehung einer akademischen Trägerschicht des Antisemitismus (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd.76), Göttingen 1988, 327 Seiten.
  • Thomas Schindler: Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen 1880–1933. In: Jürgen Setter (Hg.): Schriftenreihe der Studentengeschichtlichen Vereinigung des Coburger Convents, Heft 27, Jever 1988.
  • Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. (Volltext: [1])
  • Thomas Schindler: Der Kampf des Kartell-Convents (K.C.) gegen Antisemitismus. In: Einst und Jetzt (Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung). Bd. 36 (1991).
  • Norbert Kampe: The Jewish Arrival at Higher Education. In: Herbert A. Strauss (Hg.): Hostages of Modernization. Studies on Modern Antisemitism 1870–1933/39, Bd. 1, Berlin 1993, S. 80–106.
  • Norbert Kampe: Von der „Gründerkrise“ zum „Berliner Antisemitismusstreit“. Die Entstehung des modernen Antisemitismus in Berlin 1875–1881. In: Reinhard Rürup (Hg.): Jüdische Geschichte in Berlin. Essays und Studien, (Begleitband zur Ausstellung in der Neuen Synagoge, Oranienburger Str.), Berlin 1995, S. 85–100.
  • Norbert Kampe: „Studentische Judenfrage“ und „Neuer Nationalismus“ im Deutschen Kaiserreich. Zur Wirkungsgeschichte der Vereine Deutscher Studenten. In: Marc Zirlewagen (Hg.): Kaisertreue – Führergedanke – Demokratie. Beiträge zur Geschichte der Vereine Deutscher Studenten (Kyffhäuser-Verband), Köln 2000, S. 37–77.
  • Fritz Roubicek: Von Basel bis Czernowitz. Die jüdisch-akademischen Studentenverbindungen in Europa. Wien 1986 (Beiträge zur österreichischen Studentengeschichte 12). GoogleBooks
  • Harald Seewann: Licaria München 1895–1933. Eine Verbindung deutscher Studenten jüdischen Glaubens im waffenstudentischen Spannungsfeld. In: Einst und Jetzt (Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung). Bd. 52 (2007).
  • Harald Seewann: Zirkel und Zionstern. Bilder und Dokumente aus der versunkenen Welt des jüdisch-nationalen Verbindungsstudententums. 2 Bände, Graz 1990.
  • Miriam Rürup: Ehrensache. Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886–1937, Göttingen 2008. Rezension

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Shmarya Levin: Die Bierfrage spielte eine verhängnisvolle Rolle, in: Kurt U. Bertrams: Als Student in Königsberg. Erinnerungen bekannter Korporierter. Hilden 2006, S. 177–122.
  2. Thomas Schindler: Der Kampf des Kartell-Convents (K.C.) gegen Antisemitismus. In: Einst und Jetzt. 36. Band, Jahrbuch 1991 des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, S. 192.
  3. Hermann Berlak: Der Kartellkonvent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens (K.C.). Berlin 1927, S. 14f.
  4. Geschichte der Hasmonaea