Gertrud Meyer-Denkmann

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Gertrud Meyer-Denkmann 1997

Gertrud Meyer-Denkmann (* 1. März 1918 in Oldenburg; † 19. Dezember 2014 ebenda) war eine deutsche Komponistin, Pianistin, Musikwissenschaftlerin und Musikpädagogin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gertrud Meyer-Denkmann war jüngstes von vier Töchtern einer Handwerkerfamilie. Sie erhielt ab einem Alter von etwa 6 Jahren Klavier- und später Orgelunterricht. Mit fünfzehn Jahren legte sie das staatliche Examen für das Organistenamt ab. Organistentätigkeit an der Strafanstalt Oldenburg und in verschiedenen Kirchengemeinden, Chorleiterprüfung und staatliches Examen für Musikpädagogik schlossen sich an. Nach dem Arbeitsdienst in Ostpreußen und Arbeit als Hauslehrerin in Berlin erhielt sie 1943 eine erste Anstellung als Klavierlehrerin an der Jugendmusikschule Oldenburg, und begann gleichzeitig ein Klavierstudium in der Meisterklasse am Konservatorium Bremen.

Sie heiratete den Kunsttischler Gerold Meyer und bekam einen Sohn. Sie lebte in Oldenburg.

Beruflicher Werdegang und Tätigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An ihre Ausbildung schloss sich zunächst eine Lehrtätigkeit in Oldenburg an, in der sie bereits den üblichen Rahmen des Klavierunterrichts sprengte und mit Kindergruppen experimentell improvisierte. Anregung dafür erhielt sie durch die Begegnung mit Reinhard Pfennig, der an der Pädagogischen Hochschule Oldenburg lehrte und Strukturprinzipien der Bildenden Kunst analysierte,[1] die Meyer-Denkmann auf die Musik übertrug.

1957 besuchte sie zum ersten Mal die Internationalen Ferienkurse in Darmstadt, wo sie die pianistischen Besonderheiten der neuen und experimentellen Musik bei Eduard Steuermann und David Tudor (New York) kennenlernte. Außerdem studierte sie bei Karlheinz Stockhausen und Maurizio Kagel Komposition und nahm über viele Jahre regelmäßig an den Darmstädter Kompositionskursen für neue Musik (seit 1957) und den Kölner Kursen für neue Musik teil.

Vor allem mit John Cage bestand über lange Zeit eine enge Verbindung. Sie führte viele seiner Kompositionen selbst, mit anderen Musikern und mit ihren Studenten auf, lud ihn mehrfach nach Oldenburg zu Konzerten und Workshops ein, und beschäftigte sich grundlegend mit seinem musikalischen Denken. Eine langjährige Freundschaft und Arbeitsbeziehung bestand auch mit dem Komponisten Dieter Schnebel.[2]

Tätigkeit als Pianistin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Meyer-Denkmann startete eine umfangreiche Konzerttätigkeit als Pianistin mit Ensembles von Karlheinz Stockhausen, Maurizio Kagel, John Cage und anderen Komponisten, beteiligte sich an Rundfunk- und Schallplattenproduktionen[3] und spielte zahlreiche Solokonzerte, in denen sie viele Klavierwerke der neuen Musik aufführte.

Tätigkeiten als Musikwissenschaftlerin und -pädagogin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über viele Jahre hinweg produzierte sie regelmäßig Rundfunk- und Fernsehsendungen für Radio Bremen, für den NDR, den WDR, das ZDF u. a., sowie Zeitungsartikel mit Berichten, Rezensionen und Essays.

Ab 1971 lehrte sie zunächst an den Musikhochschulen Köln und Düsseldorf, ab 1976 an der Musikhochschule Bremen. 1975 erhielt sie ihren ersten Lehrauftrag an der Universität Oldenburg und ab 1984 auch an der Bremer Universität. An der Oldenburger Universität lehrte sie bis 2004.

Daneben hielt sie zahlreiche Kurse in der BRD,[4] in vielen europäischen Ländern[5] sowie in den USA[6] und Indien.[7] Sie veröffentlichte ab 1970 zahlreiche Bücher zunächst überwiegend zu musikpädagogischen Themen. Mit ihren letzten Büchern ab 1996, die in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Friedemann Schmidt-Mechau entstanden, vor allem mit Mehr als nur Töne. Aspekte des Gestischen in neuer Musik und im Musiktheater griff sie weit darüber hinaus.

An einer Sonderschule für Lernbehinderte forschte und lehrte sie in den 1980er Jahren und entwickelte Konzeptionen einer integrativen Kommunikations- und Sprachförderung, die in ihr letztes Buch Sprache Sprechen – Spielen – Lernen eingingen.

Musikpädagogik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Es gilt, musikalische Kategorien nicht nur hinzunehmen und zu verstehen, sondern sie auch verarbeiten zu können. Erst dann werden sie zur persönlichen Erfahrung. Dieses produktive Musizieren ermöglicht von Beginn musikalischer Unterweisung an ein Hineinwachsen in die Elemente nicht nur der traditionellen, sondern auch der neuen Musik.“[8]

Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte Meyer-Denkmann bereits vor ihrer Begegnung mit neuer Musik 1957 in Darmstadt die grundlegenden Prinzipien ihrer Musikpädagogik analog zu den Arbeiten Reinhard Pfennigs zur Bildenden Kunst.[9] Mit ihrem ersten Buch Klangexperimente und Gestaltungsversuche im Kindesalter, das überaus erfolgreich war und auch ins Holländische, Englische und Griechische übersetzt wurde, formulierte sie eine neue Musikpädagogik, die die freie, experimentierende Erforschung der klanglichen Möglichkeiten zur Grundlage nahm und dies mit musikalischen Strukturen, sowie mit instrumentalen und körpersprachlichen Bewegungs- und Ausdrucksgesten verband. Auf diese Weise konnten Kinder die Strukturen neuer Musik er-improvisieren. Gemeinsame, selbstgestaltete Musik entstand durch Zusammenwirken in der Gruppe und deren Kommunikation. Jede Form von Kindertümelei, speziell pädagogisch ambitionierter Musik oder auf reine Reproduktion gerichteten Vollzug des Musizierens lehnte sie ab. Der Einbezug technischer Möglichkeiten der Musikproduktion in das musikalische Experimentieren fand ihr besonderes Interesse.

Mit dem Buch Struktur und Praxis neuer Musik im Unterricht baute sie ihre Methode aus, vertiefte die Einsichten und Analysen und schuf damit ein breites Kompendium experimenteller und improvisatorischer Verfahren. Mit ihren Methoden prägte sie bis heute die Elementare Musikpädagogik.

Musikwissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihren praktisch-pädagogischen Ansatz verarbeitete sie auch wissenschaftlich, vor allem in ihrem Buch Mehr als nur Töne. Aspekte des Gestischen in neuer Musik und im Musiktheater. Hier stützt sie sich vor allem auf die Arbeiten von Vilém Flusser,[10] Roland Barthes,[11] Bertolt Brecht.[12] und Walter Benjamin[13] Auf dieser Grundlage entwickelte sie umfangreiche Differenzierungen des Gesten-Begriffs, in dem sie die Physis des Musizierens, das Bewegungsrepertoire am Instrument, die strukturellen Besonderheiten von Kompositionen und deren geistige Inhalte verbunden sieht.

Einen anderen Ansatz verfolgt Meyer-Denkmann einer Feststellung Adornos folgend, der formuliert: „… in der jüngsten Entwicklung fließen die Grenzen zwischen den Kunstgattungen ineinander, oder genauer: ihre Demarkationslinien verfransen sich …“[14] und beschäftigte sie sich gerade mit den künstlerischen Gebieten, in denen Grenzen überschritten werden, Performance, Fluxus, Musiktheater, Klanginstallation, Mixed Media, DJ-ing, interaktive Medienkunst usw.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Verleihung des Dr. phil. h. c. (Universität Oldenburg) 1988.
  • Großes Stadtsiegel der Stadt Oldenburg 1998
  • Kulturpreis der Oldenburgischen Landschaft 2002

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klangexperimente und Gestaltungsversuche im Kindesalter. Neue Wege einer musikalischen Grundausbildung. Universal Edition, Wien 1970 (auch auf Niederländisch, Englisch und Griechisch)
  • Struktur und Praxis neuer Musik im Unterricht. Experiment und Methode. Universal Edition, Wien 1972
  • Schulsozialarbeit mit Musik und anderen Medien. Eres, Lilienthal bei Bremen 1979
  • Kassettenrekorderspiele und Tonbandproduktionen. Modelle und Projekte für den Unterricht. Bosse, Regensburg 1984
  • Körper – Gesten – Klänge. Improvisation, Interpretation und Komposition neuer Musik am Klavier. Pfau, Saarbrücken 1998
  • Mehr als nur Töne. Aspekte des Gestischen in neuer Musik und im Musiktheater. Pfau, Saarbrücken 2003
  • Grenzübergänge zwischen Musik, Kunst und den Medien heute. Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg, Oldenburg 2005
  • Zeitschnitte meines Lebens mit neuer Musik und Musikpädagogik 1950–2005. Wolke, Hofheim 2007
  • Sprache sprechen – spielen – lernen. Eine kommunikative Sprachförderung. BIS, Oldenburg 2009

Aufsätze und Rundfunksendungen sind auf Meyer-Denkmanns Webseite zusammengestellt unter Bibliografie (siehe Weblinks)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • W. Joosen: Gertrud Meyer-Denkmann: Klangexperimente und Gestaltungsversuche im Kindesalter. In: Vlaams Muziektidschrift, Zeitschrift des Algemeen Nederlands Zangverbond, Antwerpen, Nr. 3, 1971, S. 91
  • Egon Kraus: Gertrud Meyer-Denkmann: Klangexperimente und Gestaltungsversuche im Kindesalter. In: Musik und Bildung, Heft 1, Schott, Mainz 1971, S. 46
  • Jörg Schwenk: Die „rote reihe“ der Universal-Edition. In: Film-Bild-Ton – Zeitschrift für audiovisuelle Mittel in der Pädagogik, Heering-Verlag, München, Heft 3, März 1971, S. 38–41
  • Peter Fuhrmann: Rundfunkvortrag. Deutschlandsender 1972
  • Sigrid Abel-Struth: Modelle für den Musikunterricht. In: Musica, Heft 6, Bärenreiter, Kassel 1972, S. 594–596
  • Peter Krellmann: Rundfunkvortrag. Westdeutscher Rundfunk Köln, 1973
  • Peter Fuhrmann: ohne Titel. In: German Studies, Section II. Volume VI, Nr. 2. Edited by the Institute for Scientific Co-Operation, Tübingen 1973
  • Klaus Schweizer: Neue Musik im Unterricht. In: Melos, Heft 2, Schott, Mainz März/April 1974, S. 91
  • Werner Klüppelholz: Zu einigen Voraussetzungen von Gruppen-Improvisation. In: Musik und Kommunikation. Heft 1, Eres-Edition, Lilienthal-Bremen, November 1978, S. 15–19
  • Siegfried Borris: Das auditiv vorgeprägte Kind – ein Erziehungsproblem. In: Musik und Bildung Heft 11, Schott, Mainz 1979, S. 662–667
  • Walter Piel: Der Bau von Musikinstrumenten mit Schulkindern. Bemerkungen zur Quellenlage in Deutschland. In: Altenburg, Detlef (Hrsg.): Ars musica, musica scientia. Festschrift Heinrich Hüschen zum fünfundsechzigsten Geburtstag am 2. März 1980. Gitarre u. Laute-Verlags-Ges., Köln 1980, S. 364–368
  • Günther Noll: Improvisation im Musikunterricht. In: Musik und Bildung, Heft 2, Schott, Mainz Februar 1980, S. 90–92
  • Walter Heise: Meyer-Denkmann, G.: Kassettenreorderspiele und Tonbandproduktionen. In: Zeitschrift für Musikpädagogik, Heft 32, Bosse, Regensburg, Nov. 1985, S. 63
  • Meyer-Denkmann, Gertrud. In: Siegmund Helms, Reinhard Schneider, Rudolf Weber (Hrsg.): Neues Lexikon der Musikpädagogik. Kassel 1994
  • Marion Saxer: Kindheitsbilder und künstlerische Konzepte: Von den 70er Jahren zur Gegenwart. In: Positionen. Beiträge zur Neuen Musik, 39, Berlin Mai 1999, S. 14–20
  • Magdalene Melchers: „Musik ist zum Hören da, nicht zum Entspannen“ – GMD zum 80. Geburtstag. In: Frau und Musik. Heft 49, Bärenreiter, Kassel März 1999, S. 13–14
  • Bernhard Weber: Neue Musik und Vermittlung. Georg Olms Verlag, Hildesheim / Zürich / New York. 2003

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

eigene Texte

andere Verweise

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. später dargestellt in: Bildende Kunst der Gegenwart – Analyse und Methode. Oldenburg: Isensee 1959
  2. Dieter Schnebel verfasste Vorworte zu Struktur und Praxis neuer Musik im Unterricht, zu Körper Gesten Klänge. Meyer-Denkmanns Autobiografie Zeitschnitte ist Dieter Schnebel gewidmet.
  3. Wergo 60043, DGG 2536018
  4. Jugendhof Vlotho, Akademie Remscheid, Universität Paderborn, Musikhochschule Freiburg, Musikhochschule Hannover, Musikakademie Trossingen, Europäischer Pianokongress Leipzig
  5. Niederlande (Groningen und Amsterdam), Österreich (Salzburg – Orff-Institut), England, Schweiz (Kulturmühle in Lützelflüh), Liechtenstein (Musikhochschule), Italien (Toscana), Portugal (Goethe-Institut Lissabon) und Griechenland (Goethe-Institut Athen und Mathey-Musikschule Athen)
  6. Brooklyn
  7. Goethe-Institut Mumbay, Goethe-Institut Poona, Goethe-Institut Delhi
  8. G. Meyer-Denkmann: Struktur und Praxis neuer Musik im Unterricht – Experiment und Methode. Universal Edition, Wien 1972, S. 70.
  9. siehe Anm. 1
  10. Vilém Flusser: Gesten. Versuch einer Phänomenologie. Bollmann, Bensheim / Düsseldorf 1993
  11. Roland Barthes: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1990 (= ders.: Kritische Essays, Band 3) und Fragmente einer Sprache der Liebe. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984
  12. Bertolt Brecht: Berichtigung alter Mythen. In: ders., Gesammelte Werke [in 20 Bänden], hrsg. in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann. Band 11. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967. Schriften zum Theater. Aufbau-Verlag, Berlin 1964
  13. Walter Benjamin: Illuminationen, hrsg. von Siegfried Unseld. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1961 (= ders.: Ausgewählte Schriften). Versuche über Brecht, hrsg. von Rolf Tiedemann. 7. Auflage., Suhrkamp Frankfurt am Main 1988. Angelus Novus. Surkamp, Frankfurt am Main 1988 (= ders., Ausgewählte Schriften, Band 2)
  14. Theodor W. Adorno: Die Kunst und die Künste. In: Ohne Leitbild. Suhrkamp, Frankfurt 1967, S. 158