Gesprächspsychotherapie nach Rogers

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Die Gesprächspsychotherapie nach Rogers ist eine klientenzentrierte Psychotherapie, die vom US-amerikanischen Psychologen Carl Rogers entwickelt wurde.

Gesprächspsychotherapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft, Namensvielfalt und Grundorientierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gesprächspsychotherapie wurde von dem amerikanischen Psychologen Carl R. Rogers (1902–1987) auf empirischer Basis als ein psychotherapeutisches Konzept entwickelt, das er zunächst „nicht-direktive Psychotherapie“ („non-directive psychotherapy“)[1] nannte, aber später, weil „nicht-direktiv“ zu oft missverstanden wurde, nachdrücklich „klientenzentrierte Psychotherapie“ („Client-centered Therapy“)[2] nannte.

In Deutschland wurde dieses Konzept vor allem durch den Psychologen Reinhard Tausch mit seinem Buch „Das psychotherapeutische Gespräch“[3] bekannt gemacht. In der 2. Auflage dieses Buches, 1968,[3] nannte Tausch diesen Ansatz „Gesprächspsychotherapie“ und behielt diese Bezeichnung in den folgenden Auflagen (9. Auflage: 1990) bei. Sie wurde von der psychologischen (z. B. Biermann-Ratjen et al.)[4] und psychiatrischen (z. B. Psychiatrie-Enquête)[5] Literatur übernommen und war 1970 auch Namensgeber des ersten deutschen Fachverbandes für das Verfahren, der „Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie“ (GwG e. V.).

Heute wird in Deutschland in der Regel von Gesprächspsychotherapie gesprochen, wenn das heilkundliche Therapieverfahren gemeint ist, und vom Klientenzentrierten Konzept bzw. vom personzentrierten Ansatz, wenn die damit verbundenen Theorien gemeint sind.

Die Gesprächspsychotherapie als Therapieverfahren war u. a. Gegenstand eines von der deutschen Bundesregierung in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Gutachtens (Meyer et al.).[6] 2002 wurde die Gesprächspsychotherapie als wissenschaftlich anerkanntes Verfahren zur Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten im Rahmen des deutschen Psychotherapeutengesetzes zugelassen.

In Österreich und in der Schweiz ist seltener von Gesprächspsychotherapie bzw. Klientenzentrierter Psychotherapie die Rede als von „Personzentrierter Psychotherapie“ bzw. vom „Personzentrierten Ansatz“ (PCA). Damit soll u. a. dem Umstand Rechnung getragen werden, dass Elemente des von Rogers entwickelten Konzeptes auch in außerklinischen Bereichen, wie Beratung, Pädagogik, Personalentwicklung oder Pastoralpsychologie, eine Rolle spielen. Auch international ist die Bezeichnung nicht einheitlich. Es wird von „Person-centered and Experiential Therapies“ und neuerdings (Elliott et al.)[7] von „Humanistic -Experiential Therapies“ – HEPs – gesprochen.

Vor allem aufgrund ihres Menschenbildes wird die Gesprächspsychotherapie im Rahmen der vier psychotherapeutischen Grundorientierungen (= Paradigmen sensu Kuhn)[8] der humanistischen zugerechnet. Die anderen drei Grundorientierungen sind die psychoanalytische/psychodynamische, die behaviorale/verhaltenstherapeutische und die systemische.

Menschenbild und Annahmen zur Entwicklung der Persönlichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rogers’ Menschenbild entspricht zum einen dem der Humanistischen Psychologie, zu deren Vertretern u. a. der Psychologe Abraham Maslow, der Religionsphilosoph Martin Buber und der Pädagoge John Dewey gehören, zum anderen dem europäischer Existenzphilosophen, wie Søren Kierkegaard. Zentral ist die phänomenologisch-existentielle Grundposition: Der Mensch als reflexives Wesen kann und muss seine Existenz und sein Dasein in dieser Welt sinnhaft definieren.

Rogers sieht auch Übereinstimmungen seiner Auffassungen mit denen des chinesischen Philosophen Lao-Tse: „Wenn ich vermeide, mich einzumischen, sorgen die Menschen für sich selbst. Wenn ich vermeide, Anweisungen zu geben, finden die Menschen selbst das rechte Verhalten. Wenn ich vermeide, sie zu beeinflussen, werden die Menschen sie selbst.“

Rogers’ wichtigste persönlichkeitstheoretische Annahme einer „Aktualisierungstendenz“[9], dass der menschliche Organismus aus sich selbst heraus danach strebe, sich zu entfalten und zu erhalten, entspricht den Vorstellungen des Neurologen Kurt Goldstein (1878–1965), der eine „Selbstaktualisierungstendenz“ des menschlichen Organismus annahm.

Im Zentrum der Persönlichkeitstheorie der Gesprächspsychotherapie steht das „Selbst“. Menschen streben von ihrer Geburt an danach, ein Selbst zu entwickeln. Diese Entwicklung wird im Wesentlichen durch die Erfahrungen geprägt, die ein Individuum im Kontakt mit seiner Umwelt macht, vor allem mit den wichtigen Pflegepersonen (Eltern), und insbesondere durch die Bewertungen dieser Erfahrungen durch den eigenen Organismus und durch die wichtigen Bezugspersonen. Von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des Selbst ist nach Rogers, wie dem angeborenen Bedürfnis nach „Positiver Beachtung“ bei der jeweiligen Erfahrung Rechnung getragen wird. Wenn ein Kind in seinen Erfahrungen nicht oder nicht ausreichend beachtet wird (z. B. aus Desinteresse oder Überforderung oder aufgrund anderer eigener Probleme der Bezugspersonen) oder wenn es in bestimmten Erfahrungen negativ bewertet wird („stell Dich nicht so an, Du bist doch ein Junge, da weint man nicht“ = nicht Bedingungsfreie Positive Beachtung), dann ist das der Entwicklung eines stabilen Selbst abträglich.

Unterschiede zum psychoanalytischen und behavioralen Paradigma[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rogers betont weniger die Interaktion der sog. Instanzen (Ich, Über-Ich und Es) im Erleben und mehr die Entwicklung des Selbst bzw. Selbstkonzepts und dessen Einfluss auf die Erfahrung. Er geht von einem dem Menschen innewohnenden Potential zur eigenen Entwicklung (=Aktualisierungstendenz und Selbstaktualisierungstendenz) aus und relativiert damit die triebtheoretischen Annahmen Freuds (psychoanalytische Triebtheorie). Er sieht in der Aktualisierungstendenz die maßgebliche Entwicklungskraft der Persönlichkeit und relativiert damit auch die Bedeutung von – außen angeleiteten – Lernprozessen (S-R-Modell. → Lerntheorie), die im Behaviorismus als maßgebliche Entwicklungsfaktoren angesehen werden.

Übereinstimmungen mit neueren psychologischen Theorien und empirischen Evaluationen psychotherapeutischer Behandlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rogers’ persönlichkeits- und entwicklungstheoretische Grundannahmen werden durch später entwickelte psychologische Theorien gestützt und ergänzt. Das gilt z. B. sowohl für die Erkenntnisse der Bindungstheorie[10] als auch für die der Systemtheorie.[11]

Die von Rogers auf empirischer Grundlage entwickelte therapietheoretische These, dass der Erfolg einer Psychotherapie im Wesentlichen von einer bestimmten Qualität der therapeutischen Beziehung abhängt, wurde von der empirischen Psychotherapieforschung immer und immer wieder bestätigt[12] und gilt inzwischen als allgemein anerkannte Lehrmeinung.[13][14]

Was kennzeichnet eine psychische Störung und wie entwickelt sie sich?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Theorie der Gesprächspsychotherapie wird davon ausgegangen, dass sich psychischen Störungen entwickeln, wenn bestimmte Erfahrungen, die wiederum mit bestimmten Gefühlen verbunden sind, nicht oder nicht vollständig oder nur verzerrt gemacht werden: Gesprächspsychotherapeuten sprechen von Inkongruenz, wenn die Erfahrungen nicht angemessen im reflexiven Bewusstsein symbolisiert sind, und zwar weil diese Erfahrungen unvereinbar mit dem Selbstkonzept sind und „abgewehrt“, d. h., im Bewusstsein „verleugnet“ oder „verzerrt“ werden. Der Vorgang der »Abwehr« bestimmter Gefühle und Erfahrungen ist in der Regel nicht bewusst, wird aber häufig gespürt in einer diffusen, scheinbar unbegründeten Anspannung oder Angst, deren Herkunft und Sinn den Betroffenen verschlossen bleibt.

Die gesprächspsychotherapeutische Entwicklungstheorie geht heute[15] davon aus, dass nur Erfahrungen und die mit ihnen verknüpften Bewertungen bzw. Gefühle Bestandteil des Selbst bzw. des Selbstkonzepts werden können, die von den wichtigen Bezugspersonen als Erfahrungen und Gefühle des Kindes empathisch erkannt und bedingungsfrei emotional positiv als Erfahrungen des Kindes aufgenommen werden. Ein Kind, dessen Mutter – aus welchen Gründen auch immer – es nicht aushält, wenn ihr Kind Wutanfälle bekommt und diese z. B. bestraft, wird seine emotionale Erfahrung – »es macht mich wütend, wenn...« – nicht in sein Selbst integrieren können. Ist das Kind später Patient, wird er z. B. dem Therapeuten erzählen, dass er Angst davor hat, Wut zu spüren, denn Wütendsein sei für ihn gleichbedeutend mit einem Bösesein, das bestraft werden müsse. Rogers hat vor allem die sich in diesem Beispiel zeigende Übernahme der Bewertungen der eigenen Erfahrungen durch wichtige Andere, die man als Kind erfährt, als eigene Bewertungsmaßstäbe in die Vorstellungen davon, wie man gerne wäre (Selbstideal) oder wie man sein und erleben sollte, als krankmachend betont.

Die Entstehung von psychischen Störungen mit der Folge einer seelischen Erkrankung ist in der Regel viel komplexer als hier dargestellt werden kann. Die beschriebenen Zusammenhänge sollten aber ausreichen, um daraus die wichtigste therapeutische Aufgabe eines Gesprächspsychotherapeuten abzuleiten: Im therapeutischen Prozess sollte es dem Patienten zunehmend möglich sein, bisher nicht oder nur unvollständig zugelassene emotionale Erfahrungen als seine Erfahrungen zu erkennen, die zu seinem Selbst gehören. Dazu ist es notwendig, diese auch zu symbolisieren. Das wird möglich, wenn sich zwischen dem Therapeuten und dem Patienten eine Beziehung entwickelt, die auf Seiten des Therapeuten gekennzeichnet ist durch Empathie, Kongruenz und Bedingungsfreie Positive Beachtung der Erfahrungen des Patienten und wenn der Patient dieses Beziehungsangebot des Therapeuten auch so wahr- und annehmen kann.

Therapietheorie und therapeutische Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rogers[10] ist durch systematische Beobachtungen (u. a. mit Hilfe von Protokollen, Aufnahme von Therapiesitzungen auf Tonträger und indem er das Verhalten erfolgreicher mit dem nicht oder weniger erfolgreichen Therapeuten verglich) zur Abstraktion der Bedingungen für den wirksamen therapeutischen Prozess gekommen.

Bei den drei Aspekten der therapeutischen Beziehung, die Rogers als notwendige Bedingungen für Persönlichkeitsveränderungen durch Psychotherapie auf der Seite des Therapeuten benannt hat, nämlich Empathie, Kongruenz und Bedingungsfreie Positive Beachtung, handelt es sich nicht um Verhaltensweisen, die von einem Therapeuten unabhängig voneinander geplant und gezielt verwirklicht und eingesetzt werden können. Ob ein Therapeut seinen depressiven Patienten z. B. in dessen Gefühl von innerer Leere ausreichend versteht (Empathie), hängt u. a. davon ab, ob er selbst in diesem Erfahrungsfeld hinreichend kongruent (Kongruenz) ist, d. h., dass er seine eigenen Ängste vor depressiver Ohnmacht nicht verleugnen oder verzerren muss, so dass er sich den Erfahrungen des Patienten positiv beachtend (Bedingungsfreie Positive Beachtung) zuwenden kann (die sog. „Therapeutenvariablen“). Rogers hat außer den drei Aspekten der psychotherapeutischen Beziehung drei weitere notwendige Bedingungen für Persönlichkeitsveränderungen durch den psychotherapeutischen Prozess benannt:[10]

  1. Zwischen dem Patient und dem Therapeut gibt es einen psychologischen Kontakt, d. h., sie reagieren aufeinander als Personen, bedeuten einander etwas. Das ist z. B. nicht der Fall, wenn ein Patient floride psychotisch ist und im Therapeuten einen Geheimagenten wähnt.
  2. Die Probleme, Symptome oder inadäquaten Verhaltensweisen des Patienten sind Ausdruck von Inkongruenz, d. h. einer Unvereinbarkeit seiner Erfahrungen mit seinem Selbstbild, d. h., auch dass sie psychischen Ursprungs sind.
  3. Der Patient nimmt das Beziehungsangebot des Gesprächspsychotherapeuten, dass dieser ihn empathisch versteht und unbedingt positiv in seinen Erfahrungen beachtet, zumindest ansatzweise wahr und auch an.

Von zentraler Bedeutung für die Gestaltung des psychotherapeutischen Kontaktes ist für den Gesprächspsychotherapeuten seine Überzeugung, dass die menschliche Entwicklung von der Selbstaktualisierungstendenz bestimmt ist. Dies hält den Therapeuten weitgehend davon ab, strukturierende Maßnahmen zu ergreifen, wie Übungen und Hausaufgaben anzuordnen, oder den Patienten auf unbewusste Konflikte anzusprechen, ohne dass der Patient sie auch nur ahnt. Vor diesem Hintergrund ist die Gesprächspsychotherapie ein „nicht-direktives“ Verfahren, deren Ziel es ist, die vorhandenen Ressourcen eines Patienten zu aktivieren.[16]

Handlungsleitend sind für den Gesprächspsychotherapeuten im therapeutischen Kontakt vor allem seine eigenen „Abweichungen von der Bedingungsfreien Positiven Beachtung“ der Erfahrungen des Klienten, sowohl positive Abweichungen („Ich spüre Bewunderung, wenn mein Patient erzählt, wie tapfer er seine Suizidgedanken bekämpft“) als auch negative („Ich bin erleichtert, dass er die Stunde abgesagt hat, er hätte doch nur wieder dasselbe erzählt“). Der Gesprächspsychotherapeut ist geschult, solche „Abweichungen“ zu erkennen und – in der Regel – selbstreflexiv aufzulösen; gelingt ihm das nicht, sucht er Hilfe durch Supervision.

Forschung in der Gesprächspsychotherapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rogers hatte den Anspruch, die aus klinischen Erfahrungen gewonnenen Erkenntnisse und die sich daraus ergebenen theoretischen Annahmen über psychotherapeutische Prozesse und Effekte wissenschaftlich zu überprüfen. Obwohl seine wissenschaftstheoretischen Grundlagen die Phänomenologie und die humanistischen Psychologie waren, benutzte er – mangels geeigneter Alternativen[17] – dazu die Methoden der naturwissenschaftlich-experimentell ausgerichteten Psychologie. Rogers ist damit einer der Pioniere der empirischen Psychotherapieforschung und z. B. der erste, der zum Zwecke der systematischen Erforschung von Gesetzmäßigkeiten der psychotherapeutischen Interaktion Tonaufzeichnungen von Therapiegesprächen erstellen ließ. Seine 1954 publizierte preisgekrönte Psychotherapiestudie über Prozesse und Effekte klientenzentrierter Psychotherapie[18] wurde für die Psychotherapieforschung methodisch wegweisend. Der gegenwärtige Stand der internationalen Wirksamkeitsforschung im Bereich der „Humanistic-Experiential Psychotherapies“ (= HEPs) stellen[7][19][20] dar. Er lässt sich so zusammenfassen:[21]

  1. HEP-Therapien führen zu signifikanten und klinisch relevanten Prä-Post-Veränderungen.
  2. Die zum Postzeitpunkt erreichten Veränderungen sind nicht nur kurzfristig (bis zu einem Jahr nach dem Behandlungsende) sondern auch längerfristig (nach mehr als einem Jahr) stabil. Darüber hinaus kommt es in der Zeit nach Ende der Therapie im Mittel noch zu weiteren Verbesserungen.
  3. Veränderungen durch HEP-Therapien sind deutlich (signifikant) größer als die Veränderungen bei vergleichbaren Klienten, die nicht behandelt werden (Wirksamkeitsnachweise durch RCT-Studien).
  4. Die generelle Wirksamkeit von HEP-Therapien unterscheidet sich weder in klinischer noch in statistischer Hinsicht von der Wirksamkeit anderer Therapieverfahren (das sog. Dodobird-Verdikt hat weiterhin Bestand).

Obwohl es keine generellen Unterschiede in der Wirksamkeit zwischen den verschiedenen Therapieverfahren gibt, profitiert in der Regel ein bestimmter Patient von einem bestimmten Therapieverfahren schneller oder mehr als von einer anderen Therapie. Die Frage, welches Therapieverfahren das für einen konkreten Patienten das am besten geeignete ist, wird im Rahmen der Indikationsstellung, die auch eine differentielle Therapieindikation einschließt, entschieden (s. 9).

Anwendungsbereiche und -formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Klientenzentrierte Konzept hat schon bald nach seiner Entwicklung Eingang in die Kinder- und Jugendlichentherapie[22][23], z. B. im Konzept der Spieltherapie[24], und in die Beratungsarbeit gefunden. In Deutschland ist eine Weiterbildung in „Klientenzentrierter Gesprächsführung“[25] sehr gefragt. Ihr Ziel ist die Verbesserung der Kompetenz für die Erfüllung von Aufgaben in bestimmten psychosozialen Berufsfeldern, vor allem in der Sozialarbeit, der Seelsorge und der Pflege, aber auch in pädagogischen Berufen. Gesprächspsychotherapie wird nicht nur als Einzeltherapie, sondern auch in anderen Settings, z. B. als Gruppen-, Paar- oder Familientherapie, durchgeführt. Eine Übersicht über Gesprächspsychotherapie in den verschiedenen Anwendungsbereichen und –formen sowie über konzeptuelle Weiterentwicklungen bietet das „Lehrbuch Gesprächspsychotherapie“[26], in dem auch über die Ausbildungsmöglichkeiten informiert wird. Eine vertiefte Darstellung der verschiedenen Weiterentwicklungen innerhalb des Klientenzentrierten Konzepts finden sich u. a. in den Büchern „Gesprächspsychotherapie. Die therapeutische Vielfalt des personzentrierten Ansatzes“[27] und „Praxis der Personzentrierten Psychotherapie“.[28] Sachse[29] versucht, die beziehungsorientierte Gesprächspsychotherapie in eine klärungsorientierte Psychotherapie zu transformieren, und Finke[30] das gesprächspsychotherapeutische Beziehungsangebot in ein interventionsorientiertes Vorgehen zu überführen.

Gesprächspsychotherapie in der Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn Therapeut und Klient nach maximal fünf Probesitzungen übereinkommen, dass eine gesprächspsychotherapeutische Behandlung mit guten Erfolgsaussichten möglich zu sein scheint, schließen sie einen schriftlichen Therapiekontrakt. Er enthält Informationen über das Vorgehen in einer Gesprächspsychotherapie und über mögliche Nebenwirkungen (informierte Einwilligung) sowie die Vereinbarungen über das Behandlungsziel, das Behandlungshonorar, den Behandlungsort und die Behandlungszeiten.

Die übliche Behandlungsfrequenz ist eine Sitzung in der Woche von je 45 bis 50 Minuten Dauer. Der mittlere Behandlungsumfang von Gesprächspsychotherapien beträgt rund 70 Sitzungen in einem Zeitraum von knapp zwei Jahren.

Unter bestimmten Bedingungen kann auch eine erfolgversprechende Kurzzeittherapie mit einem auf z. B. 25 Sitzungen begrenzten Behandlungsumfang vereinbart werden.

Finanzierung: Die Gesprächspsychotherapie ist zwar ein im Rahmen des deutschen Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) wissenschaftlich anerkanntes Heilverfahren, jedoch übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen (bisher) die Behandlungskosten nicht, so dass in der Regel der Patient selbst diese Kosten aufbringen muss, die sich üblicherweise an der Gebührenordnung für Psychotherapie der Krankenkassen orientieren.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • C. R. Rogers (1985): Die nicht-direktive Beratung. Frankfurt/M: Fischer-Taschenbuch. Reihe Geist und Psyche. ISBN 978-3596421763
    (Original: 1942. Counseling and Psychotherapy. Boston: Houghton Mifflin).
  • Rogers, C. R. (1983). Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie. Client-centered Therapy. Frankfurt/M: Fischer-Taschenbuch. Reihe Geist und Psyche. ISBN 978-3596421756
    (Original: 1951. Client-centered therapy. Boston: Houghton Mifflin Company).
  • Rogers, C.R. (2009). Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. München: Reinhardt. ISBN 978-3497019908
    (Original: 1959. A theory of therapy, personality, and interpersonal relationships, as developed in the client-centered framework. In S. Koch (ed.), Psychology: a study of a science, Vol. 3 (pp.184–256). New York: McGraw Hill).
  • Rogers, C. R. (1983). Therapeut und Klient. Grundlagen der Gesprächspsychotherapie. Herausgegeben von W. W. Pfeiffer. Frankfurt/M: Fischer-Taschenbuch. Reihe Geist und Psyche. ISBN 978-3596422500
  • Rogers, C. R. (2014). Entwicklung der Persönlichkeit: Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. 19. Aufl.; Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN 978-3608943672
    (Original: 1961. On becoming a Person. Boston: Houghton Mifflin).
Einführende Kurzdarstellung
  • Eckert, J. & Kriz J. (2011). Humanistische Therapieverfahren. In: Wolfgang Senf und Michael Broda (Hrsg.), Praxis der Psychotherapie. Ein integratives Lehrbuch. 5., überarb. Aufl., S. 256–277. Stuttgart New York: Thieme. ISBN 978-3-13-106095-2
Lehrbuch
  • Eckert, J., Biermann-Ratjen, E.-M. & Höger, D. (Hrsg.) (2012). Gesprächspsychotherapie. Lehrbuch (2. Aufl.). Berlin Heidelberg: Springer. ISBN 978-3642286490
Wörterbuch
  • Stumm, G., Wiltschko, J. & W. W. Keil, W.W. (Hrsg.) (2003). Grundbegriffe der Personzentrierten und Focusing-orientierten Psychotherapie und Beratung (S. 111–115). Stuttgart: Pfeiffer bei Klett-Cotta. ISBN 3-608-89697-X
  • Finke, J. (2009). Gesprächspsychotherapie. Grundlagen und spezifische Anwendungen. (4. Aufl.). Stuttgart: Thieme.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rogers, C. R. (1942). Counseling and Psychotherapy. Boston: Houghton Mifflin.
  2. Rogers, C. R. (1951). Client-centered therapy. Boston: Houghton Mifflin Company.
  3. a b Tausch, R. (1960). Das psychotherapeutische Gespräch. Erwachsenen-Psychotherapie in nichtdirektiver Orientierung. Göttingen: Hogrefe.
  4. Biermann-Ratjen, E.-M., Eckert, J. & Schwartz, H. J. (1979). Gesprächspsychotherapie. Verändern durch Verstehen. Stuttgart: Kohlhammer.
  5. Psychiatrie-Enquête: Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland. Deutscher Bundestag, 7. Wahlperiode. Drucksache 7/4200 (1975).
  6. Meyer, A.-E., Richter, R., Grawe, K., Graf v. d. Schulenburg & J.-M, Schulte, B. (1991). Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes. Im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familien, Frauen und Gesundheit. Hamburg: Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf.
  7. a b Elliott, R., Greenberg, L.S., Watson, J., Timulak, L. & Freire, E. (2013). Research on Humanistic-Experiential Therapies. In: Bergin and Garfield’s Handbook of Psychotherapy and Behavior Change, 6.th. ed., p.495–538. Hoboken , New Jersey: John Wiley & Sons.
  8. Kuhn, T. S. (1977). Neue Überlegungen zum Begriff des Paradigmas. In T. S. Kuhn, Die Entstehung des Neuen: Studien zur Struktur der Wissenschaftsgeschichte (S. 389–420). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  9. Rogers, C. R. (1959). A theory of therapy, personality, and interpersonal relationships, as developed in the client-centered framework. In S. Koch (ed.), Psychology: a study of a science, Vol. 3 (pp.184–256). New York: McGraw Hill. (Deutsch 2009: Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen. München: Reinhardt).
  10. a b c Höger D. (2007). Der Personzentrierte Ansatz und die Bindungstheorie. In: Kriz, J. & Slunecko, Th. (Hrsg.). Gesprächspsychotherapie. Die therapeutische Vielfalt des personzentrierten Ansatzes. S. 64–78. Wien: fakultas wuv UTB.
  11. Kriz, J. (2004). Personzentrierte Systemtheorie – Grundfragen und Kernaspekte. In: von Schlippe, A. & Kriz, W.Ch. (Hrsg.), Personzentrierung und Systemtheorie. Perspektiven für psychotherapeutisches Handeln. S. 13–67. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
  12. Orlinski, D. E., Grawe, K. & Parks B. K. (1994). Process and outcome in psychotherapy – Noch einmal. In A. E. Bergin & S. L. Garfield (Eds.), Handbook of psychotherapy and behavior change (4thed.; pp. 270–376). New York: Wiley.
  13. Hermer, M. & Röhrle, B. (Hrsg.) (2008). Handbuch der therapeutischen Beziehung. Band 1: Allgemeiner Teil und Band 2: Spezieller Teil. Tübingen: dgvt-Verlag.
  14. Norcross, J.C. (Ed.) (2011). Psychotherapy Relationships That Work. Evidence-based Responsivness (Second Edition). New York: Oxford University Press.
  15. Biermann-Ratjen, E.-M. (2012). Klientenzentrierte Entwicklungslehre. In: Eckert, J., Biermann-Ratjen, E.-M. & Höger, D. (Hrsg.), Gesprächspsychotherapie. Lehrbuch, 2. Aufl., S. 67–86. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag.
  16. Eckert, J. (2013) Ressourcenorientierung in der Gesprächspsychotherapie. In: Johannes Schaller & Heike Schemel (Hrsg.), Ressourcen. Ein Hand- und Lesebuch zur therapeutischen Arbeit. 2. Aufl., (515–527). Tübingen: dgvt-Verlag.
  17. Rogers, C.R. 1959 pp.184-256
  18. Rogers, C. R. & Dymond, R. F. (1954). Psychotherapy and personality change. Co-ordinated research studies in the clientcentered approach. Chicago: University of Chicago Press.
  19. Cooper, M. (2008). Essential Research Findings in Counselling and Psychotherapy: The Facts are friendly. London: Sage, 2008.
  20. Cooper, M., Watson, J.C., Hölldampf, D. (Ed.). Person-centered andexperiential therapies work. A review of research on counseling, psychotherapy and related practices.p. 1–15. Ross-on-Wye: PCCS BOOKS.
  21. Biermann-Ratjen, E.-M., Eckert, J. & Schwartz, H.-J. (2016). Gesprächspsychotherapie. Verändern durch Verstehen. 10. überarbeitete Aufl., Stuttgart: Kohlhammer.
  22. Boeck-Singelman, C., Ehlers, B., Hensel, T., Kemper, F. & Monden- Engelhardt, C. (Hrsg.). (1996). Personzentrierte Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Band 1: Grundlagen und Konzepte. Göttingen: Hogrefe. (2., überarbeitete und erweiterte Aufl. erschienen 2002).
  23. Boeck-Singelman, C., Ehlers, B., Hensel, T., Kemper, F. & Monden-Engelhardt, C. (Hrsg.). (1997). Personzentrierte Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. Band 2: Anwendung und Praxis. Göttingen: Hogrefe. (2., überarbeitete und erweiterte Aufl. erschienen 2002)
  24. Axline, V. (1974). Kinderspieltherapie im non-direktiven Verfahren. München: Reinhardt (Original erschienen 1947: Playtherapie. The inner dynamics of childhood).
  25. Weinberger, S. (2013). Klientenzentrierte Gesprächsführung. Lern- und Praxisanleitung für psychosoziale Berufe (14. Aufl.). Weinheim: Beltz.
  26. Eckert, J., Biermann-Ratjen, E.-M. & Höger, D. (2012) (Hrsg.). Gesprächspsychotherapie. Lehrbuch, 2. Aufl. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag.
  27. Kriz, J. & Slunecko, Th. (2011). Gesprächspsychotherapie. Die therapeutische Vielfalt des personzentrierten Ansatzes. Unv. Nachdruck der 1. Aufl. (2007) von UTB. Wien: Fakultas. wuv.
  28. Stumm, G. & Keil, W. (Hrsg) (2014). Praxis der Personzentrierten Psychotherapie. Wien: Springer.
  29. Sachse, R. (2005). Von der Gesprächspsychotherapie zur Klärungsorientierten Psychotherapie. Kritik und Weiterentwicklung eines Therapiekonzeptes. Lengerich: Pabst Science Publisher.
  30. Finke, J. (2009). Gesprächspsychotherapie. Grundlagen und spezifische Anwendungen. (4. Aufl.). Stuttgart: Thieme.