Hörnchen

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Dieser Artikel behandelt die Nagetierfamilie der Hörnchen, zu weiteren Bedeutungen von Hörnchen siehe Hörnchen (Begriffsklärung).
Hörnchen
Goldmantel-Ziesel (Callospermophilus lateralis)

Goldmantel-Ziesel (Callospermophilus lateralis)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Euarchontoglires
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Hörnchenverwandte (Sciuromorpha)
Familie: Hörnchen
Wissenschaftlicher Name
Sciuridae
Fischer de Waldheim, 1817

Die Hörnchen (Sciuridae) sind eine Familie aus der Ordnung der Nagetiere (Rodentia). Unter anderem gehören das Eichhörnchen, das Streifenhörnchen und das europäische Ziesel zu dieser Familie. Insgesamt werden die Hörnchen heute in 51 Gattungen mit etwa 270 bis 280 Arten eingeteilt, wobei die Klassifikation noch im Fluss ist. Hörnchen sind auf der ganzen Welt außer in Australien, Neuguinea, Madagaskar und der Antarktis verbreitet. Sie sind, anders als andere Nagetiere, zum größten Teil tagaktiv und ernähren sich vor allem von Pflanzenteilen, Früchten und Samen sowie von Insekten.

Merkmale[Bearbeiten]

Die Hörnchen sind in ihrer Größe sehr variabel. Die kleinsten Hörnchenarten gehören zu den Afrikanischen und Asiatischen Zwerghörnchen (Myosciurus und Excilisciurus), die jeweils eine Kopf-Rumpflänge von etwa 7 Zentimetern und ein Gewicht von etwa 15 Gramm aufweisen. Sie sind damit kleiner als viele Arten der Mäuse.[1] Im Kontrast hierzu stehen die Murmeltiere (Marmota) und vor allem das Graue Murmeltier (Marmota baibacina) mit einer Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 65 Zentimetern und einem Gewicht von bis zu 6,5 Kilogramm, zum Ende des Sommers und vor dem Winterschlaf teilweise sogar bis zu 8 Kilogramm.[1] Unter den baumlebenden Arten stellen die Riesenhörnchen die größten Arten dar, sie erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 45 Zentimetern bei einem Gewicht von bis zu 3 Kilogramm.[1] Von den Flughörnchen sind die Riesengleithörnchen (Petaurista) die größten Arten mit einer Kopf-Rumpf-Länge von bis zu 60 Zentimetern bei einem Gewicht von bis 2 Kilogramm.[2]

Hörnchen sind gekennzeichnet durch einen voll behaarten, oft buschigen Schwanz, die Anzahl von fünf Zehen an den Hinter- und vier Zehen an den Vorderfüßen und große Augen.

Lebensweise[Bearbeiten]

Mit Ausnahme der fast durchweg nachtaktiven Flughörnchen sind die meisten Arten, jedoch nicht alle, tagaktiv. Sie ernähren sich vor allem von Nüssen und anderen Samen, Früchten und anderen Pflanzenteilen sowie Insekten.

In den Bäumen lebende Hörnchen sind sehr agile Tiere, die weite Sprünge machen können und sich auch bei Stürzen selten verletzen. Sie bauen ihre Nester in Baumhöhlen oder Astgabeln. Dagegen leben die Erdhörnchen in Gängen, die sie unterirdisch anlegen. Sie bleiben stets in der Nähe dieser Höhlen und fliehen beim Nahen eines Feindes ins Innere.

Systematik[Bearbeiten]

Die wissenschaftliche Systematik der Hörnchen geht zurück bis zur Erstbeschreibung des Eichhörnchens und einiger weiterer Hörnchenarten durch Carl von Linné in der 10. Auflage seines Systema naturae. In diesem beschrieb er sechs Gattungen der Nagetiere, darunter auch die Gattung Sciurus. Diese enthielt neben dem eurasischen Eichhörnchen (S. vulgaris) auch die amerikanischen Fuchshörnchen S. niger und S. cinereus, das Europäische Gleithörnchen (S. volans), das Atlashörnchen (S. getulus), das Streifen-Backenhörnchen (S. striatus) und die nicht zuordenbare Art Sciurus flavus. Hinzu kamen das Alpenmurmeltier (M. marmota), das Waldmurmeltier (M. monax) und das Neuweltliche Gleithörnchen (M. volans), die den Mäusen in der Gattung Mus zugeordnet wurden.[3]

Die Einordnung der Hörnchen als eigene Familie erfolgte 1817 durch Johann Fischer von Waldheim, der sie in der Adversaria zoologica in den Memoires de la Societe imperiale des naturalistes de Moscou veröffentlichte. Er benannte die Familie nach der von Carl von Linné eingeführten Gattung Sciurus als Sciuriorum und führte die Gattungen Sciurus und Tamias (Illiger, 1811) zusammen.[4] Von dieser Erstbeschreibung wurden sowohl die Familienbezeichnung Sciuridae wie auch die Bezeichnung der Unterfamilie Sciurinae und der Tribus Sciurini abgeleitet. In den folgenden Jahrzehnten wurden viele weitere Arten beschrieben und auf zahlreiche Gattungen der Nagetiere aufgeteilt. 1923 stellte Pocock eine erste Systematik der Hörnchen zusammen, die mit den Sciurinae, Tamiasciurinae, Funambulinae, Callosciurinae, Xerinae und Marmotinae sechs Unterfamilien enthielt.[5] Ellerman (1940) überarbeitete die bisherigen Ansätze und erstellte eine moderne Systematik mit sieben Sektionen innerhalb der Hörnchen, wobei er eine Benennung der Kladen vermied. Simpson (1945) übernahm die sechs Gruppen von Pocock, führte sie jedoch auf Tribus-Level weiter. Moore (1959) übernahm diese Triben und ergänzte sie um die Ratufini und Protoxerini, in die er einige Arten stellte, die in den Funambulini enthalten waren.[6]

Phylogenetische Systematik der Hörnchen (Sciuridae) nach Steppan et al. 2004 [7]
Sciuridae


Riesenhörnchen (Ratufinae)


     

Neuweltliches Kleinsthörnchen (Sciurillus pusillus; Sciurillinae)



     
Sciurini

Flughörnchen (Pteromyini)


     

Baumhörnchen (Sciurini)



     

Schönhörnchen (Callosciurinae)


     

Erdhörnchen (Xerinae)





Phylogenetische Systematik der Hörnchen (Sciuridae) nach Mercer & Roth 2003[8]
Sciuridae

Riesenhörnchen (Ratufinae)


     

Neuweltliches Kleinsthörnchen (Sciurillus pusillus; Sciurillinae)


     


Erdhörnchen (Xerinae)


Sciurini

Flughörnchen (Pteromyini)


     

Baumhörnchen (Sciurini)




     

Schönhörnchen (Callosciurinae)





Gromov et al. (1965) erhoben die Erdhörnchen als Marmotinae auf eine Ebene als Unterfamilie, außerdem benannten sie die Xerinae und Sciurinae als Unterfamilien. Heaney (1985) ordnete die als Subtribus behandelten Hyosciurina (Hyosciurus, Prosciurillus, Rubisciurus und Exilisciurus) in die Schönhörnchen (Callosciurini) ein. Emry und Thorington (1984) trennten die Tamiasciurini in die Triben Sciurini und die Tamiini innerhalb der Marmotini. 1982 beschrieben sie zudem das älteste bekannte Hörnchenfossil Douglassciurus (ursprünglich Protosciurus) als baumlebende Form, aus der sich sowohl die Baumhörnchen wie auch die Flughörnchen entwickelt haben sollen. Sie behandelten entsprechend die Flughörnchen als Schwestergruppe aller anderen Hörnchentaxa. Die Monophylie der Flughörnchen wurde sowohl unterstützt wie auch bestritten, durch molekularbiologische Untersuchungen, etwa durch Mercer and Roth (2003) und Steppan et al. (2004) konnte unter anderem gezeigt werden, dass die Flughörnchen und die Baumhörnchen ein gemeinsames Taxon bilden. Auf dieser Basis wurde die phylogenetische Systematik erneut überarbeitet und führte zu der Systematik, die Thorington et al. 2005 in der 3. Auflage der Mammals of the World vorstellte.

In der Gattung der Ziesel (Spermophilus) wurden lange Zeit fast 40 Arten zusammengefasst, lediglich die Antilopenziesel (Ammospermophilus) wurden wegen zahlreicher Besonderheiten als eigene Gattung geführt. Die große Zahl der Arten hat mehrere Autoren dazu verleitet, eine Unterteilung der Gattung in Untergattungen zu versuchen. Nach einer umfassenden molekularbiologischen Untersuchung[9] wurde die Ziesel jedoch auf insgesamt acht Gattungen aufgeteilt, die den ehemaligen Untergattungen entsprechen. Begründet wurde dies damit, dass die ursprüngliche Zusammenfassung aller Ziesel gegenüber den Murmeltieren (Marmota), den Antilopenzieseln (Ammospermophilus) und den Präriehunden (Cynomys) paraphyletisch war und damit kein gemeinsames Taxon bildete.[10] Die nordamerikanischen Untergattungen der Ziesel wurden daraufhin zu mehreren Gattungen erhoben, in der Gattung Spermophilus im engeren Sinn verblieben nur die paläarktischen Arten der Untergattung Spermophilus aus Eurasien.

Thorington et al. 2012 übernahmen die Ergebnisse der molekulargenetischen Analysen und die darauf aufbauende Neuordnung in ihrem Standardwerk Squirrels of the World:[11]

Königsriesenhörnchen (Ratufa indica)
Bhutan-Riesengleithörnchen (Petaurista nobilis singhei)
Grauhörnchen (Sciurus carolinensis)
Prevost-Hörnchen (Callosciurus prevostii)
Gelbbauchmurmeltier (Marmota flaviventris)
Hopi-Chipmunk (Tamias rufus)

Etymologie[Bearbeiten]

Die deutsche Bezeichnung Hörnchen leitet sich vom Eichhörnchen ab. Dem liegt die indogermanische Wurzel aig („sich heftig bewegen“) zugrunde. Im Alt- und Mittelhochdeutschen wurde das Eichhörnchen als eichorn („orn“ als Wortendung, ohne das zweite „h“ für „horn“) bezeichnet, im Niederdeutschen als ekerken.[12]

Im Laufe der Zeit ging die alte Bedeutung verloren und man lehnte den ersten Bestandteil an das bekannte Wort Eiche an, den zweiten an Horn, mit dem es aber ursprünglich nichts zu tun hatte. Im 19. Jahrhundert wurde dann die nun für selbständig gehaltene Bezeichnung Hörnchen auf die gesamte Nagetierfamilie angewandt.

Von der in der Antike verbreiteten Ansicht, dass sich Eichhörnchen mit ihrem gewaltigen Schwanz selber Schatten geben könnten, stammt ihr griechischer (in die wissenschaftliche Gattungsbezeichnung eingegangener) Name σκιοῦρος skiuros („Schattenschwanz“).[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Anatomy: Form and Function. In: Richard W. Thorington Jr., John L. Koprowski, Michael A. Steele: Squirrels of the World. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD 2012; S. 7. ISBN 978-1-4214-0469-1
  2. Petaurista Link, 1795. In: Richard W. Thorington Jr., John L. Koprowski, Michael A. Steele: Squirrels of the World. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD 2012; S. 110 ff. ISBN 978-1-4214-0469-1
  3. Carl von Linné: Systema naturae. 10. Auflage, 1758; Band 1, S. 60, 63–64 (Digitalisat).
  4. Johann Fischer von Waldheim: Adversia zoologica. Memoires de la Societe imperiale des naturalistes de Moscou 5, 1817; S. 357-428 (Digitalisat, Beschreibung S. 408)
  5. Reginald Innes Pocock: The classification of the Sciuridae. Proceedings of the Zoological Society of London 1923; S. 209–246.
  6. Joseph Curtis Moore: Relationship among living squirrels of the Sciurinae. Bulletin of the American Museum of Natural History 118, 1959; S. 153–206.
  7. Scott J. Steppan, Brian L. Storz, Robert S. Hoffmann: Nuclear DNA phylogeny of the squirrels (Mammalia: Rodentia) and the evolution of arboreality from c-myc and RAG1. Molecular Phylogenetics and Evolution 30, 2004; S. 703–719.
  8. J.M. Mercer, V.L. Roth: The effects of Cenozoic global change on squirrel phylogeny. Science 299, 2003; S. 1568–1572. (Volltext), doi:10.1126/science.1079705
  9. Matthew D. Herron, Todd A. Castoe, Christopher L. Parkinson: Sciurid phylogeny and the paraphyly of holarctic ground squirrels (Spermophilus). Molecular Phylogenetics and Evolution 31, 2004; S. 1015–1030. (Volltext, PMID 15120398)
  10. Kristofer M. Helgen, F. Russell Cole, Lauren E. Helgen & Don E. Wilson: Generic revision in the Holarctic ground squirrel genus Spermophilus. Journal of Mammalogy, 90, Seiten 270–305, 2009
  11. Richard W. Thorington Jr., John L. Koprowski, Michael A. Steele: Squirrels of the World. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD 2012. ISBN 978-1-4214-0469-1
  12. Eichhorn im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm.
  13. Henry George Liddell, Henry Stuart Jones, Robert Scott: A Greek-English lexicon, A new ed. (9th), rev. and augm. throughout / by Henry Stuart Jones, Oxford, Clarendon Pr. 1951

Literatur[Bearbeiten]

  • Ronald M. Nowak: Walker’s Mammals of the World. Johns Hopkins University Press, 1999, ISBN 0-8018-5789-9
  • Malcolm C. McKenna, Susan K. Bell: Classification of Mammals: Above the Species Level. Columbia University Press, 2000 ISBN 0-231-11013-8
  • Michael D. Carleton, Guy G. Musser: Order Rodentia. In: Don E. Wilson, DeeAnn M. Reeder (Hrsg.): Mammal Species of the World. 3. Ausgabe. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2005, S. 745–1600 ISBN 0-8018-8221-4
  • Richard W. Thorington (Hrsg.): Squirrels of the world. Johns Hopkins University Press, Baltimore 2012 ISBN 1-4214-0469-9

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hörnchen – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien