Hans Pischner

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Hans Pischner (links) begrüßt Franz Konwitschny 1961 auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld.

Hans Pischner (* 20. Februar 1914 in Breslau; † 15. Oktober 2016 in Berlin[1]) war ein deutscher Cembalist, Musikwissenschaftler, Opernintendant, Kulturpolitiker in der DDR und Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der SED.[2]

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Pischner war der Sohn eines Breslauer Klavierstimmers. Er studierte Klavier bei Bronisław von Poźniak und Cembalo bei Gertrud Wertheim, sowie Musikwissenschaft an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Breslau. Von 1933 bis 1939 war er als Musiklehrer und Konzertsolist tätig. Nach dem Kriegsdienst und sowjetischer Gefangenschaft trat er 1946 in die SED ein[3][4] und unterrichtete ab 1946 an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, deren stellvertretender Direktor er 1947 wurde. 1948 ernannte man ihn zum Professor. Von 1950 bis 1954 war Pischner Leiter der Hauptabteilung Musik im Staatlichen Komitee für Rundfunk der DDR und gestaltete den staatlichen Rundfunk mit. Im neugegründeten Ministerium für Kultur wurde er zunächst von 1954 bis 1956 Leiter der Hauptabteilung Musik und amtierte dann von 1956 bis 1963 als stellvertretender Minister für Kultur unter Johannes R. Becher, Alexander Abusch bzw. Hans Bentzien. In seinen Zuständigkeitsbereich fielen 1956 die Hauptabteilungen Musik und VEB Deutsche Schallplatten, Künstlerische Lehranstalten, Kulturelle Massenarbeit und Deutsche Konzert- und Gastspieldirektion, sowie die Abteilung Haushalt und Revision.[5] Er war damit maßgeblich auf staatlicher Seite für die Musikpolitik der DDR verantwortlich.

Von 1963 bis 1984 war Hans Pischner Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Von 1970 bis 1978 war er Vizepräsident der Akademie der Künste der DDR, seine von Kurt Hager 1974 geplante Wahl zum Präsidenten der Akademie scheiterte.[6] Außerdem war er von 1975 bis 1990 Vorsitzender der gesamtdeutschen Neuen Bachgesellschaft, mit Sitz in Leipzig, deren Internationalisierung er vorantrieb.

Als Präsident des Kulturbundes der DDR von 1977 bis 1989 war er dafür zuständig, die Kulturschaffenden nach der Biermann-Ausbürgerung im Sinne der SED-Führung zu lenken und zu steuern.[7] Andererseits setzte er sich für Musiker ein, die in der DDR schlecht gelitten waren, wie zeitweise der Dirigent Hartmut Haenchen.[8] Seinen Rücktritt vom Amt des Kulturbundpräsidenten reichte er am 28. November 1989 ein. In der gleichen Sitzung trat das gesamte Präsidium des Kulturbundes zurück.[9] Mitglied des Zentralkomitees der SED war er von 1981 bis 1989.[10][11]

Hans Pischner hat es immer verstanden, neben seinen beruflichen Aufgaben auch Zeit für das Cembalo zu finden, öffentlich zu konzertieren und zahlreiche Schallplattenaufnahmen einzuspielen.

Von 1995 bis 2008 war er Ehrenpräsident der Internationalen Gesellschaft zur Förderung junger Bühnenkünstler „BühnenReif“ (ISSA) und Gründungsmitglied des Kuratoriums der brandenburgischen Elblandfestspiele Wittenberge. 2007 wurde er zum ersten Ehrenmitglied der Europäischen Kulturwerkstatt (EKW) mit Sitz in Berlin/Wien berufen. Im Dezember 2011 wurde er zum Ehrenmitglied des Richard-Wagner-Verbandes Berlin-Brandenburg ernannt.[12]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans Pischner gehörte zu den Persönlichkeiten des ostdeutschen Musiklebens, die einerseits großen Einfluss hatten und andererseits stark umstritten sind. Sowohl als Leiter staatlicher Einrichtungen wie auch als ausübender Künstler hat er sich einen Namen gemacht. Als stellvertretender Minister für Kultur prägte er das Musikleben der DDR auf staatlicher Seite. Auch später blieb er ein wichtiger Kulturfunktionär, der als Präsident des Kulturbundes einer Massenorganisation vorstand und im Sinne der SED handelte.

Als Intendant der Staatsoper Unter den Linden zeigte er mehr „Eigen-Sinn“ (Alf Lüdtke). Er selbst gab in seiner Autobiografie zu, wie er das System während seiner Intendantenzeit geschickt manipulativ für sich nutzen konnte: „Ich kannte mich aus, konnte im allgemeinen meine Vorstellungen durchsetzen und wußte mir auch in komplizierten Situationen zu helfen. Wenn man es verstand, auf der Klaviatur der – auch untereinander nicht selten uneinigen – Apparate zu spielen, nicht zu viele Fragen zu stellen und damit unerwünschte Antworten zu provozieren, gab es Möglichkeiten, kunstfeindliche politische Strangulierungen zu unterlaufen, dem Gesinnungsterror zu entkommen.“[13] Als Intendant erreichte er trotz vieler Risiken und kulturpolitischer Widerstände, dass sein Haus mit dem anspruchsvollen Spielplan und seinem Ensemble weltweites Ansehen gewann. Die Staatskapelle entwickelte sich, nachdem viele Musiker nach dem Mauerbau das Ensemble verlassen hatten, wieder zu einem der führenden europäischen Orchester. Pischner hat es verstanden, damals aufstrebende Solisten wie etwa Peter Schreier, Theo Adam, Anna Tomowa-Sintow oder Siegfried Vogel zu internationalen Opernstars zu machen, die über Jahrzehnte erfolgreich waren. Die Uraufführungen der Opern Einstein, Leonce und Lena und Lancelot von Paul Dessau setzte Pischner entgegen zahlreicher Widerstände aus dem Partei- und Staatsapparat durch, und unter der Regie von Ruth Berghaus, der Ehefrau Dessaus, wurden sie zu Glanzpunkten im Musikleben. Als geschickter Diplomat und erfahrener Musikexperte hatte er die Fähigkeit, manche Doktrin zu entkräften und die häufigen Animositäten von Kulturfunktionären gegenüber westlichen Einflüssen zu widerlegen. Hans Pischner hatte den Österreicher Otmar Suitner als Generalmusikdirektor an sein Haus geholt, einen Dirigenten von außerordentlichem Format, erfahren auf dem internationalen Parkett und ausgestattet mit soliden handwerklichen Fähigkeiten. Auch die Verpflichtung von Erhard Fischer als Chefregisseur der Staatsoper erwies sich als weitsichtig, da dieser einen gemäßigten Gegenpol zum Musiktheaterstil der Komischen Oper Berlin vertrat und dennoch als ehemaliger Mitstreiter von Regisseuren wie Joachim Herz mit gewandtem Regiehandwerk sowohl Klassiker als auch Uraufführungen der Pischner-Zeit zum Erfolg brachte.

Als Cembalist war Pischner jahrzehntelang in allen Konzertsälen der Welt ein gern gesehener Gast. Sein virtuoses Spiel ist auf zahlreichen Schallplatten dokumentiert, so unter anderem gemeinsam mit seinem Freund Dawid Oistrach. Sein Hauptinteresse galt stets den Werken Johann Sebastian Bachs und Georg Friedrich Händels, aber auch dem zeitgenössischen Schaffen.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Musik und Revolution. Rede über Richard Wagner als 48er Revolutionär, gehalten am 22. Juni 1948 in der Wirkungsgruppe Weimar des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, Verlag Kulturwille, Weimar 1948.
  • Streiter für eine nationale deutsche Musik, in: Der Rundfunk, Bd. 8 (1953), S. 29–30.
  • Musik in China. Henschel, Berlin-Ost 1955.
  • Die Harmonielehre Jean Philippe Rameaus. Ihre historische Voraussetzung und ihre Auswirkung im französischen, italienischen und deutschen musiktheoretischen Schrifttum des 18. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Geschichte des musikalischen Denkens Berlin-Ost, Humboldt-Universität, Philosophische Fakultät, Diss. vom 10. Mai 1961 [Druckausgabe: VEB Breitkopf & Härtel, Leipzig 1963].
  • Premieren eines Lebens. Autobiographie. Verlag der Nation, Berlin-Ost 1986, ISBN 9783373000204.
  • Tasten, Taten, Träume. Musik und Politik zwischen Utopie und Realität. Autobiographie. Henschel Verlag, 2006, ISBN 3-89487-538-0.[19]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hans Pischner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans Pischner ist tot. Jungewelt.de, 17. Oktober 2016.
  2. Matthias Braun: Kulturinsel und Machtinstrument: Die Akademie der Künste, die Partei und die Staatssicherheit. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2007, S. 375. Google-Books
  3. Christiane Niklew: Pischner, Hans. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  4. Mitglieder des ZK der SED, in: Neues Deutschland, 36. Jahrgang, 17. April 1981, Nr. 92, S. 4.
  5. Einleitung zum Findbuch Ministerium für Kultur. - Sekretariat des Ministers Johannes R. Becher DR 1 1954-1958, Koblenz 2004.
  6. [Kurt Hager an Erich Honecker, 3. April 1974 betr. Wahlen in der Akademie der Künster, Bundesarchiv-SAPMO, Büro Kurt Hager, IV B2/2024/75]
  7. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Mai 1999, S. 45.
  8. Jan Brachmann: Mit milden Dissonanzen. Musik im Spiel der Macht: Zum Tode von Hans Pischner. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Oktober 2016, S. 13.
  9. ND, Kulturbund für mehr eigene Verantwortung, in: Neues Deutschland, Jahrgang 44, 29. November 1989, Nr. 281, S. 4.
  10. Mitglieder des ZK der SED, in: Neues Deutschland, 36. Jahrgang, 17. April 1981, Nr. 92, S. 4.
  11. Das Zentralkomitee der SED. In: Berliner Zeitung, 22. April 1986 (Jahrgang 42, Ausgabe 95), S. 4.
  12. Ehrenmitglieder. Richard-Wagner-Verband Berlin-Brandenburg e.V., abgerufen am 18. Oktober 2016.
  13. Tasten, Taten, Träume. Musik und Politik zwischen Utopie und Realität. Autobiographie. Henschel Verlag, Berlin 2006, S. 143.
  14. Nationalpreisträger 1961. In: Berliner Zeitung, 7. Oktober 1961, Nr. 277, S. 6.
  15. J.-R.-Becher-Medaille verliehen. In: Neue Zeit, 30. Mai 1962, S. 2.
  16. Glückwunsch an Genossen Prof. Dr. Hans Pischner. In: Neues Deutschland, 20. Februar 1984, S. 2.
  17. Neues Deutschland, Jahrgang 44, 6. Oktober 1989, Nr. 236, S. 2.
  18. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08. Mai 1999, Nr. 106, S. 45
  19. Volker Müller: Musiker und Staatsdiener in der DDR: Die Lebenserinnerungen von Hans Pischner – Liebe, Lüge, List. In: Berliner Zeitung, 3. Juli 2006, abgerufen am 17. Oktober 2016.
Vorgänger Amt Nachfolger
Max Burghardt Präsident des Kulturbundes der DDR
1977–1989
Christhard Mahrenholz Präsident der Neuen Bachgesellschaft
1975–1990
Helmuth Rilling