Heilstätte Grabowsee

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Heilstätte Grabowsee, 2012
Heilstätte Grabowsee, 1930er Jahre

Die Heilstätte Grabowsee ist eine ehemalige Lungenheilstätte am Grabowsee im Landkreis Oberhavel in Brandenburg. Sie war die erste Heilstätte für Lungentuberkulose in Norddeutschland und wurde 1896 vom Deutschen Roten Kreuz gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie von 1945 bis 1995 als sowjetisches Lazarett genutzt. Das Gelände ist heute eine beliebte Kulisse für Filme und Fotografien.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ehemalige Lungenheilstätte liegt etwa 30 km nördlich von Berlin, auf dem Stadtgebiet von Oranienburg. Vom Oranienburger Ortsteil Friedrichsthal trennt sie der nahegelegene Oder-Havel-Kanal. Das rund 34 Hektar große Areal ist von zwei Seiten von Wald umgeben und ufert im Süden und Westen in den Grabowsee. Der Radwanderweg Berlin-Kopenhagen führt direkt am Gelände vorbei.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste dauerhafte Gebäudekomplex, 1897
Heilstätte Grabowsee, Schrägluftbild um 1930

Gründung als Lungenheilstätte (1896–1945)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Lungenkranken im Deutschen Reich stark an. Etwa ein Drittel aller Patienten im Alter zwischen 15 und 60 Jahren litt an Lungentuberkulose. Die Heilstätte Grabowsee war vom Volksheilstättenverein zum Roten Kreuz zunächst als Versuchseinrichtung geplant. Es sollte untersucht werden, ob Lungenkranke auch mit Erfolg im norddeutschen Flachland behandelt werden könnten. Bis dahin ging die Humanmedizin davon aus, dass Erkrankungen der Lunge nur im milden Klima des Mittelmeeres oder in reiner Gebirgsluft zu bessern oder zu heilen seien. So entstand 1896 die erste Lungenheilstätte in Norddeutschland. Im Jahr 1900 standen bereits 200 Betten für leicht- bis schwerkranke Männer zur Verfügung. Während der vier Jahre des Ersten Weltkriegs wurde Grabowsee als Vereinslazarett vom Roten Kreuz zur Behandlung lungenkranker Soldaten genutzt. Bis 1918 wurden zudem Kriegsgefangene hier untergebracht.

Der Krieg und die Inflationszeit brachten jedoch auch die Heilstätte in große wirtschaftliche Not. Der Volksheilstättenverein verkaufte die Anstalt am 1. Juni 1920 an die Landesversicherungsanstalt Brandenburg. Ab 1926 wurden Erweiterungsbauten errichtet, sodass die Zahl der vorhandenen Betten sich bis in die 1930er auf etwa 420 verdoppelte.[1]

Die Heilstätte besteht aus Verwaltungsgebäude, Robert-Koch-Gebäude, Ostgebäude, Hans-Böhm-Gebäude, Südgebäude, Behandlungsgebäude, Aufnahmegebäude, Verbindungsgängen, Kapelle, Direktorenwohnhaus, Pförtnerhaus, Ärztewohnhaus, Beamtenwohnhaus, Schornstein mit Hochbehälter, Gärtnerhaus, Seewasser-Pumpenhaus und gärtnerischen Anlagen.[2]

Nutzung nach dem Zweiten Weltkrieg (1945–1995)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dank der Entdeckung von Antibiotika wurde Tuberkulose schneller heilbar: Lange Klinikaufenthalte waren nicht mehr nötig und die Anlagen wurden nicht mehr medizinisch genutzt. Grabowsee wurde zwischen 1945 und 1995 durch die Rote Armee als sowjetisches Militärlazarett genutzt. Manche Anlagen wurden langfristig heruntergewirtschaftet, sodass nach der Wende eine Neunutzung nicht ohne enormen Kostenaufwand möglich erschien.

Heutige Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heilstätte Grabowsee, Innenaufnahme von 2013

Nur wenige Gebäude werden heute genutzt, der Großteil des Ensembles ist verfallen und wurde in den letzten Jahren von Vandalen und Metalldieben heimgesucht.

Kids Globe e. V.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2005 setzt sich der Kids Globe e. V. für den Wiederaufbau der alten Gebäude und die Einrichtung einer Internationalen Akademie für Kinder und Jugendliche auf dem Gelände ein.[3] Unter der Schirmherrschaft von Roman Herzog hat sich der Verein Kids Globe e.V. die Aufgabe gestellt, die Gebäude in eine freie Bildungseinrichtung für Kinder und Jugendliche umzubauen.[4]

Auch der historische Zusammenhang des Geländes und die wechselvolle Geschichte Oranienburgs (beispielsweise die örtliche Nähe zum KZ Sachsenhausen) sollen dabei in das Projekt einfließen. Die Aktivitäten des Vereins erstrecken sich dabei über die Bereiche Kunst, Handwerk, Musik, Landwirtschaft, Unternehmertum und Forschung.[5] 2013 haben auf dem Gelände die ersten (Bildungs-) Veranstaltungen mit Jugendlichen aus europäischen und außereuropäischen Ländern stattgefunden.

Kids Globe will das Gelände dem Eigentümer, einem Berliner Geschäftsmann, für etwa zehn Millionen Euro abkaufen und in eine Stiftung überführen. Die weitere Komplettsanierung würde 40 bis 50 Millionen Euro kosten.[6]

Film, Fotografie und Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gelände wurde in den letzten Jahren häufig als Kulisse für Film- und Fotoaufnahmen genutzt. 2011 wurde auf dem Gelände die Artbase, ein Kunst und Musik-Festival veranstaltet.[7] 2013 diente das Gelände als Drehort für den Film Monuments Men – Ungewöhnliche Helden.[8] Auf dem Gelände wurde das Video 'Judged by' von Euzen gedreht.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Heilstätte Grabowsee – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Volksheilstätte vom Roten Kreuz Grabowsee bei Oranienburg. In: Heilstaette-Grabowsee.de, abgerufen am 6. November 2013.
  2. Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum: Denkmalliste des Landes Brandenburg: Landkreis Oberhavel (PDF; 1025 kB)
  3. Kids Globe e. V. | Die Geschichte | Die Geschichte. In: kidsglobe.org. Abgerufen am 4. Januar 2016.
  4. Matthias Bruck: Hoffen auf George Clooney. Verein will Lungenheilanstalt Grabowsee retten und ein Bildungsprojekt initiieren – es fehlt nur noch ein Investor. In: neues deutschland vom 10. Februar 2014, S. 12.
  5. Hans-Joachim Laesicke: Zeitenwende am Grabowsee. In: KidsGlobe.org, abgerufen am 6. November 2013.
  6. Sarah Paulus: Verfallene Lungenheilanstalt bei Berlin. Der Schatz vom Grabowsee. Spiegel Online, 16. Juni 2015, abgerufen am 16. Juni 2015.
  7. Josef Dube: „Artbase 2011“ am Grabosee. In: tip-berlin.de, 5. August 2011, abgerufen am 6. November 2013.
  8. Hollywoodstars am Grabowsee. In: Berliner Zeitung vom 13. Juni 2013, abgerufen am 6. November 2013.

Koordinaten: 52° 47′ 12″ N, 13° 17′ 30″ O