Heilstätte Grabowsee

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Heilstätte Grabowsee, 2012

Die Heilstätte Grabowsee ist eine ehemalige Lungenheilstätte am Grabowsee im Landkreis Oberhavel in Brandenburg. Sie war die erste Heilstätte für Lungentuberkulose in Norddeutschland und wurde 1896 vom Deutschen Roten Kreuz gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente sie von 1945 bis zum Abzug der Sowjetarmee aus Deutschland – 1992 – als Militär-Lazarett. Danach war die Anlage einige Zeit eine beliebte Kulisse für Filme und Fotografien aber auch für Vandalen. Einige Gebäude wurden in den 2010er Jahren saniert und einer neuen medizinischen Nutzung zugeführt.[1]

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ehemalige Lungenheilstätte liegt etwa 30 km nördlich von Berlin, auf dem Stadtgebiet von Oranienburg. Sie hat eine Ausdehnung von rund 32 Hektar.[1] Vom Oranienburger Ortsteil Friedrichsthal trennt sie der nahegelegene Oder-Havel-Kanal. Das ist von zwei Seiten von Wald umgeben und ufert im Süden und Westen in den Grabowsee.

Das Küchengebäude war der erste dauerhafte Gebäudekomplex der Einrichtung (1897).

Gründung und Nutzung als Lungenheilstätte (1896–1945)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Lungenkranken im Deutschen Reich stark an. Etwa ein Drittel aller Patienten im Alter zwischen 15 und 60 Jahren litt an Lungentuberkulose. Der Volksheilstättenverein zum Roten Kreuz erwarb eine Fläche in der damaligen Mark Brandenburg am Ufer des Grabowsees, ließ darauf zunächst 27 Baracken errichten, um zu erforschen, ob sich auch die Luft in der norddeutschen Tiefebene zur Behandlung von Lungenkranken erfolgreich nutzen ließe.[1] Bis dahin ging die Humanmedizin davon aus, dass Erkrankungen der Lunge nur im milden Klima des Mittelmeeres oder in reiner Gebirgsluft zu bessern oder zu heilen seien. Der Test verlief äußerst erfolgreich, so dass bis 1896 die erste Lungenheilstätte in Norddeutschland mit entsprechenden festen Bauten und Wirtschaftsgebäuden ihre Arbeit aufnehmen konnte. Im Jahr 1900 standen bereits 200 Betten für leicht- bis schwerkranke Personen zur Verfügung, es gab Patientenhäuser, Operationssäle, Behandlungszimmer, Liegehallen sowie eine Direktorenvilla, ein Maschinenhaus, Stallgebäude, Beamtenwohnungen und zur Energielieferung eine Gasanstalt. Bald kam noch eine unterirdische Transportanlage hinzu, die die Speisen von der Zentralküche zu den Bettenhäusern beförderte. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wies die Einrichtung 400 Betten für Kranke auf[1]; aufgenommen wurden in den ersten Jahren jedoch nur Männer. – Während des Krieges diente die Heilstätte am Grabowsee als Vereinslazarett vom Roten Kreuz zur Behandlung lungenkranker Soldaten. Bis 1918 wurden zudem Kriegsgefangene hier untergebracht.

Der Krieg und die Inflationszeit brachten schließlich auch die Heilstätte in große wirtschaftliche Not. Der Volksheilstättenverein verkaufte die Anstalt deshalb am 1. Juni 1920 an die Landesversicherungsanstalt Brandenburg. Diese ließ ab 1926 Erweiterungsbauten errichten, sodass die Zahl der vorhandenen Betten sich bis in die 1930er auf etwa 420 erhöhte.[2]

Zustand in den 1930er Jahren
Schrägluftbild der Heilstätte um 1930

Nutzung nach dem Zweiten Weltkrieg (1945–1992)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dank der Entdeckung von Antibiotika wurde Tuberkulose schneller heilbar als beim ersten Auftreten gedacht. So waren lange Klinikaufenthalte nicht mehr nötig und die Anlagen wurden immer seltener medizinisch genutzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die Mark Brandenburg infolge des Potsdamer Abkommens in die Sowjetische Besatzungszone und damit auch die ehemalige Lungenheilstätte. Die Militärmacht nutzte den gesamten Komplex ab Mitte 1945 bis zu ihrem Abzug 1992 als Militärlazarett. Alle Ärzte und Schwestern waren sowjetische Staatsbürger, für zahlreiche Hilfsarbeiten kamen jedoch auch DDR-Bürger zum Einsatz.[1] Die meisten Anlagen wurden nur notdürftig instand gehalten, langfristig waren sie heruntergewirtschaftet. Nach Abzug der Streitkräfte Russlands aus dem ehemaligen Heilstättenkomplex erschien eine Neunutzung nicht ohne enormen Kostenaufwand möglich. Unmittelbar nach dem Abzug der Besatzungstruppen gelangte die Bauanlage in das Eigentum eines (nicht näher benannten) Finanzunternehmens. Eine konkrete längerfristige Nutzung war nicht geplant. Dagegen vermietete die Finanzgesellschaft große Teile der Anlage an eine Paintball-Spielgemeinschaft, die durch ihre wilden Kriegsspiele große Schäden in den meisten Gebäuden anrichtete. Weitere Zerstörungen entstanden durch illegale Graffiti-Sprayer.

Nutzung seit dem Ende des 20. Jahrhunderts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenansicht eines Gebäudes (2013)

Nur wenige Gebäude werden per Stand Sommer 2021 genutzt, der Großteil des Ensembles ist verfallen und wurde in den letzten Jahren von Vandalen und Metalldieben heimgesucht.

Seit 2005 kümmert sich der Verein Kids Globe e. V. um die verbliebenen rund 30 ruinösen Gebäude, von denen 15 seit Ende des 20. Jahrhunderts unter Denkmalschutz stehen.[3] Der Verein gewann Roman Herzog als ersten Schirmherrn für das Projekt einer freien Bildungseinrichtung für Kinder und Jugendliche, das sowohl die unmittelbare Geschichte der Lungenheilanstalt als auch die wechselvolle Geschichte Oranienburgs (beispielsweise die örtliche Nähe zum KZ Sachsenhausen) darstellen will. Die Aktivitäten des Vereins erstrecken sich über die Bereiche Kunst, Handwerk, Musik, Landwirtschaft, Unternehmertum und Forschung. Kids Globe muss dazu das Gelände dem Eigentümer, einem Berliner Geschäftsmann, für etwa zehn Millionen Euro abkaufen und in eine Stiftung überführen. Die weitere Komplettsanierung wird auf 40–50 Millionen Euro geschätzt.[4][5] Sie soll dann Internationale Akademie für Kinder und Jugendliche heißen und den Nutzern[6]

Im Jahr 2007 fiel die Kapelle einer Brandstiftung zum Opfer.[1] Im Jahr 2013 haben auf dem Gelände die ersten (Bildungs-)Veranstaltungen mit Jugendlichen aus europäischen und außereuropäischen Ländern stattgefunden. Vom Verein wurde Bernhard Hanke, ein gelernter Landschaftsgärtner, damit betraut, potenzielle Besucher zu begleiten.[7]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Heilstätte besteht aus Verwaltungsgebäude, Robert-Koch-Gebäude, Ostgebäude, Hans-Böhm-Gebäude, Südgebäude, Behandlungsgebäude, Aufnahmegebäude, Verbindungsgängen, Kapelle, Direktorenwohnhaus, Pförtnerhaus, Ärztewohnhaus, Beamtenwohnhaus, Schornstein mit Hochbehälter, Gärtnerhaus, Seewasser-Pumpenhaus und gärtnerischen Anlagen.[8] Die gesamte Anlage umfasst 41 Bauten, sie ist eingezäunt, in einem Baucontainer befindet sich ein Arbeitsplatz des Projektentwicklers.[1]

In der Umgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Etwa drei Kilometer vom Heilstättenkomplex liegt der Oranienburger Ortsteil Schmachtenhagen, wo es Einkehrmöglichkeiten und den Oberhavel-Bauernmarkt gibt. Im namensgebenden Dorf Grabow befindet sich eine erhaltene spätgotische Dorfkirche, die unter Denkmalschutz steht.[9] Der Radwanderweg Berlin-Kopenhagen führt direkt am ehemaligen Klinikgelände vorbei.

Mediale Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gelände wurde ab den 2000er Jahren häufig als Kulisse für Film- und Fotoaufnahmen genutzt. Im Jahr 2011 wurde auf dem Gelände die Artbase, ein Kunst und Musik-Festival veranstaltet.[10] 2013 diente das Gelände als Drehort für den Film Monuments Men – Ungewöhnliche Helden, der die Rettung von Kunstschätzen durch eine US-Spezialeinheit am Ende des Zweiten Weltkriegs hier nachstellte.[11][1] und 2017 für den Film Heilstätten, der in den Beelitz-Heilstätten spielt.[12] Auf dem Gelände wurde das Video Judged by von Euzen gedreht.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dr. Schultes: Unsere Lungenheilstätte, in: Kalender 1914 für den Kreis Niederbarnim, Wilhelm Möller, Oranienburg 1914, S. 62–64 (Online).
  • Andreas Jüttemann: Die preußischen Lungenheilstätten. Pabst, Lengerich 2016, ISBN 3-958531-38-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Heilstätte Grabowsee – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Geheime Orte in Brandenburg, nicolai-Verlag, 2. Aufl. 2014, ISBN 978-3-89479-868-0, S. 96–100.
  2. Volksheilstätte vom Roten Kreuz Grabowsee bei Oranienburg. In: Heilstaette-Grabowsee.de, abgerufen am 6. November 2013.
  3. Kids Globe e. V. | Die Geschichte | Die Geschichte. In: kidsglobe.org. Abgerufen am 4. Januar 2016.
  4. Sarah Paulus: Verfallene Lungenheilanstalt bei Berlin. Der Schatz vom Grabowsee. Spiegel Online, 16. Juni 2015, abgerufen am 16. Juni 2015.
  5. Matthias Bruck: Hoffen auf George Clooney. Verein will Lungenheilanstalt Grabowsee retten und ein Bildungsprojekt initiieren – es fehlt nur noch ein Investor. In: neues deutschland vom 10. Februar 2014, S. 12.
  6. Hans-Joachim Laesicke: Zeitenwende am Grabowsee. In: KidsGlobe.org, abgerufen am 6. November 2013.
  7. Zurück in die Zukunft auf www.spreezeitung.de; abgerufen am 3. Februar 2021.
  8. Denkmalliste des Landes Brandenburg: Landkreis Oberhavel (PDF) Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum
  9. Georg Piltz: Kunstführer durch die DDR. 4. Auflage, Urania-Verlag, Leipzig / Jena / Berlin. 1973; S. 145.
  10. Josef Dube: „Artbase 2011“ am Grabosee. In: tip-berlin.de, 5. August 2011, abgerufen am 6. November 2013.
  11. Hollywoodstars am Grabowsee. In: Berliner Zeitung vom 13. Juni 2013, abgerufen am 6. November 2013.
  12. Mara Nolte: Youtube-Horror am Grabowsee. (Nicht mehr online verfügbar.) In: rbb24. 3. März 2017, ehemals im Original; abgerufen am 6. Januar 2018.@1@2Vorlage:Toter Link/www.rbb24.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  13. youtube.com, Dauer 4:06 Minuten, Abruf 4. August 2021.

Koordinaten: 52° 47′ 12″ N, 13° 17′ 29,6″ O