Norddeutschland

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Der Begriff Norddeutschland (umgangssprachlich oft kurz als der Norden bezeichnet) beschreibt ein geografisch nicht exakt definiertes Gebiet innerhalb der Bundesrepublik Deutschland. Meistens bezeichnet man damit Gebiete, die ursprünglich durch die niederdeutsche Sprache, umgangssprachlich „Plattdeutsch“ genannt, geprägt wurden und die im Norddeutschen Tiefland liegen.

Die norddeutsche Identität bezieht sich neben der hier ursprünglich gesprochenen gemeinsamen Sprachform auf Aspekte der Geschichte, beispielsweise im Zusammenhang mit der Hanse, auf die Mentalität, auf kulturelle und landschaftliche Gemeinsamkeiten sowie oft auf die zumindest als solche empfundene Nähe zum Meer. Innerhalb Norddeutschlands bestehen als Unterteilungen beziehungsweise Übergangsbereiche zu Nachbarregionen die Großräume Nordwestdeutschland und Nordostdeutschland.

Geschichte[Bearbeiten]

Siehe auch: Norddeutscher Bund und Hanse

In den Gebieten Norddeutschlands bestanden und bestehen verschiedene Staaten und subnationale Entitäten, die historisch nie eine nach außen abgegrenzte Einheit bildeten. Gemeinsam war ihnen aber die Zugehörigkeit zum Norddeutschen Bund und zu den ab 1871 bestehenden deutschen Staaten, zu denen aber auch Gebiete im Zentrum und im Süden Deutschlands gehörten. Die städtischen Zentren Hamburg, Bremen und lange auch Lübeck besitzen eine lange Geschichte als unabhängige Stadtstaaten. Die sie umgebenden übrigen norddeutschen Gebiete sind bis heute meistens eher ländlich geprägt und standen häufig unter der Herrschaft von Monarchen außerhalb des deutschen Sprachraums. So wurde Schleswig-Holstein vom dänischen Monarchen regiert, während Gebiete wie Bremen-Verden oder Wismar zeitweise unter schwedischer Herrschaft standen. Schleswig war im Gegensatz zu Holstein nicht Bestandteil des Heiligen Römischen Reichs. In Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen existierten verschiedene Kleinstaaten. Das Königreich Hannover wurde lange in Personalunion mit Großbritannien regiert, bevor es einen eigenen König erhielt und als Folge des Deutschen Krieges 1866 von Preußen annektiert wurde. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Hannover als Land wiedererrichtet, bevor es sich mit Oldenburg, Schaumburg-Lippe und Braunschweig zum Land Niedersachsen vereinigte. Das heutige Mecklenburg-Vorpommern ging aus den vorherigen Ländern Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz und den westlich der 1945 gezogenenen Grenze gelegenen Teilen der preußischen Provinz Pommern hervor. Bis 1990 gehörte das Gebiet Mecklenburg-Vorpommerns zur DDR.

Sprach- und Dialektgebiet, kulturelle Verbundenheiten[Bearbeiten]

Zweisprachiges Ortseingangsschild Westerland

Historisch und traditionell wurde in Norddeutschland nördlich der Benrather Linie und der Uerdinger Linie die niederdeutsche Sprache gesprochen, die vor allem in ländlichen Regionen noch immer weit verbreitet ist. Regional wird dem durch die Verwendung zweisprachiger Ortsschilder Rechnung getragen. Das Standarddeutsche setzte sich in den meisten ländlichen Gebieten Norddeutschlands erst aufgrund der standarddeutschen Schulsprache in preußischer Zeit sowie aufgrund des Zuzugs von nicht Niederdeutsch sprechenden Menschen - insbesondere von Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg - als mehrheitlich gesprochene Umgangssprache durch. Große Teile der Bevölkerung der norddeutschen Städte hatten bereits gleich nach der Reformation begonnen Standarddeutsch, die Sprache der Lutherbibel, zu sprechen.

In Nordfriesland sowie im heute deutschen Teil Schleswigs wird daneben auch noch Friesisch und Dänisch gesprochen. Auch hier finden sich häufig zweisprachige Ortsschilder. Sprachlich, historisch und kulturell bestehen enge Kontakte mit den Niederlanden und weiteren Anliegern der Nord- und Ostsee, wie Großbritannien, Dänemark, Skandinavien und dem Baltikum.

Norddeutsches Tiefland[Bearbeiten]

Der Begriff Norddeutschland beschrieb ursprünglich das gesamte Norddeutsche Tiefland, auch in den Niederlanden bis ins Baltikum. Gemeint sind damit die Geest- und Marschgebiete entlang der Küsten von Nord- und Ostsee, das Hügelland des Baltischen Landrückens, die Grundmoränen, Endmoränen, Sander und Urstromtäler, Bruche und Luche, die ihre jetzige Ausformung durch die Weichsel-Eiszeit erhielten. Dies steht landschaftlich im Gegensatz zu den Mittelgebirgen Deutschlands, von denen allerdings Harz, Solling und Teutoburger Wald gelegentlich zu Norddeutschland gerechnet werden, da auch dort überwiegend niederdeutsche Dialekte verbreitet waren.

Die Mittelgebirge erschwerten die Kontakte zwischen den Siedlungen und einten den Kulturraum im Norden in Abgrenzung zum Süden; eine der südlichsten West-Ost-Verbindungen nördlich der Mittelgebirge wurde zu einer wichtigen Handelsroute, dem Hellweg, an dem heute die B1 und teilweise die A2 verläuft.

Weitere Ansätze[Bearbeiten]

Bundesländer an der Küste[Bearbeiten]

Siehe auch: Nordstaat

Als norddeutsche Bundesländer oder norddeutsche Küstenländer gelten diejenigen Bundesländer, die an der Küste der Nordsee und/oder der Ostsee liegen bzw. über einen Seehafen verfügen. Diese Definition trifft zu auf:

Niedersachsen als Übergangsbereich[Bearbeiten]

Niedersachsen besitzt verschiedene Regionen, die häufig als untypisch für Norddeutschland angesehen werden. So wurde im Oberharz oder im Raum Bad Sachsa historisch nicht Niederdeutsch gesprochen. Das Emsland, das Oldenburger Münsterland, das Untereichsfeld und einige kleinere Regionen sind traditionell vom römischen Katholizismus geprägt. Südniedersachsen befindet sich nicht im Norddeutschen Tiefland, sondern im Mittelgebirge und wird daher auch häufig eher als Übergangsbereich zu Mitteldeutschland angesehen. Hinzu kommt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg viele Flüchtlinge aus Regionen, in denen mitteldeutsche Dialekte gesprochen wurden, nach Niedersachsen kamen.

Norddeutsche Regionen[Bearbeiten]

Neben Bremen und Hamburg und den verschiedenen Regionen Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommerns werden weite Teile Niedersachsens sowie Westfalen als Teil Nordrhein-Westfalens ebenso wie die Altmark und der Elbe-Havel-Winkel in Sachsen-Anhalt und das nördliche Brandenburg mit u. a. der Prignitz, der Uckermark und dem Barnim zu Norddeutschland gezählt.

Nachwirkungen des Nord-Süd-Konflikts im Zuge der Einigungskriege 1866–1871[Bearbeiten]

Deutschland von 1866 bis 1871. Die rote Linie bezeichnet die Südgrenze des Norddeutschen Bundes.

Der Begriff Norddeutschland beschreibt aus der Sichtweise der Menschen des süddeutschen Sprachraums vor allem die Gebiete, die zum Norddeutschen Bund und später im Deutschen Reich hauptsächlich zu Preußen gehörten. Manchmal werden dort umgangssprachlich bereits alle nördlich der Mainlinie gelegenen Teile, also auch der mitteldeutsche Sprachraum, als „Norddeutschland“ bezeichnet. In diesem Sinne waren beispielsweise auch Namensgebungen wie Süd-Norddeutsche Verbindungsbahn zu verstehen, womit eine Eisenbahnverbindung von Wien - im Sprachgebrauch vor dem Deutschen Krieg 1866 in Süddeutschland gelegen - nach Berlin bezeichnet wurde.

Filme[Bearbeiten]

  • Christoph Weinert und Ingo Helm: Die Geschichte Norddeutschlands. Szenische Dokumentation von historischen Ereignissen im Bereich des NDR-Sendegebietes in 6 Episoden. Deutschland 2005, 6 x 45 min. Produziert von ecomedia, Hamburg. Erstausstrahlung Dezember 2005 im NDR. 2 x DVD 270 min. Gesamtspieldauer
  • DreiStromLand. Die große EWE-Filmchronik über das Land zwischen Ems, Weser und Elbe in Geschichte und Gegenwart. DVD 1: Wie es einmal war, 120 Min. Spieldauer; DVD 2: Wie es heute ist, 150 Min. Spieldauer

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Christoph Weinert u. Ingo Helm: Die Geschichte Norddeutschlands. Hoffmann & Campe, Hamburg 2005, 352 S. m. zahlr. Abb.; ISBN 3-455-09520-8; Buch zur o.g. NDR-Fernsehreihe
  • [AutorInnenkollektiv]: DreiStromLand. Ems – Weser – Elbe. Die große EWE-Medienkassette über das Land zwischen den drei Strömen: alle Städte, Samtgemeinden und Gemeinden in Wort, Bild, Karten und Film. Bremen 2005; darin:
  • Das große EWE-Handbuch der Städte, Samtgemeinden und Gemeinden zwischen Ems, Weser und Elbe. Band 1-3, 376+344+240 S. m. zahlr. Abb.