Herbert Lewin

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Herbert Lewin (geboren am 1. April 1899 in Schwarzenau; gestorben am 21. November 1982 in Wiesbaden) war ein deutscher Arzt und Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lewin diente als Soldat im Ersten Weltkrieg. Danach studierte er zunächst Landwirtschaft und Staatswissenschaften, um den landwirtschaftlichen Betrieb des Vaters übernehmen zu können, wechselte dann aber zum Studium der Medizin. 1922 wurde er Mitglied der SPD. Nach der Promotion 1924 arbeitete er in der jüdischen Poliklinik Berlin. 1932 reichte er eine Habilitationsschrift ein, die jedoch aus antisemitischen Gründen nicht akzeptiert wurde.

Ab 1937 war er Chefarzt im Krankenhaus des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache an der Ottostraße in Köln. Er wurde im Jahre 1941 deportiert und arbeitete in mehreren Konzentrationslagern als Häftlingsarzt. Seine Frau Alice, die er 1925 geheiratet hatte, starb in der KZ-Haft.

Nach dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland blieb Lewin im Land und arbeitete wieder als Arzt. 1948 habilitierte er sich bei Ludwig Nürnberger an der Universitätsfrauenklinik in Köln. Von 1950 bis 1967 leitete er die Frauenklinik des Klinikums Offenbach, wurde 1952 zum außerplanmäßigen Professor an der Universität Frankfurt ernannt, sowie 1965 bei gleichzeitiger Emeritierung zum ordentlichen Professor berufen.[1]

Zwischen 1963 und 1969 stand er an der Spitze des Zentralrates der Juden in Deutschland. Er war außerdem Mitglied der deutschen UNESCO-Kommission und des Bundesgesundheitsrats.

Herbert-Lewin-Platz, Berlin-Charlottenburg

Im September 1949 wurde ein Widerruf der Wahl Lewins zum Direktor der Städtischen Frauenklinik in Offenbach durch den damaligen Oberbürgermeister der Stadt Offenbach Johannes Rebholz der erste antisemitische Skandal nach der Entlassung der Westzonen aus dem Besatzungsstatut.[2] Die Frankfurter Rundschau formulierte aus diesem Anlass eine Forderung zum Schutz der überlebenden Juden an die Bundesregierung. Von Ärzten im Offenbacher Gemeinderat, von Ärzten und Krankenschwestern des Offenbacher Krankenhauses und dem CDU-Bürgermeister Karl Kasperkowitz der Stadt abgelehnt, veranlasste erst ein weltweiter Protest und die Intervention von übergeordneten Behörden den Offenbacher Magistrat (Stadtrat), diesen Skandal zu bereinigen. Die Begründung für den Widerruf lautete, Lewin würde mit dem Rachegefühl eines ehemaligen KZ-Insassen seine Arbeit antreten, keine Frau könne sich ihm mit ruhigem Gewissen anvertrauen. Der französische Autor Romain Gary baute die Episode 1967 in seinen Roman La danse de Gengis Cohn unter Berufung auf einen US-amerikanischen Artikel von 1966 ein, um vor dem Wiederaufleben des Nationalsozialismus im Nachbarland zu warnen.[3]

Das Bundesministerium für Gesundheit, die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung verleihen ihm zu Ehren den Herbert-Lewin-Preis für wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema Aufarbeitung der Geschichte der Ärztinnen und Ärzte in der Zeit des Nationalsozialismus.[4]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 1986 wurde in Köln-Lindenthal zu seinen Ehren die Haedenkamp-Straße in Herbert-Lewin-Straße umbenannt.[5] Auch der Platz vor dem Sitz von Bundesärztekammer, Kassenärztlichen Bundesvereinigung und dem Gemeinsamen Bundesausschuss in Berlin wurde zu seinen Ehren Herbert-Lewin-Platz genannt.[6][7]

Lewin wurde unter anderem mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille und dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet.[8]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eine Dermoidcyste im Wirbelkanal. Dissertation. Berlin 1924.
  • Die genetische Bedeutung der Muskelvariationen. In: Drei Vorlesungen aus der medizinischen Fakultät der Universität Köln. Universitätsverlag, Köln 1949.
  • Mit Werner Spiegelhoff: Die Cyclushormone des Weibes. Biologie – Chemie – Klinik. Enke, Stuttgart 1951.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Irmer: Deportierte Ärzte/Ärzte im KZ: Herbert Lewin. In: Thomas Beddies, Susanne Doetz, Christoph Kopke (Hrsg.): Jüdische Ärztinnen und Ärzte im Nationalsozialismus. De Gruyter, München 2014, S. 256-264, DOI:10.1515/9783110306057.256 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  • Rebecca Schwoch, Walter Wuttke: Herbert Lewin und Käte Frankenthal: Zwei jüdische Ärzte aus Deutschland. In: Deutsches Ärzteblatt. 101. Jg., Nr. 19, 7. Mai 2004, A 1319-1321 (online)
  • Rebecca Schwoch: Herbert Lewin. Arzt – Überlebender – Zentralratspräsident, Jüdische Miniaturen. 1. Auflage, Verlag Hentrich & Hentrich 2017, ISBN 978-3-95565-152-7
  • Elke Steiner: Zwei jüdische Ärzte aus Deutschland: Herbert Lewin und Käte Frankenthal. Aktives Museum Spiegelgasse, Wiesbaden 2005 (Sonderdruck einer Comicserie im Deutschen Ärzteblatt)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rebecca Schwoch: „Durch großen Zufall dem Inferno entronnen.“ Der deutsche Arzt Herbert Lewin (1899–1982). Z Allg Med 82 (2006), S. 349–351, DOI:10.1055/s-2006-933517, online (PDF-Dokument; 59 kB)
  2. Mayor, Deputy Mayor of Offenbach Resign Following Inquiry into Anti-semitic Incident. In: JTA. 14. November 1949 (englisch)
  3. Nicht in der deutschen Übersetzung, die der Piper-Verlag und sein Verlagsleiter Hans Rößner hier wie an anderen Stellen „bereinigt“ haben. Die TB-Ausgabe bei dtv behauptet „ungekürzt“ zu sein.
  4. Auslobung des Herbert-Lewin-Preises
  5. Georg-Büchner-Gymnasium: Herbert-Lewin-Strasse
  6. Herbert-Lewin-Platz. In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim Kaupert)
  7. Sabine Rieser: Herbert-Lewin-Platz: Doppelte Erinnerung. In: Deutsches Ärzteblatt. Jg. 101, Heft 41, 8. Oktober 2004
  8. Herbert-Lewin-Platz. Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin, abgerufen am 22. Oktober 2015.