Hochsensibilität

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Hochsensibilität (deutsche Terminologie uneinheitlich; auch: Hochsensitivität, Hypersensibilität oder Überempfindlichkeit) ist ein Phänomen, bei dem Betroffene stärker als der Durchschnitt auf Reize reagieren, diese viel eingehender wahrnehmen und verarbeiten. Bisher gibt es jedoch keine eindeutige und allgemein anerkannte neurowissenschaftliche Definition des Phänomens, was Hirnforscher darauf zurückführen, dass die High-Sensitivity-Forschung (HS-Forschung) noch ganz am Anfang steht.

Wissenschaftliche Erklärungsansätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwar existiert zurzeit eine reiche empirische Kenntnis des Phänomens an sich, jedoch keine anerkannte neurophysiologische Theorie, welche die Ursache der Hochsensibilität beschreibt. Als wahrscheinlich werden erbliche, wie auch entwicklungspsychologische Faktoren für die Ausbildung der speziellen neuronalen Konstitution diskutiert. Gelegentlich werden Vergleiche mit Hochbegabung und Synästhesie gezogen. Elaine Aron nennt als Beleg die Zwillingsforschung, welche unter anderem eine signifikante familiäre Häufung der Hochsensibilität erkennen lasse. Die Vorstellung, es handele sich um eine „psychische Störung“ oder „Krankheit“, wird abgelehnt.

Erklärt wird diese von Aron sensory processing sensitivity genannte höhere Empfindlichkeit mit einer besonderen Konstitution der Reize verarbeitenden neuronalen Systeme.[1] Dabei handelt es sich nicht um eine von Aron von Grund neu entwickelte Theorie – bereits Jerome Kagan, Alice Miller, Carl Gustav Jung und Iwan Petrowitsch Pawlow beschäftigten sich mit der Erscheinung der erhöhten Sensitivität innerhalb der menschlichen Spezies, ohne jedoch eine ausreichend fundierte theoretische Basis zu schaffen. Einem Erklärungsansatz zufolge stufe der Thalamus bei hochsensiblen Personen (HSP) mehr Reize als „wichtig“ ein, die dann das Bewusstsein erreichen.[2]

Allgemeine Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bandbreite möglicher Erscheinungsformen von Hochsensibilität wird als sehr groß dargestellt: Praktisch jeder Sinneseindruck könne stärker und damit detaillierter wahrgenommen werden;[3] häufig wird auch von höherer Intensität des Empfindens von Stimmungen der Mitmenschen berichtet. Intellektuell erfahre man sich zum Teil als intensiver und gründlicher analysierend, mit einer Neigung zur Spiritualität. Die in diesem Zusammenhang auftretende und intensiv diskutierte Frage des Verhältnisses von Hochsensibilität zu Hochbegabung ist noch ungeklärt. Dennoch lassen sich objektiv viele HS-typische Eigenschaften festlegen, welche von Elaine Aron erstmals systematisch aufgeführt wurden.

  • intensives Empfinden und Erleben

Reize werden tiefer, intensiver und detaillierter wahrgenommen und gespeichert. Oft wird diese Eigenschaft mit bloßer Nervosität und Empfindlichkeit verwechselt, jedoch ist die Ähnlichkeit rein äußerlicher Natur. Überempfindlichkeit im profanen Sinne ist meist eine persönliche unverhältnismäßig starke Reaktion auf Reize, die nicht mit erhöhter Bandbreite der Wahrnehmung einhergehen muss, was bei einer hochsensitiven Person (HSP) fast immer der Fall ist.[4] Bloße Empfindlichkeit und Reizbarkeit sind also kein Kriterium für Hochsensibilität. Die folgenden Eigenschaften treten häufig bei hochsensiblen Menschen auf:

  • ausgeprägte subtile Wahrnehmung (vielschichtige Fantasie und Gedankengänge)
  • erhöhte Schmerzempfindlichkeit
  • detailreiche Wahrnehmung
  • hohe Begeisterungsfähigkeit, sehr vielseitige Interessen
  • hohe Eigenverantwortung und Wunsch nach Unabhängigkeit [5]
  • sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis
  • psychosoziale Feinwahrnehmung (Befindlichkeiten, Stimmungen und Emotionen anderer Menschen werden leichter und detaillierter erkannt)
  • stärker beeinflussbar durch Stimmungen anderer Menschen
  • ausgeprägtes intuitives Denken, häufig verbunden mit der Fähigkeit zu lateralem und multiperspektivischem Denken
  • gleichzeitige Wahrnehmung vieler Details einer Situation bei hoher Verarbeitungs- und Verknüpfungstiefe kann u.U. neue Wahrnehmungsbereiche und ungewöhnliche Zusammenhänge oder Sichtweisen erschließen
  • langer emotionaler „Nachklang“ des Erlebten
  • Denken in größeren Zusammenhängen
  • ausgeprägter Altruismus, Gerechtigkeitssinn, starke Werteorientierung
  • Harmoniebedürfnis, Gewissenhaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein
  • Intensives Erleben von Kunst und Musik
  • Neigung zu Selbstkritik und Perfektionismus
  • meist vielschichtige komplexe und stabile Persönlichkeit (Instabilitäten wie bei Borderline, bipolaren Störungen, Psychosen o. ä. sind kein Merkmal der Hochsensibilität; dennoch können solche als Folge einer psychischen Erkrankung durchaus präsent sein)

Durch die verstärkte Reizaufnahme und ihre tiefere Verarbeitung tritt Hochsensibilität häufiger in Verbindung mit Charaktereigenschaften wie Introversion auf, oft in Verbindung mit Unsicherheiten hinsichtlich der eigenen Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen in der Kommunikation mit anderen und intensivem Erleben zwischenmenschlicher Beziehungen. Hochsensibilität kann auch starke Reaktionen auf Medikamente, Alkohol und Koffein sowie Anfälligkeiten für Stress, Leistungsdruck und Zeitknappheit umfassen. Der häufig postulierte Zusammenhang zwischen Introversion und Hochsensibilität ist jedoch nicht eindeutig. Es gibt empirische Evidenz dafür, dass die Konzepte der sozialen Introversion, negativer Emotionalität, Gehemmtheit und Schüchternheit vom Konzept der Hochsensibilität zu trennen sind.[6] Die Korrelation dieser Konzepte ist dahingehend zu deuten, dass die Hochsensibilität bei biografisch vorbelasteten Menschen (psychische Traumata, familiäre Konflikte, schwierige Sozialisation) die Entstehung von Gehemmtheit und negativer Emotionalität begünstigt. Aron selbst weist darauf hin, dass die Unterscheidung zwischen Hochsensibilität und Introversion nur dann sinnvoll sei, wenn man Introversion immer als soziale Introversion versteht. Dieses eingeschränkte Verständnis habe sich aber durchgesetzt. Aron meint, es sei daher nicht sinnvoll, den Begriff Introversion in seiner ursprünglichen und breiteren Bedeutung zu rehabilitieren, weshalb sie stattdessen „sensitive“ (hochsensitiv) etablieren möchte.[7]

Validität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Elaine Aron hat einen HS-Test ausgearbeitet, der heute in der Psychologie zur empirischen Erfassung der Hochsensibilität Verwendung findet. Spätere Forschung konnte die Validität des Konstrukts bestätigen und deutet dabei auf drei verschiedene Komponenten hin:[8] Die erste ist charakterisiert durch schnelles Überfordertsein von inneren und äußeren Anforderungen. Die zweite Komponente beschreibt Sensitivität gegenüber ästhetischen Reizen. Die dritte Komponente drückt sich aus in einer als unangenehm empfundenen sensorischen Erregung auf äußere Reize. Die jeweiligen Komponenten sind dabei unterschiedlich mit verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen assoziiert. Die ästhetische Sensitivität steht vor allem mit Offenheit für neue Erfahrung in Verbindung, während die anderen beiden mit Neurotizismus korrelieren. Ohne eine abgeschlossene neurowissenschaftliche Theorie bleiben jedoch viele methodische Unklarheiten.

Ein Teil der sich als hochsensibel wahrnehmenden Menschen erlebt bei Kontakt mit dem Konzept ein Gefühl der starken Erleichterung (ähnlich der „Doppelenttäuschung“ nach C. G. Jung.[9]) Auch ist zu hören, „ein Stein falle vom Herzen“ („Gebirgsketteneffekt“)[10], da man erstmals nicht mehr das Empfinden habe, „von einem anderen Stern“ zu sein.[11] Als Quelle der wahrgenommenen Andersartigkeit wird maßgeblich die Unverträglichkeit der eigenen Belastungsgrenzen mit dem für Zeitgenossen typischen Lebensstil genannt.

Neuerdings wird ein Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und der Diagnose ADHS gesehen.[12][13] Offenbar gibt es bei ADHS-Betroffenen häufig Merkmale, die auch auf hochsensible Menschen zutreffen.[14] Daraus lässt sich aber nicht schließen, dass hochsensible Menschen automatisch an ADHS leiden. So kommt es mitunter zu Fehldiagnosen. Hochsensible Menschen profitieren häufiger als Menschen mit ADHS von einer reizarmen Umgebung und leiden dann weniger unter Konzentrationsschwierigkeiten oder Aufmerksamkeitsdefiziten.[15] Der Verein Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität (IFHS) ist der Meinung, dass veraltete Vorstellungen die korrekte HS-Erkennung und empirische Datenerhebung erschweren, und sieht Aufklärungsbedarf.[16]

Sozialisation und Gesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.
Bitte zuverlässige Informationsquellen und keine unseren Qualitätsanforderungen nicht genügenden privaten oder kommerziellen Websites anführen, danke.

Hochsensible Menschen fallen dadurch auf, dass sie selbst scheinbar unbedeutenden Sachen große Bedeutung beimessen. Der Hang zur Gewissenhaftigkeit und Detailverliebtheit sowie die Wertschätzung der sozialen Kommunikation erfordern Zeit, Akribie und eine ruhige Atmosphäre, die nicht immer gegeben ist. Bei Leistungsdruck und Tätigkeiten, die schnelle Entscheidungen fordern, sind die hochsensiblen Menschen sehr häufig überfordert, eben aufgrund der Unmöglichkeit der geistigen Reduktion auf nur eine Aufgabe oder einen Wahrnehmungsbereich. Gemessen am Ideal der Leistungsgesellschaft ist dies ein Nachteil, auch dadurch bedingt, dass die hochsensiblen Menschen oft typische Querdenker sind und in ihren Problemlösungsstrategien nicht den gesellschaftlichen Standards entsprechen, welche sie oft für zu primitiv und ineffizient halten. Aber auch im privaten Bereich ist Hochsensibilität nicht unbedingt ein Vorteil. Zwar ermöglicht Hochsensibilität sehr enge zwischenmenschliche Beziehungen, andererseits stoßen hochsensible Menschen bei Nicht-Hochsensiblen leicht auf Unverständnis, wohl auch, weil Hochsensible dem Verhalten des Anderen oft eine höhere Bedeutung beimessen als andere und daraus mitunter sehr weitreichende Schlüsse ziehen. Dennoch korreliert Hochsensibilität durchaus mit hohem Einfühlungsvermögen (Empathie).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Abschnitt bedarf einer Überarbeitung: Bitte den Kriterien von WP:LIT#Auswahl Genüge tun, danke.
Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.
  • Elaine Aron: The Highly Sensitive Person’s Workbook. Broadway Books 1999. ISBN 978-0-7679-0337-0
  • Elaine N. Aron, Arthur Aron, K. M. Davies: Adult Shyness: The Interaction of Temperamental Sensitivity and an Adverse Childhood Environment. In: Personality and Social Psychology Bulletin, 31, 2005, S. 181–197.
  • G. Benham: The highly sensitive person: Stress and physical symptom reports. In: Personality and Individual Differences, 40, 2006, S. 1433–1440.
  • A. Evers, J. Rasche, M. J. Schabracq: High sensory-processing sensitivity at work. In: International Journal of Stress Management, 15, 2008, S. 189–198.
  • S. G. Hofmann, S. Bitran: Sensory-processing sensitivity in social anxiety disorder: Relationship to harm avoidance and diagnostic subtypes. In: Journal of Anxiety Disorders, 21, 2007, S. 944–954.
  • E. M. Jerome, M. Liss: Relationships between sensory processing style, adult attachment, and coping. In: Personality and Individual Differences, 38, 2005, S. 1341–1352.
  • D. S. Kemler Sensitivity to Sensoriprocessing, Self-Discrepancy, and Emotional Reactivity of Collegiate Athletes. Perceptual and Motor Skills, 102, 2006, S. 747–759.
  • W. Klages: Der sensible Mensch. Psychologie, Psychopathologie, Therapie. Enke Ferdinand Verlag, 1991.
  • M. Liss, L. Timmel, K. Baxley, P. Killingsworth: Sensory processing sensitivity and its relation to parental bonding, anxiety, and depression. In: Personality and Individual Differences, 39, 2005, S. 1429–1439.
  • B. Meyer, M. Ajchenbrenner, D. P. Bowles: Sensory sensitivity, attachment experiences, and rejection responses among adults with borderline and avoidant features. In: Journal of Personality Disorders, 19, 2005, S. 641–658.
  • J. A. Neal, R. J. Edelmann, M. Glachan: Behavioural inhibition and symptoms of anxiety and depression: Is there a specific relationship with social phobia? In: British Journal of Clinical Psychology, 41, 2002, S. 361–374.
  • L. Rohleder: Die Berufung für Hochsensible: Die Gratwanderung zwischen Genialität und Zusammenbruch. 2015, ISBN 3-98157114-2.
  • K. A. Smolewska, S. B. McCabe, E. Z. Woody: A psychometric evaluation of the Highly Sensitive Person Scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and „Big Five“. In: Personality and Individual Differences, 40, 2006, S. 1269–1279.
  • J. Kagan: Galens Prophecy; Temperament in human nature. New York Basic Books, 1994.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.hochsensibel.org/wissenschaftliches-netzwerk/stand-der-forschung.html.
  2. Klages 1991, Benham 2006.
  3. http://www.hochsensibel.org/startseite/infotext.html.
  4. siehe „Thalamische Affizierbarkeit“ Klages 1991.
  5. vgl. Tissot, Sandra: Hochsensibilität und die berufliche Selbstständigkeit, dielus edition 2017, S. 91 f.
  6. siehe Aron 1997.
  7. siehe Aron: The Clinical Implications of Jung’s Concept of Sensitiveness (PDF; 250 kB), 2006.
  8. Kathy A. Smolewska u. a.: A psychometric evaluation of the Highly Sensitive Person Scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and Big Five. In: Personality and Individual Differences. Series B: Biological Sciences. Bd. 40, 2006, S. 1269–1279, doi:10.1016/j.paid.2005.09.022.
  9. vgl. Spiegelberg, Frederic: Die lebenden Weltreligionen, Suhrkamp 1997, S. 22 f.
  10. Jasmin Fischer: Die Seele ohne Filter. In: WAZ Online. 2. Mai 2007, zuletzt abgerufen 7. Januar 2017.
  11. Raffaela Römer: „Wie von einem anderen Stern“. Bochumer Student gründete Gesprächskreis zu Hochsensibilität. In: Rubens, 1. Februar 2006.
  12. Corinne Huber: ADHS und Hochsensibilität/Hochsensitivität (PDF; 273 kB). In: Elpost, Nr. 42, Herbst 2010, S. 26–30.
  13. Vgl. J.M. Bloemsma u. a.: Comorbid anxiety and neurocognitive dysfunctions in children with ADHD. In: Eur Child Adolesc Psychiatry, April 2013, 22. Jg., Nr. 4, PMID 23086381, S. 225–234.
  14. Helga Simchen: ADHS/ADS. Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne Hyperaktivität und seine Besonderheiten bei der Diagnostik und Therapie. ADHS Deutschland e.V., abgerufen am 20. Januar 2014.
  15. Barbara Stelzer: Hochsensible Menschen haben ihre Begabungen. In: Salzburger Nachrichten. 2. Januar 2014, abgerufen am 20. Januar 2014.
  16. Hochsensibilität – Kurzinformation für VertreterInnen von Heilberufen (Somato-Pathologie), Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V., 27. Oktober 2013, abgerufen 11. Januar 2016. (PDF; 95 kB).