Hochsensibilität

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Hochsensibilität (deutsche Terminologie uneinheitlich; auch: Hochsensitivität, Hypersensibilität oder Überempfindlichkeit) ist ein Phänomen, bei dem Betroffene stärker als der Durchschnitt auf Reize reagieren, diese viel eingehender wahrnehmen und verarbeiten. Bis heute existiert jedoch keine eindeutige und anerkannte neurowissenschaftliche Definition des Phänomens, was Hirnforscher auf die noch in den Kinderschuhen steckende High-Sensitivity-Forschung (HS-Forschung) zurückführen.

Wissenschaftliche Erklärungsansätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwar existiert zurzeit eine reiche empirische Kenntnis des Phänomens an sich, jedoch keine anerkannte neurophysiologische Theorie, welche die Ursache der Hochsensibilität beschreibt. Als wahrscheinlich wird eine erblich bedingte spezielle neuronale Konstitution genannt. Gelegentlich werden Vergleiche mit Hochbegabung und Synästhesie gezogen. E. Aron nennt als Beleg die Zwillingsforschung, welche unter anderem eine signifikante familiäre Häufung der HS erkennen lasse. Die Vorstellung, es handele sich um eine „psychische Störung“ oder „Krankheit“, wird abgelehnt.

Erklärt wird diese von Aron sensory processing sensitivity genannte höhere Empfindlichkeit mit einer besonderen Konstitution der Reize verarbeitenden neuronalen Systeme.[1] Dabei handelt es sich nicht um eine von Aron von Grund neu entwickelte Theorie – bereits Jerome Kagan, Alice Miller, Carl Gustav Jung und Iwan Petrowitsch Pawlow beschäftigten sich mit der Erscheinung der erhöhten Sensitivität innerhalb der menschlichen Spezies, ohne jedoch eine ausreichend fundierte theoretische Basis zu schaffen. Einem Erklärungsansatz zufolge stufe der Thalamus bei hochsensiblen Personen (HSP) mehr Reize als „wichtig“ ein, die dann das Bewusstsein erreichen.[2]

Allgemeine Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bandbreite möglicher Erscheinungsformen von Hochsensibilität wird als sehr groß dargestellt: Praktisch jeder Sinneseindruck könne stärker und damit detaillierter wahrgenommen werden;[3] häufig wird auch von höherer Intensität des Empfindens von Stimmungen der Mitmenschen berichtet. Intellektuell erfahre man sich zum Teil als intensiver und gründlicher analysierend, mit einer Neigung zur Spiritualität. Die in diesem Zusammenhang auftretende und intensiv diskutierte Frage des Verhältnisses von Hochsensibilität zu Hochbegabung ist noch ungeklärt. Dennoch lassen sich objektiv viele HS-typische Eigenschaften festlegen, welche von E. Aron erstmals systematisch aufgeführt wurden.

  • intensives Empfinden und Erleben

Reize werden tiefer, intensiver und detaillierter wahrgenommen und gespeichert. Oft wird diese Eigenschaft mit bloßer Nervosität und Empfindlichkeit verwechselt, jedoch ist die Ähnlichkeit rein äußerlicher Natur. Überempfindlichkeit im profanen Sinne ist meist eine persönliche unverhältnismäßig starke Reaktion auf Reize, die nicht mit erhöhter Bandbreite der Wahrnehmung einhergehen muss, was bei einer HSP (hochsensitive Person) fast immer der Fall ist.[4] Bloße Empfindlichkeit und Reizbarkeit sind also kein Kriterium für Hochsensibilität.

  • ausgeprägte subtile Wahrnehmung (vielschichtige Fantasie und Gedankengänge)
  • erhöhte Schmerzempfindlichkeit
  • detailreiche Wahrnehmung
  • hohe Begeisterungsfähigkeit, sehr vielseitige Interessen
  • sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis
  • psychosoziale Feinwahrnehmung (Befindlichkeiten, Stimmungen und Emotionen anderer Menschen werden leichter und detaillierter erkannt)
  • stärker beeinflussbar durch Stimmungen anderer Menschen
  • ausgeprägtes intuitives Denken
  • langer emotionaler „Nachklang“ des Erlebten
  • Denken in größeren Zusammenhängen
  • ausgeprägter Altruismus, Gerechtigkeitssinn
  • Harmoniebedürfnis, Gewissenhaftigkeit
  • Intensives Erleben von Kunst und Musik
  • Perfektionismus
  • meist vielschichtige komplexe und stabile Persönlichkeit (Instabilitäten wie bei Borderline, bipolaren Störungen, Psychosen o. ä. sind kein Merkmal der HS; dennoch können solche als Folge einer psychischen Erkrankung durchaus präsent sein)

Durch die verstärkte Reizaufnahme und ihre tiefere Verarbeitung ergeben sich im Großen und Ganzen Charaktereigenschaften, die Introversion, unreflektiertes Schließen von sich auf andere, intensives Erleben der zwischenmenschlichen Beziehungen, starke Reaktionen auf Medikamente, Alkohol und Koffein sowie Anfälligkeiten für Stress, Leistungsdruck und Zeitknappheit umfassen. Der häufig postulierte Zusammenhang zwischen Introversion und HS ist jedoch nicht eindeutig. Es gibt empirische Evidenz dafür, dass die Konzepte der sozialen Introversion, negativer Emotionalität, Gehemmtheit und Schüchternheit vom Konzept der Hochsensibilität zu trennen sind.[5] Die Korrelation dieser Konzepte ist dahingehend zu deuten, dass die HS bei biografisch vorbelasteten Menschen (psychische Traumata, familiäre Konflikte, schwierige Sozialisation) die Entstehung von Gehemmtheit und negativer Emotionalität begünstigt. Aron selbst weist darauf hin, dass die Unterscheidung zwischen Hochsensibilität und Introversion nur dann sinnvoll sei, wenn man Introversion immer als soziale Introversion versteht. Dieses eingeschränkte Verständnis habe sich aber durchgesetzt. Aron meint, es sei daher nicht sinnvoll, den Begriff Introversion in seiner ursprünglichen und breiteren Bedeutung zu rehabilitieren, weshalb sie stattdessen „sensitive“ (hochsensitiv) etablieren möchte.[6]

Validität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

E. Aron hat einen HS-Test ausgearbeitet, der heute in der Psychologie zur empirischen Erfassung der HS Verwendung findet. Spätere Forschung konnte die Validität des Konstrukts bestätigen und deutet dabei auf drei verschiedene Komponenten hin:[7] Die erste ist charakterisiert durch schnelles überfordert sein durch innere und äußere Anforderungen. Die zweite Komponente beschreibt Sensitivität gegenüber ästhetischen Reizen. Die dritte Komponente drückt sich aus in einer als unangenehm empfundenen sensorischen Erregung auf äußere Reize. Die jeweiligen Komponenten sind dabei unterschiedlich mit verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen assoziiert. Die ästhetische Sensitivität steht vor allem mit Offenheit für neue Erfahrung in Verbindung, während die anderen beiden mit Neurotizismus korrelieren. Ohne eine abgeschlossene neurowissenschaftliche Theorie bleiben jedoch viele methodische Unklarheiten.

Ein Teil der sich als hochsensibel wahrnehmenden Menschen erlebt bei Kontakt mit dem Konzept ein Gefühl der starken Erleichterung (ähnlich der „Doppelenttäuschung“ nach C. G. Jung.[8]) Auch ist zu hören, „ein Stein falle vom Herzen“ („Gebirgsketteneffekt“)[9], da man erstmals nicht mehr das Empfinden habe, „von einem anderen Stern“ zu sein.[10] Als Quelle der wahrgenommenen Andersartigkeit wird maßgeblich die Unverträglichkeit der eigenen Belastungsgrenzen mit dem für Zeitgenossen typischen Lebensstil genannt. Derartige subjektive Selbstwahrnehmungen sind für die wissenschaftliche Validität jedoch irrelevant.

Neuerdings wird ein Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und der Diagnose ADHS gesehen.[11][12] Offenbar gibt es bei ADHS-Betroffenen häufig Merkmale, die auch auf HSP zutreffen.[13] Daraus lässt sich aber nicht schließen, dass HSP automatisch an ADHS leiden. So kommt es mitunter zu Fehldiagnosen. HSP profitieren häufiger als Menschen mit ADHS von einer reizarmen Umgebung und leiden dann weniger unter Konzentrationsschwierigkeiten oder Aufmerksamkeitsdefiziten.[14] Der Verein Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität (IFHS) ist der Meinung, dass veraltete Vorstellungen die korrekte HS-Erkennung und empirische Datenerhebung erschweren, und sieht Aufklärungsbedarf.[15]

Sozialisation und Gesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

HSP fallen dadurch auf, dass sie selbst scheinbar unbedeutenden Sachen große Bedeutung beimessen. Der Hang zur Gewissenhaftigkeit und Detailverliebtheit sowie die Wertschätzung der sozialen Kommunikation erfordern Zeit, Akribie und eine ruhige Atmosphäre, die nicht immer gegeben ist. Bei Leistungsdruck und Tätigkeiten, die schnelle Entscheidungen fordern, sind die HSP sehr häufig überfordert, eben aufgrund der Unmöglichkeit der geistigen Reduktion auf nur eine Aufgabe oder einen Wahrnehmungsbereich. Gemessen am Ideal der Leistungsgesellschaft ist dies ein Nachteil, auch dadurch bedingt, dass die HSP oft typische Querdenker sind und in ihren Problemlösungsstrategien nicht den gesellschaftlichen Standards entsprechen, welche sie oft für zu primitiv und ineffizient halten. Aber auch im privaten Bereich ist Hochsensibilität nicht unbedingt ein Vorteil; zwar ermöglicht HS sehr enge zwischenmenschliche Beziehungen, andererseits stoßen HSP bei Nicht-Hochsensiblen leicht auf Unverständnis, wohl auch, weil Hochsensible dem Verhalten des Anderen oft zu viel Bedeutung beimessen und daraus mitunter sehr weitreichende Schlüsse ziehen. Dennoch korreliert Hochsensibilität durchaus mit hohem Einfühlungsvermögen (Empathie).[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elaine Aron: The Highly Sensitive Person’s Workbook. Broadway Books 1999. ISBN 978-0-7679-0337-0
  • E. N. Aron, A. Aron, K. M. Davies: Adult Shyness: The Interaction of Temperamental Sensitivity and an Adverse Childhood Environment. In: Personality and Social Psychology Bulletin, 31, 2005, S. 181–197.
  • G. Benham: The highly sensitive person: Stress and physical symptom reports. In: Personality and Individual Differences, 40, 2006, S. 1433–1440.
  • A. Evers, J. Rasche, M. J. Schabracq: High sensory-processing sensitivity at work. In: International Journal of Stress Management, 15, 2008, S. 189–198.
  • S. G. Hofmann, S. Bitran: Sensory-processing sensitivity in social anxiety disorder: Relationship to harm avoidance and diagnostic subtypes. In: Journal of Anxiety Disorders, 21, 2007, S. 944–954.
  • E. M. Jerome, M. Liss: Relationships between sensory processing style, adult attachment, and coping. In: Personality and Individual Differences, 38, 2005, S. 1341–1352.
  • D. S. Kemler Sensitivity to Sensoriprocessing, Self-Discrepancy, and Emotional Reactivity of Collegiate Athletes. Perceptual and Motor Skills, 102, 2006, S. 747–759.
  • W. Klages: Der sensible Mensch. Psychologie, Psychopathologie, Therapie. Enke Ferdinand Verlag, 1991.
  • M. Liss, L. Timmel, K. Baxley, P. Killingsworth: Sensory processing sensitivity and its relation to parental bonding, anxiety, and depression. In: Personality and Individual Differences, 39, 2005, S. 1429–1439.
  • B. Meyer, M. Ajchenbrenner, D. P. Bowles: Sensory sensitivity, attachment experiences, and rejection responses among adults with borderline and avoidant features. In: Journal of Personality Disorders, 19, 2005, S. 641–658.
  • J. A. Neal, R. J. Edelmann, M. Glachan: Behavioural inhibition and symptoms of anxiety and depression: Is there a specific relationship with social phobia? In: British Journal of Clinical Psychology, 41, 2002, S. 361–374.
  • L. Rohleder: Die Berufung für Hochsensible: Die Gratwanderung zwischen Genialität und Zusammenbruch. 2015, ISBN 3-98157114-2.
  • K. A. Smolewska, S. B. McCabe, E. Z. Woody: A psychometric evaluation of the Highly Sensitive Person Scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and „Big Five“. In: Personality and Individual Differences, 40, 2006, S. 1269–1279.
  • J. Kagan: Galens Prophecy; Temperament in human nature. New York Basic Books, 1994.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.hochsensibel.org/wissenschaftliches-netzwerk/stand-der-forschung.html.
  2. Klages 1991, Benham 2006.
  3. http://www.hochsensibel.org/startseite/infotext.html.
  4. siehe „Thalamische Affizierbarkeit“ Klages 1991.
  5. siehe Aron 1997.
  6. siehe Aron: The Clinical Implications of Jung’s Concept of Sensitiveness (PDF; 250 kB), 2006.
  7. Kathy A. Smolewska u. a.: A psychometric evaluation of the Highly Sensitive Person Scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and Big Five. In: Personality and Individual Differences. Series B: Biological Sciences. Bd. 40, 2006, S. 1269–1279, doi:10.1016/j.paid.2005.09.022.
  8. vgl. Spiegelberg, Frederic: Die lebenden Weltreligionen, Suhrkamp 1997, S. 22 f.
  9. Jasmin Fischer: Die Seele ohne Filter. In: WAZ Online. 2. Mai 2007, zuletzt abgerufen 6. März 2015.
  10. Raffaela Römer: „Wie von einem anderen Stern“. Bochumer Student gründete Gesprächskreis zu Hochsensibilität. In: Rubens, 1. Februar 2006.
  11. Corinne Huber: ADHS und Hochsensibilität/Hochsensitivität (PDF; 273 kB). In: Elpost, Nr. 42, Herbst 2010, S. 26–30.
  12. Vgl. J.M. Bloemsma u. a.: Comorbid anxiety and neurocognitive dysfunctions in children with ADHD. In: Eur Child Adolesc Psychiatry, April 2013, 22. Jg., Nr. 4, PMID 23086381, S. 225–234.
  13. Helga Simchen: ADHS/ADS. Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne Hyperaktivität und seine Besonderheiten bei der Diagnostik und Therapie. ADHS Deutschland e.V., abgerufen am 20. Januar 2014.
  14. Barbara Stelzer: Hochsensible Menschen haben ihre Begabungen. In: Salzburger Nachrichten. 2. Januar 2014, abgerufen am 20. Januar 2014.
  15. Hochsensibilität – Kurzinformation für VertreterInnen von Heilberufen (Somato-Pathologie), Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V., 27. Oktober 2013, abgerufen 11. Januar 2016. (PDF; 95 kB).
  16. Marianne Schauwecker: Das Potential der Hochsensiblen. Eine Website, die dem hochsensiblen Menschen gewidmet ist (…) (seit 2007), letzte Änderung 30. Dezember 2015, abgerufen 11. Januar 2016.