Judentum in Armenien

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Logo der jüdischen Gemeinde Armeniens

Die Wurzeln des Judentums in Armenien reichen fast 2000 Jahre zurück.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Antike[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Großteil der Historiker datiert die Entstehung erster jüdischer Siedlungen in Armenien auf die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im 6. Jahrhundert v. Chr. Die mündliche Tora (Midrasch Rabba, Kapitel 1) besagt nämlich, dass der neubabylonische König Nebukadnezar II nach der Verwüstung des Tempels einen Teil der Juden nach Armenien getrieben haben soll.[1] Während seiner Eroberungszüge brachte Tigranes II (95-55 v. Chr.) auf dem Rückweg von Palästina bis zu 10.000 jüdische Gefangene nach Armenien, als sein Land im Jahr 69 v. Chr. von Römern angegriffen wurde. Um 360–370 n. Chr. kam es zu einem massiven Anstieg der hellenistisch jüdischen Einwanderung nach Armenien. Infolgedessen wurden viele armenische Städte mehrheitlich jüdisch. Nach der Invasion des heutigen Armeniens durch den persisch-sassanidischen Herrscher Schapur II begann dieser, Tausende in Armenien ansässig gewordene Juden in den Iran zu deportieren.[2] Die Zahl der vertriebenen Juden belief sich gemäß dem spätantiken Historiker Faustus von Byzanz auf 83.000 Menschen.[3]

Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Untergang des Königreichs Kleinarmenien 1375 begann der sukzessive Auflösungsprozess ganzer jüdischer Gemeinschaften in Armenien. Viele Juden konvertierten zum Christentum.[4] Während des Südkaukasusfeldzuges von Abbas I. (Persien) 1603 wurden nahezu alle Juden Armeniens samt Christen in den Iran verschleppt.[5] Im Jahr 1996 wurden im Dorf Jeghegis in der südarmenischen Provinz Wajoz Dsor die Überreste eines mittelalterlichen jüdischen Friedhofs entdeckt. Von welcher jüdischen Gemeinde dieses Grabfeld genau stammt, bleibt weitestgehend unklar.[6] Vier Jahre später grub ein von Michael E. Stone angeführtes Team von der Hebräischen Universität Jerusalem auf der Südseite des Flusses Jeghegis einen aus 40 Grabsteinen bestehenden jüdischen Friedhof mit hebräischen Inschriften aus. Dessen Entstehungszeitpunkt wird den 13. – 15. Jahrhunderten zugerechnet.[7]

Neuzeit und Moderne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Eingliederung vom Südkaukasus ins Russische Zarenreich gemäß dem Frieden von Turkmantschai 1828 strömten viele georgische und aschkenasische (europäische) Juden sowie die in die Peripherie des Imperiums verbannten Sabbatarier (Russisch Subbotniki), die sich zum Judentum bekannten, nach Armenien.[8]

Laut der ersten und einzigen Volkszählung des Russischen Kaiserreichs aus dem Jahr 1897 lebten im Gouvernement Eriwan insgesamt 850 Juden, die mehrheitlich in Städten ansässig waren.[9] Mit Beginn des 20. Jahrhunderts ging der Anteil der jüdischen Bevölkerung jedoch nach und nach zurück und betrug nach offiziellen Angaben 1926 nur noch 335 Menschen, wobei die Zahl der Männer die der Frauen um das Doppelte überstieg.[10] Die meisten Juden, die heutzutage in Armenien leben, stammen überwiegend aus verschiedenen Republiken der ehemaligen Sowjetunion, die sich Mitte der 1930er Jahre hier angesiedelt hatten.[11]

Während und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges (1940–1950er Jahre) wanderten viele vom Krieg vertriebenen Juden nach Sowjetarmenien ein, was wiederum die Zahl der jüdischstämmigen Bevölkerung des Landes im Jahr 1959 bis auf 10.000 steigen ließ. Eine weitere Immigrationswelle fällt auf den Zeitraum zwischen 1965 und 1972, als die Sowjetführung ein großangelegtes Konjunkturprogramm für die Entwicklung der Industrie und Landwirtschaft in südkaukasischen Teilrepubliken verkündet hatte. Die Implementierung dieser Aufgaben machte ihrerseits die Einbeziehung gut ausgebildeter jüdischer Fachkräfte (Ingenieure, Soldaten, Intelligenzija etc.) aus der Ukraine, Russland und Belarus notwendig.

Von der 2. Hälfte der 1980er Jahre an beginnt die jüdische Bevölkerung Armeniens aufgrund massenhafter Auswanderung zu schrumpfen. Nach dem Stand der letzten Volkszählung in der Sowjetunion lebten in Armenien 1989 etwa 3000 Juden, davon 1000 in Jerewan.[12] Der Emigrationsprozess beschleunigte sich Anfang der 1990er Jahre nach dem Ausbruch kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg-Karabach und der sich daraus ergebenden politischen Isolation bzw. ökonomischen Gemengelage Armeniens.[13]

Den unterschiedlichen Angaben zufolge leben in Armenien heutzutage 500 bis 1000 Juden (Stand 2017).[14] Die jüdische Gemeinde des Landes wird derzeit vom Oberrabbiner Gerschon Burstein vom Chabad-Lubawitsch geleitet.[15]

Antisemitismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab Ende der 1990er Jahre warfen die nationalistischen Kreise Armeniens den in Armenien lebenden Juden vor, die Interessen von Israel zu unterstützen. Anlass dazu waren die engen Beziehungen des Staates Israel mit Aserbaidschan und der Türkei, die in Armenien traditionell als Erzfeinde betrachtet werden, und Versuch einiger jüdischer Lobbykreise in den USA, den unter dem Druck der armenischen Lobby verabschiedeten Freedom Support Act des US-Kongresses, die die finanziellen Hilfszahlungen an Aserbaidschan untersagte, aufheben zu lassen. 1999 veröffentlichte der Politologe Igor Muradjan in der oppositionellen Zeitung „Voice of Armenia“ einen großen Artikel über einen angeblich historisch bedingten Konflikt zwischen den „arischen“ Armeniern und „semitischen“ Juden. In diesem antisemitischen Pamphlet bezichtigte Muradjan Juden, weltweit interethnische Auseinandersetzungen, einschließlich den Bergkarabachkonflikts angezettelt zu haben.[16]

Im Februar 2002 erschien in Jerewan ein auf antisemitischen Ressentiments beruhendes Buch von Romen Jepiskoposjan, das in der Union der Schriftsteller von Armenien präsentiert wurde. Darin titulierte der Autor die Juden als „Zerstörer der Nation“ und reihte diese nebst Türken in die Reihe der „größten Feinde Armeniens“ ein. Er stellte den Holocaust als „größte Falsifikation der Menschheitsgeschichte“ hin und behauptete, Juden seien nicht in Gaskammern ermordet worden.[17]

Im Jahr 2004 lancierte der regierungsnahe Politiker und Vorsitzende der „Volkspartei ArmeniensTigran Karapetjan in seinem privaten Fernsehsender „ALM“ eine Telefon-Talkshow, in der er die Juden als eine „unappetitliche Rasse“ darstellte. Deren Ziel sei, Armenien und die ganze Welt zu beherrschen. Karapetjans Rhetorik ermutigte kurze Zeit später auch Armen Avetisian, den Anführer der „Arischen Union Armeniens“, zu antisemitischen Auftritten. In einem Zeitungsinterview versprach dieser, alles daran zu setzen, um die 50.000 als Juden „getarnten“ Menschen in Armenien außer Landes zu schaffen.

Eine drastische antisemitische Stellung bezog im Oktober 2004 auch die prominente Ethnologin und Abteilungsleiterin für Religion und Minderheiten der armenischen Regierung Hranousch Charatjan im Interview mit „Voice of Armenia“: „Warum reagieren wir nicht auf die Tatsache, dass Juden während ihrer Freitagsversammlungen weiterhin extreme Intoleranz gegenüber allen Nicht-Juden predigen? Diese gehen so weit, dass Menschen nichtjüdischer Abstammung mit Tieren gleichgesetzt und sogar angespuckt werden.“[18] Darüber hinaus warf Charatjan den Juden vor, an „antichristlichen Aktivitäten“ beteiligt zu haben.[19]

Im September 2006 geriet der Umweltminister Armeniens Vartan Ajwasjan in einen heftigen Streit mit der amerikanischen Bergbaufirma Global Gold, die ihm Verstrickung in einen Bestechungsfall zur Last gelegt hatte. In einem Interview mit armenischen Journalisten machte der Minister seinem Ärger Luft: „Wissen sie, wen sie da beschützen? Sie beschützen Juden. Finden sie heraus, wer hinter diesem Unternehmen steht. Anstatt sie an der Verletzung der Gesetzte unseres Landes zu hindern, wollen sie diese verteidigen?“ Nach Protesttönen von Rimma Warschapetjan, der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Armeniens, distanzierte sich Ajwasjan von seinen Äußerungen.[20]

Das 1999 im Zentrum von Jerewan errichtete Holocaust-Denkmal wurde insgesamt dreimal – 2005, 2007 und 2010 – geschändet. Beim letzten Vorfall wurde das Mahnmal mit einem Hakenkreuz und den Worten „Tod den Juden“ beschmiert. Die Stadtverwaltung entfernte am nächsten Tag die Graffiti und ordnete eine Untersuchung an.[21]

Laut einer Umfrage des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center, die den Zeitraum zwischen Juni 2015 und Juli 2016 umfasst, erwies sich Armenien unter 18 Ländern in Mittel- und Osteuropa als das intoleranteste Land gegenüber Juden. Mehr als ein Drittel der Befragten gaben an, Menschen jüdischer Herkunft nicht als Mitbürger haben zu wollen.[22]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Евреи в Армении. 17. März 2018, abgerufen am 30. Mai 2018 (russisch).
  2. Ariel Scheib: Armenia Virtual Jewish History Tour. Abgerufen am 30. Mai 2018 (englisch).
  3. Moorad Alexanian: Jewish History of Armenia. 16. Juni 2000, abgerufen am 30. Mai 2018 (englisch).
  4. КАК ЕВРЕИ СТАЛИ АРМЯНАМИ. 19. August 2013, abgerufen am 30. Mai 2018 (russisch).
  5. Аракел Даврижеци: «Книга историй». Москва 1973, S. 61.
  6. Armenians in Holy Land and Jews in Armenia. In: mediamax.am. (mediamax.am [abgerufen am 30. Mai 2018]).
  7. Arthur Hagopian: Armenians Renovate Unknown Jewish Cemetery. 8. Mai 2009, abgerufen am 30. Mai 2018 (englisch).
  8. conVistaAlMar.com.ar: Jewish Community of Armenia. In: The International Raoul Wallenberg Foundation. (raoulwallenberg.net [abgerufen am 30. Mai 2018]).
  9. Первая всеобщая перепись населения Российской Империи 1897 г. Распределение населения по родному языку и уездам Российской Империи кроме губерний Европейской России. Эриванская губерния. Abgerufen am 30. Mai 2018 (russisch).
  10. Илья Карпенко: В СТРАНЕ МНОГОЦВЕТНОГО ТУФА. Juli 2008, abgerufen am 30. Mai 2018 (russisch).
  11. Hasmik Hovhannisyan: There Have Always Been Jews in Armenia. 26. März 2007, abgerufen am 30. Mai 2018 (englisch).
  12. M. Avrum Ehrlich: Encyclopedia of the Jewish Diaspora: Origins, Experiences, and Culture. Band 1. ABC-Clio, Santa-Barbara, Californien, USA, ISBN 978-1-85109-874-3, S. 1105–1106.
  13. Ariel Scheib: Armenia Virtual Jewish History Tour. Abgerufen am 30. Mai 2018 (englisch).
  14. Что разделяет и что связывает Армению и Израиль. In: ИА REGNUM. (regnum.ru [abgerufen am 30. Mai 2018]).
  15. Jewish Community of Yerevan - Yerevan, Armenia. Abgerufen am 30. Mai 2018 (englisch).
  16. ANTISEMITISM IN GEORGIA, AZERBAIJAN AND ARMENIA . An In-Depth UCSJ Special Report. 25. August 1999, abgerufen am 30. Mai 2018 (englisch).
  17. Antisemitic Book Presented in Armenia; Jewish Leader Heckled. 20. Februar 2002, abgerufen am 30. Mai 2018 (englisch).
  18. Emil Danielyan: Armenia: Country’s Jews Alarmed Over Nascent Anti-Semitism. 26. Januar 2005, abgerufen am 30. Mai 2018 (englisch).
  19. Armenian Official Says Jews „Anti-Christian“ | UCSJ. 4. Oktober 2011, abgerufen am 30. Mai 2018.
  20. Armenian Minister Condemned For ‘Anti-Semitic’ Remark. Abgerufen am 31. Mai 2018 (armenisch).
  21. National Coalition Supporting Eurasian Jewry: Republic of Armenia Country Report 2016. 2016, abgerufen am 30. Mai 2018 (englisch).
  22. In some countries in Central and Eastern Europe, roughly one-in-five adults or more say they would not accept Jews as fellow citizens. In: Pew Research Center. 27. März 2018 (pewresearch.org [abgerufen am 30. Mai 2018]).