Juri Khanon

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Juri Khanon, Petersburg, 2008

Juri Khanon, (russisch Юрий Ханон) eigentlich Juri Felixowitsch Solowjow-Sawojarow[1]; (* 16. Juni 1965 in Leningrad) ist ein russischer Komponist und Preisträger des Felix für die beste Musik und des russischen Preises Nika von 1988.[2][3]

Leben[Bearbeiten]

1988 absolvierte Khanon trotz des Widerstandes konservativer Pädagogen, das Sankt Petersburger Konservatorium im Fach Komposition und Musiktheorie. Als seine Vorbilder und Lehrer nennt er besonders die Komponisten Aleksander Skrjabin und Erik Satie.[4] Er ist der Enkel von Michail Sawojarow,[5] einem im vorrevolutionären Petrograd wirkenden Künstler, Exzentriker und Komponisten.[6] Juri Khanon ist nicht nur Komponist, er arbeitet außerdem als Schriftsteller, Maler, Philosoph, Studiopianist und als Botaniker und Pflanzenzüchter.

1988–1991 schrieb er die Musik zu drei Filmen, konzertierte, trat im Fernsehen und in der Presse mit einer Serie von Artikeln und Interviews auf. Häufig waren seine Auftritte von Skandalen begleitet. Die größte Resonanz hatten die Konzerte Musik der Hunde (Moskau, 1. bis 4. Dezember 1988) und Eingetrocknete Embryonen (Leningrad, Mai 1991).

1992 erfolgte die Aufführung und Aufzeichnung der biographischen Oper Der Chagrinknochen (Regisseur Igor Besrukow) durch das St. Petersburger Studio für Dokumentarfilme. Die Hauptrolle spielte der Autor selbst. Das englische Label Olympia produzierte eine CD mit einigen Sinfonien von Khanon: Fünf kleinste Orgasmen, Ein gewisses Konzert (für Klavier und Orchester), sowie seine Die mittlere Sinfonie.

„… Diese Schallplatte präsentiert drei von Khanons Kompositionen, die alle verschiedene Ziele haben: Fünf kleinste Orgasmen, oc. 29 (1986) wurde als eine direkte Antwort auf Skrjabins Poème de l’Extase geschrieben ... Ein gewisses Konzert für Klavier und Orchester, oc. 31 (1987) wurde im Genre des falschen Konzerts geschrieben, bei dem der Zuhörer fortwährend getäuscht wird, indem seine Erwartungen mit „Leere“ gekrönt werden. Das Thema der Täuschung ist eines der Hauptmerkmale des künstlerischen Schaffens Khanons... Mittlere Symphonie, oc.40 (1990) mit einem Text des Komponisten ist ein großes, ganz außergewöhnliches Werk mit einer ziemlich unnatürlichen und gekünstelten Struktur. Es endet mit einem Kanon, in dem die drei Sänger denselben Text 81 Takte lang rückwärts singen. Der Text ist sehr abstrus, in der Tat fast absurd; es erfordert, dass man seinen Eindruck von der ganzen Symphonie, die man gerade gehört hat, umstürzt... — Erschöpft diese Diskussion das Thema dieser Platte? Ich weiß es nicht – ich bezweifle es.[7]

Juri Khanon, Annotation für Disk (OCD-284), London, 1992.

Diese CD ist die einzige vom Autor veröffentlichte CD. Mehr als zehn weitere CDs hat er nicht freigegeben. Nach 1992 beendete Juri Khanon alle öffentlichen Auftritte und Publikationen seiner Musik und konzentrierte sich auf die Arbeit „in Gesellschaft von sich selbst“.[4]

„… Es ist Gewiß, dass Yuri Khanon sich in die Musikgeschichte als "der am meisten geschlossene Komponist" eingetragen hat. Im Alter von 23 Jahren die europäische Anerkennung bekommen und eine Sensation innerhalb eigenes Landes gemacht, existierte er in der Őffentlichkeit nur drei Jahre lang, und verzichtete weiter fortzusetzen, wie es sonst űblich ist. Hinter sich die Tür zugeschlagen und die Vorhänge zugezogen, sagte er: "Schluss, sehen Sie es so, als ob es mich Nicht gibt!"…, und wir, die zur selben Zeit mit ihm leben, sind ihm eine Antwort schuldig geblieben.[8]

Prof. Vladimir Tikhonov «Das Imperium der Weißen Maske» (herausgegeben “Khangёre Sinmun”, Seoul, 2003).

Von der Musik Chanins existiert heute nur eine einzige CD. Es heißt, 15 weitere CDs (z. T. mit ihm als Interpreten) habe Khanon nicht frei gegeben. Eine CD mit dem Titel «Modern Composers of Saint-Petersburg», die vor einigen Jahren in den USA ohne Genehmigung der dort vorgestellten Komponisten veröffentlicht wurde, beinhaltet neben Khanon’s exzentrischen «Elenden Noten» (Miserable Score) eine humorlose Mozart-Karikatur, «Amadeus», – die Khanon zugeschrieben wird, aber in Wahrheit von dem Komponisten Krasawin stammt. Khanon vernichtet seine Kompositionen planmäßig nach und nach selbst: „diese Welt ist eine Verbrecherin, sie hat nichts außer Asche verdient“.[9]:513

1996–1999 nahm Juri Khanon als Klavierspieler mehr als 15 unveröffentlichte CDs auf, unter denen drei Präludien von Skrjabin, eine CD mit der bleiernen Musik von Satie sowie fünf eigene Programme hervorzuheben sind.[4] Unter den Theaterauffűhrungen ist das Ballett in einem Akt Das Mittlere Duett[10] am bekanntesten (erster Teil der Mittleren Sinfonie), das 1998 im Mariinski-Theater aufgeführt wurde.[11] Es wurde 2000 für den Preis Die Goldene Maske nominiert.[12][13][14] Ein Satz (Nummer 1) der Mittleren Symphonie wurde über die russischen Grenzen hinaus bekannt als Musik zu der berühmten Ballett-Miniatur «Mittleres Duett». Dies führte zu einem langjährigen Rechtsstreit Chanons mit dem Choreographen Alexei Ratmanski, dem Mariinsky und anderen Theatern, die seine Musik illegal gespielt und benutzt haben sollen. Allein schon der aus dem Kontext gerissene Satz, in dem eine unbestimmte barocke Vorlage (zwischen der berühmten Albinoni-Fälschung und den langsamen Sätzen aus Bachs instrumentalen Concerti) zu einer unendlichen, auseinandergehenden und sich doch erhaltenden Schleife gebunden wird, lässt Chanon zu den führenden Komponisten der Postmoderne, den virtuosesten Meistern der Destruktion, Verfremdung, Minimalismus zählen.[9]:514

Seit Anfang seiner Karriere bezeichnet Yuri Khanon seine Tätigkeit beharrlich nicht mit den Worten Komponist, Schriftsteller oder Maler. Sich mit jedem beliebigen Schaffen zu beschäftigen gilt für ihn als die Wesentlichste aller Aufgaben. In dieser Welt gebe es, seiner Meinung nach, auch ohne ihn mehr als genug Komponisten und Maler. „Es ist unmöglich am Tag auf die Straße hinauszugehen, ohne über den Körper eines neuen Komponisten oder Schriftstellers zu stolpern“, schrieb er in einem Artikel von 1993. Für die wichtigste Aufgabe hielt er nicht die Kunst, sondern das System der Ideen, das durch die Mittel der Kunst verwirklicht wird.[4]

„…Yuri Khanon ist ein Kanonik und ein Doktrinär. Das bedeutet nicht, dass er einfach nur ein Komponist sei. Das Komponieren der Musik ist für Yuri Khanon die Weise, eine Doktrin zu äußern. Genau so eine Weise stellen das literarische Werk und das Spielen dar. Khanon spielt die Klavierwerke von Erik Satie und Alexander Skrjabin. Er hält sie für seine Lehrer und nennt die anderen "einfach nur Komponisten". Yuri Khanon schreibt sehr viel Musik. Es gibt davon zwei Arten: die mittlere und die extreme Musik. <...> Khanons Figur ist außerordentlich interessant und einzigartig für unsere Zeit.[15]

( Viktor Ekimowsky, «Automonografie».)

Der Großmeister des Grotesken in der Leningrader Musik ist Juri Khanon, der den radikalen Geist der Futuristen und Absurdisten der Nachrevolutionsjahre und im Besonderen Daniil Charms’ wieder ins Leben ruft. Allein in der Auflistung seiner Kompositionen mit ihren spöttischen, teils absurden Titeln spiegelt sich Khanons Ästhetik adäquat wider.[9]:512

1988–1992 durch Film, Fernsehen und mit einer Reihe von Konzerten in Russland bekannt geworden, zog Juri Khanon sich 1993 aus dem öffentlichen Leben zurück.

Werke[Bearbeiten]

Passepied aus der Pause-Oper «Chagrinknochen»

Balletts

Opern

  • Os de Chagrin (Der Chagrinknochen, ru «Шагреневая Кость», oc.38, 1990, Pause-Oper aus dem gleichnamigen Ballett),[16]
  • Das trübe Leben (ru «Тусклая жизнь», oc.54, 1993, nach dem Libretto von Khanon),
  • Die Norm (oc.59, 1995, opera omonima, nach dem Oper von Vincenzo Bellini, Norma),
  • La forza del destino (oc.65, 1997, opera incognita, Macht des Schicksals, nach der Oper von Giuseppe Verdi, La forza del destino),
  • Was sprach Zarathustra» (ru Что сказал Заратустра, oc.68, 1998, klerikalisches Singspiel (oder eine kirchliche Operette) nach dem Grossbuch für Alle und Keinen von Friedrich Nietzsche Also sprach Zarathustra, Libretto von Juri Khanon).

Orchesterwerke

  • Sinfonie der Hunde (oc.35, 1989),
  • Mittlere Sinfonie (oc.40, 1990),
  • Drei Extreme Sinfonien (oc.60, 1996),
  • Lachsinfonie (oc.70, 1999) und fünfstündige orchestrale Fresken Die Menschen umblätternd, Das Innere Requiem, Mysterium Agonia Dei und eine Menge anderer sinfonischer, Kammermusik und Klavierwerke.[4]

Filme[Bearbeiten]

Juri Khanon arbeitete von 1988 bis 1991 beim Kino.[17] Er schrieb seine erste Arbeit (Tage der Finsternis, Filmregisseur Alexander Sokurow) noch als Student des Konservatoriums.[4]

Auf der ersten Verleihung (November 1988, West-Berlin) bekam dieser Film den Sonderpreis der Europäischen Filmakademie («Felix») für die beste Musik im Kino.[18] Ungeachtet des großen Erfolges, kehrte Juri Khanon nach 1991 „nicht mehr zur Arbeit beim Kino und für das Kino“ zurück.

Literarische Werke[Bearbeiten]

Frontispiz: Juri Khanon & Aleksander Skrjabin, St. Petersburg (Fotomontage)

Als Essayist und Belletrist arbeitet Juri Khanon seit 1983. Sein Roman aus Erinnerungen «Skrjabin als Antlitz» (1995) wurde geschaffen als «elitärer» Gegenstand der Buchkunst. Der Roman enthält persönliche Erinnerungen des Autors, der zwanzig Jahre mit dem russischen Komponisten Aleksander Skrjabin bekannt war.[4] Die Sprache und der Stil sind leicht, sie gründen insgesamt auf der Umgangs – und literarischen Sprache des ersten Jahrzehntes des 20. Jahrhunderts.

2010 sorgte sein umfangreiches Buch über Erik Satie, in dem Khanon eigene Texte zusammen mit den ins Russische übersetzten Schriften Saties zu fiktiven Erinnerungen Saties verknüpft, zu einer verhaltenen Diskussion. In diesem Buch identifiziert er sich vollkommen mit seinem Protagonisten und schafft somit eine neue Gattung zwischen wissenschaftlicher Studie, analytischem Essay und Mystifikation. Neben Satie zähle nur Skrjabin zu seinen Vorbildern, betonte Khanon in seinen frühen Schriften und Interviews. Khanon bezeichnet sich selbst als Kanoniker, als einen, der eine Doktrin, einen Kanon bestimmt (seinen Namen hat er dahingehend geändert). Neben seiner Musik schreibt er literarische Texte (das Buch «Skrjabin als Gesicht» erschien 1995, vor kurzem wurde das Alphonse Allais gewidmete Buch «Alphonse, der nie existierte veröffentlicht») und malt Bilder.[9]:512

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Juri Khanon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. [1]// Enzyklopädie russische Kino & Theater (Bio)
  2. [2] // European Film Awards nov.1988, '
  3. Nika-Awards-1989
  4. a b c d e f g h [3] // Grove’s Dictionary of Music & Musicians, 2001
  5. Mikhail Savoyarov
  6. [4] // Enzyklopädie russische Kino, Bio
  7. Juri Khanon. Annotation: Olympia Compact Disc (OCD284), London, 1991.
  8. Prof. Vl.Tikhonov: «Das Imperium der Weißen Maske», edit. Khangiore Sinmun, Seoul, 2003, Seite 96-97  ISBN 9788984311091 ko
  9. a b c d Boris Yoffe: «Im Fluss des Symphonischen» (eine Entdeckungsreise durch die sowjetische Symphonie). – Hofheim, «Wolke Verlag», 2014, s.648, ISBN 978-3-95593-059-2
  10. [5] //Mittleres Duett (video)
  11. [6] // Mariinski-Theater: Ballets.
  12. [7] // «Goldene Maske», 2000,
  13. [8] // Bolschoi-Theater: Ballets.
  14. [9] // New York Times: «The Middle Duo», .
  15. Viktor Ekimovsky, Automonographia (edic. Muzizdat / Музиздат, Moskau, 2008, Seite 291-293  ISBN 978-5-904082-04-8), ru
  16. [10] // Chagrinknochen an eTV ru
  17. [11] // Enzyklopädie russische Kino & Theater
  18. [12]// European Film Academy-1988,
  19. Dni zatmenia,
  20. [13] // Annonce: «Days of Eclipse»
  21. [14] // Enzyklopädie russische Kino: «Save & Protect»
  22. Chagrenevaia Kost