Interview

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Interview (Begriffsklärung) aufgeführt.
Hans Eichel am Abend der Bundestagswahl 2002 beim Interview im Bundestag

Ein Interview ('ɪntɐvjuː) ist eine Form der Befragung mit dem Ziel, persönliche Informationen, Sachverhalte oder Meinungen zu ermitteln. Der Begriff ist in der Wissenschaft ebenso gebräuchlich wie im Journalismus. Dabei gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Interviews erfolgen in der Regel mündlich entweder im direkten Kontakt oder bei räumlicher Distanz über ein Medium wie Telefon oder Videokonferenz. Text-Interviews können auch schriftlich geführt werden. Im Journalismus gibt es das Interview sowohl als journalistische Darstellungsform als auch als Recherchemittel. Im wissenschaftlichen Bereich werden exakte Regeln aufgestellt, um Vergleichbarkeit mehrerer Interviewer zu erreichen. Wissenschaftliche Interviews oder Befragungen können strukturiert sein (z.B. Reihenfolge der Fragen oder Fragebereiche) oder standardisiert (konkrete Fragen und Bewertungsregeln der Antworten vorgegeben) sein. Für alle Interviewformen ist eine Ausbildung bzw. Schulung der Interviewer erforderlich: sowohl im journalistischen Handwerk als auch in der Wissenschaft (in der Psychologie z. B. für die Erzielung einer ausreichenden Beurteilerübereinstimmung). [1]

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff ist ableitbar vom lateinisch: inter-, französisch entre- sowie lat. -videre, frz. -voir, dann daraus frz. entrevue bzw. s'entrevoir. Frei übersetzt: sich gegenseitig (kurz) sehen.

Interview im Journalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interview mit Angela Merkel, 2011

Aus den Medien bekannt ist das journalistische Interview, das für Textbeiträge in Presse und Online-Journalismus, den Hörfunk und das Fernsehen mit einer Person der Zeitgeschichte geführt wird. Gesprächspartner sind Politiker, Wissenschaftler, Stars und andere Persönlichkeiten, an deren Aussagen öffentliches Interesse besteht. Im Journalismus gibt es das Interview sowohl als journalistische Darstellungsform als auch als Recherchemittel.

Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Journalistische Interviews werden nach Walther von La Roche unterschieden nach:

  • Interview zur Person,
  • Interview zur Sache,
  • Interview zur Meinung.

Je nach Medium erfährt das Interview spezifische Ausprägungen: Online, in der Presse und im Radio steht bei Interviews vor allem der Text im Mittelpunkt. Fernseh- und Video-Interviews erfüllen zudem eine unterhaltende Funktion.

Bekannte Interviewer im Deutschen Fernsehen waren bzw. sind z. B.: Günter Gaus („Zur Person“), Sandra Maischberger, Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann.

Abgrenzung zur Umfrage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Umfrage als journalistische Darstellungsform wird oft Vox pop genannt. Während beim Interview mehrere Fragen an ein und dieselbe Person gerichtet werden, ist es bei der Umfrage genau anders herum: Hier stellt der Reporter ein und dieselbe Frage an mehrere Personen.

Das Interview in anderen Formaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Formen sind Gespräche mit Studiogästen im Rahmen einer Magazinsendung oder einer Talkshow. Sie erzielen teilweise hohe Reichweiten. So hat die Talkshow mit Sabine Christiansen andere klassische TV-journalistische Formate in den Schatten gestellt.

Im Wissenschaftsjournalismus werden Interviews dazu eingesetzt, um komplexe Zusammenhänge anschaulich und verständlich darzustellen. Ob dies gelingt, hängt von der Fähigkeit der befragten Experten ab. Verbreitet ist das Experteninterview etwa im Medizinjournalismus, aber auch im Wirtschaftsjournalismus und anderen Special-Interest-Formaten.

Interviews aus der Sicht der interviewten Person[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laien, die zum ersten Mal interviewt werden, sind oft aufgeregt. Die Aufgabe des Journalisten besteht hier darin, schnell guten Kontakt herzustellen. Guten Journalismus zeichnet aus, dass Interviewpartner nicht "vorgeführt" werden.

Führungskräfte und andere Prominente absolvieren eigene Medientrainings, um in der Interviewsituation in den Medien oder auf Pressekonferenzen ihre Botschaften zu platzieren und gegenüber den Journalisten die Oberhand zu behalten.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eines der folgenschwersten Interviews, die ein Interviewter je gegeben hat, dürfte eines des damaligen Chefs der Deutschen Bank, Rolf-E. Breuer, sein. Am 3. Februar 2002 bezweifelte er gegenüber dem Fernsehdienst Bloomberg TV, dass die Finanzbranche dem Medienunternehmer Leo Kirch noch "weitere Fremd- oder gar Eigenmittel" gebe. Nach jahrelangen Gerichtsverfahren sprach das Oberlandesgericht München in einem Vergleich mit der Deutschen Bank den Erben Kirchs einen Ausgleich von rund 900 Millionen Euro für die Nachteile zu, die Kirch und dessen Unternehmen dadurch entstanden waren. [2]

DFB-Pressekonferenz mit Michael Ballack

Interviewmethoden in der Wissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Befragung

Interviewmethoden haben die gleichen Ziele wie diejenigen der Befragung. Die Gemeinsamkeit besteht in der Form eines Gespräches zwischen Interviewer(n) und Interviewten. [3]

Einen großen Stellenwert als Basis für die Analyse- und Dokumentationsarbeit haben Interviews wissenschaftlich in der Sprachwissenschaft (Sprachatlas, Mundartforschung), in der Volkskunde/Ethnographie (Gewährsleute), in der Geschichtswissenschaft (Zeitzeugen, Technikgeschichte, Sozialgeschichte, Oral History) sowie in der empirischen Sozialforschung (insbesondere in der qualitativen Sozialforschung) sowie der Psychologie.

Psychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der psychologischen und psychologisch-pädagogischen Diagnostik dienen diagnostische Interviews dazu, über einzelne Individuen möglichst umfangreiche, aussagekräftige Informationen zutage zu fördern. Sie werden - vor allem standardisiert - dann eingesetzt, wenn die zu gewinnende Information aus keiner andere Datenquelle (z.B. Beobachtung, Fragebogen) vergleichbar möglich ist und der Prozess der Fragenauswahl und Antwortbewertung durch formale Hilfen unterstützt werden kann. Dadurch ist auch eine höhere Objektivität bei der Feststellung diagnostischer Merkmale durch Standardisierung der diagnostischen Informationsverarbeitung zu erreichen.

Strukturierte Interviews definieren die Fragenbereiche und mögliche Fragen. Standardisierte Interviews gehen in der Formalisierung weiter. Sie können die konkreten Fragen und ihre Abfolge sowie die Bewertung der gegebenen Antworten durch ein Beurteilungssystem unterschiedlich "streng" vorgeben. Dabei geht man davon aus, dass durch die Standardisierung der sogenannte Interviewer-Bias verringert wird.

Auch in der Personaldiagnostik werden Interviewmethoden häufig angewendet. Eine spezielle Art ist das strukturierte Einstellungsinterview, ggf. in Gestalt eines umfangreichen standardisierten Fragebogens. Ähnlich verhält es sich mit dem Erstgespräch mit einem Kandidaten im Executive Search.

Bekannte Methoden sind u.a. [4]

  • biografische Interviews
  • das Diagnostische Interview bei psychischen Störungen (DIPS, SKID) für Erwachsene und Kinder
  • spezielle Interviews für die Diagnostik verschiedener Störungen (Demenz, Borderlyne-Störungen, Belastungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen, Persönlichkeitsstörungen u.a)
  • problemzentrierte Interviews (PZI)
  • verhaltensdiagnostische Interviews
  • eignungsdiagnostische Interviews, z.B. Multimodales Interview

Auch die Qualitative Sozialforschung bedient sich der Methode des Interviews. Eine Variante ist das sogenannten Problemzentriertes Interview. In qualitativen Interviews soll durch gezieltes Hinterfragen von Antworten und durch freies Erzählen sowie themenzentrierte Ausführungen der Probanden ein möglichst vorurteilsfreies und nicht von normengestützten Vergleichsinteressen geleitetes Bild der Persönlichkeit oder der individuellen Denkleistungen erzeugt werden. So können z. B. Aussagen über das individuelle, inhaltlich-mathematische Denken (siehe auch: Qualitative Diagnostik bei Dyskalkulie) oder andere Sachgebiete gemacht werden.

Narrative Interviews betonen das Erfassen und Interpretatieren der Erzählung der Biographie des Interviewten dessen eigene Perspektive und es sollen sogenannte von der Person konstruierte subjektive Sinnzusammenhänge erfasst werden (siehe auch Biographisch-narrative Gesprächsführung) bzw. die Narrative Psychologie als zugehöriger methodologische Ansatz.

Medizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der medizinischen Diagnostik nennt man das Interview durch den behandelnden oder in der Klinik stationär aufnehmenden Arzt die Anamnese.

Forensik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Abwandlungen des Interviews sind das polizeiliche Verhör und die gerichtliche Befragung.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. (diagnostisches) Interview in DORSCH Lexikon der Psychologie
  2. Klaus Ott und Andrea Rexer: Zahltag. In: Süddeutsche Zeitung vom 20. Februar 2014, S. 19
  3. Interview in DORSCH Lexikon der Psychologie
  4. "Interviews" in DORSCH Lexikon der Psychologie

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Interviews – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: Interview – Zitate
 Wiktionary: Interview – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen