Karl Maria Hettlage

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Karl Maria Hettlage 1934

Karl Maria Hettlage (* 28. November 1902 in Essen; † 3. September 1995 in Bonn) war habilitierter Jurist, Zentrums-Politiker, SS-Hauptsturmführer, Vorstandsmitglied der Commerzbank, „zentrale Rolle“ in Albert Speers Behörde Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt sowie im Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion.[1] Im Frühjahr 1959 wurde Hettlage zum Staatssekretär beim Finanzminister Franz Etzel in der Bundesregierung Konrad Adenauer berufen.

Biographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hettlage ging in Eschweiler, wo sein Vater Carl Hettlage von 1911 bis 1920 Bürgermeister war, zur Schule und studierte in Köln und Münster Jura. In Münster wurde er Mitglied der katholischen Studentenverbindung V.K.D.St. Saxonia im CV und gründete[1] 1922 die Sozialstudentische Zentrale der Dr. Sonnenschein Bewegung des katholischen Sozialreformers Carl Sonnenschein. Von 1922 bis 1925 war Hettlage auch Mitglied[1] im Westfälischen Treubund des Hubert Naendrup, welcher aus der verbotenen rechtsradikalen Organisation Escherich (Orgesch) hervorging.[1] 1925 schloss sich Hettlage der Zentrumspartei an.[1] Er promovierte zum Dr. jur. 1925 begann er ein Referendariat und fand zeitweise Beschäftigung im Auswärtigen Amt mit Eintritt in den preußischen Staatsdienst. 1929 heiratete er Margarete Brenken; aus der Ehe gingen die Kinder Peter, Jan Bernt, Birgitta und Karin hervor. 1930 trat er als Regierungsassessor in den Dienst der Kölner Stadtverwaltung.

1930 erfolgte seine Habilitation an der Kölner Universität mit dem Thema Finanz- und Lastenausgleich als Verfassungsproblem, dann war er Privatdozent, danach geschäftsführend im Deutschen Gemeindetag. 1931 wurde er Beigeordneter des Deutschen Gemeindetages in der Finanzabteilung und Finanzdezernent. 1932–1933 und erneut 1933 war er für das Zentrum Mitglied im Preußischen Landtag.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 26. Juni 1933 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der nationalsozialistischen Akademie für Deutsches Recht. Von 1934 bis 1938 arbeitete er als Stadtkämmerer von Berlin, nachdem er dieses Amt schon vorher kommissarisch ausgeübt hatte – möglicherweise befördert durch seinen Mentor Johannes Popitz. 1936 erfolgte Hettlages Ernennung zum nichtbeamteten, außerordentlichen Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Hochschule für Politik, an der er Vorlesungen hielt. Im Frühjahr 1939 schied Hettlage aus seinem Amt als Stadtkämmerer aus. Die offizielle Begründung war eine vermutete Interessenkollision wegen seiner Berufung in den Vorstand der Commerz- und Privatbank, die im Juni 1939 erfolgte.[2] Allerdings war Hettlage in der Commerzbank zumindest ab 1940 nur nebenamtlich tätig. Denn er nahm ab 1. April 1940 beim Generalbauinspektor (GBI) für die Reichshauptstadt, Albert Speer, eine hohe Position ein. Dort wurde er im Oktober Leiter des Hauptamtes Verwaltung und Wirtschaft – Hauptamt II, eine der drei Hauptabteilungen beim GBI.[3] Als Inhaber eines weiteren Amtes, des Leiters des Amtes für Wirtschaft und Finanzen des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion, gab er Anordnung zur Gründung der Konzentrationslager-Betreiberin Mittelwerk GmbH am 24. September 1943 und war 1943 Mitglied im Beirat der Mittelwerk GmbH.[4] Hettlage war bis 1945 Speers Vertreter.

Unter Hettlages Verantwortung entstand jene Kartei von Mietwohnungen in Berlin, die von Juden bewohnt waren.[4] Diese Kartei wurde vom GBI benutzt, um durch Kündigung „freie“ Mietwohnungen für Abrissmieter zu bekommen, deren Häuser und Wohnungen den Umbauplänen Berlins zur neuen Hauptstadt Germania weichen sollten.[4]

Die Kartei war später Grundlage für die Erstellung der Deportationslisten durch die Gestapo. Bei den späteren sogenannten Aktionen war nicht mehr die Wohnungskündigung der Vorbote der Verschleppung – mit der Möglichkeit unterzutauchen für jene, die dazu in der Lage waren –, sondern die Verhaftung, beispielsweise in der Fabrikaktion.

Hettlage war für Speer neben Personen wie Hans Kammler, Walter Dornberger (Peenemünde), Gerhard Degenkolb (Maschinenfabrik Duisburg) im Beirat der Kapitalgesellschaft des Konzentrationslagers Mittelwerke tätig. In der Geschäftsführung arbeiteten Kurt Kettler (Borsig), Otto Förschner (SS-Sturmbannführer im KZ Buchenwald), Otto Bersch (Wehrwirtschaftsführer aus Wien), Georg Rickhey (Demag) und Albin Sawatzki (Leiter des „Arbeitsausschusses Serie“ des Sonderausschusses A4).[5] Hettlage war nicht Mitglied der NSDAP,[1] wohl aber von 1936 bis 1942 Mitglied der SS (SS-Nr. 276.909), zunächst ab September 1936 als Untersturmführer, dann ab September 1938 als Hauptsturmführer,[1] nach eigenen, teilweise verschwiegenen[1] Angaben im Entnazifizierungsverfahren nur ehrenhalber.[1] Innerhalb der NSDAP hatte Hettlage einflussreiche Gegner,[1] darunter Joseph Goebbels[1] und den Münchener Oberbürgermeister und Chef des Hauptamtes für Kommunalpolitik Karl Fiehler.[1]

Nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1945 wurde er zusammen mit Albert Speer, Wernher von Braun, Hjalmar Schacht und anderen im Lager Dustbin im Schloss Kransberg im Taunus interniert.[1] Ab 1949 hatte Hettlage verschiedene Dozenturen für Rechts- und Finanzwissenschaften und Aufsichtsrats-Mitgliedschaften inne. Am 29. November 1951 gab er eine Antrittsvorlesung als neuernannter ordentlicher Professor für Öffentliches Recht in Mainz zum Thema Wirtschaftswirklichkeit und Verfassungsgesetz. Er war ab 1956 Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

1958 wurde er Leiter der Haushaltsabteilung des Bundesministeriums der Finanzen als Nachfolger des Ministerialdirektors Friedrich Karl Vialon (Verfechter der sogenannten Schäffer’schen Juliusturm-Politik). Vom 18. März 1959 bis 1962 war er als Nachfolger Hartmanns beamteter Staatssekretär im Finanzministerium in Vertretung des häufig erkrankten Ministers Etzel und bei Differenzen mit dem neuen FDP-Finanzminister Starke.

1962–1967 war er Mitglied der Hohen Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion) in Luxemburg in der Nachfolge von Heinz Potthoff. Hettlage schied bei der Zusammenlegung der Führungsgremien der EWG, der Euratom und EGKS zur neuen Superkommission aus. 1965–1976 war er Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung e. V. und 1966 Mitglied im Wissenschaftsrat.

Außerdem gehörte er dem Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium der Finanzen an, war Vorsitzender des Verwaltungsrates der Treuhandverwaltung für das Deutsch-Niederländische Finanzabkommen GmbH (Tredefina), Vorstand der Wirtschaftsberatungs-AG, Beirat der Fritz-Thyssen-Stiftung, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Treuhand-Vereinigung AG und gehörte zudem der Studienstiftung des deutschen Volkes an.

Von 1967 bis 1969 war Hettlage beamteter Staatssekretär im Finanzministerium, berufen durch den Finanzminister Franz Josef Strauß. Dort beteiligte sich Hettlage an der Finanzreform der CDU-SPD-Koalition. 1967 erhielt er auf Veranlassung[1] von Franz Josef Strauß die Auszeichnung mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband. Als Vorgesetzter von Ernst Féaux de la Croix war er auf Seiten des Bundesfinanzministeriums an den Verhandlungen zu den Globalverträgen der Wiedergutmachung zuständig. Féaux bekämpfte dabei vehement die von ihm so genannten Entschädigungsoffensiven und uferlosen Forderungen.[1]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Wilhelm Loschelder und Werner Zschintzsch: Die Gemeindefinanzverordnung vom 2. November 1932 nebst der Stellenplanverordnung vom 2. November 1932, der ersten und zweiten Verordnung über die Durchführung der Gemeindefinanzverordnung vom 17. Dezember 1932 und vom 28. Januar 1933. Kommentar. R. Müller, Eberswalde-Berlin 1933, 452 S.
  • mit Wilhelm Loschelder und Wolfgang Spielhagen: Das preussische Gemeindefinanzgesetz vom 15. Dezember 1933 mit den Durchführungsverordnungen und Ausführungsanweisungen; Kommentar von Karl Maria Hettlage, Wilhelm Loschelder [und] Wolfgang Spielhagen. R. Müller, Eberswalde-Berlin 1934, 429 S.
  • mit Wilhelm Loschelder: Kommentar zu den Rechtsgrundlagen des Gemeindewirtschaftsrechts. Drei Bände.
  • Die Finanzverfassung im Rahmen der Staatsverfassung. Referat auf der Staatsrechtslehrertagung 1955 in Hamburg zusammen mit Theodor Maunz als Zweitreferenten.
  • mit Rudolf Zorn und Hans Constantin Paulssen: Der öffentliche Dienst und die Wirtschaft. Wunsch und Wirklichkeit. Lutzeyer, Baden-Baden 1960.
  • Führungsauslese und Massengesellschaft. In: Die Hochschule zwischen gestern und morgen. Analysen und Perspektiven. Herausgegeben von Heinrich Drimmel, Herder, Wien 1966.
  • mit Wolfgang Mansfeld, Klaus Heller und Wilhelm Weisser: Zwang durch leere Kassen. In: Deutsches Industrieinstitut: Vortragsreihe. Deutsche Industrieverlags-Gesellschaft Jg. 16, 1966, Nr. 14.
  • Grundfragen einer Neuordnung des deutschen Finanzrechts. In Finanzwissenschaft und Finanzpolitik. Mohr, Tübingen 1964.
  • Mitarbeit an einer fünfbändigen Geschichte der deutschen Verwaltung.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mauve Carbonell: Karl-Maria Hettlage, un expert au service de l’Europe et des Allemagnes. In: Revue d’histoire de l’intégration européenne. 12 (2006), Nr. 1, S. 67–85.
  • Vernehmung Hettlages in World War II Papers, SZ/BBSU/79 Speer interrogation reports Nos. 16–19, 1945, Solly Zuckerman Archive.
  • Prof. Dr. Klaus Vogel aus München: Karl Maria Hettlage zum 90. Geburtstag. In: Archiv des öffentlichen Rechts 117 (1992) S. 644–645. In diesem Glückwunsch wird Hettlage als Verkörperung von Sekundärtugenden gewürdigt, welche in ihrer fundamentalen Bedeutung für das Gemeinwesen aber jetzt [1992] zum Glück wiedereingesehen würden. Wörtlich: „(hoffentlich ist es dafür nicht schon zu spät): Zuverlässigkeit, Pflichtbewußtsein, Bereitschaft zum Einsatz für das Gemeinwohl. Mit dieser Haltung kann er auch heute noch Vorbild sein.“
  • Nachruf: Zum Gedenken an Karl Maria Hettlage. In: Archiv des öffentlichen Rechts 120 (1995) S. 631–632.
  • Susanna Schrafstetter: Verfolgung und Wiedergutmachung. Karl M. Hettlage: Mitarbeiter von Albert Speer und Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 3/2008, S. 437 ff. (PDF; 419,89 kB).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k l m n o Susanna Schrafstetter: Verfolgung und Wiedergutmachung. Karl M. Hettlage: Mitarbeiter von Albert Speer und Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 3/2008, S. 431 ff., S. 466 (PDF; 419,89 kB).
  2. Commerz- und Privat-Bank Hamburg-Berlin: Jahres-Bericht über das 70. Geschäftsjahr 1939 (PDF; 4,9 MB).
  3. Susanna Schrafstetter: Verfolgung und Wiedergutmachung. Karl M. Hettlage: Mitarbeiter von Albert Speer und Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 3/2008, S. 437 ff. (PDF; 419,89 kB).
  4. a b c Susanne Willems: Der entsiedelte Jude. Albert Speers Wohnungsmarktpolitik für den Berliner Hauptstadtbau. Edition Hentrich, Juni 2002, ISBN 3-89468-259-0.
  5. Yves Beon: Leitungsgremien Dora (KZ Dora-Mittelbau).
  6. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB).