Kildinsamische Sprache

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Kildinsamisch Кӣллт са̄мь кӣлл

Gesprochen in

Russland
Sprecher ~500
Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache von
Sprachcodes
ISO 639-1:

ISO 639-2:

smi (sonstige Samische)

ISO 639-3:

sjd

Verbreitungsgebiet des Kildinsamischen (Nr. 8) im samischen Sprachraum

Die kildinsamische Sprache (Eigenbezeichnung Кӣллт са̄мь кӣлл (Kiillt saam' kiill)) ist eine Sprache aus der östlichen Gruppe der samischen Sprachen und gehört somit zur uralischen Sprachfamilie. Sie wird von etwa 500 Samen auf der Halbinsel Kola im Nordwesten Russlands gesprochen.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kildinsamisch wird von rund 500 Menschen in den zentralen Teilen der Kola-Halbinsel, insbesondere der Gegend von Lowosero, gesprochen. Seinen Namen hat die Sprache nach der Insel Kildin nordöstlich von Murmansk. Kildinsamisch ist die größte Sprache aus der Gruppe der ostsamischen Sprachen, sein Fortbestand ist aber wegen der zunehmenden Verbreitung des Russischen fragwürdiger als beim Inarisamischen und Skoltsamischen. Die dem Kildinsamischen am nächsten verwandten Sprachen sind Tersaamisch und das mittlerweile wahrscheinlich ausgestorbene Akkalasamische, das manchmal auch als kildinsamischer Dialekt aufgefasst wird.

Rechtschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1930er Jahren wurde erstmals eine kolasamische Schriftsprache auf Grundlage des lateinischen Alphabets entwickelt. Grundlage dieser Schriftsprache waren aber nicht die Dialekte des Kildinsamischen, sondern die der damals größten und geographisch zentralen Dialektgruppe der Skoltsami. Aufgrund der sowjetischen Sprachpolitik wurde das lateinische Alphabet nach dem Zweiten Weltkrieg nicht weiter verwendet, wie auch die sprachliche Erforschung des Samischen in Russland überhaupt zum Erliegen kam.

In den 1970er Jahren wurde erneut mit der Arbeit an einer kolasamischen Schriftsprache begonnen. Die samische Lehrerin Alexandra Antonowa schrieb 1982 eine Fibel auf Kildinsamisch, Са̄мь букварь, in einer neuen Orthographie. Grundlage waren die Buchstaben des russischen Alphabets. Besondere kildinsamische Laute wurde mit Hilfe von Diakritika (z.B. Vokallänge ӯ für /u:/) und anderen Modifikatoren (z.B. die stimmlose Sonoranten ӆ /l̥/, ӎ /m̥/, ӊ /n̥/ und ҏ /r̥/ [jedoch nicht /j̊/]) markiert. Ebenfalls in der Schrift markiert wurde die sogenannte Halbpalatalisierung von /t/, /d/ und /n/ (markiert durch den kirchenslawischen Buchstaben Ҍ ҍ [z.B. -тҍ] oder ebenfalls mit Diakritika [wie z.B. -ӭ], je nach Stellung des entsprechenden Konsonanten im Auslaut oder vor Vokal.)

Antonowas Rechtschreibung, die auch Georgi Kert für sein 1986 erschienenes kildinsamisch-russisch-kildinsamisches Schulwörterbuch verwendete, wurde von der Pädagogin und Sprachwissenschaftlerin Rimma Kurutsch weiterentwickelt. Kurutsch arbeitete zusammen mit Antonova und anderen samischen Mitarbeitern in Murmansk an der Weiterentwicklung der kolasamischen Schriftsprache. Neben Lehrbüchern und didaktischem Material für die Lehrerausbildung entstand in der Arbeitsgruppe von Kurutsch auch ein großes kildinsamisch-russisches Wörterbuch. Das Wörterbuch erschien 1985 und enthält eine kurze normierende Übersichtsgrammatik des Kildinsamischen. Antonovas Rechtschreibung wurde dabei ergänzt mit den Buchstaben Һ һ als Zeichen für Präaspiration sowie Ј ј für den stimmlosen palatalen Approximanten /j̊/.

Diese beiden Buchstaben wurden jedoch später ausgetauscht durch ' (Apostroph) und Ҋ ҋ. Diese letzte Version der Rechtschreibung ist in dem 1995 von der Arbeitsgruppe um Kurutsch herausgegebenen Buch über die Grundlagen und Regeln der Orthographie fixiert. Besagte Regeln und die zuletzt hinzugefügten Buchstaben sind aber nie von allen Saami in Russland akzeptiert worden. Deshalb existieren heute in der Praxis alle verschiedenen Versionen der neuen kyrillischen Rechtschreibung für Kildinsamisch nebeneinander.

Das kyrillische saamische Alphabet enthält die folgenden Buchstaben:

А а ​[⁠a⁠]​ А̄ а̄ [a:] Ӓ ӓ ​[⁠a⁠]​ Б б ​[⁠b⁠]​ В в ​[⁠v⁠]​ Г г ​[⁠g⁠]​
Д д ​[⁠d⁠]​ Е е ​[⁠e⁠]​ [je] Е̄ е̄ [e:] [je:] Ё ё ​[⁠o⁠]​ [jo] Ё̄ ё̄ [o:] [jo:] Ж ж ​[⁠ʒ⁠]​
З з ​[⁠z⁠]​ '¹/һ Һ² ​[⁠ʰ⁠]​ ~​[⁠h⁠]​ И и ​[⁠i⁠]​ [ji] Ӣ ӣ [i:] [ji:] Й й ​[⁠j⁠]​ Ҋ ҋ¹/Ј ј² []
К к ​[⁠k⁠]​ Л л ​[⁠l⁠]​ Ӆ ӆ [] М м ​[⁠m⁠]​ Ӎ ӎ ​[⁠⁠]​ Н н ​[⁠n⁠]​
Ӊ ӊ ​[⁠⁠]​ Ӈ ӈ ​[⁠ŋ⁠]​ О о ​[⁠o⁠]​ О̄ о̄ [o:] П п ​[⁠p⁠]​ Р р ​[⁠r⁠]​
Ҏ ҏ [] С с ​[⁠s⁠]​ Т т ​[⁠t⁠]​ У у ​[⁠u⁠]​ Ӯ ӯ [u:] Ф ф ​[⁠f⁠]​
Х х ​[⁠x⁠]​ Ц ц ​[⁠ts⁠]​ Ч ч ​[⁠⁠]​ Ш ш ​[⁠ʃ⁠]​ Щ щ³ Ъ ъ
Ы ы ​[⁠ɨ⁠]​ Ь ь Ҍ ҍ Э э ​[⁠e⁠]​ Э̄ э̄ [e:] Ӭ ӭ ​[⁠e⁠]​
Ю ю ​[⁠u⁠]​ [ju] Ю̄ ю̄ [u:] [ju:] Я я ​[⁠a⁠]​ [ja] Я̄ я̄ [a:] [ja:]

Bemerkungen:

  • 1 markiert zwei Buchstaben, die in Sammallahti et al. (1991) gebraucht werden; die meisten seit den 90er Jahren in Norwegen publizierten Bücher für Kildinsamisch verwenden diese Variante des Alphabets.
  • 2 markiert die zwei entsprechenden Buchstaben, die in Afanas'eva et al. 1985 gebraucht werden; die meisten seit den 80er Jahren in Russland publizierten Bücher verwenden diese Variante des Alphabets.
    In Antonovas Fibel (1982) und Kerts Wörterbuch (1986) werden diese Buchstaben gar nicht verwendet.
  • 3 kommt nur in russischen Lehnwörtern vor.

Wie in anderen kyrillischen Alphabeten markieren manche Buchstaben (allein oder neben ihrem vokalischen Wert) Merkmale des vorangehenden Konsonanten:

  • е / ӭ, ё, и, ю, я / ä stehen für die jeweiligen einem palatalisierten Konsonanten folgenden Vokale [e], [o], [i], [u], [a].
  • ь / ҍ markiert die Palatalisierung des vorangehenden Konsonanten (außer nach н, hier markiert ь, dass es sich um einen palatalen Konsonanten [ɲ] handelt).
  • ъ markiert die Nicht-Palatalisierung des vorangehenden Konsonanten.

Langvokale werden mit einem Makron (¯) über dem Vokalbuchstaben gekennzeichnet.

Phonotaktik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein kann festgehalten werden, dass die Silbenstruktur der kildinsaamischen Sprache eng mit deren Betonungsmustern zusammenhängt: Während stamminitiale Silben in der Regel betont werden, sind nicht-initiale Silben unbetont. Weiterhin lassen sich einerseits die vorkommenden Silbentypen zweisilbiger Stämme auf das Proto-Saami zurückführen. Andererseits muss der Nukleus der Silbe ein Vokal sein, sodass keine konsonantischen Silbenkerne auftreten. Zuletzt wird angenommen, dass das Maximum Onset Principle (MOP) im Kildinsaami zutritt. Dies bedeutet, dass konsonantisches Material, das phonotaktisch auf der Grundlage der Sonoritätshierarchie sowohl Coda der letzten Silbe als auch Onset der folgenden Silbe sein könnte, strukturell als Onset realisiert wird. Dies wird dadurch begründet, dass Erstsprachler intuitiv nach diesen Regeln Silben trennen und dass wortfinale, aspirierte Plosive ihre Aspiration verlieren, wenn in der Intonationskurve eine Silbe ohne Onset folgt.

Die Literatur zur kildinsaamischen Sprache weist zudem auf das Konzept des Konsonanten-Zentrums hin: Zwischen der initialen und folgenden Silbe des Stammes sowie nach monosilbischen Stämmen finden sich notwendigerweise Einzelkonsonanten, Geminaten oder Konsonantencluster. Im Konsonanten-Zentrum gibt es daher mehr Kombinationsmöglichkeiten von konsonantischem Material als an anderen phonotaktischen Positionen. Der Onset der initialen Silbe ist dagegen entweder leer oder enthält einen einzelnen Konsonant, der entweder Sonorant oder stimmloser Obstruent sein muss. Davon ausgenommen sind Lehnwörter. Es zeigt sich weiterhin, dass initiale Silben eine obligatorische Coda besitzen, während nicht-initiale Silben immer einen Onset aufweisen. Der silbeninitiale Onset und die nicht-silbeninitiale Coda sind dagegen fakultativ.

In seiner Forschung kommt Joshua Wilbur (2008)[1] zu zehn Silbentypen, die im Kildinsaamischen existieren. Ihr Auftreten ist dabei abhängig davon, ob sie monosilbisch oder Teile von multisilbischen Wörtern sind und ob sie initial, intern oder final vorkommen.

Silbentyp Beispiel Glossar
SC [jud] plate\GEN:SG
LC [͜tʃa:n] devil\NOM:SG
SG [mann‘]  egg\NOM:SG
LG [ma:nn]  moon\NOM:SG
SCC [sɛrv] moose\GEN:SG
LCC [jo:rt] think\3.SG:PRS
SGC [piŋŋk]  wind\NOM:SG
LGC [sɛ:rrv]  moose\NOM:SG
S [sunn.t-ɛ melt\INF
L [ja:.l-a]  live\1.SG:PRS
Legende: S = Kurzer Vokal, L = Langer Vokal, C = Konsonant, G = Geminate, CC = Konsonantencluster

Auf dieser Grundlage kommt Wilbur zu zwei Modellen prototypischer Silben in Kildinsaami:

initial: (C0) V(:) C(:)1 (C2)

nicht-initial: C0 V(:) (C(:)1) (C2)

Klammern schließen dabei fakultative Elemente ein, während Zahlen die Nummerierung von Konsonanten darstellen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Antonova, Aleksandra A. 1982. Saam' bukvar': bukvar' dlja podgotovitel'nogo klassa saamskoi školy. Leningrad.
  • Antonova A. A., N. Je. Afanas'eva, Je. I. Mečkina, L. D. Jakovlev, B. A. Gluhov (Red. Rimma D. Kuruč). 1985. Saamsko-russkij slovar' = Saam'-rūšš soagknehk'. Moskva.
  • Kert, Georgij M. 1971. Saamskij jazyk (kil´dinskij dialekt): fonetika, morfologija, sintaksis. Leningrad.
  • Kert, Georgij M. 1986. Slovar' saamsko-russkij i russko-saamskij. Leningrad.
  • Kuruč, Rimma D.; N. Je. Afanas'eva und I.V. Vinogradova. 1995. Pravila orfografii i punktuacii saamskogo jazyka. Murmansk-Moskva.
  • Rießler, Michael. 2013. "Towards digital infrastructure for Kildin Saami." Sustaining Indigenous Knowledge: Learning tools and community initiatives on preserving endangered languages and local cultural heritage, hrsg. von Erich Kasten und Tjeerd de Graaf. Fürstenberg: Verlag der Kulturstiftung Sibirien. 195–218.
  • Sammallahti, Pekka. 1998. The Saami languages. Karasjok.
  • Scheller, Elisabeth. 2006. "Die Sprachsituation der Saami in Russland." Grenzgänger: Festschrift zum 65. Geburtstag von Jurij Kusmenko, hrsg. von Antje Hornscheidt, Kristina Kotcheva, Tomas Milosch & Michael Rießler. (=Berliner Beiträge zur Skandinavistik 9). Berlin: Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität. 280–290.
  • Wilbur, Joshua. 2008. Syllable Structures and Stress Patterns in Kildin Saami. Universität Leipzig.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joshua Wilbur: Syllable Structures and Stress Patterns in Kildin Saami. 2008, abgerufen am 16. November 2017 (englisch).