Klassenunterricht

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Klassenunterricht in einer Primarschule in Sierra Leone
Klassenunterricht im Gymnasium, Bonn (1988)

Klassenunterricht ist eine Unterrichtsform (bzw. „methodische Großform“), bei der die Schüler im Klassenverband unterrichtet werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 17. Jahrhundert führte Johann Comenius ein vierstufiges Schulsystem ein, das allen Kindern Zugang zur Bildung ermöglichen sollte.[1]

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts führten pädagogische Reformbestrebungen und die Aufklärung zur Erneuerung des Schulwesens. Einzelunterricht und Winkelschulen mit mechanischem Auswendiglernen wurden allmählich durch die Einführung von Jahrgangsklassen und neuen Lehrmethoden wie dem Klassenunterricht abgelöst. Platznot und Nebeneinander von mehreren Altersstufen in einem Raum wurden durch Klassenräume pro Jahrgang mit kleinerer Schülerzahl und eigenem, ausgebildeten Lehrer abgelöst.

Anfangs 19. Jahrhundert nahm sich der Staat der Volksbildung an und drängte den Einfluss der Kirche, die Pionierarbeit geleistet hatte, zurück. Die Schule wurde vereinheitlicht, in Jahrgangsklassen der Primar- und Sekundarschule aufgeteilt und die Lehrerbildung gefördert. Der Unterrichtsplan legte die Lehrziele der Jahrgangsklassen nach Fächern fest. Es gab neue obligatorische Lehrmittel mit Jahreszielen, um die Methodik des Klassenunterrichts zu festigen. Homogene Jahrgangsklassen ermöglichten eine effiziente Schulführung im Klassenverband, die Erreichung der Stoffziele und das Ziel, dass möglichst alle Schüler den gleichen Stoff beherrschten. Wer den Stoff am Ende des Schuljahres nicht beherrschte, musste die Klasse wiederholen, was meistens nur wenige Schüler betraf. Auch innerhalb der ländlichen Gesamtschulen wurde nach Jahrgangsklassen unterrichtet. Eine breite Volksbildung auf hohem Niveau ermöglichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Transformation der agrarischen Wirtschaft zur Industrienation.[2]

Arbeitsformen im Rahmen der Sozialform „Arbeit im Klassenverband“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Unterrichtsform Klassenunterricht ist ein Setting, innerhalb dessen verschiedene Arbeitsformen stattfinden können. Die zum Klassenunterricht zugehörige Sozialform heißt „Arbeit im Klassenverband“.[Anm. 1]

Die „Arbeit im Klassenverband“ kann in sehr unterschiedlichen Arbeitsformen stattfinden. Bei der „Arbeit im Klassenverband“ kann der Klassenunterricht in Gestalt von Lehrervortrag, fragend-entwickelndem Unterricht sowie Unterrichtsgespräch eingesetzt werden, muss aber nicht. Mittlerweile gibt es auch Alternativen dazu (siehe unten unter "Spezielle Konzepte von Klassenunterricht"). Auch Demonstrationsexperimente, Kopfrechenübungen, Spiele und viele andere Unterrichtsmethoden sind durchaus für die „Arbeit im Klassenverband“ geeignet. Bei der „Arbeit im Klassenverband“ ist, anders als bei den übrigen Sozialformen, die Lerngruppe nicht aufgeteilt; alle sind im Idealfall mit der gleichen Aufgabe beschäftigt; jeder Beitrag beansprucht die Aufmerksamkeit aller. Der Lehrer ist dabei und wirkt kontrollierend, steuernd, leitend oder dozierend mit. Bei der Methode Lernen durch Lehren (LdL) wird die Steuerung des Unterrichts phasenweise oder durchgehend auf Schüler übertragen.[3]

Spezielle Konzepte von Klassenunterricht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spezielle Konzepte von Klassenunterricht sind:

  • der genetisch-sokratisch-exemplarische Unterricht von Martin Wagenschein. Mit diesem Unterrichtsverfahren versuchte Martin Wagenschein von der Schule als „Erledigungsmaschine“ zum „oberflächlichen Durchlaufen des Kenntniskataloges“ im typischen wissensbasierten Klassenunterricht abzukommen. Er will nicht sofort die gewünschten Ergebnisse den Schülern ausformuliert präsentieren, bzw. die Schüler auf festen Bahnen durch gezielte Lehrerfragen dorthin lenken, sondern ihnen Raum für eigene Überlegungen bieten. Der Lehrer gibt durch seine Fragen lediglich Denkanstöße.[4]
  • häufig wird die Direkte Instruktion[5][6] unsachgemäß als „Frontalunterricht“ bezeichnet, obgleich es sich hierbei tatsächlich um eine moderne Methodik handelt, die zudem nicht auf bestimmte Sozialformen festgelegt ist.[7]

Singapur, Japan, Taiwan, Finnland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Klassenunterricht in einer Pekinger Mittelschule (2014)

Bei der Pisa-Studie werden die Methoden (Unterrichtsqualität), mit denen die Erfolge erzielt werden, selten erwähnt. Auffallend ist, dass in den führenden Pisa-Ländern wie China, Singapur, Japan, Taiwan oder einst führenden wie Finnland[Anm. 2], trotz gelegentlicher Problemstellungen im Unterricht, die die Kinder alleine bearbeiten müssen, der Klassenunterricht des Lehrers dominant ist.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Allgemein:

  • Jacob S. Kounin: Techniken der Klassenführung. (= Standardwerke aus Psychologie und Pädagogik. Reprints; 3) Waxmann, Münster usw. 2006 [Original: 1976], ISBN 978-3-8309-1517-1.
  • Wolfgang Einsiedler: Klassenunterricht. In: ders. et al. (Hrsg.): Handbuch Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik. (= UTB; 8444) 4., erg. u. aktualis. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2014, ISBN 978-3-8252-8577-7, S. 370–374.
  • Bernd Jötten: Fördern im Klassenunterricht: Hilfen für Diagnostik und Verhaltensveränderungen. (= Arbeiten zur sozialwissenschaftlichen Psychologie; 10) Aschendorff, Münster 1981, ISBN 3-402-04290-8.

Spezielle Konzepte von Klassenunterricht:

  • Martin Wagenschein: Verstehen lehren: genetisch – sokratisch – exemplarisch. (= Pädagogische Bibliothek Beltz; 1) 11. Aufl., Beltz Verlag, Weinheim 1997, ISBN 3-407-29001-2.
  • Ludger Brüning, Tobias Saum: Direkte Instruktion – Kompetenzen wirksam vermitteln. Mit einem Vorw. v. Andreas Helmke. Neue Deutsche Schule Verlagsges., Essen 2019, ISBN 978-3-87964-324-0.

Sonstiges:

  • Andreas Helmke: Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität: Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. 8. Aufl., Klett/Kallmeyer, Hannover 2021, ISBN 978-3-7800-1009-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Louisa Reichstetter: Pädagogik: Vom Befehl zum Vorbild. In: Die Zeit. 2. März 2017, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 5. September 2017]).
  2. Gregor Delvaux de Fenffe/Martina Frietsch: Lernen: Schulgeschichte. 14. Juli 2017 (planet-wissen.de [abgerufen am 5. September 2017]).
  3. Jacob S. Kounin: Techniken der Klassenführung. (= Standardwerke aus Psychologie und Pädagogik. Reprints; 3) Waxmann, Münster usw. 2006 [Original: 1976], ISBN 978-3-8309-1517-1.
  4. Martin Wagenschein: Verstehen lehren: genetisch – sokratisch – exemplarisch. (= Pädagogische Bibliothek Beltz; 1) 11. Aufl., Beltz Verlag, Weinheim 1997, ISBN 3-407-29001-2.
  5. Martin Wellenreuther: „Direkte Instruktion. Was ist das, und wie geht das?“ In: Pädagogik. (ISSN 0933-422X) Bd. 66, H. 1 (2014), S. 8–11.
  6. Ludger Brüning, Tobias Saum: Direkte Instruktion – Kompetenzen wirksam vermitteln. Mit einem Vorw. v. Andreas Helmke. Neue Deutsche Schule Verlagsges., Essen 2019, ISBN 978-3-87964-324-0.
  7. Martin Wellenreuther: „Direkte Instruktion – das hässliche Entlein der Pädagogik? Eine Gegenüberstellung mit Frontalunterricht hebt Vorurteile auf.“ In: Lehren. / Andreas Feindt et al. (Hrsg.). Friedrich-Jahresheft. (ISSN 0176-2966) Nr. XXXIV (2016), S. 82–85.
  8. Rainer Dollase: Was macht erfolgreichen Unterricht aus? Manuskript 1/2004 (PDF; 245 kB).

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alternative Sozialformen zur „Arbeit im Klassenverband“ sind Gruppenarbeit, Partnerarbeit und Einzelarbeit. Zu Einzelheiten, siehe den WP-Artikel Sozialform.
  2. 1990 wurde ein nationaler, kompetenzorientierter/konstruktivistischer Lehrplan eingeführt (The finish National Board of Education, 2004); und seit 2009 stürzt Finnland bei Pisa ab.