Kontinentalwestgermanisches Dialektkontinuum

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Kontinentalwestgermanische Dialekte.
Die pink eingezeichneten Gebiete friesischer Sprache sind zweisprachig: in Gebiet 1 werden auch niederländische und in den Gebieten 2 und 3 auch deutsche Dialekte gesprochen.

Das kontinentalwestgermanische Dialektkontinuum ist ein Dialektkontinuum in Mittel- und Westeuropa, das die dort in einem zusammenhängenden Gebiet gesprochenen oberdeutschen, mitteldeutschen, niederdeutschen und niederfränkischen Dialekte umfasst, die gemeinhin den standardisierten und als Amtssprachen fungierenden Dachsprachen Deutsch, Niederländisch und Luxemburgisch zugerechnet werden. Es wird daher auch als deutsch-niederländisches Dialektkontinuum bezeichnet. Ob das Dialektkontinuum an der deutsch-niederländischen Grenze noch durchgehend besteht, oder die Staatsgrenze zumindest abschnittsweise zu einer scharfen Sprachgrenze geworden ist, ist umstritten.

Die in einigen nördlichen Teilen dieses Gebiets vertretenen ebenfalls westgermanischen Dialekte des Friesischen zählen aufgrund eines deutlichen sprachlichen Abstands nicht zu diesem Dialektkontinuum.

Begrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dialektkontinuum wird im Norden durch das Dänische, im Osten durch das Polnische, das Tschechische und das Slowakische, im Südosten durch das Ungarische und Slowenische, im Süden durch das Italienische und Rätoromanische sowie im Südwesten und Westen durch das Französische begrenzt. Häufig an diesen Grenzen sind Orte, an denen sowohl deutsche oder niederländische Dialekte als auch Dialekte dieser Sprachen gesprochen werden. Eine solche Diglossie besteht auch im gesamten Sprachgebiet des Friesischen und des Sorbischen, die daher das Dialektkontinuum nicht unterbrechen.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das kontinentalwestgermanische Dialektkontinuum reicht vom Schleswigschen (Nord-Niedersächsischen) im äußersten Norden bis zum Höchstalemannischen im äußersten Südwesten und Südbairischen im äußersten Südosten, vom Westflämischen im äußersten Westen bis zur deutsch-polnischen bzw. deutsch-tschechischen Sprachgrenze im Osten.

Üblicherweise können Dialektsprecher die Dialekte ihrer nahen Nachbarn verstehen. Die kleinen Unterschiede von einer Ortsmundart zur nächsten summieren sich und führen letztlich dazu, dass ein Dialektsprecher aus Flensburg den Dialektsprecher aus Bern oder Bozen nicht oder nur schwer verstünde – und umgekehrt, verfügten beide nicht über Deutsch als überregionale gemeinsame Standardsprache. Bei Dialektsprechern aus Antwerpen (Geltungsbereich der niederländischen Standardsprache) und Wien (Geltungsbereich der deutschen Standardsprache), fehlt eine gemeinsame Dach- bzw. Standardsprache, die direkt zur Überwindung von Verständigungsschwierigkeiten beitragen könnte. Das deutsch-niederländische Dialektkontinuum erstreckt sich über die heutigen Geltungsbereiche zweier Standardsprachen – den des Deutschen in Deutschland, Ostbelgien, der Deutschschweiz, Österreich, Liechtenstein und Südtirol in Italien und den des Niederländischen in den Niederlanden und Nordbelgien. Hinzu kommen das alemannische, rheinfränkische und moselfränkische Dialektgebiet im Elsass und nordöstlichen Lothringen sowie das westflämische Dialektgebiet um Dünkirchen, wo das Französische als Amtssprache gilt und die niederländische Standardsprache nur eingeschränkt verbreitet ist, sowie das moselfränkische Dialektgebiet in Luxemburg, wo neben der deutschen Standardsprache auch das Luxemburgische einige Funktionen einer Standardsprache ausfüllt. Die Grenzen der Dialektgruppen stimmen dabei nicht mit den Verbreitungsgebieten der beiden großen Standardsprachen, die weitgehend von den politischen Grenzen bestimmt sind, überein. Das Niedersächsische, Niederfränkische und Ripuarische werden jeweils beiderseits der deutsch-niederländischen Staatsgrenze gesprochen, die die Verbreitungsgebiete der Standardsprachen trennt.

Es ist umstritten, inwiefern sich entlang der deutsch-niederländischen Staatsgrenze unter den Einflüssen der jeweiligen Dach-/ Standardsprachen auf die Dialekte inzwischen auch eine Sprachgrenze innerhalb des Dialektraumes herausgebildet hat und sich die Menschen beiderseits der Grenze somit nicht mehr in ihren jeweiligen Ortsdialekten verständigen können. Eine niederländische Studie, im Rahmen einer Dissertation von 2008, des grenzüberschreitenden kleverländischen Dialektgebietes kam zu dem Schluss, dass sich die Dialekte beiderseits der Staatsgrenze, soweit sie denn noch bestehen, unter dem stärker werdenden Einfluss der jeweiligen Dachsprachen auseinander entwickelt und im (kleverländischen) Dialektraum auch zu einer dialektalen Sprachgrenze geführt haben. [1]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. C. Giesbers (2008), S. 187.