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Kontinentalwestgermanisches Dialektkontinuum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Kontinentalwestgermanisches Dialektkontinuum nach 1945 (nach Peter Wiesinger & König[1][2][3][4]
mit den folgenden dialektalen Großgruppen:
  • Niederfränkisch
  • Friesisch
  • 6. Westfriesisch (westfriesische Dachsprache)
    7. Saterländisch
    8. Nordfriesisch
  • Niederdeutsch
  • 9. Overijssels (niederländische Dachsprache)
    10. Gronings (niederländische Dachsprache)
    11. Westfälisch
    12. Nordniedersächsisch
    13. Ostfälisch
    14. Mecklenburgisch-Vorpommersch
    15. Brandenburgisch
    16. Mittelpommersch

    Der Begriff kontinentalwestgermanisches Dialektkontinuum bezeichnet das ehemalige innerwestgermanisches Dialektkontinuum in Mittel- und Westeuropa. Es umfasste die dort in einem zusammenhängenden Gebiet gesprochenen oberdeutschen, mitteldeutschen, niederdeutschen, friesischen und niederfränkischen Dialekte, die heute einer der standardisierten Dachsprachen Deutsch, Niederländisch, Westfriesisch und Luxemburgisch zugerechnet werden.

    Die folgenreichste Veränderung, die das kontinentalwestgermanische Dialektkontinuum erfahren hat, war die Verschmelzung des niederdeutschen und des hochdeutschen Gebiets zu einem einzigen deutschen Sprachraum – nicht so sehr durch eine Veränderung der gesprochenen Sprachgewohnheiten der Beteiligten, sondern vielmehr durch die allmähliche „Überdachung“ des niederdeutschen Gebiets durch die sich entwickelnde (hoch)deutsche Standardsprache ab dem 15. Jahrhundert und den damit einhergehenden Verlust der Standardsprachenfunktion des Niederdeutschen.[5]

    Der zunehmende Bildungsgrad weiter Teile der Bevölkerung im 19. Jahrhundert und die damit verbundene Verbreitung und Verwendung der Standardsprachen in allen Bevölkerungsschichten hatte das Dialektkontinuum gespalten, das heute nur noch teilweise und in unterschiedlichen Stadien des Verfalls erhalten ist.[6][7]

    Die früheste bekannte Dreiteilung des kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuums stammt aus dem Jahr 1485, als ein unbekannter niederländischer Autor in seinem Werk Exercitium puerorum grammaticale (deutsch: „Eine grammatische Übung für Kinder“) die verschiedenen Dialekte in Nieder-, Mittel- und Hochgermanisch unterteilte.[8]

    Das Dialektkontinuum wurde im Norden durch das Dänische, im Osten durch das Polnische, das Tschechische und das Slowakische, im Südosten durch das Ungarische und Slowenische, im Süden durch das Italienische und Rätoromanische sowie im Südwesten und Westen durch das Französische begrenzt. Häufig an diesen Grenzen waren Orte, an denen sowohl deutsche oder niederländische Dialekte als auch Dialekte dieser Sprachen gesprochen wurden, bzw. werden.

    Die Einbeziehung der verschiedenen friesischen Dialekte ist umstritten. Einerseits sind die verschiedenen Isoglossen, insbesondere jene, die mit den Nordseegermanismen zusammenhängen, zwischen dem Friesischen und den angrenzenden niederländischen und niederdeutschen Dialekten in der Regel stärker ausgeprägt, als für das Dialektkontinuum insgesamt typisch war. Andererseits führten jahrhundertelange Sprachkontakte zwischen dem Niederländischen und dem Niederdeutschen in der Praxis zu einem erheblichen Grad an gegenseitiger Verständlichkeit. Dies gilt insbesondere für die Zeit ab dem Spätmittelalter, als Niederländisch und Niederdeutsch in den friesischsprachigen Gebieten zunehmend als Verkehrssprachen fungierten. Der Einfluss des Niederdeutschen war dabei besonders stark, sodass niederdeutsche Varietäten zahlreiche lokale friesische Dialekte verdrängten oder in sich aufnahmen.

    Differenzierung

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    Obwohl die Kriterien, anhand derer sich innerhalb des kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuums Dialektgrenzen ziehen lassen, im Wesentlichen unbegrenzt sind,[9] können in der modernen Linguistik fünf Hauptkriterien unterschieden werden: der Grad der Beteiligung an der zweiten Lautverschiebung, das Kasussystem, Vokalentwicklungen, die Verbmorphologie und der Wortschatz.[9]

    Zweite Lautverschiebung

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    Die Zweite oder Hochdeutsche Lautverschiebung bildet eines der wichtigsten traditionellen Kriterien zur Gliederung des kontinentalwestgermanischen Dialektkontinuums und der westgermanischen Sprachen im Allgemeinen. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob eine Varietät an der Lautverschiebung teilgenommen hat, sondern vor allem, welche der betroffenen Konsonanten in welchem Umfang verschoben wurden.[9]

    Die niederdeutschen, friesischen und niederfränkischen Varietäten zeigen grundsätzlich keine Beteiligung an der Lautverschiebung. Im Hochdeutschen nimmt der Umfang der Verschiebung dagegen von Norden nach Süden zu. Die Verschiebung von germanisch /t/ zu /ts/* (twee → zwei, tand → Zahn) reicht durch den mittel- und oberdeutschen Raum, während die Verschiebung von /p/ zu /pf/ (Pund → Pfund, Appel → Apfel) charakteristisch für die oberdeutschen Varietäten ist. Die weitreichendste Entwicklung von /k/ zu /kx/* (Kind → Chind) findet sich schließlich vor allem im äußersten Süden, insbesondere im Schweizerdeutschen und in Teilen des Tiroler Raumes.[9]

    Dadurch entstehen mehrere Isoglossen, die nicht alle an derselben Stelle verlaufen. Besonders auffällig ist dabei die unterschiedliche Bündelung der Isoglossen. Zwischen dem Mitteldeutschen und dem Niederdeutschen verlaufen die Isoglossen der verschiedenen Lautverschiebungen vielfach eng gebündelt, sodass hier eine vergleichsweise deutliche Grenze zwischen den beiden Großräumen entsteht. Der Übergang vom Mitteldeutschen zum Niederfränkischen ist dagegen wesentlich gradueller.[9]

    Auf dieser Grundlage lassen sich die westgermanischen Varietäten traditionell in drei Gruppen gliedern: Englisch, Friesisch, Niederländisch und Niederdeutsch, die weitgehend von der Lautverschiebung unberührt blieben; Mitteldeutsch, das einen intermediären Grad der Lautverschiebung aufweist; und Oberdeutsch, in dem die Lautverschiebung am weitesten durchgeführt wurde.[9]

    N-AD-Kasussysteme im nordlichen und östlichen Teil des westgermanischen Dialektkontinuums:[9]
    Durchgezogene Linie:
    Der bestimmte Artikel weist für Akkusativ und Dativ die gleiche Form auf, während der Nominativ unterschieden wird.
    Kurze Striche:
    Die Personalpronomen weisen für Akkusativ und Dativ die gleiche Form auf, während der Nominativ unterschieden wird.
    Gepunktete Linie:
    Der unbestimmte Artikel weist für Akkusativ und Dativ die gleiche Form auf, während der Nominativ unterschieden wird.
    Diagonale Schraffur:
    Die Adjektive weisen für Akkusativ und Dativ die gleiche Form auf, während der Nominativ unterschieden wird.
    Lange Striche:
    Die Pronomen der 1. Person Singular weisen für Akkusativ und Dativ die gleiche Form auf, während der Nominativ unterschieden wird.
    NA-D-Kasussysteme im südwestlichen Teil des westgermanischen Dialektkontinuums:[9]
    Durchgezogene Linie:
    Der bestimmte Artikel weist für Nominativ und Akkusativ die gleiche Form auf, während der Dativ unterschieden wird.
    Kurze Striche:
    Die Personalpronomen weisen für Nominativ und Akkusativ die gleiche Form auf, während der Dativ unterschieden wird.
    Gepunktete Linie:
    Der unbestimmte Artikel weist für Nominativ und Akkusativ die gleiche Form auf, während der Dativ unterschieden wird.
    Diagonale Schraffur:
    Die Adjektive weisen für Nominativ und Akkusativ die gleiche Form auf, während der Dativ unterschieden wird.

    Die verschiedenen Dialekte des westgermanischen Kontinuums gehen historisch auf Sprachstufen mit einem weit stärker ausgeprägten und hochflektierten Kasussystem zurück. Im Laufe der sprachgeschichtlichen Entwicklung wurden jedoch Kasusunterscheidungen in unterschiedlichem Umfang abgebaut oder miteinander verschmolzen. Während das Standarddeutsche ein System mit vier Kasus (Nominativ, Akkusativ, Dativ und Genitiv) aufweist, sind die Kasusunterscheidungen in anderen Varietäten wesentlich stärker reduziert. Auch das Standardniederländische besitzt kein produktives Vierkasussystem, obwohl ältere Sprachstufen des Niederländischen jedoch noch über ein wesentlich ausgeprägteres Kasussystem verfügten.[9]

    Die unterschiedlichen Wege und Grade dieses Abbaus können zur Unterscheidung der Dialekte und zur Bestimmung von Isoglossen herangezogen werden. Dabei lassen sich grundsätzlich zwei Kasussysteme unterscheiden, deren Verbreitung eine deutliche geografische Tendenz zeigt. Das N-AD-System ist vor allem im nordwestlichen, nordöstlichen und südöstlichen Teil des westgermanischen Dialektkontinuums verbreitet: Hier bleibt der Nominativ vom zusammengefallenen Akkusativ und Dativ unterschieden. Das NA-D-System findet sich dagegen vor allem im südwestlichen Teil: Hier fallen Nominativ und Akkusativ zusammen, während der Dativ unterschieden bleibt.[9]

    In beiden Systemen verlaufen die Entwicklungen nicht notwendigerweise parallel in allen Teilen der Grammatik. Bestimmte und unbestimmte Artikel, Personalpronomen und Adjektive können unterschiedliche Kasusunterscheidungen bewahren oder verlieren und dadurch jeweils eigene geografische Grenzen hervorbringen.[9]

    Vokalentwicklungen

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    Aussprache des Wortes „Haus“ in den germanischen Varietäten.

    Auch Vokalentwicklungen sind ein wichtiges Kriterium zur Unterscheidung der Dialekte innerhalb des westgermanischen Kontinuums. Die verschiedenen Varietäten unterscheiden sich insbesondere in der Entwicklung der mittelalterlichen Langvokale und Diphthonge. Drei Entwicklungen sind dabei besonders relevant: die Diphthongierung der mittelalterlichen hohen Langvokale /iː, uː, yː/, die Monophthongierung mittelalterlicher Diphthonge /iə, uə, yə/ sowie die Entrundung vorderer gerundeter Vokale.[9]

    Die Diphthongierung (hûs → Haus, wîn → Wein) erfasste vor allem die südliche Hälfte des westgermanischen Raumes. Die niederdeutschen und niederfränkisch-niederländischen Varietäten im Norden und Westen bewahren dagegen vielfach die älteren Monophthonge; ebenso einige südwestoberdeutsche Varietäten wie Schweizerdeutsch, Elsässisch und Niederalemannisch. Die Monophthongierung (bruoder → Bruder) ist dagegen vor allem für die mitteldeutschen Varietäten charakteristisch, während südhochdeutsche Varietäten wie Bairisch und Schweizerdeutsch vielfach die Diphthonge bewahren.[9]

    Auch die Entrundung bildet geografische Unterschiede: Sie ist in den hochdeutschen Dialekten weit verbreitet, während gerundete Vokale unter anderem im Ostfränkischen, im äußersten Südwesten (Hochalemannisch/Schweizerdeutsch) und im Ripuarischen erhalten bleiben.[9]

    Verbmorphologie

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    Pluralendungen im Indikativ Präsens in den kontinentalwestgermanischen Dialekten.

    Auch die Verbmorphologie, insbesondere die Pluralendungen des Präsens, kann zur Abgrenzung der Dialekte innerhalb des westgermanischen Kontinuums herangezogen werden. Im Niederländischen und Niederdeutschen findet sich vielfach ein sogenannter Einheitsplural, bei dem alle drei Personen des Plurals dieselbe Endung aufweisen. Dabei unterscheiden sich die west- und ostniederdeutschen Varietäten unter anderem durch -et gegenüber -en, während die niederfränkisch-niederländischen Varietäten überwiegend -e(n) zeigen.[9]

    Demgegenüber weisen viele mittel- und oberdeutsche Dialekte (wie auch das Standarddeutsche) ein zweigliedriges System auf, wobei die 1. und 3. Person Plural eine Endung auf -en haben, während die 2. Person Plural eine Endung auf -t oder eine entsprechende Variante aufweist. Dieses System findet sich auch in den westschweizerischen Dialekten. Im Südwesten des oberdeutschen und in Teilen des mitteldeutschen Raumes treten aber wiederum Varianten des Einheitsplurals auf. Einige schweizerdeutsche Varietäten weisen sogar eine gemeinsame Endung -ent auf; in einzelnen höchstalemannischen Varietäten, etwa in Bosco/Gurin, gibt es sogar drei verschiedene Pluralendungen.[9]

    Ein weiteres morphologisches Kriterium ist die Präteritumschwund: In den oberdeutschen Dialekten ist das Präteritum weitgehend verschwunden und wird durch das Perfekt ersetzt (ich ging → ich bin gegangen). Im Mitteldeutschen sind Präteritumformen noch vereinzelt, besonders bei häufigen Verben und Modalverben, erhalten, während sie im Niederländischen und Niederdeutschen wesentlich stärker bewahrt sind.[9]

    Auch der Wortschatz kann zur Unterscheidung der Dialekte innerhalb des westgermanischen Kontinuums herangezogen werden. Dabei geht es nicht nur um unterschiedliche Wörter für dieselbe Bedeutung, sondern auch um die geografische Verbreitung lexikalischer Varianten. Diese können eigene Isoglossen bilden, die nicht unbedingt mit den Grenzen übereinstimmen, die sich aus Laut- oder grammatischen Entwicklungen ergeben.

    Ein anschauliches Beispiel ist die Bezeichnung für ein Brötchen: Im äußersten Norden findet sich Rundstück, in Flandern Pistolet, in den Niederlanden und Westdeutschland Varianten von Broodje/Brötchen, im Raum Berlin konzentriert Schrippe, im bairisch-österreichischen Raum Semmel und im Südwesten eine Form von Wecken. Besonders interessant sind lexikalische Formen, die auf bestimmte Dialekträume beschränkt sind oder traditionelle Dialektgrenzen überschreiten und größere regionale Wortschatzgebiete bilden.[9]

    Das kontinentalwestgermanische Dialektkontinuum reichte vom Schleswigschen (Nord-Niedersächsisch) im äußersten Norden bis zum Höchstalemannischen im äußersten Südwesten und Südbairischen im äußersten Südosten, vom Westflämischen im äußersten Westen bis zur deutsch-polnischen bzw. deutsch-tschechischen Sprachgrenze im Osten.

    Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die historischen Dialektübergänge innerhalb des Kontinuums oft als „fließend“ oder „kaum wahrnehmbar“ beschrieben, doch war dies selten tatsächlich der Fall. Innerhalb des Dialektkontinuums existierten verschiedene Übergänge, die zwar im Hinblick auf die gegenseitige Verständlichkeit kaum eine Rolle spielten, für die betroffenen Dialektsprecher jedoch sehr wohl spürbar waren – ein Phänomen, das auch in den noch erhaltenen Teilen des Kontinuums weiterhin beobachtbar ist. Darüber hinaus hatte die Stärke der Dialektübergänge variiert und war nicht omnidirektional gewesen, wodurch die gedachten Linien zwischen Dialektgruppen selten gerade verliefen. Üblicherweise hatten Dialektsprecher die Dialekte ihrer nahen Nachbarn in angemessenem Umfang verstehen können.

    Die relativ kleinen Unterschiede von einer Ortsmundart zur nächsten summieren sich und führen letztlich dazu, dass ein Dialektsprecher aus Flensburg den Dialektsprecher aus Bern oder Bozen nicht oder nur schwer verstünde – und umgekehrt, verfügten beide nicht über Deutsch als überregionale gemeinsame Standardsprache. Bei Dialektsprechern aus Antwerpen (Geltungsbereich der niederländischen Standardsprache) und Wien (Geltungsbereich der deutschen Standardsprache) fehlt eine gemeinsame Dach- bzw. Standardsprache, die direkt zur Überwindung von Verständigungsschwierigkeiten beitragen könnte. Das deutsch-niederländische Dialektkontinuum erstreckt sich über die heutigen Geltungsbereiche zweier Standardsprachen – den des Deutschen in Deutschland, Ostbelgien, der Deutschschweiz, Österreich, Liechtenstein und Südtirol in Italien und den des Niederländischen in den Niederlanden und der belgischen Region Flandern. Hinzu kommen das alemannische, rheinfränkische und moselfränkische Dialektgebiet im Elsass und nordöstlichen Lothringen sowie das westflämische Dialektgebiet um Dünkirchen, wo das Französische als Amtssprache gilt und die niederländische Standardsprache nur eingeschränkt verbreitet ist, sowie das moselfränkische Dialektgebiet in Luxemburg, wo neben der deutschen Standardsprache auch das Luxemburgische einige Funktionen einer Standardsprache ausfüllt. Die Grenzen der Dialektgruppen stimmen dabei nicht mit den Verbreitungsgebieten der beiden großen Standardsprachen, die weitgehend von den politischen Grenzen bestimmt sind, überein. Das Niedersächsische, Niederfränkische und Ripuarische werden jeweils beiderseits der deutsch-niederländischen Staatsgrenze gesprochen, die die Verbreitungsgebiete der Standardsprachen trennt.

    Der Germanist Jan Goossens beschrieb, dass die niederländischen Dialekte immer deutscher würden, je näher sich diese der südöstlichen Staatsgrenze näherten. Desgleichen würden deutsche Dialekte immer niederländischer, wenn diese sich in nordwestlicher Richtung bewegten und auf die niederländische Staatsgrenze zuliefen.[6] Daher zeigten „ostsassische“ Dialekte, die in Teilen der Provinzen Gelderland (Achterhoek) und Overijssel (Twente) gesprochen würden, mehrheitlich sprachliche Kennzeichen des benachbarten westfälischen Niederdeutsch. Derweil würden die „westsassischen Dialekte“ bereits „in mancher Hinsicht“ Gemeinsamkeiten mit den in Holland oder Brabant gesprochenen Dialekten aufweisen.[10]

    Während bis ins 19. Jahrhundert sowohl das Niederländische als auch das Deutsche bei der ländlichen Bevölkerung reine Buchsprachen waren (nach der Schrift sprachen nur wenige von ihnen), war die Alltagssprache traditionell der jeweilige Dialekt. So sprachen die Bauern, aber auch die Städter aus Deutschland, – sofern sie nicht der niederländischen Sprache mächtig waren –, mit ihren niederländischen Nachbarn auf Platt. So schreibt beispielsweise der Germanist Peter von Polenz:

    „Im 18. Jh. herrschte noch viel Liberalität beim Neben- und Übereinander verschiedener Sprachen. Bei Fortdauer niederdeutscher Grundsprache im mündlichen Verkehr wurden die Schriftsprachen Hochdeutsch und Niederländisch je nach Empfänger(kreis) und Sachdomäne abwechselnd verwendet, selbst noch […] im oberen Gelderland, wobei auch beide Kirchen das Niederländische gegen preußische Verhochdeutschung in Gottesdienst und Schule stützten. […] [B]is schließlich um 1860 die Schriftsprachgrenzen genau der Staatsgrenzen verliefen. […] Aus den Rhein-Maasländern sind Belgier, Deutsche und Niederländer geworden, deren Erinnerung an die 1500-jährige gemeinsame Sprache und Geschichte verblaßt sind.“

    – Peter von Polenz: „Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“, Bd. III: 19. und 20. Jahrhundert, S. 121.

    Innerhalb der vergleichenden Sprachwissenschaft (Germanistik/Nederlandistik) ist umstritten, inwiefern sich das bis in die 1960er Jahre intakte Dialektkontinuum an der deutsch-niederländischen Staatsgrenze infolge des Spracheinflusses der jeweiligen Kultursprachen Deutsch und Niederländisch aufgelöst hat. Bis zum Zweiten Weltkrieg war es der Grenzbevölkerung beiderseits der Grenze durchaus möglich, mündlich miteinander im Dialekt zu kommunizieren.

    Der allgemeine Rückgang dialektaler Varietäten ist maßgeblich auf die gesellschaftlichen Veränderungen des 19. und 20. Jahrhunderts zurückzuführen. Diese Entwicklung steht insbesondere mit dem Wandel der Arbeits- und Lebenswelten in Zusammenhang. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Auflösung traditioneller ländlicher Dorfgemeinschaften und die zunehmende Entstehung von Arbeitsmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft.[11]

    Eine der ersten Veränderungen des traditionellen Dialektgefüges im Niederrheingebiet entstand bereits Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Herausbildung der sogenannten pfälzischen Sprachinsel im Raum Kleve. Sie entstand, weil Siedlerfamilien aus der Kurpfalz bzw. dem Hunsrück, die eigentlich über Rotterdam nach Pennsylvania auswandern wollten, am Niederrhein hängen blieben.[11]

    Die Entstehung des Ruhrdeutschen, eines Regiolekts, der sich im Zuge der Industrialisierung und Verstädterung des Ruhrgebiets seit den 1870er Jahren entwickelt hat und bereits an der Wende zum 19. Jahrhundert die ursprünglich im Ruhrgebiet gesprochenen niederdeutschen und niederfränkischen Dialekte weitgehend verdrängte. Wobei die Dialekte spätestens seit den 1950er Jahren nur noch in Ausnahmefällen an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sollte sich unmittelbar westlich des Ruhrgebiets eine ähnliche Entwicklung vollziehen, bei der die lokalen Dialekte weitgehend vom Rheinischen Regiolekt überlagert wurden. Für das Übergangsgebiet zu den niederländischen Dialekten waren diese Entwicklungen katastrophal, da die auf deutschem Gebiet verdrängten Dialekte Teil des Rheinischen Fächers sind, eines entscheidenden Übergangsgebiets zwischen dem Niederfränkischen, dem Niederdeutschen und dem Mitteldeutschen.[11][12]

    Nach 1945, insbesondere seit den 1960er Jahren ist dort die Tendenz zu beobachten, wie sich die jeweiligen Dialekte an der entsprechenden Hoch- und Standardsprache (gefördert durch Rundfunk, Fernsehen usw.) ausrichten und orientieren, sodass die Grenzbevölkerung nun nicht mehr ohne größere Schwierigkeiten im jeweiligen Dialekt miteinander kommunizieren kann. Eine diesbezügliche niederländische Studie, im Rahmen einer Dissertation von 2008, des grenzüberschreitenden kleverländischen Dialektgebietes kam zu dem Schluss, dass sich die Dialekte beiderseits der Staatsgrenze, soweit sie denn noch bestehen, unter dem stärker werdenden Einfluss der jeweiligen Dachsprachen auseinanderentwickelt und im (kleverländischen) Dialektraum auch zu einer dialektalen Sprachgrenze geführt haben.[13][14][15] Heute vertritt nur noch eine Minderheit der Germanisten die Auffassung, dass das Dialektkontinuum an der deutsch-niederländischen Staatsgrenze weiterhin grenzübergreifend besteht,[16][17] indes Jan Goossens bereits 1970 feststellte, dass die deutsch-niederländische Staatsgrenze de facto auch die Dialektgrenze zwischen niederländischen und deutschen Dialekten darstelle.[18]

    Eine ähnliche Entwicklung, wie die, die das Niederländische durchlaufen hat, vollzog sich bereits in den 1930er Jahren in Luxemburg und der deutschsprachigen Schweiz. Dort wurde nach der nationalsozialistischen Machtergreifung (1933) im Zuge der nationalen Selbstfindung der Luxemburger und Deutschschweizer die jeweilige Mundart ausgebaut. In Luxemburg gilt diese seit 1980 als eine der amtlichen Arbeitssprachen und als Nationalsprache der autochthonen germanischstämmigen Bevölkerung. In der Schweiz und in Luxemburg empfinden einige der Einwohner, die als Muttersprache einen germanischen Dialekt sprechen, das Hochdeutsche inzwischen als Fremdsprache.

    Einzelnachweise

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    1. ↑ W. Heeringa: Measuring Dialect Pronunciation Differences using Levenshtein Distance. University of Groningen, 2009, S. 232–234.
    2. ↑ P. Wiesinger: Die Einteilung der deutschen Dialekte. In: Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung. Berlin / New York, S. 807–900.
    3. ↑ W. König: dtv-Atlas Deutsche Sprache. München 2019, S. 230.
    4. ↑ C. Giesbers: Dialecten op de grens van twee talen. Radboud Universiteit, Nijmegen 2008, S. 233.
    5. ↑ Maarten van den Toorn, Wil Pijnenburg, Arjan van Leuvensteijn und Joop van der Horst (Hrsg.): Geschiedenis van de Nederlandse taal. Amsterdam University Press, Amsterdam 1997, S. 149–150.
    6. 1 2 Jan Goossens: Deutsche Dialektologie, Kapitel „Deutsche Dialektologie“. De Gruyter 1977 (Sammlung Göschen), ISBN 3-11-007203-3, S. 48.
    7. ↑ C. Hoppenbrouwers, G. Hoppenbrouwers: De indeling van de Nederlandse streektalen: dialecten van 156 steden en dorpen geklasseerd volgens de FFM. Uitgeverij Van Gorcum, Assen 2001, S. 56–60.
    8. ↑ Werner Besch, Anne Betten, Oskar Reichmann und Stefan Sonderegger: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung, 3. Teilband, Walter de Gruyter, Berlin/New York, 2003, S. 2211.
    9. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 William D. Keel (2020): „The West Germanic Dialect Continuum“. In: Michael T. Putnam / B. Richard Page (Hrsg.): The Cambridge Handbook of Germanic Linguistics. Cambridge: Cambridge University Press, S. 736–760.
    10. ↑ Jan Goossens: Niederländische Mundarten – vom Deutschen aus gesehen. In: Niederdeutsches Wort. Kleine Beiträge zur niederdeutschen Mundart- und Namenkunde, Bd. 10. Verlag Aschendorff, Münster 1970, S. 78.
    11. 1 2 3 Jürgen Macha: Nordrheinische Sprachgeschichte im 20. Jahrhundert. In: Macha, Jürgen/Neuß, Elmar/Peters, Robert (Hg.): Rheinisch-Westfälische Sprachgeschichte. Unter Mitarbeit von Stephan Elspaß. Köln u. a. (Niederdeutsche Studien 46), 2000, S. 293–313.
    12. ↑ Georg Cornelissen: Deutsch-niederländische Grenzdialektologie. Eine forschungsgeschichtliche Skizze für das Gebiet Aachen – Nijmegen – Enschede. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 61, 1994, S. 298–307.
    13. ↑ C. Giesbers (2008), S. 187.
    14. ↑ Halyna Leontiy: Multikulturelles Deutschland im Sprachvergleich: das Deutsche im Fokus der meist verbreiteten Migrantensprachen. S. 28 (Google Books, abgerufen am 15. November 2018).
    15. ↑ Britta Weimann: Vielfalt der Sprachen – Varianz der Perspektiven: Zur Geschichte und Gegenwart der Luxemburger Gegenwart. S. 258 (Google Books, abgerufen am 28. November 2018).
    16. ↑ Heinz Drügh, Susanne Komfort-Hein, Andreas Kraß, Cécile Meier, Gabriele Rohowski, Robert Seidel, Helmut Weiss (Hrsg.): Germanistik: Sprachwissenschaft – Literaturwissenschaft – Schlüsselkompetenzen. Eintrag „Westgermanisch“, S. 126 (Google Books, abgerufen am 15. November 2018).
    17. ↑ Ralf Pörings, Ulrich Schmitz (Hrsg.): Sprache und Sprachwissenschaft: eine kognitiv orientierte Einführung. S. 247 (Google Books).
    18. ↑ Jan Goossens: Niederländische Mundarten – vom Deutschen aus gesehen. In: Niederdeutsches Wort. Kleine Beiträge zur niederdeutschen Mundart- und Namenskunde, Bd. 10. Verlag Aschendorff, Münster 1970, S. 63.