Koordinationsrat der Muslime in Deutschland

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Logo des Koordinationsrates der Muslime

Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) (inoffiziell auch Koordinierungsrat der Muslime;[1] zur Verdeutlichung wird er auch Koordinationsrat/Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland genannt[2]) war 2007 als Arbeitsplattform der vier größten islamischen Organisationen in Deutschland im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz gegründet worden. Es ist umstritten, wie viele der in Deutschland lebenden Muslime der KRM vertritt. Die Mehrheit der Moscheegemeinden in Deutschland ist im KRM über seine Mitgliedsorganisationen vertreten.

Zu den Gründungsmitgliedern gehören seit 2007[3]:

Im Jahr 2019 wurde der KRM erweitert[3] um die folgenden Moscheevereinigungen:

Eine Interessensbekundung zur Mitgliedschaft im KRM liegt vor durch[4].

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Status[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zusammenarbeit im KRM beruht auf einer gemeinsamen Geschäftsordnung, die durch die vier Gründungsmitglieder am 28. März 2007 zuerst unterzeichnet wurde.[5][6] Damit handelt es sich beim KRM nicht um einen eingetragene Verein, er besitzt also keine eigenständige Rechtspersönlichkeit.

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Tagesgeschäft des KRM wird durch die jeweilige Sprecherfunktion koordiniert. Es ist nicht bekannt, ob der KRM eigenes Personal hat oder ob Mitgliedsverbände ihr Personal in den KRM entsenden. Im Jahr 2008 bemängelte die Islamische Zeitung, dass der KRM keine Angestellten, kein Budget, kein Lobby-Büro in Berlin, keine eigene Webseite und kaum eine klar ausgearbeitete Programmatik habe.[7] Ob der KRM inzwischen als eigene Organisation handelt oder vorwiegend eine Koordinierungsfunktion hat, ist nicht bekannt.

Im Juli 2019 wurde ohne Angabe weiterer Details der Aufbau von Landesstrukturen angekündigt.[8]

Geschäftsordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschäftsordnung gibt der DITIB ein Vetorecht und drei stimmberechtigte Vertreter, während die anderen Verbände jeweils nur zwei Vertreter haben.[5] Weiter heißt es darin:[5]

  • „Mitglieder auf Bundesebene können nur Dachorganisationen oder Spitzenverbände werden […] Über die Aufnahme entscheidet die Mitgliederversammlung. Eine Ablehnung der Mitgliedschaft braucht nicht begründet zu werden.“
  • „Der Koordinationsrat bekennt sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland.“
  • „Koran und Sunna des Propheten Mohammed bilden die Grundlagen des Koordinationsrats. Dieser Grundsatz darf auch durch Änderungen dieser Geschäftsordnung nicht aufgegeben oder verändert werden.“

Eine im Jahr 2007 geplante Weiterentwicklung der Geschäftsordnung zu einer verbindlichen Satzung[9] erfolgte nicht.

Sprecher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Rolle Sprechers des Koordinationsrates wechselt im halbjährlichen Turnus zum 1. April und zum 1. Oktober und wird von den Mitgliedsorganisationen gestellt. Im April 2020 löste Burhan Kesici (IRD) Zekeriya Altuğ (DITIB) ab. Sein Amt läuft Ende September 2020 aus.

Rechtliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es ist nicht bekannt, dass der Koordinationsrat selbst den Status einer Religionsgemeinschaft anstrebt. Dies ist in Deutschland aufgrund der im Regligionsverfassungsrecht vorherrschenden Landeszuständigkeit ohnehin nur durch die Bundesländer möglich. Jedoch will der KRM laut seiner Geschäftsordnung „gemeinsam mit den bereits bestehenden muslimischen Länderstrukturen sowie den vorhandenen Lokalstrukturen an der Schaffung rechtlicher und organisatorischer Voraussetzungen für die Anerkennung des Islams in Deutschland im Rahmen von Staatsverträgen“ wirken.[5] Unabhängig von der Frage ob der Koordinationsrat einen Status als Religionsgemeinschaft überhaupt anstrebt, äußerte Volker Beck im April 2007 die Meinung, dass der KRM noch nicht die Voraussetzungen einer Religionsgemeinschaft gemäß Art. 140 GG erfülle: „… ein reiner Dachverband ist nach unserem Recht noch keine Religionsgemeinschaft und erfüllt noch lange nicht die Voraussetzungen einer Körperschaft.“ Er riet auch zur Vorsicht im Umgang mit den überwiegend konservativen und fundamentalistischen Kräften innerhalb des KRM, obwohl er für eine Perspektive der Gleichberechtigung plädierte.[10]

Ansprechpartner der Politik für "die Muslime" und eigener Vertretungsanspruch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ziel und Zweck des Koordinationsrates ist nach § 2 seiner Geschäftsordnung, die Vertretung der Muslime in der Bundesrepublik zu organisieren und der Ansprechpartner für Politik und Gesellschaft zu sein.[5] Die auch in der Präambel der KRM-Geschäftsordnung bekräftigte Absicht, „eine einheitliche Vertretungsstruktur der Muslime in der Bundesrepublik“ zu schaffen, wird als Alleinvertretungsanspruch verstanden, der muslimische Vertretung außerhalb des KRM ausschließen möchte.[11]

Vertretungsanspruch über die Mitgliedsorganisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Koordinationsrat vertritt hauptsächlich sunnitische, über den Zentralrat der Muslime auch schiitische, Muslime.

Der Koordinationsrat vertrat zur Zeit seiner Gründung von den damals 3,8 bis 4,3 Millionen Muslimen in Deutschland[12] über seine Mitgliedsvereine etwa 300.000. Hinzu kommen eine unbekannte Anzahl von Mitgliedern im Rahmen der Erweiterung 2019.

  • DITIB: ca. 950 Mitgliedsmoscheen, 110.000[13] – 140.000[14] Mitglieder
  • Islamrat: ca. 400 Mitgliedsmoscheen, 80.000[14] – 140.000[13] Mitglieder
  • ZMD: ca. 300 Mitgliedsmoscheen, 20.000[13] – 30.000[14] Mitglieder
  • VIKZ: ca. 300 Mitgliedsmoscheen, 24.000[13] – 30.000[14] Mitglieder
  • ZRDM: ca. 50 Mitgliedsmoscheen, unbekannte Anzahl von Mitgliedern
  • UIAZD: ca. 30 Mitgliedsmoscheen, unbekannte Anzahl von Mitgliedern
  • IGBD ca. 60 Mitgliedsmoscheen, unbekannte Anzahl von Mitgliedern

Nicht vertreten im KRM sind u. a.:

Wahrgenommene Vertretung durch Muslime in Deutschland selbst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Gründungsphase wurden laut dem damaligen KRM-Sprecher Köhler „schätzungsweise 85 Prozent“ der Moscheegemeinden in Deutschland vertreten.[15] Laut einer Studie des BAMF kannten jedoch im ersten Halbjahr 2008 erst 10 Prozent der Muslime in Deutschland den KRM.[16]

Im Jahr 2007 kritisierte die damalige Islam-Beauftragte der SPD, Lale Akgün, dass der Koordinationsrat vor allem konservative Muslime vertrete und nicht für die Gesamtheit der Muslime in Deutschland sprechen könne. Ebenfalls im Jahr 2007 kritisierte Seyran Ateş: „Die meisten Islamverbände vertreten einen fundamentalistischen, strengen Islam.“[17]

Ansprechpartner für die Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon seit langem wurde von deutschen Politikern die Gründung eines Dachverbandes der in Deutschland lebenden Muslime gefordert, der als einheitlicher Ansprechpartner für die Politik dienen und die rechtliche Anerkennung der organisierten Muslime als Religionsgemeinschaft und darüber hinaus als Körperschaft des öffentlichen Rechts erleichtern sollte. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour kommentierte jedoch: „Der permanente Ruf der Politik nach der einen Telefonnummer im Islam ist völlig kontraproduktiv.“[14]

Stellungnahmen des KRM[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der KRM forderte am 13. April 2007 die sofortige Freilassung der deutschen Geiseln im Irak.[18]
  • In einem Interview vor dem 2. Treffen der Islamkonferenz erklärte der KRM-Sprecher, muslimische Eltern bei der Forderung nach einem getrennten Sportunterricht unterstützen zu wollen,[19] und erntete dafür starke Irritationen und Kritik.[11][20][21]
  • Anlässlich des zweiten Treffens der Deutschen Islamkonferenz forderte der KRM von der Bundesregierung, eine „Roadmap“ vorzulegen und die Zielsetzungen zu konkretisieren.[22]
  • In einer Stellungnahme vom 24. Mai 2007[23] antwortete der KRM auf einen Text der EKD zum Thema Christen und Muslime in Deutschland vom 28. November 2006.[24]
  • Am 3. Juli 2007 nahm der KRM zum Gesetzesentwurf zur Umsetzung aufenthalts– und asylrechtlicher EU-Richtlinien Stellung.[25] Türkische Organisationen hatten wegen des Gesetzes mit dem Rückzug vom Integrationsgipfel gedroht[26] und diesen schließlich boykottiert. Der KRM könne „verstehen, wenn sich die Ditib von dem Integrationsgipfel distanziert“. Aus dem Kreis der KRM-Mitgliedsverbände wird lediglich DITIB zu den Integrationsgipfeln eingeladen.
  • Im Sommer 2008 einigten sich erstmals die im KRM vertretenen Verbände auf eine gemeinsame Berechnungsgrundlage für Beginn und Ende des Fastenmonats Ramadan[27] und schufen damit die Voraussetzung, dass zum ersten Mal nahezu alle Muslime in Deutschland den Ramadan und das anschließend Fest des Fastenbrechens zur selben Zeit begehen.
  • Im September 2008 forderte der KRM die Ablösung von Prof. Muhammad Sven Kalisch und zog sich aus dem Beirat des Centrums für religiöse Studien (CRS) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zurück.[28]
  • Im Frühjahr 2012 kritisierte der Koordinationsrat der Muslime Äußerungen des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck.[29] Gauck hatte den Satz seines Vorgängers „Der Islam gehört zu Deutschland“ diskutiert.
  • Im Juni 2012 kritisierte der KRM ein Urteil das Landgerichts Köln, das die Beschneidung männlicher Säuglinge oder Kinder als strafbare Körperverletzung erkannte.[30] (Zur Rechtslage in Deutschland siehe hier.)
  • Am 15. November 2015 verurteilten die vier KRM-Mitglieder und vier weitere Verbände die „niederträchtigen und barbarischen“ Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris: „Die Mörder von Paris irren, wenn sie glauben, sie seien die Vollstrecker eines göttlichen Willens. Terror steht in gänzlichem Widerspruch zur Barmherzigkeit Gottes.“[31] KRM-Sprecher Zekeriya Altug sagte in Köln, nach den Anschlägen von Paris müsse die Botschaft hierzulande lauten: „Wir stehen zusammen im Schulterschluss gegen diejenigen, die uns auseinander dividieren wollen.“[32]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Koordinationsrat der Muslime laut Pressemitteilungen, auch Koordinierungsrat der Muslime genannt – beide Bezeichnungen werden sowohl von den beteiligten Verbänden als auch von den Medien nebeneinander verwendet.
  2. Die Benennung als Koordinationsrat der Muslime in Deutschland steht im Titel der Geschäftsordnung vom 28. März 2007 (im restlichen Text der Geschäftsordnung wird er kurz Koordinationsrat genannt); laut Website lautet der Name jedoch Koordinationsrat der Muslime.
  3. a b KRM plant zeitnah Erweiterung. In: KRM. 8. Juni 2019, abgerufen am 9. Juli 2020 (deutsch).
  4. IGBD-Bundesvorstand bekräftigt KRM-Zusammenarbeit - IslamiQ. In: IslamiQ - Nachrichten- und Debattenmagazin. 26. Juni 2019, abgerufen am 9. Juli 2020.
  5. a b c d e Geschäftsordnung des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland auf www.religion-recht.de
  6. PDF der Geschäftsordnung mit den Unterschriften der Unterzeichner
  7. Einheit durch den KRM - Illusion oder Chance? Wer koordiniert die Position der Muslime wirklich, will Khalil Breuer wissen. In: Islamische Zeitung. 8. Oktober 2008, abgerufen am 16. Juni 2015.
  8. KRM plant Aufbau von Landesstrukturen - IslamiQ. In: IslamiQ - Nachrichten- und Debattenmagazin. 2. Juli 2019, abgerufen am 9. Juli 2020.
  9. Kirchenkampf um die Moscheen - Muslime fordern ihre staatsrechtliche Anerkennung. In: Tagesspiegel. 13. April 2007, abgerufen am 16. Juni 2015.
  10. Volker Beck: Fahrplan zur Integration. In: Die Tageszeitung. 16. April 2007, abgerufen am 16. Juni 2015.
  11. a b Mariam Lau: Böhmer gegen muslimisches Koordinationsgremium: „Fundamentalisten haben die Mehrheit im Rat“. In: Die Welt. 21. April 2007, abgerufen am 16. Juni 2015.
  12. Muslimisches Leben in Deutschland. Repräsentative Studie des BAMF im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, Juni 2009, S. 11.
  13. a b c d Islamische Verbände taz 12. April 2007
  14. a b c d e Kerstin Krupp: Bedenken gegen Kooperation islamischer Verbände. In: Berliner Zeitung. 12. April 2007, abgerufen am 16. Juni 2015.
  15. Neuer Dachverband als zu konservativ kritisiert. In: Die Welt. 12. April 2007, abgerufen am 16. Juni 2015.
  16. Muslimisches Leben in Deutschland. Repräsentative Studie des BAMF im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, Juni 2009, S. 17 (zum Erhebungszeitraum siehe S. 38).
  17. Seyran Ateş: Der Multikulti-Irrtum. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können. Ullstein, Berlin 2007, ISBN 978-3-550-08694-6, S. 197.
  18. Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM) fordert die sofortige Freilassung der deutschen Geiseln im Irak, islam.de, 13. April 2007
  19. »Wir vertreten einen Mainstream-Islam«. In: Die Zeit. 19. April 2007, abgerufen am 16. Juni 2015.
  20. Aiman Mazyek zu den Aussagen von Köhler, Jörg Lau, Zeit-Blog, 21. April 2007
  21. Andrea Brandt, Cordula Meyer: Große Idee, kleiner Plan. In: Spiegel Online. 23. April 2007, abgerufen am 16. Juni 2015.
  22. Koordinationsrat der Muslime zur Deutschen Islamkonferenz: „Roadmap“ und die Zielsetzungen müssen konkretisiert werden, islam.de, 1. Mai 2007
  23. Profilierung auf Kosten der Muslime? IGMG, 24. Mai 2007
  24. Einladung zum Gespräch und zum Dialog: Handreichung zum Thema Christen und Muslime in Deutschland Pressemitteilung der EKD, 28. November 2006
  25. Stellungnahme des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland zum Gesetzesentwurf zur Umsetzung aufenthalts – und asylrechtlicher EU-Richtlinien vom 3. Juli 2007
  26. Muslime drohen mit Rückzug vom Integrationsgipfel. In: Tagesspiegel. 4. Juli 2007, abgerufen am 16. Juni 2015.
  27. http://www.islam.de/10694.php
  28. Canan Topçu: Kalisch passt dem Rat der Muslime nicht. In: Frankfurter Rundschau. 12. September 2008, archiviert vom Original am 1. April 2009; abgerufen am 16. Juni 2015.
  29. KRM: Bundespräsident Gaucks Aussagen zum Islam sind irritierend
  30. KRM: Kölner Beschneidungsverbot ist ein massiver Eingriff in die Religionsfreiheit (27. Juni 2012) Religiös motivierte Beschneidung: Beschneidungsurteil kriminalisiert Muslime und Juden
  31. Pressemeldung der Islamischen Organisationen in Deutschland (Memento des Originals vom 3. Februar 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.koordinationsrat.de vom 16. November 2015, abgerufen am 3. Februar 2016.
  32. Muslimische Verbände rufen zu gesellschaftlichem Zusammenhalt auf. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. November 2015.