Kritik der zynischen Vernunft

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Kritik der zynischen Vernunft ist ein 1983 erschienenes zweibändiges Werk des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk. Das Werk behandelt den Kynismus/Zynismus als gesellschaftliches Phänomen der europäischen Geschichte.

Der erste Band beinhaltet die philosophischen Grundlagen; der zweite Band fächert darauf aufbauend eine Phänomenologie der Handlungsgeschichte auf. In beiden Bänden ist der Text-Bild-Bezug ein integraler Bestandteil des philosophischen Diskurses.

Sloterdijk macht an vielen Stellen klar, dass er den etymologischen Konsonantensprung (von K zu Z, wie B zu W) dazu nutzt, seine Grundthese zu verstärken: Der einstige Kynismus, gewissermaßen eine Antithese zur griechischen Akademie und Ventil einer entmachteten Bevölkerung, gerinnt in einem neuzeitlichen industriellen oder postindustriellen System zu einem Zynismus von nur mehr merkantil verstandenen Handlungen. Bei einem Gang durch die Geschichte des unter philosophischen und sozialpsychologischen Aspekten betrachteten Phänomens analysiert er dieses als „Frechheit, die die Seite gewechselt hat“. Eine wirkliche Aufklärung – im Sinne von Kants Was ist Aufklärung? und Zum ewigen Frieden – habe niemals stattgefunden.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sloterdijk beschreibt die Entstehung des bürgerlichen Bewusstseins anhand von Negativbeispielen aus der europäischen Handlungs- und Bildungsgeschichte. Er bezeichnet den Zweiten Weltkrieg als einen ersten Kulminationspunkt eines „Systems der Selbstaushöhlung“ (Kapitalismus), „das, bis zu den Zähnen bewaffnet, ewig leben will“.

Seine Analyse des Dadaismus und seine historische Darstellung in Berlin geht einher mit einer Aufdeckung der Spielarten von Ironien und Sarkasmen aller Lager der Zwischenkriegszeit (insbesondere Dadaisten, Sozialdemokraten, Nationalsozialisten und deren gegenseitige höhnische Aufhetzung). Es bilden die Geschehnisse und die künstlerische Aktivität der Zwischenkriegszeit, welche als „frech“, „entlarvend“ vom nationalsozialistischen Regime eingestuft werden und schließlich als „entartet“ vielen Künstlern die Grundlagen für ihr Schaffen entzieht, eine weitere Ebene dieses Werkes.

Er beleuchtet ebenso das nazistische Schriftgut, welches – so Sloterdijk – das Dritte Reich „rhetorisch retten“ will, nicht ohne Kästner und Remarque als die „Autoren des Menschlichen“ in einem „erbitterten Krieg Aller gegen Alle“ zu erwähnen. Dabei deckt er ihre eindeutig auf das mittlerweile zynische Klima hinweisenden Textstellen strukturell auf und erläutert sie aus seiner Sicht.

Außerdem unternimmt Sloterdijk den Versuch, die Wirkungsgeschichte der Kantschen Kritiken und deren Interpretationen bis in die nahe Vergangenheit nachzuzeichnen. Er versucht aufzuzeigen, dass Kants „kritisches Geschäft“ durch die Prämisse BaconsWissen ist Macht“ instrumentalisiert und schließlich ausgehebelt werde. So unterzieht er Heideggers Werk Sein und Zeit einer genauen Untersuchung und sucht Verdeutlichung durch Bestätigung der „Tatsachen“. Die gewagte These von Althussers Suizid (i. S. der Unaushaltbarkeit einer Lebenslüge) und einer als „philosophisches System“ getarnte Kritik am Nationalsozialismus, die Heidegger bis zur Perfektion beherrscht (vgl. dessen Antrittsrede: Die Selbstbehauptung der deutschen Universität[1]) bildet zugleich Kulminationspunkt und Abschluss der Beschreibung des Zynismus (als Gegensatz zum Kynismus) auch in der Philosophie, welche in diesen geschichtlichen Wandlungsprozess untrennbar eingebunden und dafür immer wieder auch die Voraussetzungen schafft. Damit einhergehend betrachtet er die Entstehung des heutigen menschenverachtenden Zynismus im Gespann kleinbürgerlicher Semiologien bzw. großphilosophischer Ambitionen auf der Folie des griechischen Kynismus. Dieser stehe heute nicht mehr für letztlich (natürlich-)ethisch verbürgende Werte zwischen Menschen außerhalb religiöser und wirtschaftlich-opportunistischer Überzeugungen. Stattdessen sei er einem Zynismus gewichen, der sein Handeln aufgrund eines „Endziels“ rein materialistisch definiere und ein „gesolltes“ Handeln wirtschaftlich auf Gewinnmaximierung trimme bzw. reduziere; einem Zynismus, der sich jedoch da ausschweige, wo es sich um soziale, anthropogene und altruistische Zielverfolgung in einem und für ein „gelungenes Leben“ handelt.

Sloterdijk macht im Schlusskapitel darauf aufmerksam, dass er ein Gelingen nicht als allein äußere Tatsache betrachtet, sondern als „Eingebettetsein“ in ein sich ständig selbst organisierendes und erneuerndes „Ganzes“, das von Menschen aus eigener Einsicht und eigenem Antrieb geschaffen wird.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch wurde von zahlreichen Kritikern gelobt und Sloterdijk als philosophischer Schriftsteller vom Range eines Arthur Schopenhauer bezeichnet. Die Kritik der zynischen Vernunft wurde zum Bestseller. Bis 1988 wurden über 50.000 Exemplare verkauft. Der Suhrkamp-Verlag gab 1987 eine Sammlung mit Beiträgen von Wissenschaftlern heraus, die sich zum Phänomen Zynismus psychologisch, soziologisch, historisch und philosophisch äußern. Der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel veröffentlichte 1983 einen Verriss des Buchs im Spiegel:[2]

Mit Sätzen wie: „Die Animalitäten“ (nämlich: „Furzen, Scheißen, Pissen, Masturbieren“) „sind beim Kyniker ... auch eine Form des Argumentierens“, und zwar innerhalb einer „pantomimischen Theorie“, bläst Sloterdijk Wind in die ohnehin prallen Segel eines landläufigen Idiotismus, der schon immer mehr Scheiße als Argumente produziert hat und jetzt seine theoretische Weihe bejubelt.

Der Germanist Klaus Laermann berichtet, Sloterdijk habe Merkel daraufhin öffentlich als „einen gekauften Schmierenschreiber“ bezeichnet. Laermann veröffentlichte 1988 unter dem Titel Von der Apo zur Apokalypse eine Polemik gegen Sloterdijks Buch. Die zentrale Gegenüberstellung von antikem Kynismus und modernem Zynismus sei bereits in den 1960er Jahren vom Religionsphilosophen Klaus Heinrich formuliert worden.[3]

Literaturnachweis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Primär- und Sekundärliteratur

  • Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft. 2 Bände. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-11099-3.
  • Otto Kallscheuer u. a.: Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft“ Frankfurt am Main: Suhrkamp 1987 ISBN 3-518-11297-X
  • Marco Fuhrländer: Kritik der zynischen Vernunft. In: Joachim Kaiser (Hg.): Das Buch der 1.000 Bücher. Autoren, Geschichte, Inhalt und Wirkung. Dortmund: Harenberg 2002, ISBN 3-611-01059-6, S. 1007 f.

Methodologie und Rezeption der Philosophie: Deutschland – Frankreich

  • Vincent Descombes: Das Selbe und das Andere (Le même et l’autre). Philosophie in Frankreich 1933–1978, 1981, Frankfurt/Main: Suhrkamp (stw 346) ISBN 3-518-27946-7
  • Wicks, Robert: „Modern French philosophy“ from existentialism and postmodernism, 2003, Oxford: Oneworld ISBN 1-85168-318-6
  • Eva Dewes, Sandra Duhem (Hrsg.) Kulturelles Gedächtnis und interkulturelle Rezeption im europäischen Kontext. VICE VERSA. DEUTSCH-FRANZÖSISCHE KULTURSTUDIEN, Bd. 1 ISBN 978-3-05-004132-2

Einzelnachweis / Verweis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Auszug online
  2. Imperiale Gebärde, rasante Gedanken - DER SPIEGEL 24/1983. Abgerufen am 3. November 2020.
  3. Klaus Laermann: Von der Apo zur Apokalypse. Resignation und Fröhliche Wissenschaft am Beispiel von Peter Sloterdijk, in: ,Postmoderne' oder Der Kampf um die Zukunft, Hg.: P. Kemper. 1988, S. 207–230.