Leo Weismantel

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Leo Weismantel (1954)

Leo Weismantel (* 10. Juni 1888 in Obersinn in der Rhön; † 16. September 1964 in Rodalben/Rheinland-Pfalz) war ein deutscher Schriftsteller und Reformpädagoge.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leo Weismantel wurde als siebtes Kind der Eheleute August und Barbara Weismantel in Obersinn,[1] einem Dorf im heutigen Landkreis Main-Spessart, geboren.

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Münnerstadt, das er nach einer schweren Krankheit ohne Abitur, aber mit der Primarreife verließ, hatte er eine Sondergenehmigung des Ministeriums erhalten, sein Abitur nachholen zu dürfen, was ihm auch innerhalb von neun Wochen gelang. Nach dem 1908 in Würzburg aufgenommenen Studium der Philologie, Philosophie und Naturwissenschaften wurde er 1914 mit einer geographischen Monographie über die Haßberge summa cum laude an der Universität Würzburg zum Dr. phil. promoviert. Weismantel war Mitglied der katholischen Studentenverbindung KDStV Cheruscia Würzburg im Cartellverband, die ihre Kneipe mit Gartenwirtschaft in der Weingartenstraße 8 hatte.[2]

Nach ersten Veröffentlichungen wurde der in der Blumenstraße 10 (heute Eichendorffstraße) wohnenden Weismantel bereits 1912 als Schriftsteller im Würzburger Adressbuch geführt. In seiner darauffolgenden Zeit als Lehrer („Reallehrer“) für Deutsch, Geografie und Geschichte von 1915 bis 1919 am Institut Adam, einer privaten Handels- und Realschule für Knaben in der Sanderglacisstraße 27 (1946 in diesem Teil in Friedrich-Ebert-Ring umbenannt) heirate er und wohnte in der nicht weit von der Schule entfernten Friedenstraße 51 im zweiten Stock[3] und veröffentlichte 1917 seinen ersten Roman „Mari Madlen“. Dieser „Roman aus der Rhön“ begründete seinen schriftstellerischen Ruf.

1920 verließ Weismantel den Schuldienst, nannte sich „Verlagsdirektor“ des neugegründeten Patmos-Verlages[4] und zog nach Marktbreit am Main, wo er freischaffend als Schriftsteller sowie pädagogisch und politisch tätig wurde.

Von 1924 bis 1928 vertrat Weismantel als Abgeordneter die Christlich-Soziale Partei (1925 in Christlich-Soziale Reichspartei umbenannt) im Bayerischen Landtag, ohne Parteimitglied zu sein.

In seinem 1928 in Marktbreit gegründeten privaten Lehr- und Forschungsinstitut „Schule der Volkschaft“ widmete er sich bis 1933 in erster Linie reformpädagogischen Themen.

Er gehörte 1931 zu den Mitbegründern der deutschen Sektion – Weltbund für Erneuerung in der Erziehung – im New Education Fellowship.

Zwar passte sein Institut nicht in die Zeit des Nationalsozialismus mit den seit 1933 einsetzenden politischen Verfolgungen und eingeschränkten Publikationsmöglichkeiten, weswegen er es 1936 schließen musste und wieder nach Würzburg zog: Zunächst in ein seiner Verbindung Cheruscia gehörendes Haus in der Zeppelinstraße 3, ab 1939 dann in ein von Balthasar Neumann 1746 für den Bildhauer Lukas van der Auwera gebautes Haus in der Theaterstraße 4.[5] Dennoch gehörte er zu den 88 Schriftstellern, die im Oktober 1933 das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichneten.[6] Im selben Jahr schrieb er Die Sonnenwendfeier des jungen Deutschland.[7]

In Würzburg wandte er sich religiösen Themen zu und schrieb Heiligen- und Künstlerbiographien. Das Neue Buch, die Rezensionszeitschrift des Borromäusvereins, lobte seine Biographien, gab jedoch zu bedenken, dass Weismantel „kirchliche Missstände mit großer Offenheit“ schildere (so in der Biographie des Vinzenz von Paul) und dass er Franz von Assisi „in bewußten Gegensatz zur betonten Prunk- und Machtsucht der Kirche und ihrer Würdenträger“ stelle. Das neue Buch empfahl den katholischen Büchereien deshalb, diese Bücher „urteilsfähigen Lesern vorzubehalten“.[8] Besonders sein 1939 erschienener Roman „Gericht über Veit Stoß“ ist geprägt von seiner katholischen Haltung. Die in diesem Werk vertretenen Werte des Individualismus und Humanismus konnten als Kritik an der herrschenden Weltanschauung aufgefasst werden. Sein Bekenntnis zum Katholizismus führte 1939 zu einer Inhaftierung, 1942 wurde für seine Werke ein Veröffentlichungsverbot erlassen[9] und 1944 kam es erneut zur Verhaftung durch die Gestapo. Der zweiten Inhaftierung schloss sich eine Internierung in einem Sonderlager in Würzburg an.

Beim Bombenangriff auf Würzburg am 16. März 1945 durch die britische Royal Air Force wurde auch seine Wohnung in der Theaterstraße 4 zerstört, so dass Weismantel, nachdem er drei Tage nach der Bombardierung noch Kleinigkeiten aus dem ausgebombten Haus retten konnt, wieder in seinen Geburtsort Obersinn zurückkehrte.

Die US-Amerikaner erstellten bereits im Herbst 1944 eine Weiße Liste mit Persönlichkeiten, die für eine Mitarbeit bei der demokratischen Erneuerung gewonnen werden sollten. Hierzu zählte auch Weismantel, der als bayerischer Kultusminister in Erwägung gezogen wurde. Weismantel lehnte diesen Posten jedoch ab und wurde Schulrat im ehemaligen Landkreis Gemünden. Von 1947 bis 1949 war Weismantel Professor am Pädagogischen Institut in Fulda.

Die (Ost-)Berliner Humboldt-Universität verlieh Weismantel die Ehrendoktorwürde. Seine Ablehnung der Konfessionsschule, seine Proteste gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland und schließlich seine Mahnungen zu einer Verständigung mit der DDR und UdSSR sowie der Beifall aus diesem Lager führten Weismantel in der BRD in die Isolation.

Bereits 1948 wurde Weismantel Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde. Im Dezember 1954 lud ihn die Stadt Würzburg als Redner zur 150-Jahr-Feier des Stadttheaters wieder aus, nachdem seine Teilnahme an einem Schriftstellertreffen auf der Wartburg (Thüringen) bekanntgeworden war. Von 1949 bis 1954 war er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.[10]

Leo Weismantel starb nach einem Herzinfarkt. Begraben ist er in Jugenheim an der Bergstraße. 1979 benannte die Stadt Würzburg dann eine Straße nach ihm.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1918 Mari Madlen
  • 1922 Das unheilige Haus
  • 1925 Der Kurfürst
  • 1928 Das alte Dorf
  • 1932 Die Geschichte des Hauses Herkommer
  • 1932 Rebellen in Herrgotts Namen
  • 1933 Das Sterben in den Gassen
  • 1934 Die Pestnot 1633
  • 1936 Eveline. Der Roman einer Ehe
  • 1938 Die Sibylle. Die Geschichte einer Seherin
  • 1940 Jahre des Werdens
  • 1941 Der Vorläufer (Roman über den Pfeifer von Niklashaisen)

Biographische Romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1931 Elisabeth. Die Geschichte eines denkwürdigen Lebens. Sebaldus, Nürnberg 1931; Augustinus, Würzburg 1949
  • 1936 Dill Riemenschneider. Der Roman seines Lebens. Herder, Freiburg i. Br. 1936; 6.–8. Aufl. Karl Alber, München 1940–1941; Kerle, Heidelberg 1958; Union Verlag Berlin (DDR) 1962 und 1968
  • 1937 Die guten Werke des Herrn Vinzenz. Herder, Freiburg, vier Auflagen bis 1954 (über Vinzenz von Paul)
  • 1938 Lionardo da Vinci. Die Geschichte eines Malers, der Gott und der Welt ins Antlitz zu schauen wagte. Staufen-Verlag, Köln 1938 und 1947; Union Verlag, Berlin (DDR) 1963
  • 1938 Franz und Clara. Die Geschichte der Liebe zweier großer Menschen. Rauch, Innsbruck 1938; Kerle, Heidelberg 1947 und 1950
  • 1939 Gericht über Veit Stoß eines ehrsamen Raths heillos unruhigen Bürger. Die Tragödie eines Bildschnitzers. Karl Alber, Freiburg / München 1939, 1941, 1947; Union Verlag, Berlin (DDR) 1958, 1962, 1970; Verlag Nürnberger Presse 1983; Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988
  • 1941 Das Totenliebespaar. Roman aus der Kindheit und den Lehrjahren des Mathis Nithart, der fälschlich Matthias Grünewald genannt wurde. Karl Alber, München 1941
  • 1941 Der bunte Rock der Welt. Roman aus den Wander- und frühen Meisterjahren des Mathis Nithart, der fälschlich Matthias Grünewald genannt wurde. Karl Alber, München 1941
  • 1943 Die höllische Trinität. Roman aus den Jahren der Vollendung des Meisters Mathis Nithart, der fälschlich Matthias Grünewald genannt wurde. Karl Alber, München 1943; 2. Aufl. Karl Alber, Freiburg / München 1950; Union Verlag, Berlin (DDR) 1966
  • 1949 Elisabeth. Die Geschichte eines denkwürdigen Lebens.F.A. Kerle, Heidelberg; 1957 St. Benno-Verlag GmbH, Leipzig
  • 1950 Albrecht Dürer. Der junge Meister. Karl Alber, Freiburg / München 1950; Union Verlag 1950, 2. Aufl. 1954; Union Verlag, Berlin (DDR) 1956, 1957
  • 1950 Albrecht Dürers Brautfahrt in die Welt. Kindheit, Lehre und Wanderjahre. Karl Alber, Freiburg / München 1950; Union Verlag, Berlin (DDR) 1956

Erzählungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1923 Die Hexe
  • 1923 Musikanten und Wallfahrer
  • 1924 Der närrische Freier
  • 1926 Die Bauernnot. Das Schicksal des Hans Böhm, des Paukers von Niklashausen.
  • 1927 Die Geschichte des Richters von Orb
  • 1936 Heilig das Reich - die letzte Schlacht
  • 1940 Venus und der Antiquar
  • 1940 Die Letzten von Sankt Klaren
  • 1940 Die Erben der lockeren Jeanette
  • 1941 Tertullian Wolf. Die Geschichte des Pfarrherrn von Sparbrot

Bühnenstücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1919 Die Reiter der Apokalypse
  • 1920 Der Wächter unter dem Galgen
  • 1921 Der Totentanz. Ein Spiel vom Leben und Sterben unserer Tage. Patmos, Frankfurt 1921
  • 1924 Die Wallfahrt nach Betlehem
  • 1925 Der Kurfürst. Ein rheinisches Festspiel
  • 1933 Die Sonnenwendfeier des jungen Deutschland : ein Weihespiel neuen Volkstums
  • 1941/42 Salas y Gomez (Trauerspiel)

Sachbuch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1924 Werkbuch der Puppenspiele
  • 1937 Die Anbetung des Lammes: Ein Büchlein von der Reinheit des Lebens
  • 1940 Der Webstuhl – Von Bauern, Webern, Fabriklern und ihrer Not.
  • 1947 Der junge Dürer. Lux-Jugend-Lesebogen 2, Verlag Sebastian Lux, Murnau/München 1947

Kinderbuch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • um 1935/40 Wunderschön-Prächtige – Ein Marienleben in Liedern und Bildern, illustriert von Andreas Meier

Autobiographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mein Leben. Junker und Dünnhaupt, Berlin 1936

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Als (Mit-) Herausgeber: Heute und Morgen. Monatszeitschrift für Kunst, Literatur, Wissenschaft, Zeitgeschehen. L. W., Jean-Paul Sartre, Hanns Jacobs, Hans F. Secker, Carl Niessen, Manfred Pahl-Rugenstein. Progress-Verlag Johann Fladung, Düsseldorf[11]
  • Als Mitherausgeber: Blätter für deutsche und internationale Politik[12]
  • Als Mitarbeiter: Geist und Zeit. Eine Zweimonatsschrift für Kunst, Literatur und Wissenschaft. Johann Fladung als Hrsg. Unter Mitarbeit von Fritz Helling, Hanns Jacobs, Hanna Meuter, Franz Paul Schneider, Hans F. Secker, Leo Weismantel, Walter Wenzel. Red. von Katharina Fuchs-Arndt. Progress, Darmstadt 1960[13]
  • 1985 (postum) Totenklage über eine Stadt
  • 1988 Das Schloß in der Sünfte. Sagen und Überlieferungen aus der Rhön. Auswahl und Bearbeitung Gertrud Weismantel, Verlag Parzeller, Fulda

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufsätze
Monographien
  • Leonie Flab-Lichtenberg (Hrsg.): Leo Weismantel. Leben und Werk. Ein Buch zu des Dichters 60. Geburtstag. Würzburg 1985 (unveränderter Nachdr. d. Ausg. Berlin 1948).
  • Franz Gerth: Leo Weismantel (Christ in der Welt; Bd. 21). Union-Verlag, Berlin 1968.
  • Kurt Illing, Irene Lorenz: Fränkische Art und Totenklage. Leo Weismantel. In: Kurt Illing (Hrsg.): Auf den Spuren der Dichter in Würzburg. Eigenverlag (Druck: Max Schimmel Verlag), Würzburg 1992, S. 111–119.
  • Arno Klönne (Red.): „Aber die Schleichenden, die mag Gott nicht“. Der Dichter und Volkserzieher Leo Weismantel. Festschrift zum 100. Geburtstag. Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1988, ISBN 3-8204-1153-4.
  • Arno Klönne: Leo Weismantel. Ein Porträt zu seinem 20. Todestag. Bayerischer Rundfunk, Nürnberg 1974 (Manuskript zur Sendung am 16. September 1984).
  • Robert Küppers: Der Pädagoge Leo Weismantel und seine „Schule der Volkschaft“, 1928–1936 (Studien zur Pädagogik, Andragogik und Gerontagogik; Bd. 12). Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1992, ISBN 3-631-44429-X (zugl. Dissertation, TH Aachen 1991).
  • Karl-August Helfenbein: Leo Weismantels poetische Kunsterziehung am Pädagogischen Institut Fulda. In: Buchenblätter - Beilage der Fuldaer Zeitung für Heimatfreunde, 88.Jahrgang Nummer 24 vom 21. Dezember 2015, Seite 96.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Haus Nr. 71, heute Hauptstraße 54 Das „Weismantelhaus“
  2. Kurt Illing, Irene Lorenz (1992), S. 112–115.
  3. Kurt Illing, Irene Lorenz (1992), S. 115 f.
  4. Kurt Illing, Irene Lorenz (1992), S. 116.
  5. Kurt Illing, Irene Lorenz (1992), S. 112 und 117.
  6. Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, S. Fischer, Frankfurt am Main 2007. ISBN 978-3-10-039326-5, S. 653.
  7. Klee: Kulturlexikon, S. 653.
  8. Zitiert nach Guido Bee: Was Katholiken lesen durften. Die Zeitschrift „Das Neue Buch“ als Instrument der Lektürelenkung im kirchlichen Büchereiwesen. In: Communicatio Socialis, Jg. 43 (2010), 252–269, Zitate S. 266.
  9. Kurt Illing, Irene Lorenz (1992), S. 112.
  10. Leo Weismantel bei der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung
  11. belegt für Heft 11, 1955
  12. Blätter für deutsche und internationale Politik 12/2006, S. 1462
  13. belegt für Band 1, Jan/Febr. 1960