Low-Profit-Investition

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Low-Profit-Investitionen (LPI) sind reale, risikobehaftete Investitionen, die nur eine geringe Rendite versprechen, in etwa 0-3 % und Jahr. LPI sind aus klassischer, finanzwirtschaftlicher Sicht unrentabel, weil sie den Renditeerwartungen der Investoren nicht genügen und die Ertragsaussichten zu gering sind, um einen konventionellen Bankkredit zu bedienen. Daher braucht es eine neue Politik staatlicher Regulierung mit Steuern und Subventionen, um günstige Finanzierungsbedingungen für LPI zu schaffen, z. B. zinsgünstige Förderkredite.[1]

Historischer Ausgangspunkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitgleich mit der Finanzkrise 2008/09 entstanden in den USA die ersten Low-profit limited liability companies (L3C). L3C ist eine Low-Profit-Organisation, die in Verbindung mit einem sozialen Zweck eine moderate Rendite erwirtschaftet, und diese auch an die Eigentümer ausschüttet.[2]

Low-Profit-Investition (LPI) als Überbegriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Low-Profit-Organisation führt LPI durch. Umgekehrt ist eine Low-Profit-Organisation selbst immer auch eine LPI. Dieser Umkehrschluss ist zulässig, denn wenn sich ein Investor an einer Low-Profit-Organisation beteiligt, dann ist das für ihn ein Investment und zwar ein Low-Profit-Investment. Demnach kann LPI als Überbegriff dienen, der alle Unternehmungen umfasst, die auf Low-Profit-Basis erfolgen.

Bruch mit der neoklassischen Tradition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Low-Profit Case ist mit der klassischen Finanzwirtschaft nicht so ohne Weiteres vereinbar, sowohl was die Renditeerwartung der Investoren also auch was die Kreditfinanzierung über die Bank betrifft.

Nach klassischer Lehrmeinung setzt sich die Renditeerwartung der Investoren aus dem risikofreien Zinssatz (Libor, Euribor) und einer Risikoprämie zusammen, die das investitionsspezifische Risiko abdeckt. Die klassische Sichtweise erscheint auf den ersten Blick sehr plausibel, wonach ein Unternehmen sowohl die Zinsen als auch das Risiko einer Investition kalkulieren und erwirtschaften muss.[3]

Infolge der anhaltenden Konjunktur- und Wachstumsschwäche in den westlichen Industrieländern muss allerdings bezweifelt werden, ob Unternehmen langfristig noch in der Lage sein werden, den Libor (Euribor) plus Risikoprämie zu erwirtschaften.[4] Beträgt der Libor z. B. 1 % und die investitionsspezifische Risikoprämie 4 %, dann müssen Unternehmen in Summe 5 % Rendite generieren, um den Renditeerwartungen der Investoren zu genügen.[5]

Dazu kommt, dass bestimmte Branchen bei anhaltender Schwäche der Realwirtschaft Schwierigkeiten haben, konventionelle Bankkredite zu bedienen.[6]

Ganzheitlicher Zugang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Low-Profit ist ein interdisziplinäres Thema und bildet die Schnittmenge aus verschiedenen Wissenschaften.[7] Dazu gehört neben der Finanzwirtschaft als tragende Säule auch die Finanzwissenschaft, insbesondere die Fiskal- und Förderpolitik, des Weiteren das öffentliche Recht, insbesondere das Verwaltungsrecht, das Steuer- und Subventionsrecht sowie das EU-Beihilfenrecht.

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Finanzierung mit Eigenkapital setzt voraus, dass Investoren ihre Renditeerwartungen zurücknehmen und den Unternehmen günstig Eigenkapital zur Verfügung stellen. Da private Investoren aber von sich aus nicht so ohne Weiteres bereit sind, auf Rendite zu verzichten, um philanthropische Investitionen in größerem Umfang zu finanzieren, ist eine spezielle Vermögensteuer geboten, die ab einem bestimmten Freibetrag sichere Geldanlagen mit einer moderaten Vermögensteuer belastet. Wenn Tages- und Festgeldkonten, Staatsanleihen und andere sicheren Geldanlagen höher besteuert werden, dann korrigieren Investoren ihre Renditeerwartungen auch bei realen, risikobehaftete Investitionen „nach unten“ und sind eher bereit, sich an Unternehmen zu beteiligen, die auf Low-Profit-Basis operieren. So reduzieren Investoren bei einer Vermögensteuer von z. B. 3 % auf sichere Geldanlagen auch bei risikobehafteten Anlagen ihre Renditeerwartung um 3 %.[8]

Die Finanzierung mit Fremdkapital kann mit zinsfreien oder zinsgünstigen Förderkrediten erfolgen. Das kann ein normaler Bankkredit sein, bei dem der Staat einen Zuschuss gewährt, um die Zinskosten zu senken und die Finanzierung von Investitionen zu erleichtern.[9]

Fiskalische Maßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Staat kann LPI gezielt fördern, z. B. durch Steuererleichterungen, staatliche Zuschüsse oder Förderkredite. Er kann mit Steuern und Subventionen eine Lenkungsabsicht verbinden[10] und auf diese Weise dafür sorgen, dass Organisationen und Unternehmen finanziellen Spielraum für LPI gewinnen.

Die staatliche Förderung von LPI ist dort legitim, wo öffentliche Leistungen erbracht werden, die dem Gemeinwohl dienen. Das sind Bereiche und Branchen, die nur geringe Erträge aber dafür einen sozialen und ökologischen Mehrwert erbringen (Sozialrendite), z. B. ökologische Landwirtschaft, erneuerbare Energien, Recycling u. a.[11] Die Förderung von sozial und ökologisch nachhaltigen LPI kann also in gleicher Weise legitimiert werden wie z. B. die Umweltförderung, die Regionalförderung oder die Wohnbauförderung.[12]

Öffentliches Recht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Öffentliches Recht kommt dort zur Geltung, wo es um staatliche Regulierung geht.[13] Dabei geht es in erster Linie nicht um klassische Regulierung mit Verboten und imperativen Maßnahmen, sondern um neue Formen der Kooperation und Kollaboration zwischen Staat und Unternehmen, die auf Low-Profit-Basis operieren. In der Praxis werden Subventionen nach verwaltungsrechtlichen Vorschriften und Richtlinien vergeben. Es sollte künftig verstärkt darum gehen, die Vergabe an strenge soziale und ökologische Standards zu knüpfen.[14]

Der Low-Profit Case for CSR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Low-Profit Case for CSR (Corporate Social Responsibility) eröffnet den Unternehmen die Chance, über den Business Case hinaus ein zusätzliches CSR-Potenzial zu orten und zu erschließen.[15] Dementsprechende Fördermaßnahmen sind an einen Nachhaltigkeitsbericht und an strenge nationale und internationale Nachhaltigkeitsindikatoren zu knüpfen. Dazu gehören die Sustainable Development Goals (SDG), der UN Global Compact, die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die ILO Kernarbeitsnormen, ISO 26000 und andere nationale und internationale Normen und Regelwerke.[16]

Leverage deckeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vergabe staatlicher Fördergelder an gewinnorientierte Unternehmen (Kapitalgesellschaften) ist an zusätzliche Auflagen und Restriktionen zu knüpfen. Dazu gehört die Deckelung der Managergehälter und des finanziellen Leverage bei den begünstigten Unternehmen. So fordert z. B. das UN-Umweltprogramm (UNEP 2015) die Beschränkung des Leverage im Zusammenhang mit Corporate Redesign und einer Inclusive Green Economy.[17] Mit dieser Maßnahme soll verhindert werden, dass gewinnorientierte Unternehmen zinsgünstige Darlehen erhalten, infolge dessen einen hohen Leverage erzielen und der Staat auf diese Weise privatwirtschaftliche Gewinne und Renditen subventioniert.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Blog zum Thema Low-Profit-Investitionen

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fahrbach, Christian: Low-Profit-Investitionen – bewerten, finanzieren, fördern. Lit-Verlag, Münster, Wien 2014.
  2. Zouhali-Worrall, Malika: For L3C companies, profit isn't the point. In: CNN Money. 25. Juli 2011, abgerufen am 11. Januar 2018 (englisch).
  3. Copeland, T. E. und Weston, J. F.: Financial theory and corporate policy. Boston 2005.
  4. Guo, H. und Whitelaw, R. F.: Uncovering the risk-return relation in the stock market. Hrsg.: The Journal of Finance. Band 30, Nr. 7, Juli 2006, S. 2087.
  5. Menschen lieben es zu zocken. In: Der Standard, Portfolio. Dezember 2010, S. 35.
  6. Dörflinger, A., Bachinger, K. und Seidl, T: Finanzierungssituation und -bedarf der Österreichischen Kultur- und Kreativwirtschaft. KMU Forschung Austria, Wien, Oktober 2014, abgerufen am 11. Januar 2018.
  7. Fahrbach, Christian: Low-Profit Investment – Pricing, Funding, Supporting. 1st Vienna Conference on Pluralism in Economics, April 2015, abgerufen am 1. Januar 2018 (englisch).
  8. Fahrbach, Christian: Mean-variance asset pricing after variable taxes. Austrian Working Group on Banking and Finance, Wien, Dezember 2008, abgerufen am 1. Januar 2018 (englisch).
  9. Wandt, Michael: Förderkredit oder Zuschuss? In: Creditreform. Nr. 7, 3. Juli 2009, S. 50.
  10. Doralt, Werner: Steuerrecht 2017/18. Wien 2017.
  11. Jäggi, André: Mit unternehmerischen Mitteln Gutes tun: Low-Profit-Unternehmen maximieren Nutzen für viele anstatt Gewinn für wenige. Zeitpunkt 96, 2008, abgerufen am 11. Januar 2018.
  12. 25. Subventionsbericht. Bundesministerium der Finanzen, Berlin, 2. September 2015, abgerufen am 11. Januar 2018.
  13. Eifert, Martin: Regulierungsstrategien. In: Hoffmann-Riem, Schmidt-Aßmann, Voßkuhle, Grundlagen des Verwaltungsrechts. Band 1. München 2006, S. 1319–1394.
  14. Buczko et al.: Ökosoziale Marktwirtschaft, für eine zukunftsfähige Gesellschaftsordnung, wissenschaftliches Hintergrundpapier, Wien, S. 5. Juli 2010, abgerufen am 11. Januar 2018.
  15. Thielemann, Ulrich: Ethik als Erfolgsfaktor? The Case against the business case und die Idee verdienter Reputation. In: Scherer und Patzer (Hrsg.): Betriebswirtschaft und Unternehmensethik. Wiesbaden 2008.
  16. Schneider, A. und Schmidpeter, R. (Hrsg.): Corporate social responsibility. Verantwortungsvolle Unternehmensführung in Theorie und Praxis. Berlin 2015.
  17. Fulai, Sheng, et al.: Uncovering pathways towards an inclusive green economy: A summary for leaders. United Nations Environment Programme (UNEP), Director of Publication: Naysán Sabha, 2015, abgerufen am 11. Januar 2018 (englisch).