Matthias Lilienthal

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Matthias Lilienthal (* 21. Dezember 1959 in Berlin) ist ein deutscher Dramaturg und Intendant.

Theater-Intendant Matthias Lilienthal (2014)

Leben und Arbeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lilienthal wuchs als zweites von drei Kindern in Berlin-Neukölln auf. Nach dem Abitur am Berliner Evangelischen Gymnasium zum Grauen Kloster (1978) studierte er Geschichte, Germanistik und Theaterwissenschaften an der FU Berlin, brach das Studium aber nach zehn Jahren ab.[1]

Mitte der 1980er Jahre – 2002[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitte der 1980er Jahre arbeitete Lilienthal als freier Journalist für die taz, die zitty und die Süddeutsche Zeitung; anschließend war er Regieassistent von Achim Freyer am Wiener Burgtheater. Von 1988 bis 1991 war er unter Intendant Frank Baumbauer Dramaturg am Theater Basel, wo er mit dem damals noch unbekannten Christoph Marthaler arbeitete und versuchte, Baumbauer davon zu überzeugen, Frank Castorf nach Basel zu holen.[1] Als Castorf ihm ein Angebot machte[1], wechselte Lilienthal an die Berliner Volksbühne unter Castorfs Intendanz und war dort bis 1998 Chefdramaturg und stellvertretender Intendant. Im Jahr 2002 war er Programmdirektor des Festivals Theater der Welt im Rheinland. Er ist zudem der Initiator des mittlerweile international aufgeführten Projekts X Wohnungen.

2003–2014: Berlin, Beirut, Mannheim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im September 2003 wurde Lilienthal künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Hebbel-Theater GmbH (HAU) in Berlin. Im August 2010 teilte er mit, dass er seinen Vertrag nicht über 2012 hinaus verlängern werde. Stattdessen arbeitete er seit Herbst 2012 zehn Monate lang mit jungen Künstlern in Beirut.[2] Die Juroren der Zeitschrift Theater heute wählten das HAU 1 unter Lilienthals Leitung zum Theater des Jahres 2012.[3] 2014 leitete er das internationale Festival „Theater der Welt“ in Mannheim.[3]

Ab 2015/2016: München[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der Spielzeit 2015/2016 ist Matthias Lilienthal neuer Intendant der Münchner Kammerspiele und damit Nachfolger von Johan Simons.[4] Für seine Intendanz kündigte er die Einbeziehung „freier Gruppen beziehungsweise bestimmter Ästhetiken der freien Szene ins Stadttheater“ und die Zusammenarbeit mit Theaterkollektiven wie She She Pop, Rimini Protokoll und Gob Squad an.[5]

Bereits vor Beginn der Spielzeit rief Lilienthal eine weltweite Ausschreibung für die Kunstaktion Shabbyshabby Apartments aus[6][7]: Im Herbst 2015 standen vier Wochen lang 24 provisorische Hütten und Häuschen an zentralen Orten in der Stadt, bevorzugt an Plätzen, die für hohe Mietpreise stehen wie etwa die Maximilianstraße. Diese Unterkünfte konnte man jeweils für 35 Euro pro Person und Nacht inklusive Frühstück in der Theaterkantine 2015 mieten.[8] Mit dem Projekt sollte auf die hohen Mietpreise Münchens aufmerksam gemacht werden. Die Aktion wurde von Benjamin Foerster-Baldenius und Axel Timm vom raumlaborberlin organisiert.[9] Mit Foerster-Baldenius hat Lilienthal 2014 bereits ein sehr ähnliches Projekt mit dem Titel Hotel Shabbyshabby am Nationaltheater Mannheim durchgeführt.[10]

Einflüsse und Theaterkonzeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als seine beeindruckendste Theatererfahrung bezeichnete Lilienthal die Inszenierung Winterreise im Olympiastadion von Klaus Michael Grüber, die er 1977 in Berlin sah, „300 Zuschauer bei minus 20 Grad schlotternd im Olympiastadion“.[11] Auf die Frage nach wichtigen Lehrmeistern nannte Lilienthal Frank Castorf, Christoph Marthaler, Frank Baumbauer, Wilfried Schulz und die Freundschaft zu Christoph Schlingensief.[11]

Lilienthal sieht Theater nicht als elitären Raum, sondern als Ort für Reflexion und Begegnung, der die Themen einer Stadt aufgreift und sie wieder in die Straßen zurückspielt.[12], als „Labor zum Ausprobieren urbanen Lebensraums“[13]

Mitgliedschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lilienthal ist seit 1999 Mitglied der Akademie der Künste.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dirk Baecker, Matthias Lilienthal, Tobi Müller: Hoffnung auf Ereignishaftes in der Erwartungserfüllungsanstalt. Der Soziologe Dirk Baecker, HAU-Chef Matthias Lilienthal und der Journalist Tobi Müller über die Performance als Vergrößerungsglas für den unsinnigen Ablauf von Hauptversammlungen und den Schritt von der Ostpolemik in den Neunzigern zu einer Umwidmung des Globalisierungsbegriffs. In: Kirstin Hehmeyer, Matthias Pees (Hrsg.): Import Export. Arbeitsbuch zum HAU Berlin. Theater der Zeit, Berlin 2012, ISBN 978-3-942449-40-3, S. 11–19.
  • Gabriela Herpel: Der Mann aus Reihe drei. Im Herbst tritt Matthias Lilienthal als neuer Intendant der Münchner Kammerspiele an. Viele glauben, er werde das ehrwürdige Theater gehörig aufwirbeln. Dabei tut er das längst. In: Süddeutsche Zeitung Magazin. Nr. 9, 27. Februar 2015, S. 12–19.
  • Matthias Lilienthal, Philippe Quesne, Guido Graf, Tobi Müller: Gratiskoks für alle. Matthias Lilienthal, Philippe Quesne und Guido Graf im Gespräch mit Tobi Müller über den 24-Stunden-Marathon ‚Unendlicher Spaß‘. In: Kirstin Hehmeyer, Matthias Pees (Hrsg.): Import Export. Arbeitsbuch zum HAU Berlin. Theater der Zeit, Berlin 2012, ISBN 978-3-942449-40-3, S. 136–143.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Gabriela Herpel: Der Mann aus Reihe drei. Im Herbst tritt Matthias Lilienthal als neuer Intendant der Münchner Kammerspiele an. Viele glauben, er werde das ehrwürdige Theater gehörig aufwirbeln. Dabei tut er das längst. In: Süddeutsche Zeitung Magazin. Nr. 9, 27. Februar 2015, S. 17.
  2. Mapping Beirut – Tony Chakar and Matthias Lilienthal bei Ashkal Alwan – The Lebanese Association for Plastic Arts
  3. a b Rüdiger Schaper: Matthias Lilienthal: „Ich mag keine Kunstkacke.“ In: Der Tagesspiegel vom 6. September 2012
  4. Matthias Lilienthal wird Intendant der Münchner Kammerspiele ab 2015 Pressemeldung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München vom 16. September 2013
  5. Egbert Tholl: Kuchen für alle. Matthias Lilienthal liebt die Kammerspiele. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 105, 8. Mai 2015, ISSN 0174-4917, S. R18.
  6. Ausschreibung zum Projekt Shabbyshabby Apartments, abgerufen am 25. Februar 2015.
  7. Susanne Hermanski: Münchner Kammern-Spiele. Der künftige Intendant des Schauspielhauses, Matthias Lilienthal, will die Stadt gleich zu Beginn seiner ersten Spielzeit mit einem ungewöhnlichen Wohn-Kunstprojekt konfrontieren. Jetzt ruft er Architekten und Designer weltweit zur Mitarbeit auf. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 46, 25. Februar 2015, ISSN 0174-4917, S. R1.
  8. Christiane Lutz: Schöner wohnen in der Badewanne. Mit einer spektakulären Aktion wollen die Kammerspiele auf die prekäre Wohnungssituation aufmerksam machen: In Münchens Innenstadt stellen sie ungewöhnliche Behausungen auf, die jeder mieten kann. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 85, 14. April 2015, ISSN 0174-4917, S. R1.
  9. Christiane Lutz: Kunstprojekt startet in den Ämterdschungel. Für jeden einzelnen Standort der 25 „Shabbyshabby Apartments“ müssen die Organisatoren eine Genehmigung der jeweils zuständigen Behörden beantragen. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 86, 15. April 2015, ISSN 0174-4917, S. R4.
  10. Mitteilung des Nationaltheaters Mannheim zum Stadtraumprojekt Hotel Shabbyshabby, abgerufen am 16. April 2015.
  11. a b Matthias Lilienthal im Interview mit Christine Dössel: Hallo Hybrid. Der Stadttheater-Schreck Matthias Lilienthaol übernimmt die Münchner Kammerspiele. Und wie! In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 105, 8. Mai 2015, ISSN 0174-4917, S. 21.
  12. Gabriela Herpel: Der Mann aus Reihe drei. Im Herbst tritt Matthias Lilienthal als neuer Intendant der Münchner Kammerspiele an. Viele glauben, er werde das ehrwürdige Theater gehörig aufwirbeln. Dabei tut er das längst. In: Süddeutsche Zeitung Magazin. Nr. 9, 27. Februar 2015, S. 15.
  13. Matthias Lilienthal, in: Evelyn Vogel: Immer im Takt. Der designierte Intendant der Münchner Kammerspiele, Matthias Lilienthal, und Abt Johannes Eckert von St. Bonifaz München und Kloster Andechs reden beim Salongespräch im Bayerischen Hof über das Leben in einer komplexen Zeit. in: Süddeutsche Zeitung. Nr. 167, 23. Juli 2015, ISSN 0174-4917, S. R22.