Rimini Protokoll

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Künstlergruppe Rimini Protokoll. Für die gleichnamige politische Initiative, siehe Rimini-Protokoll.

Rimini Protokoll ist eine postdramatische Theatergruppe, die Theater-, Performance- und Hörspiel-Projekte realisiert.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.

Die Gruppe besteht aus Helgard Haug (* 1969), Stefan Kaegi (* 1972) und Daniel Wetzel (* 1969). Die drei Künstler studierten in den 1990er-Jahren am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen.[1]

Im Gegensatz zum Rimini-Protokoll des Geologen Colin Campbell (2004) verbindet das deutsch-schweizerische Team, von dem die Benennung Rimini Protokoll bereits seit 2002 genutzt wird, keine politische Botschaft. Es ist eher ein ästhetisches Programm: Die unterschiedlichen Formen von Protokoll – als Textgattung bzw. als Ablaufplan für die Inszenierung beispielsweise internationaler Beziehungen – werden dem Drama als vorherrschende Textform des Theaters und des Hörspiels gegenübergestellt.[2]

Markenzeichen ihrer Theater- und Radioprojekte ist die Arbeit mit sogenannten Experten aus der Wirklichkeit oder Spezialisten: Es sind Theater-Laien, die jedoch nicht als Laien sondern als Darsteller ihrer selbst auftreten und von den Künstlern als Experten oder auch ready-made-Darsteller bezeichnet werden. Die Darsteller spielen keinen Dramen-Text, sondern sich selbst in Theateraufführungen, Radiostücken und Filmprojekten. Dabei wird der Text sowie der Verlauf auf der Basis ihrer jeweiligen Biografien und Berufe erarbeitet.[3]

Seit 2000 entstanden – in Abgrenzung vom Laientheater oder Amateurtheater – eine Reihe von Inszenierungen, auch an großen Schauspielhäusern. Es bildete sich ein Gegenentwurf zum herkömmlichen Berufstheater an dessen angestammten Spielstätten heraus.[4]

Seit 2005 bearbeitet die Gruppe auch dramatische Stoffe, wie bei der dokumentarischen Inszenierung von Schillers Wallenstein. Hier treten Menschen auf, deren Leben Parallelen zu Personen und Motiven der dramatischen Vorlage aufweisen[5]. In dem 2007 aufgeführten Werk Uraufführung: Der Besuch der alten Dame nach Friedrich Dürrenmatt – einem Exkurs über das Erinnern – spielen Menschen mehr als fünfzig Jahre später im Schauspielhaus Zürich, dem Ort der damaligen Uraufführung. Die jetzigen Darsteller erinnern sich an das Stück, an den Welterfolg Dürrenmatts und spielen dabei über weite Strecken das Theaterstück – dabei waren sie 50 Jahre zuvor Zuschauer gewesen, Bühnentechniker, Kinderstatisten und sonstige Zaungäste.

Neben diesen speziellen, dokumentarischen Spielarten des Sprechtheaters realisieren Rimini Protokoll ortsspezifische Projekte, bei denen das Theater weniger an seinen angestammten Orten erzeugt als andernorts vorgefunden wird: Im öffentlichen Raum und an Orten, die speziellen, para-theatralen Regeln unterliegen wie Strafgericht (Ortstermin, Berlin 2004), Wochenmarkt (Markt der Märkte, Bonn 2004) oder Stadtverwaltung (Cameriga, Riga 2005).[6]

International bekannt wurde Rimini Protokoll mit der „Raubkopie“ einer gesamten Sitzung des Deutschen Bundestags. Bonner Wähler erklärten sich zu dem Experiment bereit: Sie übernahmen einen Tag lang verteilte Rollen analog zur Plenarsitzung des Originals und sprachen in der Manier von Simultanübersetzern, was im kurz zuvor nach Berlin umgezogenen Bundestag gesprochen wurde (Deutschland 2, Bonn 27. Juni 2002). Dazu mussten sie auf eine Probebühne des Bonner Theaters in den Stadtteil Beuel ausweichen, weil Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die Nutzung des ehemaligen Parlamentsgebäudes untersagte, obgleich das Festival Theater der Welt den Raum regulär angemietet hatte und entgegen den Befürchtungen von offizieller Seite dem Wortlaut der Original-Reden keine eigene Meinung hinzugefügt werden sollte.[7]

Rimini Protokoll erarbeitet auch Hörspiele, die zumeist auf Basis ihrer Theaterprojekte entstehen, jedoch häufig in kommentierend oder persiflierend auf diese Bezug nehmen. Wie bei den meisten Theaterprojekten stehen die Stimmen und Aussagen 'echter Menschen' statt professioneller Sprecher im Vordergrund, im Gegensatz zu den meisten Theaterprojekten von Rimini Protokoll kultivieren die Hörstücke aber den – wenn auch durch Schnitt und Musik verfremdeten und beschleunigten – direkten, dokumentierten Dialog.[8]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Werkverzeichnis von 1995 bis 2007 enthält Dreysse/Malzacher (Hg.): Experten des Alltags (siehe Literatur).

Theater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörstücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2008: Wahl Kampf Wallenstein (Haug / Wetzel, Deutschland 2008, Länge 57’12’’, Bildformat 16:9; Produktion: Gebrüder Beetz Filmproduktion im Auftrag von 3sat; Englische Version: "Election Campain Wallenstein")[11]
  • Wallenstein. Eine dokumentarische Inszenierung von Helgard Haug und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll), Mitschnitt in Originallänge, Deutschland 2007, 132 Min. (Ursendung: ZDF/Theaterkanal Oktober 2007).

Installation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Angeli Janhsen: Rimini Protokoll, in: Neue Kunst als Katalysator, Reimer Verlag, Berlin 2012, S. 103–109. ISBN 978-3-496-01459-1
  • Miriam Dreysse: Spezialisten in eigener Sache. In: Forum Modernes Theater. Bd. 21, Nr. 1, 2006, ISSN 0930-5874, S. 27–42.
  • Miriam Dreysse, Florian Malzacher (Hrsg.): Experten des Alltags. Das Theater von Rimini Protokoll. Alexander-Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89581-181-4 (Überarbeitete Fassung in englischer Sprache: Experts of the Everyday. The Theatre of Rimini Protokoll. ebenda 2008, ISBN 978-3-89581-187-6).
  • Michael Eggers, Sebastian Richter: Reality bites. Die neue Dokumentarkunst. In: polarkreis e.V. (Hrsg.): Politisierung. Was fehlt (= Polar. Halbjahresmagazin für politische philosophie und Kultur. Nr. 1). Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-593-38193-1, S. 57–60.
  • Wolf-Dieter Ernst: Performance und Kollektivität in der Netzwerkökonomie. In: Franziska Schößler, Christine Bähr (Hrsg.): Ökonomie im Theater der Gegenwart. Ästhetik, Produktion, Institution (= Theater. Bd. 8). transcript-Verlag, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-8376-1060-4, S. 57–70.
  • Hajo Kurzenberger: Verfahren und Strategien des politischen Gegenwartstheaters (am Beispiel von Veiels „Der Kick“ und Rimini Protokolls „Wallenstein“). In: Franziska Schößler, Christine Bähr (Hrsg.): Ökonomie im Theater der Gegenwart. Ästhetik, Produktion, Institution (= Theater. Bd. 8). transcript-Verlag, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-8376-1060-4, S. 245–258.
  • Miriam Ruesch: Call Cutta – bei Anruf Kunst. In: Andreas Kotte (Hrsg.): Theater im Kasten. Rimini Protokoll – Castorfs Video – Beuys & Schlingensief – Lars von Trier (= Materialien des ITW Bern. Bd. 9). Chronos, Zürich 2007, ISBN 978-3-0340-0876-1, S. 161–217, sowie Interviewmaterialien S. 331–339.
  • Jens Roselt: An den Rändern der Darstellung – ein Aspekt von Schauspielkunst heute. In: Jens Roselt (Hrsg.): Seelen mit Methode. Schauspieltheorien vom Barock- bis zum postdramatischen Theater. = Schauspieltheorien. Alexander-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-89581-139-4, S. 376–380.
  • Andrea Schwieter: Große Welt im Kleinen. Stefan Kaegi und Rimini Protokoll dokumentieren in ihrer Theaterarbeit die Wirklichkeit. In: Dagmar Walser, Barbara Engelhard (Hrsg.): Eigenart Schweiz. Theater in der Deutschschweiz seit den 90er Jahren (= Theater der Zeit. Arbeitsbuch 2007). Theater der Zeit, Berlin 2007, ISBN 978-3-934344-90-7.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helgard Haug, Marcus Dross, Daniel Wetzel: Etappe: Alibis. In: Gabriele Brandstetter, Helga Finter, Markus Wessendorf (Hrsg.): Grenzgänge. Das Theater und die anderen Künste (= Forum Modernes Theater. Schriftenreihe Bd. 24). Narr, Tübingen 1998, ISBN 3-8233-5224-5, S. 309–315.
  • Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel u. a.: Hauptversammlung. = Daimler Hauptversammlung. Ein Schauspiel in 5 Akten. Herausgegeben von Hebbel am Ufer. 2009 (Programmheft, 8. April 2009), (download PDF).
  • Helgard Haug, Daniel Wetzel: Apparat Berlin. In: Bettina Masuch (Hrsg.): Wohnfront. 2001–2002. Volksbühne im Prater. Alexander-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-89581-078-9, S. 81–101 (Dokumentation der Spielzeit 2001–2002).
  • Stefan Kaegi: Kunst genug. 33 Stimmen, wie ich sie dem Theater wünsche. In: Doris Kolesch, Jenny Schrödl (Hrsg.): Kunst-Stimmen (= Theater der Zeit. Recherchen 21). Theater der Zeit, Berlin 2004, S. 12–14, ISBN 3-934344-41-0 (samt Ausschnitten auf beiliegender CD aus den Rimini-Protokoll-Hörspielen „Apparat Herz“, „Kanal Kirchner“ und „Deutschland 2“).
  • Theater Bonn (Hrsg.): Markt der Märkte. Aussenproduktion auf dem Bonner Wochenmarkt, Uraufführung. Programmbuch von Helgard Haug und Daniel Wetzel. Bouvier Bonn 2003, ISBN 3-416-03050-8.
  • Daniel Wetzel: Das Leute-Leben-Protokoll. In: Albrecht Hirche, Kathrin Krumbein (Hrsg.): Der freie Fall. Positionen von Performern. Klartext-Verlag, Essen 2006, ISBN 3-89861-590-1.
  • Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel: ABCD, Hrsg: Johannes Birgfeld, Berlin: Theater der Zeit, 2012, ISBN 978-3-943881-03-5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thorsten Jantschek: In dieser Schule lernt man, mit der Wirklichkeit zu spielen René Pollesch, Tim Staffel, Rimini Protokoll, She She Pop: Die Heroen des neuen Theaters sind alle in Gießen ausgebildet worden. Ein Sammelband erklärt, wie es dazu kommen konnte. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton, 26.02.2013
  2. Andreas Klaue: Suchbewegungen in verschiedene Richtungen Gespräch mit Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, in: Mimos 2015. Schweizer Theaterjahrbuch 77. Verlag Peter Lang, Bern 2015, ISBN 978-3-0343-2069-6, S. 31–43
  3. vgl. Eva Behrendt: Spezialisten des eigenen Lebens, in: Miriam Dreysse, Florian Malzacher (Hrsg.): Experten des Alltags. Das Theater von Rimini Protokoll. Alexander Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89581-181-4 , S. 64–73
  4. "Rimini ist das Heißeste, intelligent Überraschendste, das die internationale Theaterszene derzeit zu bieten hat. Und darum erhalten die Rimini-Köpfe Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel inzwischen Anrufe nicht nur von den großen deutschsprachigen Schauspielhäusern, sondern von Festivals, Firmen und Institutionen aus allen Kontinenten." - Peter von Becker: "Wunder, wirklich wahr", Der Tagesspiegel, 24. November 2006. Kultur
  5. Tobias Becker, Wolfgang Höbel: "Mitmachshow für Laien. Rimini Protokoll inszenierten den Klassiker 'Wallenstein' ohne Schauspieler, dafür mit Politikern und Soldaten." in: DER SPIEGEL Nr. 53, 28.12.2009, S.135
  6. Renate Klett: Alle machen mit. Die meisten wissen’s nicht. Sind wir umringt von Raubkopien? Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll zeigt die Welt als große Verschwörung. In: DIE ZEIT, 1. März 2003, abgerufen am 3. Juli 2016
  7. Milo Rau: Rimini Protokoll und die Rekonstruktion der Wirklichkeit. Wir alle sind Spezialisten. Neue Zürcher Zeitung, 17.02.2004, abgerufen 3. Juli 2016
  8. Nachweise zu den meisten Hörspielen im Verzeichnis zu Rimini Protokoll auf der Webseite Hoerspielpark
  9. Wer kocht in der Munitionsfabrik? in FAZ vom 17. Mai 2016, Seite 12
  10. Programmhinweis WDR zur Ursendung
  11. Daten zum Film auf der Seite der Produktionsfirma Gebrüder Beetz abgerufen 3. Juli 2016
  12. Katja Baigger: Eine Hommage an die Wirklichkeit, Neue Zürcher Zeitung, 28.5.2015, abgerufen 3. Juli 2016