May Ayim

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Grab May Ayim, Alter St.-Matthäus-Kirchhof Juni 2015
Gedenktafel May-Ayim-Ufer (Kreuzberg)

May Ayim (* 3. Mai 1960 in Hamburg; † 9. August 1996 in Berlin; eigentlich Sylvia Brigitte Gertrud Opitz[1]) war eine deutsche Dichterin, Pädagogin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Tochter des ghanaischen Medizinstudenten Emmanuel Ayim und der Deutschen Ursula Andler wuchs in den ersten eineinhalb Jahren im Heim und danach in der Pflegefamilie Opitz in Münster (Nordrhein-Westfalen) auf, wo sie zwischen 1966 und 1970 die Grundschule St. Michael in Gievenbeck und die Friedensschule besuchte. Ihre leibliche Mutter verweigerte zeitlebens jede Kontaktaufnahme, der leibliche Vater besuchte sie seit ihrer Kindheit mehrmals bei den Pflegeeltern. Später traf May in Ghana auch ihren Großvater. Nach der Schule absolvierte May zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwesternhelferin. Später studierte sie in Regensburg Pädagogik. Ihre Diplomarbeit über die Geschichte Afrodeutscher von 1986 veröffentlichte sie im Buch Farbe bekennen. Die Arbeit wurde nach Mays Darstellung von einem Berliner Professor mit der Begründung abgelehnt, in Deutschland gebe es keinen Rassismus: „Vielleicht in den USA, aber nicht hier.“[2]

Ab 1984 lebte sie in Berlin, wo sie eine Ausbildung als Logopädin machte und als Lehrbeauftragte an mehreren Hochschulen arbeitete. 1985 war sie Gründungsmitglied der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland. Sie knüpfte Kontakte zu Vertreterinnen der internationalen schwarzen Frauenbewegung wie zum Beispiel Audre Lorde.[3]

Sie wehrte sich in Vorträgen und auch in ihren Gedichten gegen rassistische Diskriminierung. Dabei ging es ihr um ihre alltäglichen Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Dummheit. So deckte sie insbesondere den beleidigenden Charakter von Bezeichnungen wie Neger, Mischling oder Besatzungskind auf. In Farbe bekennen schrieb sie: „Ich wuchs mit dem Gefühl auf, das in ihnen steckte: beweisen zu müssen, dass ein ‚Mischling‘, ein ‚Neger‘, ein ‚Heimkind‘ ein vollwertiger Mensch ist.“ (S. 207)

Sie gilt als eine der Pionierinnen der kritischen Weißseinsforschung in Deutschland:

„Die christlich-abendländische Farbsymbolik brachte die Farbe Schwarz von jeher mit dem Verwerflichen und Unerwünschten in Verbindung. Entsprechend sind in der frühen Literatur Beispiele zu finden, wo weiße Menschen durch unrechtmäßiges Verhalten zu »Mohren« werden. Im Kirchenvokabular des Mittelalters wurden in markanter Weise die Bezeichnungen »Aethiops« und »Aegyptius« zeitweise als Synonyme für den Begriff Teufel benutzt. Religiös bestimmte Vorurteile und Diskriminierungen bildeten so einen Teil des Fundamentes, auf dem sich in der Kolonialzeit mühelos ein Konglomerat rassistischer Überzeugungen entfalten konnte, welches die Schwarzen zu Untermenschen (Negern) werden ließ.“

May Ayim (1997)[4]

May Ayim litt seit den frühen 1990er Jahren an psychotischen Schüben, weshalb sie sich mehrmals freiwillig in die geschlossene Psychiatrie begab. Nachdem sie darüber hinaus die Diagnose Multiple Sklerose mitgeteilt bekommen hatte, verzweifelte sie. Die Absetzung ihrer gegen Depressionen angewendeten Psychopharmaka im Kontext der Behandlung der Multiplen Sklerose führte zu einer rapiden Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit. Sie stürzte sich am 9. August 1996 von einem Hochhaus in den Tod. Bestattet wurde May Ayim auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, Berlin.

Rezeption und Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1997 wurde sie von Maria Binder in dem Film Hoffnung im Herz porträtiert.

2004 verliehen Afrotak TV cyberNomads (in Kooperation mit der deutschen Sektion der UNESCO, dem Haus der Kulturen der Welt und dem Macht der Nacht-Team) den May Ayim Award, den „ersten Schwarzen Deutschen Internationalen Panafrikanischen Literaturpreis.“

Am 27. Mai 2009 beschloss in Berlin die Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg, das nach dem Forschungsreisenden im Dienste Brandenburg-Preußens und preußischen[5] Generalleutnants Otto Friedrich von der Groeben benannte Gröbenufer in May-Ayim-Ufer umzubenennen.[6] Am 27. Februar 2010 wurden die Straßenschilder aufgestellt.

Google Deutschland ehrte Ayim am 27. Februar 2018 mit einem eigenen Doodle.[7]

Preisträger des May-Ayim-Awards[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2004: Mario Curvello (Epik), Olumide Popoola (Lyrik), MC Santana (Multimedia)

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Zusammen mit Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz (Hrsg.): Farbe Bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Berlin 1986. Damals unter dem Namen May Opitz.
  • May Ayim: Blues in Schwarz-Weiß. 3. Auflage, Berlin, Orlanda Verlag, 1996, ISBN 3929823233
  • May Ayim: Nachtgesang. Berlin, Orlanda Frauen Verlag, 1997, ISBN 392982339X
  • May Ayim: Politische Texte, Momentaufnahmen und Gespräche. ISBN 3-929823-45-4
  • May Ayim: Grenzenlos und unverschämt. Fischer, 2002, ISBN 3596151902
  • K. Oguntoye, M. Opitz, D. Schultz (Hrsg.): Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. 2. Auflage, Orlanda Verlag Berlin, 1991, ISBN 3-922166-21-0
  • May Ayim, Bahman Nirumand, José F. A. Oliver (Hrsg.): … aus dem Inneren der Sprache. 1995, ISBN 3910069568.
  • Ika Hügel, Chris Lange, May Ayim (Hrsg.): Entfernte Verbindungen. Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung. Orlanda Verlag, Berlin 1999, ISBN 3922166911.
  • May Ayim Award – Erster internationaler schwarzer deutscher Literaturpreis 2004 – Piesche, P./Küppers, M./Ani, E./Alagiyawanna-Kadalie, A. (Hg.), Orlanda Verlag 3-936937-21-4 | 2004

Werkvertonungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marc Pendzich: Nachtgesang – 9 Stücke über Gedichte von May Ayim für eine Frauenstimme, Oboe, Percussion, Violoncello und Kontrabass, 2002.
  • Nachtgesang [Susanne Pollmeier und Naomi Imai]: nachtgesang klavier, 2013.
  • Nachtgesang [Susanne Pollmeier und Naomi Imai]: nachtgesang sound, 2013.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: May Ayim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Margret MacCarroll: May Ayim: A Woman in The Margin of German Society. Master thesis, Florida State University. (PDF; 475 kB), S. 3.
  2. Hannes Loh: 20 Jahre ‚Afrodeutsch‘. Ein Exkurs über Sprache, Hiphop und Verantwortung, intro.de, 19. Februar 2003.
  3. Katharina Oguntoye, May Ayim/Opitz, Dagmar Schultz: Farbe Bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Berlin: Orlanda Frauenverlag GmbH, 2006 S. 5: „Der Anfang war die gemeinsame Initiative von Audre Lorde.“ S. 18: „Mit Audre Lorde entwickelten wir den Begriff ‚afro-deutsch‘ in Anlehnung an afro-amerikanisch.“
  4. May Ayim (1997): Die afro-deutsche Minderheit. In Susan Arndt (Hg.), 2001: AfrikaBilder, ISBN 3-89771-407-8
  5. militär 13. Abgerufen am 27. Februar 2018.
  6. Gröbenufer wird zu May-Ayim-Ufer, Neues Deutschland, 29. Mai 2009.
  7. Google Doodle heute: Wer war May Ayim?, Augsburger Allgemeine, 27. Februar 2018