Nicole C. Karafyllis

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Nicole C. Karafyllis (Nicole Christine Karafyllis; * 22. April 1970 in Lüdinghausen) ist eine deutsche Philosophin, Biologin und Universitätsprofessorin für Philosophie an der TU Braunschweig.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frühe Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nicole C. Karafyllis wurde am 22. April 1970 in Lüdinghausen (Nordrhein-Westfalen) als erstes Kind des griechischen Künstlers und Bühnenbildners Symeon (Simon) Karafyllis (1935–2009) und der deutschen Schauspielerin Karin Wahlen (* 1934 als Tochter von Herbert Wahlen; seit der Eheschließung 1969: Karin Karafyllis) geboren. Bereits 1972 zog die Familie nach Mittelfranken, weil der Vater vom Theater in Münster zu den Städtischen Bühnen in Nürnberg wechselte. Sie besuchte das Gymnasium in Röthenbach an der Pegnitz, wo sie 1989 ihr Abitur ablegte. Ihre Kindheit und Jugend waren durch die berufliche Auseinandersetzung der Eltern mit Kunst und Literatur geprägt, was wohl den Grundstein für die spätere philosophische Auseinandersetzung mit Künstlichkeit, Natürlichkeit und Technizität legte. Zunächst war aber ihr Interesse für die Biologie vorrangig.

Studienzeit: die Erlanger Jahre (1989 bis 1994)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karafyllis begann ihren akademischen Lebensweg 1989 mit einem Studium der Biologie, fortgeführt ab 1991 mit einem Doppelstudium der Biologie und Philosophie in Erlangen. Ein Auslandsaufenthalt an der University of Stirling (Schottland) folgte 1991. In Erlangen hörte sie Philosophievorlesungen von Walther Christoph Zimmerli, Maximilian Forschner, Rudolf Kötter und Christian Thiel. In ihrer Erlanger Studienzeit arbeitete sie neben ihrem Studium an der Naturschutzbehörde in Forchheim/Ofr. Diese Arbeit prägte ihren Ansatz, dass die philosophische Betrachtung der gesellschaftlichen Verhältnisbestimmung von Natur und Technik stets auch eine praktische oder anwendungsorientierte Seite beinhalten sollte.

Promotionszeit: Tübingen und Kairo (1995 bis 1998)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karafyllis zog 1995 nach Tübingen und promovierte als DFG-Stipendiatin am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der Universität Tübingen mit einer Arbeit zur Technikbewertung nachwachsender Rohstoffe (erschienen als Buch 2000). Um alternative Bewertungsmaßstäbe in einem Land mit anderen agrarischen und kulturellen Voraussetzungen zu eruieren, ging sie 1997 für einen halbjährigen Forschungsaufenthalt an die Ain-Shams University in Kairo.

Im Zentrum ihres philosophischen Fragens steht seit damals die begriffliche Triangulation von Natur, Technik und Leben in verschiedenen kulturellen Kontexten, insbesondere im Hinblick auf die arabische Welt und Europa.

Sie beschäftigte sich seit der Tübinger Zeit zunehmend mit dem wissenschaftstheoretischen Verhältnis von Biologie und Technik und wie es sich etwa in den Agrarwissenschaften, in den Umweltwissenschaften, in der Medizin, in der Biotechnik und den Converging Technologies konzeptionell manifestiert und zu welchen ethischen Folgeproblemen dies führt.

Assistenzzeit: Frankfurt am Main, Stuttgart, Wien (1998 bis 2008)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1998 bis 2008 forschte und lehrte Karafyllis an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main und kam dort in engeren Kontakt mit der Philosophie der Frankfurter Schule und mit der Technikphilosophie von Günter Ropohl, dessen Assistentin sie von 1998 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2004 war. Ropohl weckte nachhaltig ihr Interesse für die Theorie der Technikwissenschaften und Ingenieurswissenschaften, die seitdem zu ihren Forschungsgebieten zählen.

Das philosophische Konzept des Biofakts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anders als Ropohls Fokus auf das Artefakt wählte Karafyllis seit 2001 das Konzept Biofakt,[1] um die Erzeugnisse der Biotechnik, die sowohl gemacht als auch geworden sind, der philosophischen Reflexion zugänglich zu machen. Dabei kann das Gemachtwordensein durch den Menschen subjektiv wie intersubjektiv in Vergessenheit geraten (wie Kulturpflanzen, Kulturlandschaften, Klone). Durch diese Sichtweise änderte sich auch der Technikbegriff, der die Künstlichkeit nicht mehr als eindeutige Differenz zur Natürlichkeit in Anschlag bringen konnte, wohl aber noch den Aspekt der Nutzenorientierung. Karafyllis betont mit dem Konzept des Biofakts die Ontologie, Anthropologie, Phänomenologie und Wissenschaftstheorie als Voraussetzungen der Life Sciences, die noch vor der ethischen Bewertung durch die Bioethik, Technikethik, Medizinethik oder Umweltethik argumentativ greifen sollten. Sie zeigt damit die Ambivalenzen in den gesellschaftlichen Haltungen zu Natur, Technik und Leben auf, die insbesondere dadurch entstehen, dass das Phänomen Wachstum lange als unverfügbarer Garant von sowohl Leben als auch Natur galt.[2] Ihr Konzept der Biofakte ist in der Philosophie,[3] der Soziologie und in der Kunstgeschichte[4] weit rezipiert worden.

Phänomenologie des Wachstums[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen ihres starken Interesses für die Philosophie der Technik besuchte Karafyllis schon in ihrer Tübinger Zeit Veranstaltungen von Christoph Hubig an der Universität Stuttgart, die, anders als die Universitäten in Frankfurt und Tübingen, stark durch die Ingenieurswissenschaften geprägt ist. Im Jahr 2006 habilitierte sie sich im Fach Philosophie an der Universität Stuttgart. Thema ihrer Habilitationsschrift war Die Phänomenologie des Wachstums. Zur Philosophie und Wissenschaftsgeschichte des produktiven Lebens zwischen den Konzepten von Natur und Technik. Ihre Antrittsvorlesung im Frühjahr 2007 fragte im Titel: Was ist ein Labor?.

Von 2004 bis 2008 vertrat sie kommissarisch den vormaligen Lehrstuhl von Günter Ropohl für Allgemeine Technologie (Technikphilosophie) in Frankfurt am Main. Im Wintersemester 2007 lehrte sie dann als Gastprofessorin für Applied Philosophy of Science an der Universität Wien. Seit dieser Zeit interessiert sie sich stark für die wissenschaftliche Konzipierung des Autismus,[5] die unter anderem Hans Asperger im Wien der 1940er Jahre legte. In wissenschaftstheoretischer Hinsicht ist die Frage nach der Ambivalenzstruktur der Welt und ihrer Interpretation durch Menschen für sie erkenntnisleitend.

Philosophieprofessorin in Abu Dhabi (2008 bis 2010)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 2008 bis 2010 war Karafyllis als Full Professor of Philosophy an der United Arab Emirates University in den Vereinigten Arabischen Emiraten (im Emirat Abu Dhabi) und beschäftigte sich, anknüpfend an ihre Forschungszeit in Kairo 1997, mit den kulturellen Voraussetzungen von Technisierung und Modernisierung.

Philosophieprofessorin an der TU Braunschweig (seit 2010)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit August 2010 ist Karafyllis W3-Professorin für Philosophie mit dem Schwerpunkt Wissenschafts- und Technikphilosophie an der TU Braunschweig und hat am Lehrstuhl die Nachfolge von Gerhard Vollmer angetreten. Sie beschäftigt sich dort mit dem „Geist des Handwerks“, wie er etwa von Richard Sennett analysiert wurde.[6] In diesem Zusammenhang entstand das Themenheft Technik der Zeitschrift für Kulturphilosophie im Winter 2013, u.a. mit einer Übersetzung eines Textes des US-amerikanischen Technikphilosophen Don Ihde.

Karafyllis setzt sich für eine Cultural Philosophy of Science and Technology ein und versteht Naturwissenschaft und Technik als intrinsische Teile von Kultur, die um angemessene Deutungen des Verhältnisses von Materialität und Idealität ringen. Die daraus entstehenden Ambivalenzen zeigen sich etwa in Menschenbildern, in der gesellschaftlichen Forderung nach Orientierung durch die Ethik, aber auch in sich ständig wandelnden Ausgestaltungen von Natur- und Technikkonzepten diesseits und jenseits des Labors.

Karafyllis’ Arbeitsschwerpunkte reichen somit von der Wissenschaftsphilosophie über die Technikphilosophie hin zur Naturphilosophie, Kulturphilosophie und Ethik. Sie veröffentlicht auch im Gebiet der Philosophiegeschichte, Wissenschaftsgeschichte,[7] Technikgeschichte[8] und der Technikfolgenabschätzung.

Seit 2010 interessiert sich Karafyllis verstärkt für Konzeptualisierungen von Leben in Biographien und Autobiographien über bzw. von Philosophen. 2015 erschien ihre Biographie über den Braunschweiger Philosophen Willy Moog (1888–1935).

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nachwachsende Rohstoffe. Technikbewertung zwischen den Leitbildern Wachstum und Nachhaltigkeit. Leske und Budrich, Opladen 2000, ISBN 3-8100-2844-4.
  • Biologisch, natürlich, nachhaltig. Philosophische Aspekte des Naturzugangs im 21. Jahrhundert. Francke, Tübingen/Basel 2001, ISBN 3-7720-2624-9.
  • mit Jan C. Schmidt (Hrsg.): Zugänge zur Rationalität der Zukunft. Metzler, Stuttgart/Weimar 2002, ISBN 3-476-45307-3.
  • (Hrsg.): Biofakte. Versuch über den Menschen zwischen Artefakt und Lebewesen. Mentis, Paderborn 2003, ISBN 3-89785-384-1.
  • mit Gisela Engel (Hrsg.): Technik in der Frühen Neuzeit – Schrittmacher der europäischen Moderne. Klostermann, Frankfurt 2004, ISBN 3-465-03341-8.
  • mit Tobias Krohmer, Albert Schirrmeister, Änne Söll & Astrid Wilkens (Hrsg.): De-Marginalisierungen. Geschenkschrift für Gisela Engel zum 60. Geburtstag. Trafo, Berlin 2004, ISBN 3-89626-488-5.
  • mit Tilmann Haar (Hrsg.): Technikphilosophie im Aufbruch: Festschrift für Günter Ropohl. Edition Sigma 2004, ISBN 3-89404-516-7.
  • mit Gisela Engel (Hrsg.): Re-Produktionen. Trafo, Berlin 2005, ISBN 3-89626-348-X.
  • mit Gotlind Ulshöfer (Hrsg.): Sexualized Brains. Scientific Modeling of Emotional Intelligence from a Cultural Perspective. MIT Press, Cambridge (Mass.) 2008, ISBN 978-0-262-11317-5.
  • mit Claus Zittel, Gisela Engel & Romano Nanni (Hrsg.): Philosophies of Technology: Francis Bacon and his Contemporaries. Brill, Boston/Leiden 2008, ISBN 978-90-04-17050-6.
  • Gast-Hg. des Themenheftes Technik der Zeitschrift für Kulturphilosophie, Heft 2/2013 (Hamburg: Meiner)
  • Putzen als Passion. Ein philosophischer Universalreiniger für klare Verhältnisse. Berlin: Kadmos 2013, 2. Aufl. 2015
  • (Hrsg.) Das Leben führen? Lebensführung zwischen Technikphilosophie und Lebensphilosophie. Berlin: edition sigma, Juni 2014
  • Willy Moog (1888-1935): Ein Philosophenleben. Freiburg: Alber (Jan. 2015), 720 Seiten, ISBN 978-3-495-48697-9.
  • mit Ortwin Renn, Alexander Hohlt und Dorothea Taube (Hrsg.): International Science and Technology Education: Exploring Culture, Economy and Social Perceptions, Routledge 2015

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karafyllis: Biologisch, Natürlich, Nachhaltig. Philosophische Aspekte des Naturzugangs im 21. Jahrhundert. Tübingen 2001, Kapitel 6. oder N. C. Karafyllis (Hrsg.): Biofakte. Versuch über den Menschen zwischen Artefakt und Lebewesen. Paderborn, Mentis 2003.
  2. Zur gleichen Zeit erschien auch das Buch Die Zukunft der menschlichen Natur (Frankfurt am Main 2001) von Jürgen Habermas, das auf eine ähnliche Problemstellung aufmerksam macht.
  3. Dieter Birnbacher: Natürlichkeit. De Gruyter 2006; Christoph Hubig: Die Kunst des Möglichen I. Bielefeld 2006; Günter Ropohl: Signaturen der technischen Welt. LIT, Münster 2009.
  4. Ingeborg Reichle: Kunst aus dem Labor. Springer 2005.
  5. N. C. Karafyllis: Oneself as Another? Autism and Emotional Intelligence as Pop Science, and the Establishment of ‘Essential’ Differences. In: N. C. Karafyllis, G. Ulshöfer: Sexualized Brains. Scientific Modeling of Emotional Intelligence form a Cultural Perspective. MIT Press, Cambridge, Mass. 2008, S. 237–315;, N. C. Karafyllis: Extreme male brains. Eine gendertheoretische Diskursanalyse zum Phänomen Autismus. In: Nina Degele, Elke Gramespacher, Marion Mangelsdorf, Sigrid Schmitz (Hrsg.): Gendered Bodies in Motion. Budrich Press, Leverkusen 2010, S. 5583.
  6. Richard Sennett: The Craftsman. 2008, s. dazu auch den Beitrag von Karafyllis in: Ch. Hubig, A. Huning, G. Ropohl (Hg.): Nachdenken über Technik. Die Klassiker der Technikphilosophie und neuere Entwicklungen, 3. erw. Aufl., Berlin: edition sigma 2013.
  7. N. C. Karafyllis: Das Geschlecht der Pflanzen in Antike und Früher Neuzeit: Plurale Transformationen antiker Wissensordnungen in den pflanzenanatomischen Werken von Marcello Malpighi (Bologna) und Nehemiah Grew (London). In: Georg Töpfer, Hartmut Böhme: Transformationen antiker Wissenschaften. DeGruyter, Berlin 2010, S. 269–312
  8. N. C. Karafyllis: „Nur soviel einschlagen, wie nachwächst“. Die Nachhaltigkeitsidee und das Gesicht des deutschen Waldes im Wechselspiel zwischen Forstwissenschaft und Nationalökonomie. in: TECHNIKGESCHICHTE. (69) Heft 4, 2002, S. 247–273.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]