Otto Renois

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Otto Renois um 1930

Otto Renois (* 8. August 1892 in Griesel; † 4. April 1933 in Bonn) war Modellschreiner und Stadtverordneter der KPD. Er gilt als erstes Opfer des Nationalsozialismus in Bonn.[1]

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Renois wurde in Griesel (seit 1945 Gryżyna) im brandenburgischen Landkreis Crossen (Oder) geboren, wo er das Schreinerhandwerk erlernte. Als Wandergeselle kam er nach Bonn, wo er sich 1919 niederließ. 1922 ging er mit der Bonnerin Margarethe Schlimbach eine Ehe ein, 1927 wurde der gemeinsame Sohn Manfred geboren. Die Familie wohnte in Poppelsdorf. 1925 legte Renois seine Meisterprüfung ab. Er war Mitglied des Deutschen Holzarbeiterverbandes[2][3] und arbeitete bei der Kessenicher Möbelfabrik Kürten & Dinter, wo er zum Jahresende 1927 entlassen wurde, vermutlich wegen seiner Tätigkeit als Betriebsobmann. Bis zu seinem Tod blieb er arbeitslos.[4]

Politisches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 17. November 1929 wurde Renois über den Listenplatz 3 der Bonner KPD in den Bonner Stadtrat gewählt, wo er seine Partei u. a. im Wohlfahrts- und im Bauausschuss vertrat.[4] Der Schwerpunkt seines Engagements lag in der Sozialpolitik, wovon eine Vielzahl von Anfragen und Anträgen aus seiner Feder Zeugnis ablegen, von Mietbeihilfen für Unterstützungsempfänger über die Anhebung der Wohlfahrtssätze bis zur Einrichtung von Suppenküchen.[5][6][7] Renois gehörte zu den insgesamt vier Bonner Stadtverordneten in der Zeit der Weimarer Republik, die aus der Arbeitslosigkeit heraus in den Rat gewählt wurden.[8]

Neben seiner Tätigkeit im Rat trat er auch als öffentlicher Redner bei KPD-Veranstaltungen in Erscheinung.[9] Im September 1931 veranstaltete die Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur gemeinsam mit dem Gesamtsportverband Dynamo Bonn einen sogenannten Sport- und Kulturtag auf dem Bonner Venusberg. Renois zeichnete als Verantwortlicher für den Verband.[10]

In der Illegalität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits am 30. Januar 1933 – also unmittelbar nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten – tauchte Renois unter und hielt sich fortan in verschiedenen Wohnungen in Köln und Bonn versteckt, unter anderem im Friseurladen seines Schwagers Hans Höfs.[4] Bei den vorgezogenen Stadtratswahlen am 12. März erhielt die KPD trotz der im Zuge des Reichstagsbrands einsetzenden Verfolgung noch 7,1 % der Wählerstimmen, womit ihr weiterhin drei Ratsmandate zugestanden hätten. Allerdings wurden die gewählten Stadtverordneten der KPD – darunter Renois – nicht mehr zur konstituierenden Sitzung des Bonner Stadtrats am 31. März eingeladen.[11]

Ermordung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stolperstein im Jagdweg 45

Im Gegensatz zu seinen ebenfalls in den Rat gewählten Genossen Wilhelm Parsch und Heinrich Lein (in „Schutzhaft“ seit dem 1. bzw. 23. März[12]) war es Renois zunächst gelungen, sich einer Verhaftung zu entziehen. Dies machte ihn zum „meist gesuchten Bonner KPD-Funktionär“.[13] Am Abend des 3. April kehrte er in seine Poppelsdorfer Wohnung zurück, vermutlich um sich von seiner Familie zu verabschieden bevor er ins zur damaligen Zeit vom Völkerbund verwalteten Saargebiet flüchten wollte. Bei dieser Gelegenheit nahm ihn eine SS-Streife in „Schutzhaft“. Bereits beim Abtransport wurde er im Fahrzeug misshandelt. Laut Höfs wurde Renois’ Hut auf der Poppelsdorfer Allee aus dem Auto geworfen. Als Renois dem Befehl Folge leistete, den Hut zurückzuholen, wurde auf ihn geschossen.[14] Gegen 1.30 Uhr am Morgen des 4. April wurde er mit einem Halsdurchschuss in die chirurgische Universitäts-Klinik eingeliefert, wo er von Alfred Gütgemann[14] operiert wurde. Gegen 5.30 Uhr starb er an Herz- und Kreislaufversagen.[15]

Margarethe Renois wurde erst nach dem Tod ihres Mannes informiert. Man bat sie und ihren Schwager Höfs den aufgebahrten Leichnam Renois’ im gerichtsmedizinischen Institut zu identifizieren. Bei dieser Gelegenheit gelang es Höfs, heimlich ein Foto aufzunehmen. Anstatt des Leichnams wurde der Witwe geraume Zeit später eine Urne ausgehändigt.[14]

Nachwirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grab von Otto Renois auf dem Poppelsdorfer Friedhof

Am 5. April erschien im Bonner General-Anzeiger eine kurze Meldung aus dem Büro des kommissarischen Oberbürgermeisters Ludwig Rickert, die behauptete, Renois sei „auf der Flucht“ erschossen worden.[16] Es entstanden jedoch schon bald Zweifel an dieser offiziellen Version. Höfs brachte Abzüge seiner heimlichen Aufnahme in Umlauf, um auf den von breiten Teilen der Bevölkerung vermuteten Mord an Renois hinzuweisen.[17] Zur Beerdigung am 15. April fand sich eine große Menschenmenge ein.[18]

Margarethe Renois erstattete Anzeige gegen Peter Holzhauer, den Führer der SS-Streife, die ihren Mann verhaftet hatte.[14] In der Nacht zum 1. Juni schrieben Freunde der Renois’ an eine Hausfassade in der Wilhelmstraße (in der sich auch das Landgericht befand) „Wann Mordprozeß Renois – Holzhauer?“. Kurze Zeit später wurde ein kommunistisches Flugblatt mit derselben Frage verbreitet. Holzhauer, seit 1930 Mitglied der NSDAP sowie der Bonner SS, war nach der „Machtergreifung“ zum Hilfspolizisten ernannt worden. Er war speziell zuständig für Verhaftungen und Verhöre politisch Verdächtiger und galt sowohl bei politischen Gegnern als auch bei seinen eigenen Leuten als äußerst gewalttätig. Die Ermittlungen wurden 1934 ohne Anklage eingestellt.[19] Eine Beschwerde Margarethe Renois’ beim Justizministerium blieb ebenso folgenlos.[14]

Ende August 1933 wurde ein Brief des Bonner Schreiners Johann Radermacher an eine holländische Familie beschlagnahmt und geöffnet. Darin berichtete dieser über die Bonner Verhältnisse unmittelbar nach der „Machtergreifung“. Vor allem wegen seiner ausführlichen Beschreibungen nächtlicher Verhaftungen sowie Misshandlungen durch SA und SS – das Schicksal Renois', den er als „sehr guten Bekannten“ bezeichnete, schildert er detailliert – und der Tatsache, dass der Brief ins Ausland adressiert war, wurde Radermacher am 17. November wegen Heimtücke zur Höchststrafe von zwei Jahren Gefängnis verurteilt.[20]

Margarethe Renois wurde am 24. Juli 1935 wegen Kontakten zu Heinrich Lein und Wilhelm Parsch verhaftet. Parsch und Lein waren Teil einer kommunistischen Widerstandsgruppe, die eng mit der studentischen Widerstandsgruppe um Walter Markov zusammenarbeitete. Am 9. Mai 1936 wurde sie wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ in einem „minder schweren Fall“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.[21] Während ihrer Haftzeit wurde die Grabstätte ihres Mannes eingezogen und der Gedenkstein beseitigt. 1940 konnte sie mit Hilfe eines ihr bekannten SA-Sturmführers die Wiederherstellung des Grabes erwirken.[22]

Nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der kurz zuvor gegründeten kommunistischen Volksstimme erschien am 4. April 1946 ein detaillierter Bericht über die Todesumstände Otto Renois'. Der Autor beklagte darin die unterlassene juristische Aufklärung des Falls sowie die Deckung des mutmaßlichen Täters Peter Holzhauer seitens der zuständigen Behörden.[23] Der Bonner Stadtdirektor schrieb 1948 an die Staatsanwaltschaft, „der in Bonn allgemein als gewalttätig und gefährlich bekannte Peter Holzhauer“ sei gezielt auf Otto Renois angesetzt worden.[14] Abermals blieb es aufgrund mangelnder Beweislage bei einem Ermittlungsverfahren.[24]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Straßenschild in der Bonner Reutersiedlung

Auf Beschluss des Bonner Stadtrats vom 5. August 1949 wurde in der damals neu entstehenden Reutersiedlung im Norden Kessenichs eine Straße nach Renois benannt.[25] In einer Vitrine vor dem Ratssaal im Bonner Stadthaus wird das vom Bonner Stadtarchiv zusammengestellte Gedenkbuch verfolgter Stadt- und Gemeindeverordneter aufbewahrt. Dort findet sich auch ein Eintrag zu Renois.[26] Sein Grab auf dem Poppelsdorfer Friedhof wird in der Liste der Ehrengräber geführt.[27] Im Gedenkraum der Gedenkstätte Bonn[28] ist er Teil der Wandinstallation. Das dort ausliegende Gedenkbuch[29] widmet ihm einen ausführlichen Beitrag. 2004 wurde vor seinem ehemaligen Wohnsitz im Poppelsdorfer Jagdweg ein Stolperstein verlegt.[30]

Urteile über Renois von seinen Zeitgenossen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Renois war „wegen seines sozialen Engagements über die Parteigrenzen hinweg respektiert und anerkannt“.[6] Selbst der NS-Oberbürgermeister Rickert soll gesagt haben, „Renois sei ein ruhiger, sachlicher, vornehmer Mensch gewesen, der sich allgemeiner Beliebtheit erfreut habe“. Die langjährige CDU-Stadtverordnete Therese Körner bezeichnete Renois als „Edelmann“.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Horst-Pierre Bothien: 6. O. Js. 458/35. Der große Prozess gegen eine Widerstandsgruppe von Kommunisten und Sozialisten 1936 in Bonn. StadtMuseum Bonn, 2017, ISBN 978-3-931878-49-8.
  • Lothar Schenkelberg: Die Bonner Stadtverordneten in der Weimarer Republik. Ein biographisches Lexikon. Bonner Geschichtswerkstatt, Bonn 2014, ISBN 978-3-9806609-7-6.
  • Horst-Pierre Bothien: „...gegen jede Störung der inneren Front.“ Bonnerinnen und Bonner vor den Sondergericht Köln. Klartext, Essen 2012, ISBN 978-3-8375-0884-0.
  • Josef Niesen: Bonner Personenlexikon. 3., verbesserte und erweiterte Auflage. Bouvier, Bonn 2011, ISBN 978-3-416-03352-7.
  • Horst-Pierre Bothien: Das braune Bonn. Personen und Ereignisse (1925–1939). Klartext, Essen 2005, ISBN 3-89861-419-0.
  • Wolfgang Alt, Heribert Faber, Christian Kleist, Helmut Uessem: Poppelsdorf. Chronik 1904–2004.Festschrift 100 Jahre Ortsteil von Bonn. Bonn 2004, ISBN 3-00-013953-2.
  • Dieter Partzsch: Sie lebten einst in Kessenich. Leben und Wirken bekannter Kessenicher Bürger, einschließlich der Persönlichkeiten, nach denen in Kessenich Straßen benannt worden sind. Bonn 1997.[31]
  • Nazimord blieb ungesühnt. In: Paul Zurnieden: Bonner Geschichte(n). Bonn 1994, S. 158–161.
  • Verein "An der Synagoge" (Hrsg.): Bonn und die NS-Zeit. Die NS-Zeit im Spiegel Bonner Nachkriegszeitungen (1946–1949). Bonn 1990.[32]
  • Helmut Vogt: Bonn in Kriegs- und Krisenzeiten (1914–1948). In: Dietrich Höroldt (Hrsg.): Geschichte der Stadt Bonn. Band 4, Dümmler, Bonn 1989, ISBN 3-427-82141-2.
  • Stadtarchiv Bonn (Hrsg.): Die nationalsozialistische "Machtergreifung" in Bonn 1932/33. Eine Dokumentation aus Bonner Zeitungen. Bonn 1983.[33]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Bothien 2016, S. 12, Niesen 2011, S. 385, Vogt 1989, S. 528.
  2. vgl. Bothien 2012, S. 22.
  3. Beschlagnahmeaktion vollzogen..... Labournet Germany, abgerufen am 29. Mai 2017 (Rede von Andreas Buderus, Arbeitskreis gegen Rassismus und Rechtsextremismus der ver.di NRW-Süd, am 9.11.2001 vor der Universität Bonn.).
  4. a b c vgl. Schenkelberg 1999, S. 141.
  5. Alt u. a. 2004, S. 37.
  6. a b Niesen 2011, S. 384.
  7. a b Zurnieden 1994, S. 159.
  8. Schenkelberg 2014, S. 27.
  9. Bothien 2017, S. 12.
  10. Bernhard Berzheim: Venusberg – Der Balkon von Bonn, Geschichte eines Stadtteils. Bonner Heimat- und Geschichtsverein, Stadtarchiv, 2001, ISBN 3-922832-31-8, S. 115.
  11. vgl. Zurnieden 1994, S. 158–159.
  12. vgl. Schenkelberg 2014, S. 184/148.
  13. Bothien 2005, S. 40.
  14. a b c d e f Zurnieden 1994, S. 160.
  15. Bothien 2005, S. 143.
  16. GA v. 5.4.1933 Aus dem Büro des Staatskommissars: der kommunistische Stadtverordnete Renois auf der Flucht erschossen. nachgedruckt in: Stadtarchiv Bonn, 1983, Zeitungsartikel 107
  17. vgl. Bothien 2005, S. 40/41/143
  18. Partzsch 1997, S. 134.
  19. Bothien 2005, S. 40–42.
  20. Bothien 2012, S. 20–22.
  21. Bothien 2017, S. 29, 38, 45.
  22. Vogt 1989, S. 528.
  23. Fritz Tewes: In memoriam Otto Renois. In: Volksstimme. 4. April 1946, nachgedruckt in: Verein "An der Synagoge" 1990, S. 2.
  24. Bothien 2005, S. 114.
  25. Auskunft über Straßennamen in Bonn: Renoisstraße. Stadt Bonn, abgerufen am 29. Mai 2017 (Auszug aus dem Straßenkataster).
  26. Gedenkbuch verfolgter Stadt- und Gemeindeverordneter. Stadt Bonn, abgerufen am 29. Mai 2017.
  27. "Ehrengräber" auf dem Poppelsdorfer Friedhof. Kolpingsfamilie Poppelsdorf, abgerufen am 29. Mai 2017.
  28. Ausstellung und Sammlung Gedenkstätte Bonn. Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW e. V., abgerufen am 29. Mai 2017.
  29. Bonner Gedenkbuch. Arbeitskreis der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte in NRW e. V., abgerufen am 29. Mai 2017.
  30. Katalog der bisher in Bonn verlegten Stolpersteine (Stand: 2016). Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus – An der Synagoge e. V., abgerufen am 29. Mai 2017 (PDF, pdf-Datei).
  31. nwbib.de
  32. nwbib.de
  33. nwbib.de