Peter Göring

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Grab von Peter Göring in Glashütte 2017

Peter Göring (* 28. Dezember 1940 in Dresden; † 23. Mai 1962 in Berlin) ist ein Todesopfer an der Berliner Mauer. Als Gefreiter der 1. Grenzbrigade Berlin der Grenztruppen der DDR wurde er von einem West-Berliner Polizisten tödlich getroffen, als es zu einem Schusswechsel kam an dem er offenbar nicht selbst direkt beteiligt war. Die DDR stellte Göring als unschuldiges Opfer dar und ehrte ihn als Helden. In den westlichen Medien und Publikationen gilt er bisher als Mauerschütze, der sich mit der Schusswaffe besonders einsetzte, um einen Grenzdurchbruch zu verhindern. An dieser Darstellung sind die DDR-Organe nicht unschuldig. In aktuellen Recherchen wird allerdings nachgewiesen, dass Göring damals nie seine Waffe benutzte und zweifelsfrei auch nicht an der Verfolgung des Flüchtlings beteiligt gewesen war. Weiterhin hat die akribische Quellenforschung ergeben, dass Göring eher zum Zerrbild ideologischer Interessen wurde.

Todesumstände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Großformatiges Propagandafoto auf der Titelseite der SED-Zentralorgans Neues Deutschland zu Peter Görings Tod: „Mordüberfall der Frontstadt-OAS“. Der auf dem Gesicht liegende Tote wurde für das Foto umgedreht

Der gelernte Gussputzer Göring war 1960 mit 19 Jahren in die damals noch zur Volkspolizei gehörende Bereitschaftspolizei eingetreten. Sein Ziel, über die Schiene der Bereitschaftspolizei den Weg zu einer Dienststelle der örtlichen Polizei oder Kriminalpolizei gehen zu können, erfüllten sich nicht. Mit der Grenzschließung am 13. August 1961 wurden der Deutschen Grenzpolizei auch Truppenteile der Bereitschaftspolizei zugeordnet. Im September 1961 wurden die Grenztruppen der DDR gebildet. Somit wurde Göring gegen seinen ursprünglichen Willen Grenzsoldat. Am 23. Mai 1962 hatte er gemeinsam mit einem weiteren Grenzsoldaten, der die Funktion des Postenführers innehatte, in Berlin in der Nähe des Grenzüberganges Invalidenstraße Dienst auf dem Beobachtungsturm 4 am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal. Das gegenüberliegende Ufer bildete die Grenze.

Gegen 17:35 Uhr wurde der flüchtende 14-jährige Schüler Wilfried Tews von mehreren Posten am Invalidenfriedhof bemerkt, als er nach Überwindung zweier Mauern zwischen dem am Invalidenfriedhof angrenzenden Grundstück und dem Kanal bereits im Wasser des hier etwa 22 Meter breiten Kanals schwamm. Vom Beobachtungsturm 4, auf dem Göring Dienst hatte, bestand keine direkte Sicht zum Flüchtling, da das die geografischen Verhältnisse am Ort verhindern und hier der Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal im leichten Bogen verläuft. Vermutlich konnte aber der Postenführer vom Beobachtungsturm 4 den Flüchtling Tews kurz sehen, als dieser die Mauern überquerte. Diese Beobachtung veranlasste ihn offenbar zur Abgabe einer Warnschusssalve. Vom Postenführer auf dem Beobachtungsturm 4 wurde demnach nachweislich eine Warnschusssalve in die Luft abgegeben.

Danach verließ der Postenführer selbst sofort den Turm, um von einem Meldetelefon im Hof des damaligen Ministeriums für Gesundheitswesen der DDR seine Beobachtungen zu melden. Göring blieb allein auf dem Turm zurück. Ein Westberliner Polizist, der durch die Schusssalve des Postenführers aufmerksam wurde und sich bedroht fühlte, eröffnete das Feuer auf den Beobachtungsturm 4, wo sich Göring befand. Der Polizist ging davon aus, dass er selbst unter Beschuss genommen wurde und begründet den Gegenbeschuss als Nothilfe/Notwehr. Insgesamt wurden zehn Treffer am Beobachtungsturm 4 auf östlicher Seite nachgewiesen.

Gefundene Blutspuren beweisen, dass Göring noch auf dem Turm getroffen wird. Er will sich noch aus dem Schussfeld entfernen und steigt nach hinten vom Turm. Göring läuft wenige Meter in Richtung Invalidenfriedhof, wird dabei weiterhin beschossen und schließlich von einem Querschläger tödlich getroffen. Demnach war Göring nicht in den Vorfall involviert, sondern war bereits zu Beginn des Schusswechsels tödlich getroffen. Gespräche, Aufzeichnungen und Aussagen des Westberliner Polizisten bestätigen das. Leider wird heute eine Einsichtnahme in die Aussagen und Tagebuchaufzeichnungen des Polizisten von der Berliner Oberstaatsanwaltschaft wieder verwehrt.[1] Einige hundert Meter nördlich, in der Höhe des Invalidenfriedhofes wurde auf den im Wasser schwimmenden Flüchtling geschossen, um seine Flucht zu verhindern. Dabei wurde gegen die gültigen Schusswaffengebrauchsbestimmungen verstoßen, da man auf eine schwimmende Person und dazu gleichzeitig in Richtung Westen schoss. Man war sich offenbar nicht bewusst, dass es sich hier noch um einen Jugendlichen handelte, da Tews in dieser Zeit bereits die Figur eines Erwachsenen besaß. Tews gelingt die Flucht, er kann sich durch Schüsse schwerstverletzt auf einen Treppenaufstieg des Berliner Schifffahrtskanals ziehen. Dieser Treppenaufstieg gehörte noch zu Ostberliner Gebiet. Erst als Westberliner Polizisten Tews dort retten, ist die Schießerei beendet.

Opfer des Zwischenfalles[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Göring wurde von drei Projektilen getroffen. Die Obduktion der Leiche ergab folgende Todesursache: Eröffnung der Körperhauptschlagader mit Blutverlust von außen nach innen. Schulterdurchschuss links, mit deutlich erkennbarer Schussrichtung von vorn nach hinten. Ein Durchschuss durch den rechten Zeigefinger mit Schussrichtung vom Fingernagel zur Fingerbeere. Ein Einschuss im Bereich der linken Flanke den Unterlappen der linken Lunge durchsetzend mit Aufreissung der Körperhauptschlagader dicht an der Wirbelsäule.[2] Weitere Tatsachen beweisen, dass Göring von vorn getroffen wurde; zum anderen im Bereich der linken Lende von hinten durch einen Querschläger, der an der Mauer entsprechende Spuren hinterließ. Das tödliche Geschoss hatte sich an der Mauer gespalten, der Geschossmantel fiel zu Boden, der Bleikern drang in den Körper von Göring ein. Göring starb am Ort des Geschehens. Der Grenzsoldat Karl Laumer, erlitt einen Oberschenkeldurchschuss. Der Flüchtling Tews wird von acht Schüssen getroffen und überlebt mit schwersten Verletzungen, die ihn zum Invaliden machen.

Propaganda der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter-Göring-Straße in Strausberg

Göring war der erste Grenzer der DDR, der an der Berliner Mauer durch Schüsse der West-Berliner Polizei starb. In der Propaganda der DDR wurde sein Tod als Mord bezeichnet und ein Zusammenhang mit der französischen Terrororganisation Organisation de l’armée secrète (OAS) vermutet. Nach seinem Tod bekam Göring eine amtlich verordnete Identität, diese hatte den Maßgaben eines Staatsbegräbnisses mit zukünftiger Traditionspflege zu entsprechen. Der Generalstaatsanwalt der DDR leitete ein Ermittlungsverfahren wegen vollendeten und versuchten Mordes ein und setzte für die Ergreifung der Täter eine Belohnung von 10 000 DM (Ost) aus.[3] Mit einem Staatsbegräbnis wird Göring im sächsischen Glashütte beigesetzt. Die Grabstätte blieb erhalten und befindet sich noch heute auf dem Friedhof.

Göring wurde posthum zum Unteroffizier befördert und erhielt weitere hohe Auszeichnungen der Deutschen Volkspolizei. Später bekamen verschiedene Einrichtungen wie Ausbildungsstätten, Kinderheime, Schulen und Brigaden den Ehrennamen „Peter Göring“ verliehen. An der Berliner Invalidenstraße, Ecke Habersaathstraße erinnerte bis zur Wende ein Stein mit Gedenkplatte aus Bronze. Wegen anhaltenden Vandalismus nach 1989 wurde der Stein erst eingezäunt und unsichtbar gemacht. Nach 1993 wurden Stein und Tafel entfernt. Ein weiterer Gedenkstein befand sich in Berlin im Vorgarten des Gebäudes Am Kupfergraben 2. Auch dieser Stein wurde inzwischen entfernt.[4]

In der brandenburgischen Stadt Strausberg wurde eine Straße nach ihm benannt und trägt noch heute, trotz vieler Einsprüche und Proteste den Namen Peter-Göring-Straße. An einigen Orten fanden regelmäßige Gedenkveranstaltungen und Kranzniederlegungen statt.

Politische Legendenbildung in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Tod von Göring begann die politische Legendenbildung in der DDR. Sie hatte demnach dem Bild eines mutigen und dem Schussfeld zustrebenden Soldaten zu entsprechen, welcher einen Flüchtling und Grenzprovokateur verfolgt. Dabei griff man auch auf seine kranke Mutter zurück und band sie aktiv in die Propaganda-Maschinerie mit ein. Görings Biografie wurde mehr als geschönt und angepasst. Plötzlich war er bereits ein Kandidat der SED und ein aktives Mitglied der FDJ.

Auch den Tatort haben die DDR-Organe manipuliert. Nachweislich wurde der Fundort der Leiche verändert. Dazu wurde der Leichnam von Göring zum weiter nördlich liegenden Ort gebracht und platziert, wo es den Schusswechsel der Grenzposten mit der Westberliner Polizei und den Beschuss des Flüchtlings gegeben hatte. Noch vor der Überführung des Toten in die Gerichtsmedizin war noch am gleichen Abend unter Nutzung von Scheinwerfern der Tatort mit der Leiche so umgestaltet und fotografiert worden, dass am darauf folgenden Tag ein neu arrangierter Tatort den Journalisten der DDR Presse vorgeführt werden konnte. Abweichende Tatortfotos der MUK der DDR und den Grenzorganen beweisen das mehr als deutlich. Die Akte der Stadtkommandantur und die eigentliche Mordakte belegen diese Unterschiede. Peter Göring wurde zum Zerrbild ideologischer Interessen gemacht. Auch das Flüchtlingsopfer Wilfried Tews wurde nach seiner Flucht von der politisch inszenierten Legendenbildung der DDR missbraucht.[5]

Rechtliche Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gegen Tews wurde in der DDR im Jahre 1962 ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoß gegen die Passverordnung und wegen Grenzverletzung eingeleitet. Beide Verfahren wurden vorläufig eingestellt.
  • Ein Ermittlungsverfahren gegen die Westberliner Polizisten wurde 1991 eingestellt. Die abgegebenen Schüsse der Beamten waren durch Notwehr gedeckt, bei anderen offenen Verfahren war bereits Strafverfolgungsverjährung eingetreten.
  • In den Jahren 1996 bis 2002 war das Geschehen von 1962 wiederum Ziel strafrechtlicher Untersuchungen.
  • Im zwölften Jahr nach der Wende wurde vom 28. Mai bis 14. Juni 2002 vor dem Berliner Landgericht gegen drei der beteiligten ehemaligen Grenzsoldaten wegen versuchten Totschlags verhandelt.[6] Das Gericht sprach die Angeklagten frei, da ihnen weder Tötungsabsicht noch die Abgabe genau der Schüsse, die Tews getroffen hatten, nachgewiesen werden konnte. Es stellte ferner fest, dass möglicherweise Göring sämtliche Treffer verursacht hatte.[7] Der Antrag der Rechtsanwältin gegen den Westberliner Beamten, welcher auf Göring geschossen hatte, wegen Mordes zu ermitteln, wurde abgelehnt.

Offene Fragen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Konnte der Postenführer den flüchtenden Tews tatsächlich beim Überwinden der Mauern kurz sehen oder was veranlasste ihn zur Abgabe der Warnschusssalve?
  • Der Fluchtweg des verletzten Göring vom Beobachtungsturm 4 ist unplausibel. Er musste den Turm nach hinten über eine Leiter verlassen haben. Dort befand sich unmittelbar anschließend die erste höhere Grenzmauer, hinter der er Schutz gefunden hätte. Warum wählte er aber den Weg zwischen den beiden Mauern? Die Grenzmauer direkt am Ufer war nur etwa hüfthoch ausgeführt und gab nur wenig Schutz.
  • Stieg Göring gar nicht über die Leiter vom Turm herab, sondern fiel nach einem Treffer verletzt vom Turm? War er durch den massiven Beschuss geschockt und orientierungslos? Lief er darum in die falsche Richtung um sich zu retten?

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Horst Klein / Hans W. Odenthal: Leben und Tod des Soldaten Peter Göring, Strausberger Studien zur Geschichte, Selbstverlag Horst Klein / Hans W. Odenthal, 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Peter Göring – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Horst Klein / Hans W. Odenthal: „Leben und Tod des Soldaten Peter Göring“, Strausberger Studien zur Geschichte, Selbstverlag Horst Klein / Hans W. Odenthal, 2017, Seite 102.
  2. Auszug aus dem Schlussbericht der Mordkommission, Horst Klein / Hans W. Odenthal: „Leben und Tod des Soldaten Peter Göring“, Strausberger Studien zur Geschichte, Selbstverlag Horst Klein / Hans W. Odenthal, 2017, Seiten 57 bis 59.
  3. Neues Deutschland vom 26. Mai 1962, Seite 1
  4. http://www.gedenktafeln-in-berlin.de/nc/gedenktafeln/gedenktafel-anzeige/tid/peter-goering-ddr-g/ Aufgerufen am 10. Dezember 2017
  5. Horst Klein / Hans W. Odenthal: „Leben und Tod des Soldaten Peter Göring“, Strausberger Studien zur Geschichte, Selbstverlag Horst Klein / Hans W. Odenthal, 2017, Seite 11 bis 27.
  6. Kerstin Gehrke: DDR-Grenzsoldaten vor Gericht. In: Der Tagesspiegel, 29. Mai 2002.
  7. Kerstin Gehrke: Schüsse auf DDR-Schüler bleiben ungesühnt: Richter hatten „letzte Zweifel“ an der Schuld. In: Der Tagesspiegel, 15. Juni 2002.