Karsten Krampitz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Karsten Krampitz (2009)

Karsten Krampitz (* 24. Dezember 1969 in Rüdersdorf, Brandenburg) ist ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Historiker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einer Ausbildung zum Betriebswirt studierte Krampitz Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2016 wurde er zum Dr. phil. promoviert. Seine Dissertation befasst sich mit der Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz in Zeitz 1976.[1] Krampitz veröffentlichte mehrere Romane und Erzählungen. Er war Redakteur, später Chefredakteur bei Berliner Straßenzeitungen. Als freier Journalist schrieb er für Zeitungen und Zeitschriften, so für den Freitag, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Junge Welt, die Berliner Zeitung, Die Welt und Neues Deutschland. Er lebt in Berlin-Prenzlauer Berg.

Straßenzeitungen, Obdachlosenarbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Krampitz schrieb in den 1990er Jahren für die Berliner Straßenzeitungen Hunnis Allgemeine Zeitung (HAZ), Motz und Strassenfeger. Er wollte die Straßenzeitungen zu einem „linken Boulevardblatt“ entwickeln. Dazu gehörten Artikel über die Lebensumstände wohnungsloser Menschen, aber auch öffentlichkeitswirksame Interviews mit Prominenten wie Harald Juhnke, Harry Rowohlt und Inge Meysel. Krampitz beteiligte sich auch an Kampagnen, etwa der symbolischen Besetzung der Hotels Adlon und Kempinski in Berlin unter dem Motto „Es sind noch Betten frei“, um auf das alljährliche Ende der Kältehilfe Ende März aufmerksam zu machen.

2004 erfand Krampitz die Wewelsflether Trinkerklappe,[2] einer satirischen Aktion in Analogie zu Babyklappen, an der die Ehefrauen von Alkoholikern ungewollte „Findeltrinker“ einer Versorgung im örtlichen Therapiezentrum zuführen könnten:

„Weil sie von ihren Frauen ausgesetzt wurden, erfrieren jeden Winter unter Deutschlands Brücken, in den Straßen und Parks Hunderte Trinker. Der Umgang mit Alkohol und seinen Opfern ist ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft. Vor allem alte und arbeitslose Männer werden rigoros entsorgt. Um der Praxis des Wegschauens und Liegenlassens entgegenzutreten, hat der deutsche P. E. N. N. gemeinsam mit dem Eulenhof die Aktion ‚Findeltrinker‘ ins Leben gerufen.“

Karsten Krampitz: Wohin mit den Trinkern?[3]

Auf eine Initiative von Krampitz zurück ging 2007 die Umbenennung des Nachtcafés Arche der Treptower Bekenntniskirche in Nachtcafé Landowsky, das an den Berliner Bankenskandal und die Beteiligung Klaus-Rüdiger Landowskys erinnern sollte. 2008 verbot das Diakonische Werk Neukölln-Oberspree dem Nachtcafé, sich Landowsky zu nennen, und Krampitz wurde von seiner Arbeit in der Obdachlosenhilfe suspendiert.[4] Krampitz engagierte sich nun für das Nachtasyl Gorki, ein Nachtcafé für Obdachlose im Berliner Bezirk Lichtenberg.

Partei-, Geschichts- und Kirchenpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Krampitz war bis 2018 Mitglied der Linken. 2012 erklärte er seine Absicht, als Parteivorsitzender zu kandidieren, nahm dies aber wenige Tage später zurück, auch weil die Partei nicht geschlossen hinter ihm stehe.[5]

Im gleichen Jahr wurde sein Buch 1976. Die DDR in der Krise im Umfeld der Partei kontrovers diskutiert. Die der Linken nahestehende Zeitung Neues Deutschland veröffentlichte einen 14-teiligen Vorabdruck und Briefe protestierender Leser, so des früheren SED-Politikers Egon Krenz und des Radrennfahrers Täve Schur.[6] Die Reaktionen außerhalb der Partei waren positiver. Krampitz versuche eine multiperspektivische Sichtweise auf den SED-Staat, ohne die DDR zu verklären oder zu dämonisieren, hieß es in der taz.[7] Die Frankfurter Rundschau bescheinigte dem Historiker eine solide Arbeit: „Krampitz’ Buch gelingt ein differenzierter Blick auf die Geschichte der DDR, die vielschichtiger und komplizierter war, als sie heute oftmals dargestellt wird.“[8] Der Tagesspiegel urteilte: „Krampitz gehört zu den besten Kennern der DDR-Spätphase.“[9]

Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Geschichte des ostdeutschen Protestantismus. Für Krampitz waren die evangelischen Kirchen

„der einzige gesellschaftliche Raum, in dem ein von der SED unabhängiger politischer Diskurs geführt werden konnte. Synoden, Kirchentage und Gottesdienste waren die einzigen öffentlichen Veranstaltungen, auf deren Agenda der SED-Staat keinen direkten Einfluss nehmen konnte. (...) Wenn auch die Staat-Kirche-Beziehungen die Gesamtgeschichte der DDR eher am Rande geprägt haben, so sind doch der Umbruch im Herbst 1989 und die Einheit schwerlich ohne Kenntnis der DDR-Kirchen und ihrer Geschichte zu verstehen.“

Karsten Krampitz: 1990: Sand im Getriebe[10]

Krampitz ist seit 2017 Mitglied der Historischen Kommission beim Parteivorstand der Linkspartei.[11] Sein Verhältnis zur Partei beschreibt Krampitz 2015 als ambivalent: „Ich war (…) in der Kirche, ohne in der Kirche zu sein. In den Neunzigerjahren war ich lange Zeit leitender Redakteur einer Obdachlosenzeitung, obwohl ich eine Wohnung hatte. Ich bin promovierter Historiker und gleichzeitig Mitglied der SED-Nachfolgepartei Die Linke. Es ergibt sich also oft, dass ich irgendwo dabei bin, ohne wirklich dazuzugehören.“[12] Im Neuen Deutschland erklärte er 2014 sein Unbehagen, dass es auch in der Linken zu viele Funktionäre und Mandatsträger gebe, „die bestimmte existenzielle Erfahrungen nie gemacht haben und auch nie machen werden. Angst, materielle Not und Verzweiflung kennen sie vom Hörensagen.“[13]

Klagenfurt und Kärnten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2009 nahm Krampitz auf Vorschlag der Jurorin Hildegard Elisabeth Keller am Ingeborg-Bachmann-Vorlesewettbewerb in Klagenfurt teil, den 33. Tagen der deutschsprachigen Literatur. Dort gewann er nach Kritik der Jury, die von den Zuschauern nicht geteilt wurde, den Publikumspreis.[14] Anschließend wurde er von der Stadt Klagenfurt als Stadtschreiber eingeladen. Seither befasst er sich mit der Kärntner Politik und Gesellschaft, veröffentlichte 2012 mit seinem Stadtschreiberkollegen Peter Wawerzinek die "schräge, humorvolle und auch bissige Liebeserklärung" Crashkurs Klagenfurt[15] und schrieb für mehrere Theater in Klagenfurt Stücke. 2020 strahlte der Deutschlandfunk sein Feature Die Kärntner Seele aus. Seit 2021 ist Krampitz Lehrbeauftragter an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.[16]

Werk (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Preise und Stipendien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literarisches Schaffen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sachbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herausgeberschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Dieter Ziebarth und Lothar Tautz: „Ich werde dann gehen.“ Erinnerungen an Oskar Brüsewitz, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2006
  • mit Heiko Werning: Heimat, Heimweh, Heimsuchung, Karin-Kramer-Verlag, Berlin 2009
  • mit Uwe von Seltmann: Leben mit und ohne Gott. Beiträge zur inneren Sicherheit. Herbig-Verlag, München 2010
  • mit Markus Liske und Manja Präkels: Kaltland. Eine Sammlung. Rotbuch, Berlin 2011
  • mit Klaus Lederer: Schritt für Schritt ins Paradies. Handbuch zur Freiheit, Karin Kramer Verlag, Berlin 2013
  • Reinhold Lewin: Luthers Stellung zu den Juden. Neuherausgabe der Dissertation aus dem Jahr 1912, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2017
  • Drei Wege zum See oder Eine andere Stadt. Essays, Drava Verlag, Klagenfurt 2018
  • mit Simone Barrientos: Der Feuerstuhl. Werk und Wirkung des Schriftstellers B. Traven. Alibri Verlag, Aschaffenburg 2019

Radiobeiträge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • DDR neu erzählen, Essay, 30 Minuten, Deutschlandfunk 2018[17]
  • „…und wir sind unendlich verarmt“. Der vergessene SPD-Vorsitzende Hugo Haase. Feature, 44 Minuten, Deutschlandfunk 2019.
  • Luther auf dem Wormser Reichstag Was der Reformator 1521 von den Juden dachte. Feature, 20 Minuten, Deutschlandfunk 2021

Theaterarbeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • als Autor: Sucht und Ordnung. Fett Blanche Farce, Bettleroper. Premiere 2014, Klagenfurter Ensemble
  • als Co-Autor und Mitwirkender: 1989. The Great Disintegration, mit der Theatergruppe Andcompany & Co. Premiere 2019, HAU1 Berlin
  • als Autor und Mitwirkender: Sternen Dreck, Folge 4, mit den Theatergruppen kukukk und VADA. Premiere 2020, Kammerlichtspiele Klagenfurt

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Karsten Krampitz – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Staat und Kirche in der DDR, Das Verhältnis von Staat und Kirche in der DDR infolge der Selbstverbrennung des Pfarrers am 18. August 1976 unter besonderer Berücksichtigung der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Gedruckt als: Der Fall Brüsewitz. Staat und Kirche in der DDR. Verbrecher Verlag, Berlin 2016
  2. Aktion „Findeltrinker“: Die weltweit erste Trinkerklappe in Wewelsfleth. In: Warenform. 11. November 2004.
  3. Karsten Krampitz: Wohin mit den Trinkern? In: Berliner Zeitung. 4. November 2004, abgerufen am 16. Juni 2015.
  4. Dunja Batarilo: Die „Arche“ darf nicht mehr „Landowsky“ heißen. In: Die Tageszeitung. 8. April 2008.
  5. Lena Kreck: Eine Kandidatur weniger. Karsten Krampitz will nicht Parteivorsitzender werden. In: prager frühling. Magazin für Freiheit und Sozialismus, 29. Mai 2012, online, abgerufen am 13. Februar 2017
  6. Günter Benser: Es gab kein historisches Vakuum. Eine Replik der Fallbetrachtungen von Karsten Krampitz über die DDR im Jahre 1976. In: Neues Deutschland, 15. April 2016, online (Bezahlschranke), abgerufen am 13. Februar 2017. – Andreas Rüttenauer: Das verflixte Jahr. Der Versuch von Karsten Krampitz, die DDR-Geschichte auf neue Art zu schreiben, provoziert Reaktionen aus dem alten Apparat. In: die tageszeitung, 24. April 2016, online, abgerufen am 13. Februar 2017
  7. Andreas Rüttenauer: Das verflixte Jahr. Der Versuch von Karsten Krampitz, die DDR-Geschichte auf neue Art zu schreiben, provoziert Reaktionen aus dem alten Apparat. In: die tageszeitung, 24. April 2016, online, abgerufen am 13. Februar 2017
  8. Andreas Förster: Nach diesem Hauch von Frühling. In: Frankfurter Rundschau, 10. Juni 2016, online, abgerufen am 13. Februar 2017
  9. Christian Schröder: Vor 40 Jahren begann der Untergang der DDR. In: Der Tagesspiegel, 9. August 2016, online, abgerufen am 13. Februar 2017
  10. Karsten Krampitz: 1990: Sand im Getriebe. In: Der Freitag. 8. April 2020, abgerufen am 1. Mai 2021.
  11. Die Linke, Mitglieder der Historischen Kommission, online, abgerufen am 1. Mai 2021
  12. Karsten Krampitz Leute, das geht gar nicht! In: Die Brücke Nr. 165–168, Juni/September 2015, S. 16, Digitalisat, abgerufen am 13. Februar 2017
  13. „Alle guten Idee kippen irgendwann“, Interview, in: Neues Deutschland, 4. Januar 2014, online (Bezahlschranke), abgerufen am 13. Februar 2017
  14. Mitschnitte von Lesung und Diskussion, Archivseiten, orf.at, online.
  15. Was macht eigentlich ein Stadtschreiber? kaernten.orf.at, 10. Juli 2017, online – Dazu auch: Was dürfen die in Kärnten? Nacheinander waren die zwei Berliner Schriftsteller Stadtschreiber in Klagenfurt – Ein Briefwechsel zwischen Karsten Krampitz und Peter Wawerzinek übers Saufen und Badengehen in Kärnten. In: Der Standard vom 9. Dezember 2011
  16. Veranstaltungsüberblick, online, abgerufen am 1. Mai 2021
  17. Deutschlandfunk, 2. Oktober 2019, online