Preußische Hauptkadettenanstalt

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DeutschlandDeutschland Preußische Hauptkadettenanstalt

Preußische Hauptkadettenanstalt

Land Deutschland
Heute Bundesarchiv
Gemeinde Berlin
Koordinaten: 52° 26′ N, 13° 18′ OKoordinaten: 52° 25′ 53″ N, 13° 17′ 57″ O
Erbaut 1873–1878
Besitzer Bund
Alte Kasernennamen
1945–1994 Andrews Barracks Vereinigte StaatenVereinigte Staaten
Ehemals stationierte Einheiten
Leibstandarte SS Adolf Hitler Deutsches ReichDeutsches Reich (Reichskriegsflagge)
Preußische Hauptkadettenanstalt (Berlin)
Preußische Hauptkadettenanstalt

Lage der Preußischen Hauptkadettenanstalt in Berlin

Die Königlich Preußische Hauptkadettenanstalt in Groß-Lichterfelde bei Berlin war von 1882 bis 1920 die zentrale Kadettenanstalt der Preußischen Armee.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siemens & Halske baute zur Kadettenanstalt die erste elektrische Straßenbahn der Welt, 1881
Appell vor dem Gebäude, 1900
Naturwissenschaftlicher Unterricht, 1900
Kadetten bei der großen Morgenparade, zwischen 1900 und 1914

Bevor das Berliner Kadettenkorps nach Lichterfelde umsiedelte, war es von 1717 bis 1777 in dem sogenannten alten Kadettenhaus auf dem Gelände des ehemaligen Hetzgartens in Berlin-Mitte (in der Bastion 9 der Festungsmauer gelegen) untergebracht. Das dortige ältere Gebäude wurde 1777 abgerissen und durch einen repräsentativen Neubau des Kadettenhauses an derselben Stelle ersetzt.

1866 kaufte Johann Anton Wilhelm Carstenn die Güter Lichterfelde und Giesensdorf zur Errichtung der Villenkolonien Lichterfelde-West und -Ost in der Nähe von Berlin. Er parzellierte das Gelände, ließ Alleen und Plätze anlegen und schrieb eine Villenbebauung vor. Um den anfangs schleppenden Verkauf voranzutreiben, schenkte er dem Preußischen Staat 1871 rund 21 Hektar Land in Lichterfelde-West zum Bau einer neuen Kadettenanstalt. Carstenn setzte dabei auf den Imagegewinn durch den Umzug der hochangesehenen Anstalt nach Lichterfelde wie auf die verstärkte Nachfrage nach Grundstücken durch die im Kaiserreich fast ausschließlich aus adeligen Familien stammenden Offiziere. Mit dem Schenkungsvertrag verpflichtete er sich zur Erschließung des Kasernen­geländes und zur Herstellung eines Verkehrsanschlusses. Hierfür eröffnete Siemens & Halske 1881 die erste elektrisch betriebene Straßenbahn der Welt vom Bahnhof Lichterfelde (später Groß-Lichterfelde B. H., heute Lichterfelde Ost) an der Strecke Berlin–Halle zunächst nur für den Materialtransport zur Baustelle der Hauptkadettenanstalt. Die Straßenbahn Lichterfelde–Kadettenanstalt wurde 1890 zum Bahnhof Groß-Lichterfelde B. M. (heute Lichterfelde West) an der Strecke Berlin–Magdeburg verlängert.

Carstenns Konzept war so erfolgreich, dass das Villenviertel Lichterfelde bis heute von der ursprünglich durch die Kadettenanstalt angezogenen preußisch-konservativen Oberschicht geprägt ist. Er selbst verlor durch die finanziellen Verpflichtungen in Zusammenhang mit dem Bau der Kadettenanstalt sein beträchtliches Vermögen und starb verarmt.

1873 bis 1920[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. September 1873 wurde in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. an der damaligen Zehlendorfer Straße (seit Juni 1933 Finckensteinallee) der Grundstein zur neuen Hauptkadettenanstalt gelegt. Bis 1878 entstanden dort nach den Entwürfen von August Ferdinand Fleischinger und Gustav Voigtel prachtvoll ausgeführte Bauten, die unter anderem Unterrichts- und Dienstgebäude, zwei Kirchen, darunter den rasch weitbekannten „Kadettendom“, den repräsentativen Feldmarschallsaal, Speisesaal, Pferdeställe, Turnhalle, Lazarett sowie eine große Zahl von Dienstwohnungen umfassten. Die Kadettenanstalt zog 1878 aus den beengten Bauten in der Stadt in die neuen Gebäude in Lichterfelde-West, wo sie im Deutschen Reich als wichtigste Institution ihrer Art bis zur Auflösung 1920 residierte.

Die Kadettenanstalt Lichterfelde wurde in den Jahren nach 1878 rasch zur wichtigsten Ausbildungsstätte der deutschen Streitkräfte. Mehrere Generationen von späteren Spitzenoffizieren in Deutschem Heer, Reichswehr und Wehrmacht erhielten ihre Ausbildung auf dem weiträumigen Gelände der Kadettenanstalt. Der Begriff des „Lichterfelders“ wurde schnell zum Synonym für militärische Eliteausbildung. Entsprechend groß war auch das Interesse der oft adligen Offiziersfamilien, in der Umgebung der Kadettenanstalt Wohnung zu nehmen oder ein Haus zu unterhalten, um eine Lichterfelder Adresse vorweisen zu können und damit auf die Verbindung zur Kadettenanstalt hinzuweisen. Lichterfelde wurde dadurch für die nächste Generation auch zu einem der häufigsten Geburtsorte des adligen Offiziersnachwuchses. Die Lehrgänge an der Kadettenanstalt entsprachen inhaltlich der Ausbildung an einem Realgymnasium. Ziel war es jedoch, Fähnrich zu werden. Wer als Zögling bzw. Kadett[1] die so genannte Selekta-Klasse besuchte, trat nach erfolgreichem Abschluss dieser Ausbildung mit dem Offiziersdienstgrad Leutnant in das Heer oder die Kaiserliche Marine ein.[2]

Wegen der als herausragend wahrgenommenen Bedeutung der Lichterfelder Hauptkadettenanstalt als militärische Eliteausbildungsstätte wurde das Deutsche Reich nach dem Ersten Weltkrieg im Versailler Vertrag gezwungen, die Anstalt abzuschaffen. Sie wurde mit einem Schlussappell am 20. März 1920 aufgelöst, die letzten noch in Ausbildung befindlichen Kadettenjahrgänge marschierten von Lichterfelde zum Schloßplatz und übergaben den Schlüssel der Anstalt in einem feierlichen Akt an die neue Reichsregierung.

Zwischen militärischer und ziviler Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1940: Eine der beiden SS-Rottenführer-Statuen am Eingangstor. Diese sind seit 1945 mit Beton ummantelt
US-Kaserne Andrews Barracks, 1958

Für die Zeit nach der Schließung der Hauptkadettenanstalt gab es Überlegungen, hier das 1919 gegründeten Reichsarchiv anzusiedeln. Die Gemeinde Lichterfelde plädierte jedoch dafür, die Kadettenanstalt in eine zivile Schule umzuwandeln. Dem wurde stattgegeben, und „20 Tage nach Schließung der Hauptkadettenanstalt wurde durch einen Erlass der Regierung die Umwandlung in eine Staatliche Bildungsanstalt (Stabila) verfügt. Der Lehrplan als Realgymnasium blieb bestehen - bisherige Kadetten konnten so ihre Ausbildung bis zum Abitur fortsetzen.“[3]

Mit Wirkung vom 14. April 1920 wurde Fritz Karsen zum Oberstudiendirektor der Staatliche Bildungsanstalt ernannt. Er sollte die vormals militärische Institution in eine zivile überführen, was sich als sehr schwierig erwies. Es existierte immer noch die vorwiegend militärisch-konservativ geprägten Schülerschaft, die dem demokratischen Erziehungsstil Karsens Widerstand entgegensetzte.

„Bereits nach der Eröffnungsfeier am 5. Mai 1920 hatten ehemalige Kadetten die neu gehisste schwarz-rot-goldene Flagge zu entfernen versucht. Sie führten auch weiterhin selbständig Exerzierübungen und Appelle durch und rebellierten gegen den Beschluss der Schulleitung zur Auflösung der Kompanien und Änderung der Stubenbelegung.[3]

Fritz Karsen sah sich nach nur drei Monaten gezwungen, als Schulleiter zurückzutreten.[4] Sein kommissarischer Nachfolger, Studiendirektor Geheimrat Hartung, „gestand den Schülern die vorherige Selbstverwaltung im Internat wieder zu“.[3]

Die Leitung von Realgymnasium, Oberrealschule und Internat übernahm 1922 Hans Richert. Er knüpfte an die Reformvorstellungen von Karsen an, musste aber auch einen starken Rückgang der Schülerzahlen hinnehmen. Richert veranlasste, „den großen Speisesaal zu schließen und die Mahlzeiten in kleineren Speiseräumen einzunehmen. 1929 wurde die Stabila zu Ehren des Schuldirektors in Hans-Richert-Schule, Staatliche Bildungsanstalt Berlin-Lichterfelde umbenannt.“[3] Sie bestand noch bis 1934.[5]

Die Remilitarisierung zwischen 1933 und 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann die erneute militärische Nutzung der Gebäude der ehemaligen Hauptkadettenanstalt. „Im April 1933 bezogen das aus der ‚Stabswache Berlin‘ hervorgegangene ‚SS-Sonderkommando Berlin‘ und die Landespolizeigruppe Wecke die Gebäude. Die Landespolizeigruppe, später in ‚Landespolizeigruppe Hermann Göring‘ umbenannt, und die im Herbst 1933 eingezogene SA-Stabswache ‚Hermann Göring‘ belegten bis zu ihrem Auszug im Dezember 1934 die beiden westlichen Kasernenbauten.“[3] In die östlichern Kasernenbauten zog das SS-Sonderkommando Berlin ein, aus dem am 9. November 1933 die Leibstandarte SS Adolf Hitler hervorging. Diese war ab 1934 die alleinige Nutzerin des gesamten Gebäudekomplexes.[3] In Erinnerung an die Hauptkadettenanstalt und deren junge Absolventen, von denen viele im Ersten Weltkrieg gefallen waren, wurde 1935 die auf die Kadettenanstalt zuführende Sternstraße in Kadettenweg umbenannt und dort ein Gedenkstein an das Kadettenkorps errichtet. Die Umbenennung war auch ideologisch begründet, denn Julius Stern war Jude.

Im Juni 1934 erschossen hier während des vorgeblichen Röhm-Putschs SS-Exekutionskommandos in Zusammenarbeit mit SD und Gestapo zahlreiche Menschen vor allem aus der SA-Führung.

Von 1937 bis 1938 erfolgten Um- und Neubauten für die neue Funktion durch Karl Reichle und Karl Badberger. Es entstanden Torbauten, Wirtschaftsgebäude und Magazine sowie eine große Schwimmhalle nach damals modernsten Gesichtspunkten. Der Haupteingang wurde zur Finckensteinallee verlegt.

Bis 1945 war der Hof der Kadettenanstalt Standort des Idstedt-Löwen. Er war ursprünglich im bis 1864 dänischen Flensburg beheimatet. Die alliierten Besatzungstruppen gaben ihn 1945 an Dänemark zurück. Seit dem Jahr 2011 befindet er sich wieder in Flensburg.

Von der Kaserne zum Bundesarchiv[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Berliner Gedenktafel am Haus Finckensteinallee 63–87 in Berlin-Lichterfelde

Die übrigen Bauten des 19. Jahrhunderts – einschließlich der Umfassungsmauer – wurden bei den alliierten Luftangriffen und den Kämpfen um Berlin zerstört oder nach 1945 von der US-amerikanischen Besatzungsmacht abgerissen. Erhalten sind die Schwimmhalle und Teile des Eingangshofs der SS-Kaserne.

Im Juli 1945 übernahmen die US Army die Kasernenanlage. Die Berliner US-Streitkräfte gaben ihr den Namen Andrews Barracks. Der Kasernenneubau der Leibstandarte SS Adolf Hitler ist im Zweiten Weltkrieg gering beschädigt worden. Im Jahr 1953 bauten die Amerikaner eine Kirche auf dem Gelände; dabei wurden die noch erhaltenen Teile des aus dem 19. Jahrhundert stammenden historischen Kadettendoms abgerissen. Es folgten weitere Neubauten, wobei man sich allerdings nicht an die alten Ansichten und Grundrisse hielt. Von der ursprünglich ausgedehnten Gesamtanlage sind der südöstliche Kasernentrakt, einzelne Wohnhäuser und das Kommandantenhaus im Westen erhalten.

Seit dem Abzug der Alliierten 1994 wird das Gelände der Hauptkadettenanstalt vom Bundesarchiv genutzt; dort sind heute die zentralen Archive des Deutschen Reichs (Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur) und der DDR zusammengefasst.

Ab Sommer 2006 ist ein Magazinneubau auf dem Gelände geplant, in dem weitere Teile des Bundesarchivs zusammengeführt werden sollen. Dabei soll die Wirkung der denkmalgeschützten Bereiche durch hochaufragende fensterlose Neubauten bewusst zerstört werden, um die neue Nutzung des Geländes zu unterstreichen. Die südlichen Erweiterungen des Kasernengeländes, die die US-Truppen in der Nachkriegszeit für Werkstätten, Garagen usw. genutzt hatten, wurden mit Einfamilienhäusern bebaut.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Murr (d. i.: Sven Müller): Hinter den roten Mauern von Lichterfelde. Amalthea, Zürich u. a. 1931.
  • Ernst von Salomon: Die Kadetten. Rowohlt, Berlin 1933.
  • Heiger Ostertag: Bildung, Ausbildung und Erziehung des Offizierkorps im deutschen Kaiserreich 1871 bis 1918. Eliteideal, Anspruch und Wirklichkeit. (= Europäische Hochschulschriften, Reihe 3 Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Band 416.) Lang, Frankfurt am Main u. a. 1990, ISBN 3-631-42489-2. (zugleich: Dissertation, Universität Freiburg (Breisgau), 1989).
  • Gerd F. Heuer: Die deutschen Generalfeldmarschälle und Großadmirale 1939–1945. Neudruck. VPM Verlagsunion Pabel Moewig KG, Rastatt 1997, ISBN 3-8118-1406-0 (Dokumentationen zur Geschichte der Kriege 4, 1997).
  • A. v. Crousaz: Geschichte des Königlich Preußischen Kadetten-Corps. Schindler, Berlin 1857.
  • von Scharfenort (Bearb.): Das Königlich Preußische Kadettenkorps 1839–1892. Mittler & Sohn, Berlin 1892.
  • Karl-Hermann Freiherr von Brand, Helmut Eckert: Kadetten, Aus 300 Jahren deutscher Kadettenkorps. Band 1, herausgegeben von der Traditionsgemeinschaft ehemaliger königlich preußischer und königlich sächsischer Kadetten, München 1981, ISBN 3-88014-072-3.
  • Erwin Heckner, Anton Graf Bossi Fedrigotti, Karl-Hermann Freiherr von Brand: Kadetten, Aus 300 Jahren deutscher Kadettenkorps. Band 2, herausgegeben von der Traditionsgemeinschaft ehemaliger königlich preußischer und königlich sächsischer Kadetten, München 1989, ISBN 3-88014-091-X.
  • Eberhard Scharenberg: Kadetten-Generale 1717–1919. herausgegeben von der Traditionsgemeinschaft ehemaliger königlich preußischer und königlich sächsischer Kadetten im Eigenverlag, Döhle 1979.
  • Matthias Donath: Architektur in Berlin 1933–1945. Lukas Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-936872-26-0, S. 162–165.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Preußische Hauptkadettenanstalt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Meyers Großes Konversations-Lexikon. Sechste Auflage. Zehnter Band, Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien, 1908, S. 413 (Stichwörter „Kadett“ und „Kadettenhäuser (Kadettenanstalten)“); Kadettenhäuser (Kadettenanstalten).
  2. Meyers Lexikon. Achte Auflage. Sechster Band. Bibliographisches Institut AG, Leipzig, 1939, Spalte 676 (Stichwort „Kadett“).
  3. a b c d e f Von der Hauptkadettenanstalt über die STABILA zur Hans-Richert-Schule
  4. Sonja Petra Karsen: Bericht über den Vater. Overall-Verlag, Berlin, 1993, ISBN 3-925961-08-9, S. 392; wieder abgedruckt in und zitiert nach: Gerd Radde: Fritz Karsen. Ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit (= Studien zur Bildungsreform. Bd. 37). Erweiterte Neuausgabe. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1999, ISBN 3-631-34896-7, S. 36–44 (ausführlich zum Scheitern dieses Reformversuchs).
  5. Eckdaten zur Hans-Richert-Schule in der Archivdatenbank der BBF Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung. Nach dieser Quelle fand die Umbenennung der Schule nicht 1929, sondern 1930 statt. Das vorhergegangene Zitat legt den Schluss nahe, Richert sei auch 1929 noch Studiendirektor der Schule gewesen. Dies ist jedoch nicht der Fall, denn er wurde bereits am 18. September 1923 zum Ministerialrat ernannt und war ab 1924/25 maßgebend an der Reform des höheren Schulwesens beteiligt.