Randverteilung

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Als Randverteilungen oder Marginalverteilung werden in der Stochastik die Wahrscheinlichkeitsverteilungen von Teilfamilien einer gegebenen Familie von Zufallsvariablen bezeichnet. Die Verteilung der gesamten Familie wird zur Verdeutlichung auch gemeinsame Verteilung der Zufallsvariablen genannt. Sind beispielsweise X und Y Zufallsvariablen (auf demselben Wahrscheinlichkeitsraum), dann heißen die Verteilungen der einzelnen Variablen X und Y die Randverteilungen des Zufallsvektors (X,Y).

Randverteilungen kann man sowohl für diskrete als auch für stetige Merkmale berechnen. Wie bei Verteilungen allgemein unterscheidet man dementsprechend:

Außerdem kann man die Randverteilung sowohl für absolute Häufigkeiten als auch für relative Häufigkeiten bilden. Die einzelnen Werte der Randverteilung nennt man dann Randhäufigkeiten (auch Marginalhäufigkeiten oder marginale Häufigkeiten). Die Randhäufigkeiten für kategorial unterteilte (distinkte) Merkmale lassen sich am Rand einer Kontingenztafel ablesen. Sie sind hier die Summen der Häufigkeiten über das vernachlässigte Merkmal hinweg.

Beispiel anhand von Kontingenztafeln[Bearbeiten]

Randverteilungen diskreter Merkmale lassen sich in Kontingenztafeln darstellen. Am Rand dieser Tafel lassen sich die Randhäufigkeiten, die zusammen die Randverteilung bilden, als Summen über das vernachlässigte Merkmal ablesen.

Beispielsweise ist hier eine Kontingenztafel mit absoluten Häufigkeiten zu sehen. Dasselbe wäre auch mit relativen Häufigkeiten denkbar.

Mann Frau Randhäufigkeiten
Klasse 10 10 10 20
Klasse 11 4 16 20
Randhäufigkeiten 14 26 40

Die Randhäufigkeit in der Klasse 10 zu sein unter der Vernachlässigung dessen, ob man männlich oder weiblich ist, beträgt 20. Die entsprechende Randhäufigkeit für Klasse 11 ist ebenso 20. Die Randverteilung ist also gleichverteilt, weil es gleich viele Schüler in beiden Klassen gibt. Das Merkmal Klasse ist distinkt, das heißt in klar abgegrenzte Kategorien unterteilt.

Es gibt allerdings auch Merkmale, die nicht in Kategorien unterteilt sind, wie zum Beispiel Körpergröße. Diese Merkmale sind stetig, weil es fließende Übergänge, zwischen allen möglichen Ausprägungen des Merkmals gibt. Solche Merkmale lassen sich nicht in Tabellen darstellen. Um die Darstellung in einer Kontingenztafel dennoch zu ermöglichen ist es möglich, das Merkmal in Klassen (gemeint sind hier Kategorien) einzuteilen, indem man sogenannte Klassengrenzen festlegt.[1] Das stetige Merkmal Körpergröße könnten man einteilen, indem man als Klassengrenze 142 cm festlegt und die Personen in Leute größer als 142 cm und nicht größer als 142 cm einteilt. Für diese in Klassen eingeteilte Gruppen lassen sich nun wieder Klassenhäufigkeiten messen, die man in einer Kontingenztafel einträgt. Da eine Person, die in einer Klasse (> 142) ist, nicht gleichzeitig auch in einer anderen Klasse (≤ 142) sein kann, spricht man auch von einer Einteilung in disjunkte Mengen.

Definition[Bearbeiten]

Gegeben sei eine höherdimensionale Zufallsvariable  Z=(X_1, \dots, X_n ) mit einer multivariaten Verteilung  P_Z als Wahrscheinlichkeitsmaß. Dann heißt die Verteilung

 P_{X_i}(A):=P_Z(\Omega_1 \times \dots \times \Omega_{i-1}\times A \times \Omega_{i+1} \times \dots \times \Omega_n )

die i-te Randverteilung oder die i-te Marginalverteilung von  Z . Alternativ wird sie auch definiert als

 P_{X_i}(A)=P(X_1\in \Omega_1, \dots,X_{i-1}\in \Omega_{i-1},X_i\in A , X_{i+1}\in \Omega_{i+1}, \dots, X_{n}\in \Omega_{n} ) .

Im Zweidimensionalen mit  Z=(X,Y) wäre also die erste Randverteilung

 P_X(A)=P_Z(A \times \Omega_2 ) \text{ bzw. } P_X(A)=P(X\in A, Y \in \Omega_2) .

Allgemeiner lassen sich Randverteilungen auch für jede Teilmenge  J \subset I= \{1, \dots, n\} definieren. Ist  |J|=m , so heißen sie m-dimensionale Randverteilungen. Sie sind dann definiert durch

 P_{X_J}(A) \;=\; \begin{cases} P(X_i\in A_i) & \mbox{wenn } i \in J \\ X_{i}\in \Omega_i & \mbox{sonst } \end{cases}

für

A = \prod_{i \in J} A_i.

Elementare Eigenschaften[Bearbeiten]

Abgeleitete Begriffe[Bearbeiten]

Rand-Verteilungsfunktion[Bearbeiten]

Besitzt  Z die Verteilungsfunktion  F_Z \colon \R^n \to [0,1] , so lässt sich auch eine Rand-Verteilungsfunktion als Verteilungsfunktion der Randverteilungen angeben. Für die eindimensionalen Randverteilungen ist sie definiert als

 F_{X_i}(x_i)=F_Z(\infty, \dots, \infty, x_i, \infty, \dots, \infty) .

Alle Komponenten bis auf die i-te werden also auf unendlich gesetzt. Analog geht man bei den m-dimensionalen Rand-Verteilungsfunktionen vor. Alle Komponenten in  J bleiben erhalten, alle anderen werden auf unendlich gesetzt. Für den zweidimensionalen Fall mit  Z=(X,Y) ergibt sich dann als die erste Randverteilungsfunktion

 F_X(x)=F_Z(x, \infty) .

Randdichte[Bearbeiten]

Ebenso lassen sich für Randverteilungen auch Wahrscheinlichkeitsdichten angeben, die Randdichten genannt werden. Das sind diejenigen Funktionen  f_{X_i} , für die

 F_{X_i}(x_i)= \int_{- \infty}^{x_i}f_{X_i}(t)\ \mathrm d t

gilt. Besitzt  Z eine gemeinsame Dichte  f_Z(x_1, \dots, x_n) , so lässt sich die Rand-Dichte auch als

 f_{X_i}(x_i):= \int_{- \infty}^{\infty} \dots \int_{- \infty}^{\infty} \int_{- \infty}^{\infty} \dots \int_{- \infty}^{\infty} f_Z(x_1, \dots, x_{i-1}, x_i, x_{i+1}, \dots, x_n)\ \mathrm d x_{1} \dots \mathrm d x_{i-1}\mathrm d x_{i+1} \dots \mathrm d x_{n}

definieren. Für m-dimensionale Rand-Dichten geht man analog vor, man integriert dann über alle Komponenten, die nicht in  J enthalten sind. Im Zweidimensionalen mit  Z=(X,Y) erhält man dann mittels Integration über die jeweils andere Komponente als Rand-Dichten

f_X(x) = \int_{-\infty}^{\infty} f_Z(x,y)\ \mathrm dy
f_Y(y) = \int_{-\infty}^{\infty} f_Z(x,y)\ \mathrm dx

Rand-Wahrscheinlichkeitsfunktion[Bearbeiten]

Ebenso wie Rand-Dichten lassen sich auch Rand-Wahrscheinlichkeitsfunktionen angeben. Im Wesentlichen wird dabei nur die Integration durch die Summation ersetzt. Hat  Z eine gemeinsame Wahrscheinlichkeitsfunktion  f_Z(x_1, \dots, x_n ), so ist die i-te Rand-Wahrscheinlichkeitsfunktion gegeben als

 f_{X_i}(x_i)=\sum_{j \neq i \atop x_j \in \Z} f_Z(x_1, \dots, x_n ) .

Ebenso erhält man die m-dimensionalen Randverteilungen durch Summation, wenn man die Komponenten von Interesse nicht mitsummiert. Im zweidimensionalen mit  Z=(X,Y) ergibt sich dann

f_X(x_i) = \sum_{k\in K} f_Z(x_i, y_k)
f_Y(y_k) = \sum_{i\in I} f_Z(x_i, y_k).

Beispiel Multinomialverteilung[Bearbeiten]

In zwei Dimensionen[Bearbeiten]

Sei als Beispiel  Z=(X,Y) zweidimensional multinomialverteilt, also  Z \sim M(n,(p,1-p)) . Demnach hat  Z die Wahrscheinlichkeitsfunktion

f_Z(x,y) \;=\; \begin{cases} {n \choose x,y} \; p^{x} (1-p)^y & \mbox{wenn } x+y = n \\ 0 & \mbox{sonst} \end{cases}.

Hierbei ist  {n \choose x,y} der Multinomialkoeffizient. Setzt man  y=n-x , so ergibt sich direkt

 f_Z(x,y)={n \choose x} p^x (1-p)^{n-x} .

Die Wahrscheinlichkeitsfunktion lässt sich also unabhängig von  y darstellen. Demnach ist die Randdichte von  X , die durch Aufsummieren über alle  y entsteht, wieder genau die Wahrscheinlichkeitsfunktion von  Z , bloß ohne  y als Variable. Es ist also

 f_X(x)={n \choose x} p^x (1-p)^{n-x} ,

die Randverteilung der Multionomialverteilung ist also eine Binomialverteilung mit den Parametern  p und  n .

In mehreren Dimensionen[Bearbeiten]

Sei  Z=(X_1, \dots, X_m) und m-dimensional multinomialverteilt, also  Z\sim M(n,(p_1, \dots, p_m) ) mit  p_1 + \dots + p_m =1 . Die Wahrscheinlichkeitsfunktion ist dann

f_Z(x_1, \dotsc, x_m) \;=\; \begin{cases} {n \choose x_1, \dotsc, x_m} \; p_1^{x_1} \dotsm p_k^{x_m} & \mbox{wenn } x_1, \dotsc, x_k \in \mathbb{N}_0\mbox{ und } x_1 + \dotsb + x_m = n \\ 0 & \mbox{sonst} \end{cases}.

Zur Berechnung der ersten Randverteilung summiert man nun über alle  x_2, x_3, \dots, x_m . Zur Vereinfachung der Rechnung gruppiert man  p_2+ \dots + p_m = 1-p_1 und  x_1 = n-(x_2 + \dots + x_3) . Mithilfe des Multinomialtheorems folgt dann, dass die Randverteilung wieder binomialverteilt ist mit den Parametern  n und  p_1 .

Verwandte Konzepte[Bearbeiten]

Die Randverteilungen sind spezielle Verteilungen von Zufallsvariablen, nämlich genau der Koordinatenabbildungen.

Ein den Randverteilungen entgegenstehendes Konzept ist die gemeinsame Verteilung von Zufallsvariablen. Sie erhöht im Gegensatz zur Randverteilung die Dimensionalität und wird zur Definition von multivariaten Verteilungen genutzt.

Mittels der Randverteilungen lässt sich aus einer multivariaten Verteilung die bedingte Verteilung bestimmen. Sie modelliert, dass bereits Wissen über den Wert einer Zufallsvariable vorhanden ist.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. P. Heinz Müller (Hrsg.): Wahrscheinlichkeitsrechnung und mathematische Statistik. Lexikon der Stochastik. Akademie-Verlag, Berlin 1980, S. 116 und S. 124.