Riccardo Morandi

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Riccardo Morandi

Riccardo Morandi (* 1. September 1902 in Rom; † 25. Dezember 1989 ebenda) war ein italienischer Bauingenieur. Er wurde bekannt durch seine in Spannbeton ausgeführten Brückenbauten und als Pionier der Schrägseilbrücken.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Absolvierung seines Ingenieurstudiums 1927 (Laurea-Abschluss) arbeitete Morandi in Kalabrien und stieß bei der Beseitigung von Erdbebenschäden auf die Nützlichkeit von Spannbeton. 1931 eröffnete er ein eigenes Ingenieurbüro. Ein frühes Projekt war die Kirche St. Barbara in Colleferro (1937). 1948 ließ er sich ein nach ihm benanntes Spannbetonsystem patentieren und setzte es 1953 bei der Verstärkung der Arena von Verona ein. Mit seinem Büro in Rom entwarf er in der Folge hauptsächlich Kinogebäude und Brücken. Er war auch am Ausbau des römischen Flughafens Rom-Fiumicino (1970) beteiligt. Ein weiteres bekanntes Projekt von ihm ist der Pavillon Nr. 5, Turiner Autosalon, den er 1959 entwarf[2] und der als herausragender Bau des italienischen Rationalismus betrachtet wird. Morandi lehrte 1959 bis 1969 Brückenbau an der Universität Florenz und 1969 bis 1972 Brückenbau an der Universität La Sapienza in Rom.[1]

Morandi war ein Pionier des Schrägseilbrückenbaus, wobei er zuerst bei der Maracaibo-Brücke nur je ein Tragkabel auf beiden Brückenseiten verwendete (Typ Zügelgurtbrücke). Später (ab den 1970er Jahren) wurden meist mehrere Tragseile verwendet, die in verschiedenen Abständen am Fahrbahnträger angeordnet waren, was Morandi aber nicht mittvollzog. Die Biegespannungen des Fahrbahnträgers waren daher größer, was er teilweise durch die Konstruktion der Pylone ausglich. Diese waren bei der Maracaibo, der Polcevera und Wadi al Kuf Brücke als große biegesteife A-förmige Pylone mit einer zusätzlichen V-förmigen Stütze in Längsrichtung ausgeführt, die zusätzlich den Fahrbahnträger stützte. Die Tragseile waren (außer bei der Maracaibo-Brücke) betonummantelt für den Korrosionsschutz, die Biegesteifigkeit und aus ästhetischen Gründen (Betonabspannung aus Spannbeton). Statisch ähnelte der Teil der Brücke um einen Pylon eher einem Durchlaufträger mit starrer Stütze dort, wo die Kabel am Fahrbahnträger befestigt waren, und nicht wie bei den späteren Ausführungen mit mehreren Seilen eines kontinuierlichen elastisch unterstützten Trägers.[1] Typisch[3] war auch ein statisch bestimmt gelagerter Fahrbahnträger – zwischen den Pylonen war ein Einhängeträger, was unter anderem dazu diente die Temperaturausdehnungen und andere Belastungen wie das Schwinden und Kriechen des Betons aufzunehmen.[4] Die Brücke Viadotto Ansa del Tevere und die Carpineto-Brücke waren kleiner und die Tragseile außerdem an einer Seite erdverankert.

Nach dem Einsturz des Polcevera-Viadukts 2018 in Genua und auch davor (Antonio Brencich) wurde sein Schrägbrückensystem hart kritisiert, insbesondere die Betonabspannung der Tragseile, die diese einer direkten Sichtkontrolle zur Überprüfung der Korrosion entzog.

Er gewann den internationalen Wettbewerb um den Bau der Maracaibobrücke, was ihm viel internationales Prestige verschaffte. 1961 gewann er einen Wettbewerb in Ägypten zur Rettung des Tempels von Abu Simbel, sein Vorschlag wurde aber nicht realisiert.

Ab 1971 hatte er eine Forschungsprofessur an der University of Florida. Morandi hatte Ehrendoktorate der Technischen Universität München (1979)[5] und der Universität Reggio Calabria inne. 1980 erhielt er die Goldmedaille der Institution of Structural Engineers und 1970 die Freyssinet-Medaille.

Brückenbauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den von Riccardo Morandi geplanten Brücken gehören:

Abbildung Name Ort, Gewässer Land Bauzeit Bemerkung


Ponte san niccolò 11.JPG
Ponte di San Niccolò Florenz Italien 1948/49


VagliSottoPonteMorandi2.jpg
Ponte Morandi Provinz Lucca,
Lago di Vagli
Italien 1953–1955
Paul Sauer Bridge, Südafrika
Paul Sauer Bridge
(Storms River Bridge)
Ostkap,
Storms River
Südafrika 1954–1956
Ponte amerigo vespucci 01.JPG
Ponte Amerigo
Vespucci
Florenz,
Arno
Italien 1955–1957
Viadotto Bisantis, Catanzaro.jpg
Ponte Bisantis Catanzaro,
Fiumarella
Italien 1958–1962
General-Rafael-Urdaneta-Brücke
General-Rafael-
Urdaneta-Brücke
Maracaibo,
Maracaibo-See
Venezuela 1959–1962 Weltweit erste Schrägseilbrücke aus Beton.
Durch Änderungen an der Fahrrinne stieg
der Salzgehalt im See, was zu
Korrosionsproblemen führte.[6] Häufig einfach Maracaibo-Brücke oder Brücke über den Maracaibo-See genannt.
Capograssi-Brücke Sulmona Italien 1960–1962
Bridge at Castlegar, BC.jpg
Kinnaird Bridge Castlegar,
Columbia River
Kanada 1963–1965
Genova-panorama dal santuario di ns incoronata3.jpg
Polcevera-Viadukt Genua,
Polcevera
Italien 1963–1967 Teileinsturz am 14. August 2018. Häufig einfach Morandi-Brücke genannt.
Viadotto Morandi (cropped).jpg
Viadotto Ansa
del Tevere
Rom Italien 0000–1967 Auch Magliana Brücke genannt.
Wadi el Kuf Bridge 1970's.jpg
Brücke über
das Wadi al-Kuf
westlich von
al-Baida
Libyen 1967–1971 Bis 1984 größte lichte
Höhe aller Brücken Afrikas
Bridge over the Magdalena River (16049525434).jpg
Puente Pumarejo Barranquilla,
Río Magdalena
Kolumbien 1970–1974 Bis 1997 größte Brücke Kolumbiens. Häufig Brücke über den Rio Magdalena genannt.
Carpineto-Brücke
Carpineto-Brücke Raccordo
autostradale 5
Italien 0000–1977

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Il Viadotto dell Ansa della Magliana per la Autostrada Roma-Aeroporta di Fiumicino. L’Industria Italiana del Cemento 1968, S. 147–162
  • Il ponte sul fiume Magdalena a Barranquilla (Colombia). L’Industria Italiana del Cemento 1974, S. 383–406
  • Il viadotto Carpineto l per la strada di grande comunicazione Basentana. L’Industria Italiana del Cemento 1977, S. 817–830
  • Il Viadotto sul Polcevera per l’autostrada Genova-Savona. Industria Ital. del Cemento 1967, S. 849–872

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Giorgio Boaga, Benito Boni: The concrete architecture of Riccardo Morandi, Alec Tiranti 1965 (italienische Ausgabe Riccardo Morandi Edita di Comunità 1962)
  • Giorgio Boaga: Riccardo Morandi, Rizzoli 1987

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Riccardo Morandi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Svensson, Schrägkabelbrücken- 40 Jahre Erfahrung weltweit, Ernst und Sohn 2011, S. 92
  2. Archinform, Unterirdischer Autosalon, Turin
  3. Zum Beispiel Maracaibo, Wadi-al-Kuf, Polcevera-Viadukt
  4. Die statische Bestimmtheit des Trägersystems bewirkte auch „Sollbruchstellen“ zwischen den Pylonen, so dass bei Erdbeben nicht bei Zerstörung des Verbindungsträgers zwischen zwei Pylonen einer den anderen mitriss. Das war z. B. eine der Forderungen bei der Maracaibo-Brücke. Hanns Simons, Heinz Wind, W. Hans Moser: Die Brücke über den Maracaibo-See in Venezuela: General Rafael Urdaneta Brücke. Bauverlag, Wiesbaden, Berlin 1963, S. 12
  5. TU München Ehrendoktoren, TU München, abgerufen am 18. August 2018
  6. https://www.dw.com/de/auch-in-venezuela-k%C3%A4mpft-eine-morandi-br%C3%BCcke-um-ihre-stabilit%C3%A4t/a-45111232