Rum Kalesi

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Rum Kalesi
Rum Kalesi (Euphratseite, September 2006)

Rum Kalesi (Euphratseite, September 2006)

Alternativname(n): Hromklay, Rum kalesi, Ρωμαιων Κουλα, Qal'at ar-Rum, Ranculat
Erhaltungszustand: Ruine
Geographische Lage 37° 16′ 14,8″ N, 37° 50′ 16,5″ OKoordinaten: 37° 16′ 14,8″ N, 37° 50′ 16,5″ O
Rum Kalesi (Türkei)
Rum Kalesi

Rum Kalesi („Römische Festung“, osmanisch روم قلعه سى Rum kalesi, İA Rūm ḳalʿesi, griechisch Ρωμαιων Κουλα, armenisch Հռոմկլայ Hromkla, assyrisch Kala-Rhomata, arabisch قلعة الروم, DMG Qalʿat ar-Rūm) ist heute eine Burgruine am oberen Euphrat im Westen von Şanlıurfa, dem früheren Edessa. Sie liegt im Landkreis Nizip der türkischen Provinz Gaziantep.

Gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der früheste Bau lässt sich nicht datieren, der Name deutet jedoch auf einen römischen oder byzantinischen (rhomäischen) Vorgängerbau. Die frühesten erhaltenen Strukturen stammen aus dem frühen 12. Jahrhundert. Größere Umbauten fanden während der mamlukischen und osmanischen Herrschaft statt.[1]

Heute ist die Festung größtenteils zerstört und teilweise geflutet. Das Areal thront in etwa fünfzig Metern Höhe auf einer Landzunge, dort, wo der Merziman in den Euphrat fließt. Die Ruine ist von einer großen Wehrmauer umgeben; von Westen führt ein Weg über eine römische Brücke zur Burg, welcher mehrere Wachhäuser passiert, im Osten gibt es einen Treppenaufgang.[2]

Das größte Gebäude in der Ruine stellt eine Kirche aus der Mitte des 12. Jahrhunderts dar, welche im 13. Jahrhundert zu einer Moschee umgebaut wurde. Mitte des 18. Jahrhunderts gab das Mauerwerk nach, sodass das Gebäude eingestürzt ist.[1]

Im Norden gibt es außerdem die Reste eines Palastes aus osmanischer Zeit. Als Vorgängerbau wird eine Kirche angenommen.[1]

Am Nordhang existieren die Überreste von Behausungen.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rum Kalesi, an der Mündung des Merziman in den Euphrat

Die ältesten Teile der Festung wurden von den Römern oder Byzantinern (Rhomäern) errichtet; darauf ist wohl auch die Bezeichnung Rum Kalesi oder Rumkale, d. h. »Burg der Römer (Rhomäer)« zurückführen. Nach dem ersten Kreuzzug wurde Rumkale/Hromkla 1116 von Balduin erobert und unter dem Namen „Ranculat“ Teil des Kreuzritterfürstentums Edessa.[4]

Als Sitz des Katholikos der Armenischen Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1147 übersiedelte Gregor III. Pahlawuni, der Katholikos der Armenischen Apostolischen Kirche, auf Einladung von Beatrice, Gattin des kriegsgefangenen Joscelin II. von Edessa, von seinem Amtssitz in Tzvok nach Hromkla.[5] Laut Bar Hebraeus vertrieb er 1151 den dortigen Kastellan Michael;[6] er scheint die byzantinische Burg in Wahrheit gekauft zu haben und bei den Verhandlungen mit Beatrice der Kastellan übergangen wurde;[4] spätestens 1150 bis 1292 war Hromkla der Amtssitz des Katholikos der Armenier (anschließend Sis in Kilikien) und wurde zu einer nahezu uneinnehmbaren Festung ausgebaut. Hier residierte und fand seine letzte Ruhe der berühmte Katholikos Nerses IV. Schnorhali.

1179 tagte in Hromkla ein Konzil über die Frage der Vereinigung der armenischen mit der byzantinischen Kirche. Zu den Teilnehmern gehörte auch der Katholikos der kaukasischen Albanier sowie Bischöfe aus Ostarmenien (Großarmenien), nicht jedoch die unionsfeindlichen Vorsteher der bedeutenden nordarmenischen Klöster Haghpat und Sanahin.[7]

Häufig zu Gast in Hromkla war der Patriarch der syrisch-orthodoxen Kirche aus dem nahen Barsauma-Kloster. Der syrische Patriarch Ignatius III. David (1222–1252) ließ die gesamte Bibliothek jenes Klosters nach Hromkla überführen, darunter Originalhandschriften des Patriarchen Michael I. d. Gr. († 1199). Nach mehrjährigem Aufenthalt in Hromkla gestorben, wird Ignatius David 1252 ebendort beigesetzt.[8]

Als Leiter des Skriptoriums von Hromkla und einer der bekanntesten Vertreter der Schule von Hromkla wirkte etwa 1256 bis 1268 der berühmte Handschriften-Illuminator Toros Roslin.[9]

Unter dem Islam[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 28. Juni 1292 wurde die Burg durch die islamischen Mamluken unter Sultan Chalil erobert. Nach Hethum von Korykos nahmen die Eroberer Katholikos Stephan IV., Bischöfe, Vardapets, Priester sowie viele Christen gefangen und übergaben Bischofspalast und Kirche von Hromkla vormals christlichen Apostaten. Stephan IV. wurde nach Ägypten verbracht, wo er nach einjähriger Gefangenschaft starb.

Hromkla blieb unter den Mamluken eine bedeutende Grenzfestung, die sogar ausgebaut wurde. Dabei wurde die Kathedrale des Katholikos in eine Moschee umgewandelt und ein Basar entstand. In osmanischer Zeit diente sie unter anderem als Staatsgefängnis und war später in Privatbesitz. In dieser Zeit wurde eine Kirche im Norden durch einen Palast ersetzt. 1832 wurde sie durch Ibrahim Pascha gerschliffen und ist seitdem dem Verfall preisgegeben. Mitte des 19. Jahrhunderts brach ein Teil des Mauerwerks der Moschee zusammen.[1]

Untere Teile der Anlage verschwanden Ende des 20. Jahrhunderts beim Bau des Birecik-Stausees, der die Burg für Besucher so gut wie unzugänglich macht. Sie ist dennoch ein beliebtes Fotomotiv bei touristischen Flussfahrten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Shahe Ajamian: The Colophon of the Gospel of Hethum „Bayl“. In: Shahe Ajamian (Hrsg.): Text and context: studies in the Armenian New Testament (University of Pennsylvania Armenian texts and studies 13). Scholars Press, Atlanta GA 1994, S. 1–13, hier 5. ISBN 0-7885-0033-3
  • Hellen C. Evans: Manuscript Illumination at the Armenian Patriarchate in Hromkla and the West. Ph. D. diss. New York University 1990.
  • Hanspeter Hanisch: Hromklay: die armenische Klosterfestung am Euphrat. Begleitbuch zur Ausstellung der Fotodokumentation im Vorarlberger Landesmuseum Bregenz. 15. März – 20. April 2002. Bregenz: Vorarlberger Landesmuseum 2002. ISBN 3-901802-11-8
  • Hansgerd Hellenkemper: Burgen der Kreuzritterzeit in der Grafschaft Edessa und im Königreich Kleinarmenien. Habelt, Bonn 1976, 51–61.
  • Arnold Nöldeke: Der Euphrat von Gerger bis Djerebis (Djerablus). In: Langhans, Paul (Hrsg.): Dr. A. Petermanns Mitteilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt. Jahrgang 66. Justus Perthes, Gotha 1920, 53–54.
  • Paul Rohrbach: Vom Kaukasus zum Mittelmeer. Eine Hochzeits- und Studienreise durch Armenien. Teubner, Leipzig/Berlin 1903, 208–210 (Bereisung).
  • Andrea B. Schmidt: Die armenisch-syrischen Beziehungen im Spiegel der kilikischen Übersetzungsliteratur. In: Armenuhi Drost-Abgarjan (Hrsg.): Armenologie in Deutschland. Münster 2005, 119–126.
  • T. A. Sinclair: Eastern Turkey: An Architectural and Archaeological Survey. Bd. IV. Pindar Press, London 1990, ISBN 0-907132-32-4, 166–172 (englisch).
  • Angus Stewart: Qal'at al Rǖm / Hṙomgla / Rumkal and the Mamluk Siege of 691 H/1292 CE. In: H. Kennedy (Hrsg.): Muslim Military Architecture in Greater Syria. Leiden 2006, 269–281.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d T. A. Sinclair: Eastern Turkey: An Architectural and Archaeological Survey. Band IV. Pindar Press, London 1990, ISBN 0-907132-32-4, S. 166–172.
  2. Angus Steward: Hromgla. In: Alan V. Murray (Hrsg.): The Crusades: An Encyclopaedia. Band 2. Santa Barbara 2006, S. 607.
  3. Arnold Nöldeke: Der Euphrat von Gerger bis Djerebis (Djerablus). In: Paul Langhans (Hrsg.): Petermanns Mitteilungen, Jahrgang 66, Gotha 1920, S. 54.
  4. a b Thomas Sherrer Ross Boase (Hrsg.): The Cilician Kingdom of Armenia. Scottish Academic Press, Edinburgh 1978, ISBN 0-7073-0145-9, S. 166–167.
  5. Christian Lange: Die altorientalischen Kirchen. Glaube und Geschichte. WBG, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-534-22052-6, S. 57.
  6. Philippe Talon: La chronographie de Bar Hebraeus. Ktābā dmaktbānut zabnē. L’histoire du monde d’Adam à Kubilai Khan. In: Michèle Broze, Philippe Talon (Hrsg.): Nouvelles Études Orientales. Band 2. E.M.E, Fernelmont (Bruxelles) 2013, ISBN 978-2-8066-1000-3, S. 67.
  7. Peter Halfter: Das Papsttum und die Armenier im frühen und hohen Mittelalter. Von ersten Kontakten bis zur Fixierung der Kirchenunion im Jahre 1198. In: Kommission für die Neubearbeitung der Regesta Imperii bei der österreichischen Akademie der Wissenschaften und der deutschen Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur (Hrsg.): Forschungen zur Kaiser- und Papstgeschichte des Mittelalters. Beihefte zu J. F. Böhmer, Regesta Imperii. Band 15. Böhlau Verlag, Köln, Weimar, Wien 1996, ISBN 3-412-15395-8, S. 148–149.
  8. Erwand Ter-Minassiantz: Die Armenische Kirche in Ihren Beziehungen zu den Syrischen Kirchen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. Nach den Armenischen und Syrischen Quellen Bearbeitet. In: Oscar v. Gebhardt, Adolf Harnack (Hrsg.): Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur. Archiv für die von den Kirchenväter-Commission der Kgl.-Preussischen Akademie der Wissenschaften unternommene Ausgabe der älteren christlichen Schriftsteller. Neue Folge XI. Band, 4. Heft. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1904, S. 134 f.
  9. Bezalel Narkiss, Michael E. Stone, Avedis K. Sanjian (Hrsg.): Armenische Kunst. Die faszinierende Sammlung des Armenischen Patriarchats in Jerusalem. Belser, Stuttgart 1980, ISBN 3-7630-1695-3, Viertes Kapitel: Illuminierte Handschriften des dreizehnten Jahrhunderts aus Zilizien, S. 47.