Seegraswiese

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Seegraswiese

Seegraswiesen sind eine Pflanzengesellschaft auf Sandböden im Meer- oder Wattbereich. Die so gebildeten benthischen Ökosysteme existieren vornehmlich in Küstenbereichen (Ästuaren) überwiegend unter Wasser und bilden dort ausgedehnte Wiesen. Sie säumen fast auf der ganzen Welt die flachen Küstenregionen und kommen von der Wasseroberfläche bis zu einer Tiefe von 40 m vor. Die Seegras-Arten sind ihre Charakterpflanzen.

Seegraspflanzen sind im Sandboden verwurzelt. Ihre Blätter streben durch Archimedischen Auftrieb im Meerwasser nach oben, wogen dabei unter dem Strömungseinfluss von darüberlaufenden Meereswellen hin und her und dämpfen bei hoher Besatzdichte dabei die Strömungsgeschwindigkeit am Grund so stark, dass Sandteilchen liegen bleiben und die Wurzeln besseren Halt finden. Seegraswiesen weisen daher scharfe Grenzen auf. In Faserform abgefallene abgestorbene Blattteile der Art Posidonia oceanica (Neptungras) sinken im Meerwasser auf den Grund. Riefen und Rippel im sandigen Grund sammeln diese Fasern, das Hin und Her der Strömung der Wellen lässt in der Grenzfläche der Strömung am Grund diese Fasern sich verfilzend zusammenballen und Seebälle daraus formen, die von stärkeren Wellen aus dem Wasser gespült und an höheren Bereichen des Strands abgelagert werden, wo sie gut aufgesammelt werden können.

Ökosystemfunktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Seegräser leben in diesen Wiesen in Gemeinschaften mit anderen Pflanzen und Tieren. Ihre Blätter bieten stabile, harte Oberflächen. Sie tragen oft große Populationen von epiphytischen oder Aufwuchs-Algen, aber auch von Kleintieren, die in den weichen Sedimenten nicht leben könnten. Mit diesem Bewuchs stellen sie für pflanzenfressende Fische und andere schwimmende Organismen eine wichtige Nahrungsquelle dar. Die Seegraswiesen werden von vielen Fischarten als „Kinderstube“ genutzt. Beispielsweise heften Hornhechte und Heringe ihre Eier an die Halme des Seegrases. Die dichten Blättermatten der „Wiese“ schützen die Jungfische vor Fressfeinden. Andere Tiere legen ihre Gänge in der Nähe der Wurzelsysteme der Seegräser an. Dies schützt sie vor räuberischen Feinden, und sie können hier leichter graben. Im Herbst besuchen Ringelgänse und Pfeifenten auf dem Vogelzug die Seegraswiesen, um sich von den Blättern und den Wurzeln des Seegrases zu ernähren. Watvögel ernähren sich von Schnecken und anderen Kleintieren der Wiese.

Seegraswiesen gehören zu den ozeanischen Lebensräumen mit der höchsten Primärproduktion. Etwa die Hälfte der Produktion stammt von den Seegräsern selbst, dazu kommt vor allem die der dort beheimateten Epiphyten und Makroalgen. Ein signifikanter Teil der Biomasse wird im Meeresboden in den Rhizomen und Wurzeln der Seegräser produziert. Dadurch fixieren sie dauerhaft Kohlenstoffdioxid als Kohlenhydrate, etwa Cellulose. Die Wurzeln schützen außerdem den Meeresboden vor Erosion und verzögern eine Remineralisierung des enthaltenen Kohlenstoffs. Zudem führt die verringerte Strömungsgeschwindigkeit in dichten Seegraswiesen zu höheren Sedimentationsraten. Damit bilden Seegraswiesen eine wichtige Kohlenstoffsenke, ihr vollständiger Verlust könnte zu einer Freisetzung von CO2 in der Größenordnung von 10 Gt führen.[1]

Seegraswiesen stabilisieren die sandigen Gezeitenbereiche der Flussmündungen (Ästuare) und tragen so auch zum Küstenschutz bei.

Ökologische Gefahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Seegrasbestände gehen weltweit zurück. Die Verlustrate stieg von 0,09 % pro Jahr vor 1940 auf 7 % pro Jahr seit 1980. Etwa ein Viertel der Arten wird auf der roten Liste gefährdeter Arten als bedroht geführt.[1] Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurden beispielsweise im Bereich des Nordsee-Wattenmeeres durch Überfischung und Krankheiten neben den Austernbänken auch dauerhaft überflutete Seegraswiesen ausgelöscht.

Als in den 1930er Jahren sowohl an der europäischen wie an der amerikanischen Atlantikküste durch eine Pilz-Krankheit große Teile der Wiesen mit Gewöhnlichem Seegras (Zostera marina) weitgehend zerstört wurden, wirkte sich dies auch auf die die Seegraswiesen beweidenden Ringelgänse aus, die auf rund zehn Prozent der vorjährigen Bestandsdichten zurückgingen.

Eine Verdrängung durch den Neophyten Caulerpa taxifolia findet besonders im Mittelmeer statt und beeinflusst die bestehenden Habitate.

Seegräser, die ihre Nährstoffe über Wurzeln aus dem sandigen, schlickigen Meeresboden beziehen, gedeihen gut in relativ nährstoffarmem Wasser. Verstärkter Eintrag von Dünger führt zu verstärktem Algenwachstum und dadurch zu Verschattung von Seegraswiesen und verringertem Wachstum.[2]

Der gegenwärtige Klimawandel lässt die Meerestemperaturen steigen, damit geht eine zunehmende Häufigkeit und Intensität von Extremereignissen einher. Dies trägt ebenfalls zur Gefährdung und zum Rückgang von Seegraswiesen bei. So kam es bei einer marinen Hitzewelle in der Shark Bay an der Westküste Australiens zu Schäden an mehr als einem Drittel der dortigen bedeutenden, zum UNESCO-Welterbe gehörenden Seegrasbestände.[3] Im westlichen Mittelmeer könnten Neptungraswiesen bis Mitte des Jahrhunderts funktionell aussterben.[4] Andererseits könnten die meisten Seegräser als C3-Pflanzen vom steigenden Kohlenstoffdioxidgehalt des Meeres profitieren.[5]

Heute stellt auch die küstennahe Schifffahrt eine der Hauptbedrohungen für den Seegrasbestand dar.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • A. J. Underwood & M.G. Chapman: Unser Wunderbarer Planet, Seite 191
  • Harald Asmus, Ragnhild Asmus: Neptuns wogende Gärten – Seegraswiesen sind Oasen an sandigen Küsten. In: Gotthilf Hempel, Irmtraut Hempel, Siegrid Schiel (Hrsg.): Faszination Meeresforschung. H. M. Hauschild, Bremen 2006, ISBN 3-89757-310-5, S. 216–221.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Daniel M. Alongini: Blue Carbon – Coastal Sequestration for Climate Change Mitigation (= Springer Briefs in Climate Studies). 2018, ISBN 978-3-319-91697-2, 4 Seagrass Meadows.
  2. Harald Asmus, Ragnhild Asmus: Neptuns wogende Gärten – Seegraswiesen sind Oasen an sandigen Küsten. In: Gotthilf Hempel, Irmtraut Hempel, Siegrid Schiel (Hrsg.): Faszination Meeresforschung. H. M. Hauschild, Bremen 2006, ISBN 3-89757-310-5, S. 216–221.
  3. A. Arias-Ortiz u. a.: A marine heatwave drives massive losses from the world’s largest seagrass carbon stocks. In: Nature Climate Change. 2018, doi:10.1038/s41558-018-0096-y.
  4. Gabriel Jordà, Núria Marbà, Carlos M. Duarte: Mediterranean seagrass vulnerable to regional climate warming. In: Nature Climate Change. Mai 2012, doi:10.1038/nclimate1533.
  5. Gema Hernán u. a.: Seagrass (Posidonia oceanica) seedlings in a high-CO2 world: from physiology to herbivory. In: Scientific Reports. Band 6, Nr. 38017, Januar 2016, doi:10.1038/srep38017.
  6. Volker Mrasek: Meeresökologie – Seegrassterben an den Küsten. In: deutschlandfunk.de. 27. Februar 2019, abgerufen am 27. Februar 2019.