Sheldon Wolin

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Sheldon S. Wolin (* 4. August 1922 in Chicago, Illinois; vollständiger Name Sheldon Sanford Wolin[1]; † 21. Oktober 2015 in Salem, Oregon) war ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Politische Theorie. Er prägte für das Politische System der Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert den Begriff Inverted Totalitarianism (deutsch: Umgekehrter Totalitarismus).

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn eines russischen Einwanderers wuchs in Buffalo auf. Nach dem Schulbesuch studierte er am Oberlin College, verließ die Hochschule aber Im Zweiten Weltkrieg, an dem er als Bomberschütze und Navigator der United States Army Air Forces im Pazifikkrieg teilnahm. 1946 kehrte er an das Oberlin College zurück und legte dort das Bachelor-Examen ab. Danach wechselte er an die Harvard University, an der er 1950 mit einer Arbeit über das englische Verfassungsdenken im späten 18. Jahrhundert promovierte. Anschließend lehrte er Politikwissenschaft am Oberlin College, an der University of California, Berkeley, der University of California, Santa Cruz und University of California, Los Angeles sowie an der Cornell University und der University of Oxford. Seit 1972 war er Professor an der Princeton University, dort wurde er 1987 emeritiert.[2] Wolin war Gründungsherausgeber des Journal of Democracy und regelmäßiger Autor des New York Review of Books.[2] 1966 wurde Wolin in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.[3]

„Inverted Totalitarianism“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der Veröffentlichung des Buches Politics and Vision: Continuity and Innovation in Western Political Thought 1960 hatte Wolin großen Einfluss auf die kritische Linke in den Vereinigten Staaten. Sein radikales partizipatorisches Demokratieverständnis wird besonders in seinem Alterswerk deutlich, in dem er ein zunehmend undemokratischer werdendes politischen System der USA diagnostiziert und kritisiert. Im Zeitalter der Globalisierung und wachsender Staatsmacht sei Demokratie nur noch ein flüchtiges Gut („fugitive democracy“).[4]

2003 prägte Wolin in einem Zeitungsartikel den Begriff Inverted Totalitarianism (deutsch: Umgekehrter Totalitarismus).[5] Mit dem Buch Democracy Incorporated: Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism baute er 2008 seine Argumentation zum Inverted Totalitarianism aus und erhielt dafür im selben Jahr den Lannan Literary Award in der Kategorie ein besonders bemerkenswertes Buch.[6] Die These dieses Werkes ist, dass am Ende des 20. Jahrhunderts mit dem Streben nach Superpower und dem Management von Demokratie in den USA eine postdemokratische Regierungstechnik entstanden sei, die Elemente der liberalen Demokratie mit denen totalitärer politischer Systeme verbinde. Einen zentralen Unterschied zum klassischen Totalitarismus sieht Wolin darin, dass der Nationalsozialismus ein Mobilisierungsregime gewesen sei, während der invertierte Totalitarismus auf eine weitreichende Entpolitisierung der Bevölkerung setze. Außerdem setze die postmoderne Form totaler Herrschaft auf weichere, kaum wahrnehmbare Unterdrückungsmechanismen. Auch eine starke Führungspersönlichkeit sei in dieser Regierungsform verzichtbar.[7]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Politics and Vision: Continuity and Innovation in Western Political Thought, Princeton University Press, 2004 (Original 1960). ISBN 978-0-691-12627-2
  • mit Seymour Martin Lipset: The Berkeley Student Revolt: Facts and Interpretations, Anchor Books, Garden City (New York) 1965.
  • Hobbes and the Epic Tradition of Political Theory, William Andrews Clark Memorial Library, Los Angeles 1970
  • The Presence of the Past: Essays on the State and the Constitution, Johns Hopkins University Press, 1989. ISBN 978-0801841163
  • Tocqueville Between Two Worlds: The Making of a Political and Theoretical Life, Princeton University Press, 2001. ISBN 978-0-691-11454-5
  • Democracy Incorporated: Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism, Princeton University Press, 2008. ISBN 978-0-691-13566-3

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Angaben beruhen, wenn nicht anders belegt, auf William Grimes, Sheldon S. Wolin, 93, Dies. Political Theorist Saw Limits of Popular Democracy. In The New York Times, 28. Oktober 2015, abgerufen am 3. November 2018.
  2. a b Michael Hotchkiss: Political theorist Sheldon Wolin dies at 93, Princeton University, Office of Communications, 24. Oktober 2015, abgerufen am 3. November 2018.
  3. Glenn H. Utter, Charles Lockhart (Hrsg.): American political scientists. A Dictionary. Zweite Auflage, Greenwood Press, Westport 2002, S. 442.
  4. Sven Olaf Berggötz, Rezension zu: Wolin, Sheldon S.: Toqueville Between Two Worlds. The Making of a Political & Theoretical Life. Princeton 2001 , in: H-Soz-Kult, 17. Oktober 2002, Online
  5. Sheldon Wolin, Inverted Totalitarianism. How the Bush regime is effecting the transformation to a fascist-like state, In: The Nation, 19. Mai 2003, abgerufen am 4. November 2018.
  6. Sheldon Wolin 2008. Lannan Literary Award for Notable Book Awards, abgerufen am 4. November 2018.
  7. Darstellung nach Claudia Ritzi: Die Postdemokratisierung politischer Öffentlichkeit : Kritik zeitgenössischer Demokratie - theoretische Grundlagen und analytische Perspektiven. Springer VS, Wiesbaden 2014, S. 85 ff.