Sonnenschirm

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Birmanin mit einem Sonnenschirm um 1920

Der Sonnenschirm (selten auch noch frz. Parasol genannt) ist ein Gebrauchsgegenstand, der verwendet wird, um vor Sonneneinstrahlung zu schützen. Er ist ein Erzeugnis des Schirmmachers, wird heutzutage aber überwiegend industriell hergestellt. Man kann grundsätzlich zwei Arten von Sonnenschirmen unterscheiden: den tragbaren Handsonnenschirm und den heute besonders weit verbreiteten großen Stand-Sonnenschirm.

Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ebenso wie ein Regenschirm besteht ein Sonnenschirm heutzutage aus einer Bespannung aus Stoff oder Kunststoff, die über Speichen gespannt ist und von einem lotrecht aufgesetzten Stiel in die Höhe gehalten wird. Sonnenschirme, deren Standrohr außerhalb der Schirmfläche steht, werden als Freiarmschirme, Ampelschirme, Galgenschirme oder auch als Seitenmastschirme bezeichnet. Kombinationen aus Sonnen- und Regenschirm werden als En-tout-Cas oder Allwetterschirm bezeichnet.[1]

Der persische König Xerxes I. unter einem Sonnenschirm

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während heute (Stand 2018) in Mitteleuropa Sonnenschirme fast nur noch als große, stehende Schirme (z. B. in Straßencafés und auf Balkonen) vorkommen, wurden sie bis ins frühe 20. Jahrhundert vor allem in der Hand getragen. Von Regenschirmen unterschieden sich diese frühen Varianten hauptsächlich durch eine nicht wetterfeste Ausstattung.

Der Sonnenschirm ist weitaus älter als der Regenschirm. Erste Darstellungen finden sich im Altertum in Ägypten, Persien und China. In altgriechischen (z. B. Aristophanes) und altrömischen Texten (z. B. Martial) werden sie erwähnt.[2] Bei den frühen Formen handelt es sich für gewöhnlich um große, von Dienern gehaltene Baldachine, die neben ihrer Funktion als Sonnenschutz auch ein Statussymbol waren. Auch in Indien gehörte ein reich verzierter Sonnenschirm (chhatra-ratna, Schirmjuwel) zu den Insignien eines Königs, wie Krone und Thron. Als Königssymbol ist er auch einer der acht tibetischen Glückssymbole. In derselben Tradition sind buddhistische Tempel in Myanmar und Thailand von stilisierten Sonnenschirmen gekrönt.

In Ostasien, zum Beispiel in Japan, Indonesien oder Birma wurde Papier über die Speichen gespannt. In anderen Regionen flochten die Menschen sich Schirme aus Stroh, um sich vor der Sonne zu schützen.

Sonnenschirm aus rotem Samt, Venedig, 16. Jahrhundert

Im mittelalterlichen Europa scheint der eigentliche Sonnenschirm (also nicht der Baldachin) vergessen, er ist erst im 16. Jahrhundert in Italien wieder nachweisbar.[3] Solche Schirme waren z. B. mit rotem Samt bezogen und wurden gelegentlich von Pagen getragen. Um 1600 wurde der tragbare Sonnenschirm dann von Maria de Medici am französischen Hof eingeführt.[4] Von da an entwickelte er sich zu einem wichtigen Mode-Untensil der Damen, die damit ihre weiße, makellose Haut vor Sonnenschäden schützten.[5] Der Handsonnenschirm hatte einen graden Griff aus Horn, die Streben waren aus Holz oder Fischbein.[6] Die Größe und Farbe des Schirms, die Länge des Stiels und die Anzahl der Speichen wechselten mit der Mode. Besonders verbreitet war der Sonnenschirm anscheinend im 19. Jahrhundert, wo er auf zahlreichen Gemälden, in Mode-Journalen und später auf Fotografien erscheint; er war dabei einerseits eine nützliche Ergänzung zum Sonnenhut, andererseits auch ein ausgesprochen elegantes Mode-Utensil, manchmal zierlich klein oder mit Spitzen, Rüschen und Fransen besetzt. Um 1815 kam neben den normalen Schirmen auch der sogenannte Knicker auf: ein kleiner Sonnenschirm, dessen Griff geknickt werden konnte, damit er auch schräg einfallende Sonnenstrahlen abhalten konnte.[7][8] Es gab auch Sonnenschirme in sogenannter 'Pagodenform', bei denen die Spitze des Schirmdachs etwas höher ist als normal.[9] Um 1870 nannte man einen Allzweck-Schirm, der sowohl als Sonnen-, wie als Regenschirm benutzt werden konnte "En tous cas" (französisch: "für alle Fälle")[10] Bis in die 1920er Jahre war der Sonnenschirm ein unerlässliches Accessoire der Damen beim Aufenthalt im Freien.[11]

Kleine Sonnenschirme werden auch heutzutage noch regelmäßig an Kinderwagen angebracht, zum Schutz der empfindlichen Baby-Haut.

Helle Haut als Schönheitsideal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Carl Spitzweg: Sonntagsspaziergang, 1841. Die Damen tragen verschiedene Arten von Sonnenschirmen, u. a. auch sogenannte Knicker (hinten im Bild)

Der moderne Trend der Sonnenbräune hat sich erst vor relativ kurzer Zeit, etwa seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in den USA und Europa entwickelt. Zuvor war jahrhunderte-, ja sogar jahrtausendelang ein heller Teint vor allem für Frauen ein wichtiges Attraktivitätsmerkmal. Er galt auch deshalb als typisch weiblich, weil Frauen in historischen und traditionellen Gesellschaften die meiste Zeit im Haus verbrachten; z. T. galt es für eine anständige Frau sogar als unschicklich, das Haus zu verlassen (z. B. in Südeuropa (Spanien, Italien, Portugal) noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein). Auch war die schädliche Wirkung der Sonnenstrahlen in Bezug auf eine vorzeitige Hautalterung lange bekannt, ein Sonnenschutz diente also auch dem möglichst langen Erhalt eines jugendlichen Aussehens. Sonnenschutzcremes wurden aber erst nach 1930 entwickelt. Daher wurde die weiße Haut noch bis ins 20. Jahrhundert hinein durch breite Hüte und Sonnenschirme vor Sonnenschäden geschützt.[12]

In südlicheren Ländern wie Spanien und Portugal, vor allem aber in Ostasien (Japan, China, Taiwan) werden auch heute noch tragbare Sonnenschirme verwendet, praktisch ausschließlich von Frauen, nicht nur, um sich vor der heißen Sonne zu schützen, sondern auch, um nicht braun zu werden und die Haut vor den schädlichen Auswirkungen der UV-Strahlung zu schützen.

Die weiße oder helle Haut galt und gilt auch als Standesmerkmal, da sich im Freien traditionell nur Frauen bzw. Menschen bewegten, die sogenannte „niedere“ Tätigkeiten ausübten: Bauern, Bauarbeiter etc. So war die weiße Haut auch ein Zeichen für einen höheren Stand, für Menschen, die ihre Arbeit im Haus ausüben konnten (wenn sie überhaupt arbeiteten). Daher ist gerade heutzutage auch das Schlagwort von der „vornehmen Blässe“ bekannt, das allerdings den Betreffenden tendenziell und möglicherweise zu unrecht eine herablassende Arroganz unterstellt. Auch wenn dieser Hintergrund teilweise verlorengegangen ist, schützen sich heute viele Japanerinnen jeden Alters und ältere Spanierinnen mit tragbaren Sonnenschirmen, die kleiner und leichter sind als Regenschirme.

Moderne Schirme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Moderner Sonnenschirm am Strand, 2011
Moderner Standsonnenschirm
Wandelbare Schirme auf der Piazza der Moschee des Propheten in Medina

Mit der aufkommenden Diskussion über die schädigende Wirkung der UV-Strahlung hat die Entwicklung der Sonnenschirme seit ca. Mitte der 1980er-Jahre einen neuen Aufschwung genommen. Es ist das Verdienst des Membranbau-„Papstes“ Frei Otto, den Schirm vom individuell verfügbaren Gebrauchsgegenstand prinzipiell in eine entwicklungsfähige Leichtbau-Architektur überführt zu haben. In einer Schirm-Studie legte Frei Otto in den 1960er Jahren die Grundlagen für die Entwicklung platzüberspannender wandelbarer Großschirme und baute 1971 die ersten wandelbaren Großschirme mit einem Durchmesser von 19 Metern für die Bundesgartenschau in Köln. Die Trichterform des aufgespannten Schirms erlaubt es, Regenwasser durch das Mastrohr abzuleiten und die Schirme überlappend aufzustellen.[13]

Teilweise basierend auf seinen Ideen, gibt es heute eine Vielzahl von Varianten (vom traditionellen Mittelmastschirm über den Trichterschirm – mit kelchförmiger Membran – bis hin zum Dreieckschirm für die Eckbeschattung) und Größen, als Standardschirme mit bis zu 10 m Durchmesser. Bedingt durch die größeren Abmessungen der Schirme und das Schutzbedürfnis (gegen UV-Strahlung) sind die Anforderungen an das Material stark gestiegen, so dass heute hauptsächlich Aluminium, Polyester und Acrylfasern zum Einsatz kommen. Um die Stabilität zu steigern wird in neusten Entwicklungen auch Glasfaserverstärkter Kunststoff eingesetzt. Dieser bietet unter anderem auch den Vorteil Verformungen aufnehmen zu können, ohne das Material dabei zu beschädigen.

Modernste Entwicklungen, wie z. B. der Dalia-Sonnenschirm, integrieren sogar Solarpanele in den Schirmstoff, um diese nicht nur als Schattenspender, sondern auch als Energieproduzent nutzen zu können.

Die bislang größten wandelbaren Schirme realisierte Mahmoud Bodo Rasch mit seinem Büro SL Rasch als Schattendächer[14] für die Pilgerstätte in Medina, Saudi-Arabien (26 m × 26 m) und vor der Al-Hussein Moschee in Kairo (29 m × 29 m). Im Sommer öffnen sich die Schirme abhängig vom Sonnenstand und schließen sich abends wieder, um die warme Luft an den Nachthimmel abzugeben. Im Winter öffnen sich die Schirme erst gegen Sonnenuntergang und halten so die Wärme des Tages in den Räumen. Moderne wandelbare Trichterschirme dienen als Schattendächer, können bei überlappender Anordnung vor Regen schützen und sind gleichzeitig klimaregulierend einsetzbar.[15] Beim Bau wandelbarer Großschirme kommen Materialien wie Stahl und PTFE zum Einsatz.

Ampelschirme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Ampelschirme werden die Sonnenschirme bezeichnet, welche Ihren Mast auf der Seite haben. Dies hat den Vorteil, dass der Mast nicht mittig in den Tisch ragt, sondern seitlich vom Tisch platziert werden kann. Somit kann ein wesentlich größere Fläche überdeckt werden. Der Nachteil ist, dass er dadurch etwas instabiler steht. Dadurch ist ein schwerer Ständer erforderlich, welcher den Schirm deutlich teurer macht.

Trichterschirme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trichterschirme haben eine trichterartige Form, die sich deutlich von den bekannten Variationen unterscheidet. Diese Form hat gegenüber herkömmlichen Schirmen den Vorteil, dass Regen über den Mittelmast abgeführt wird. Somit entstehen an den Kanten keine Wasserfälle, die man beim Unterstellen durchqueren muss. Sie unterscheiden sich aber vor allem optisch von den meisten Varianten und werden so auch gerne von der Gastronomie, Werbe- und Eventbranche genutzt um sich von der Konkurrenz abzuheben.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludmila Kybalová, Olga Herbenová, Milena Lamarová: Das große Bilderlexikon der Mode - Vom Altertum zur Gegenwart, übersetzt v. Joachim Wachtel, Bertelsmann, 1967/1977.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Duden – En-tout-Cas – Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft. In: duden.de. Abgerufen am 13. Juli 2018.
  2. William Sangster, Umbrellas and their History
  3. L. Kybalová, O. Herbenová, M. Lamarová: Das große Bilderlexikon der Mode - Vom Altertum zur Gegenwart, übersetzt v. Joachim Wachtel, Bertelsmann, 1967 /1977, S. 474.
  4. L. Kybalová, O. Herbenová, M. Lamarová: Das große Bilderlexikon der Mode,..., Bertelsmann, 1967 /1977, S. 474.
  5. L. Kybalová, O. Herbenová, M. Lamarová: Das große Bilderlexikon der Mode,..., Bertelsmann, 1967 /1977, S. 470, 473, 474, 476 f.
  6. www.marquise.de, gesehen am 3. Juni 2018.
  7. L. Kybalová, O. Herbenová, M. Lamarová: Das große Bilderlexikon der Mode,..., Bertelsmann, 1967 /1977, S. 474.
  8. Die Website www.marquise.de meint, Knicker es "von ca. 1800 bis in die 1870er" gegeben, "wobei um 1840-60 die hohe Zeit der Knicker ist".www.marquise.de, gesehen am 3. Juni 2018.
  9. www.marquise.de, gesehen am 3. Juni 2018.
  10. L. Kybalová, O. Herbenová, M. Lamarová: Das große Bilderlexikon der Mode,..., Bertelsmann, 1967 /1977, S. 470.
  11. Ludmila Kybalová, Olga Herbenová, Milena Lamarová: Das große Bilderlexikon der Mode, übersetzt v. Joachim Wachtel, Bertelsmann, 1967 /1977: S. 474, S. 477 (Abb. 785: Diverse Sonnenschirme in der Vogue von 1928).
  12. Ludmila Kybalová, Olga Herbenová, Milena Lamarová: Das große Bilderlexikon der Mode, übersetzt v. Joachim Wachtel, Bertelsmann, 1967 /1977: S. 470, 473, 474, 476 f.
  13. Nerdinger, Winfried: Frei Otto. Das Gesamtwerk: Leicht Bauen Natürlich Gestalten, 2005, ISBN 3-7643-7233-8
  14. ISLAM: Allahs Schattenmann, Der Spiegel, 15/2002
  15. Wandelbare Dächer

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Sonnenschirme – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Sonnenschirm – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen