Regenschirm

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Dieser Artikel behandelt den Regenschirm als Schutz vor Niederschlag. Für das gleichnamige Wasserspiel, siehe Regenschirm (Scherzfontäne).
Regenschirme im Einsatz
Regenschirme bei Nichtgebrauch
Einzelteile eines typischen Schirms
Traditioneller Schirmfachhandel in London

Ein Regenschirm (selten, zumeist regional auch noch frz. Parapluie (= für Regen), altösterreichisch Paraplui genannt, eingedeutsch Paraplü) ist ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand; er soll vor Wettereinflüssen schützen und besteht aus einer Plane aus Stoff oder heute meist Nylon oder anderen Polyamiden, die auf Kiele (Anm.: ehemals wurden Federkiele als Material verwendet) gespannt ist und traditionell an einem langen lotrecht aufgesetzten Stiel in die Höhe gehalten wird. Zum Festhalten besitzt der normale Regenschirm einen Griff, meist in Form eines gekrümmten Spazierstock-Griffes oder eines Knaufs. So schützt der (tragbare) Regenschirm vor Niederschlägen, birgt aber bei stärkerem Wind stets die Gefahr des Überstülpens bzw. Umschlagens. Entworfen und angefertigt werden Regenschirme traditionell von Schirmmachern, heute beherrscht jedoch die industrielle (Billig-)Produktion den Markt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste schriftliche Erwähnung eines Regenschirms in Europa stammt aus dem Jahr 800. Damals schickte der Abt Alcuin von Tours dem Bischof Arno von Salzburg einen solchen mit den Worten „Ich sende dir ein Schutzdach, damit es von deinem verehrungswürdigen Haupte den Regen abhalte.“[1]

Die frühe Geschichte des Regenschirms ist eigentlich die des Sonnenschirms: Erst im späten 17. Jahrhundert finden sich Hinweise darauf, dass Schirme als Regenschutz verwendet wurden. Unterschiede bestanden nur in der wasserdichten Ausführung des Daches. Am Beginn des 19. Jahrhunderts waren auch Regenschirme in Mode, die mit Hilfe eines metallenen Erdungsbandes als Blitzschutz[2] eingesetzt werden sollten, deren Schutzversprechen aber recht zweifelhafter Natur waren.

In China wurden Regenschirme früher aus Bambusgestänge und Ölpapier gefertigt. Heute werden Schirme aus imprägnierter Baumwolle, Kunststoff oder Nylon mit ausziehbarem Stahlgestänge hergestellt. Der zusammenfaltbare Regenschirm, der bei Nichtverwendung möglichst wenig Platz einnimmt, wurde – erste Versuche in diese Richtung gab es bereits im späten 17. Jahrhundert – 1928 von dem Bergassessor a. D. Hans Haupt[3] aus Breslau erfunden. Dieses Modell ließ er sich 1930 patentieren und nannte es Knirps. Die Serienherstellung der später bekanntesten deutschen Schirmmarke übernahm ab 1932 Fritz Bremshey, allerdings wurde die Produktion in Deutschland 1999 eingestellt. Einer der bedeutendsten Schirmhersteller in der Bundesrepublik ist die Heinrich Zangenberg GmbH & Co. KG in Wallenhorst, die 1876 in Osnabrück gegründet wurde. 1962 belief sich die Jahresproduktion des Schirmherstellers auf 1,1 Millionen Stück. 450 Mitarbeiter stellten die Schirme in Fließbandfertigung für die Firma Zangenberg her.

Nach jahrelanger Verkaufsstagnation besann man sich neu auf Hightech, Design und Leichtbaumaterialien und hatte das Erfolgsrezept für steigende Absatzzahlen gefunden.[4] 2007 gingen in Deutschland 25 Millionen Regenschirme über die Ladentheke, nur 50.000 Stück davon kamen aus einheimischer Produktion,[5] produziert wird heute hauptsächlich in Fernost. China liefert etwa 98 % aller angebotenen Schirme.

Typen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regenschirme aus Stroh bei den Kemak in Atsabe/Osttimor (1968/70)

Regenschirme lassen sich nach folgenden Gesichtspunkten unterscheiden:

  • Anzahl der Streben (auch Stangen, Speichen oder Segmente genannt): Üblich sind 8 Segmente, aber auch 6, 7, 10, 12 oder 16 Segmente sind zu finden. Der Schirm wird mit wachsender Segmentzahl immer „runder“ und durch den Einbau weiterer Streben schwerer und stabiler
  • Stock und Stangen starr oder flexibel:
    • Langschirm (auch „Long“): Schirm, dessen Stangen nicht klappbar sind und dessen Stock nicht teleskopierbar ist
    • Taschenschirm: kleiner faltbarer und teleskopierbarer Schirm
      • Mini-Taschenschirm: kleiner Taschenschirm, dessen Stock mehrfach teleskopierbar ist und dessen Stangen mehrfach geklappt bzw. zusammengeschoben werden können
        • Piccolo: Mini-Taschenschirm, der weniger als 20 cm im zusammengelegten Zustand misst
  • Anwendungszweck:
    • Golfschirm: groß, auch sonnenfest, gerader Griff – kann in den Rasen gerammt werden und ist auch im Golfbag gegen Beschädigung der Bespannung geschützt
    • Anglerschirm: dauerregenfest, sehr groß, kann ebenfalls in aufgespanntem Zustand in den Erdboden gesteckt werden
    • Trekkingschirm: leicht, Sonderfunktionen, stabil[6]
    • Kofferschirm: Spitze und Griff lassen sich abschrauben
    • Selbstverteidigungsschirm: stabil gearbeitet, um ihn als Schlag- oder Hebelwaffe verwenden zu können[7]
    • Brautschirm
    • Künstlerschirm
    • Motivschirm
    • Stützschirm (als Handstockersatz)
    • Portier- oder Gastschirm: um gegebenenfalls jemanden vom oder zum Auto zu geleiten, groß, gedeckte Farbe
    • Schutzschirm (Kombinationsschirm gegen Sonne und Regen, besonders in der Freiluftgastronomie, besonders groß)
      • asymmetrische Dachform (kann neben dem zu schützenden Tisch stehen)
  • Form und Größe neben der normalen Ausführung:
    • Pagodenschirm
    • Glockenschirm
    • Doppelkappenschirm
    • Kinderschirm (Durchmesser kleiner, besondere Sicherheitsvorkehrungen)
  • Automatikschirme können mit einer Hand geöffnet werden. Als Öffnungshilfe dient eine Schraubendruckfeder – im zusammengeklappten Zustand wird die Schirmdachmechanik mit einem Haken gehalten, der durch einen Tastendruck gelöst wird. Automatikschirme gibt es als Lang- und Taschenschirm.
    • Vollautomatikschirme lassen sich auf Knopfdruck öffnen und schließen. Die Spannfedern werden beim mechanischen Zusammenschieben erneut gespannt.
  • Kinderwagenschirm (an Schwanenhals, insbesondere zur Abschattung von Sonnenlicht)

In Schächten oder Erdkabel-Baugruben schützen sich Arbeiter beim Spleissen von Telefonkabeln oder Löten und Vermuffen von Stromkabeln oder auch Schweissen von Rohren, etwa für Fernwärme, vor das Werkgut beschädigenden Regen. Alternativ werden auch Zelte errichtet oder die Lichtwellenleiter – deren Spliessen benötigt besonders sorgfältig saubere und windstille Umgebung – mittels Überlängen in ein Kfz hinein genommen.

Schwachstellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schirme unterliegen bei häufigem Gebrauch einem erhöhten Verschleiß. Reparaturen müssen an folgenden Punkten besonders häufig vorgenommen werden:

  • Speichen erneuern ca. 30 %
  • Schieber erneuern ca 25 %
  • Nieten ersetzen ca. 20 % (Hohlnieten gegen Massivnieten, für besseren Halt)
  • Kugelspitzen erneuern und sonstige Näharbeiten ca. 15 %
  • sonstige Kleinreparaturen, Top erneuern, Mittelfeder wechseln, Gabelhäkchen ersetzen usw. ca. 10 %[8]

Insbesondere filigran gebaute Schirme können, wenn sich starker Wind in der konkaven Bucht der Schirmunterseite fängt, sich umstülpen, was mtunter zum Totalversagen durch Knicke in den Speichen führen kann. Ein derartig umgestülpter Regenschirm ist spätestens seit Struwwelpeter graphisches Symbol für starken Wind. Schirme sind in den Metropolen des Westens so billig zu haben, dass nach einem stürmischem Regen in den Zentren westlicher Städte zahlreiche kaputte Schirme in den Mistkübeln stecken.

Position und Ausrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn sich der Träger des Schirms bewegt und/oder die Regentropfen nicht vertikal sondern schräg fallen ist es zweckmässig den Schirm mit seinem Schwerpunkt etwas schräg vor (und über) den Körper zu halten, um Kopfhaar (die "Frisur"), Gesicht, Hände, Transportgut, wie etwa ein Stück glosender Tabakware oder ein noch nicht wasserfestes Handtelefon, und wesentliche Teile der Bekleidung trocken zu halten. Ziel ist es, die Schirmfläche in Bezug auf die Stromlinien – aus Perspektive des bewegten Schirmträgers – der Regentropfen vor den Körper zu halten.

Um eine große Wirkfläche in Bezug auf das Abhalten von Regentropfen zu erreichen, ist der Schirm quer, also seine gewölbte Fläche rechtwinkelig, zu diesen Stromlinien zu halten.

Komfortabel mit wenig Kraftaufwand ist ein Schirm dann zu halten, wenn sich die Vektorsumme aus Windkraft und Schwerkraft in der haltenden Hand abstützen kann und kein Kippmoment von der Hand kompensiert werden muss. Mitunter ergibt sich durch die Wölbung der Schirmfläche ein Auftrieb durch die seitliche Anströmung mit Wind, sodaß dieser dazu tendiert die Schwerkraft des Schirms aufzuhaben, was sein Tragen erleichtert.

Relevant ist auch noch die Ausformung des Griffes: Geometrisch als Stab der nur axial gerade verläuft oder aber typisch 180–200° weit kreisförmig gebogen ausläuft, oder aber als Knauf. Manche Griffe weisen eine Handschlaufe auf, die auch das Halten unterstützen kann. Die Haptik des Griffs soll gute Haftung durch hohen Reibebeiwert oder Formschluss durch Oberflächenstruktur wie Narbung oder Querrillen unterstützen. Längsrillen (oder Stegnähte eines Überzugs aus Leder oder Kunststoff) unterstützen das schwungvolle, reibungsarme in Gehrichtung pendelnde Schwingen beim flotteren Gehen mit Ausschwingen der Arme mit dem ganz geschlossenen Regenschirm in einer Hand als Gehstock.

Wird ein Schirm gegen Benetzung durch Nebeltreiben eingesetzt, ist es zweckmässig die Schirmfläche etwa in einer vertikalen Ebene zu halten um die etwa horizontal mit dem Wind ankommenden Nebeltröpfchen abzuschirmen. Schafhirten in den Pyrenäen verwenden dazu recht grosse Schirme, die mit dem Stab auf die Schulter gelegt oder mit Schirm und Stab am Boden abgestellt werden, während der Mensch au Sicht des Niederschlags hinter dem Schirm hockt oder sitzt.

Auch Angler sind insbesondere nachts als Nebel ankommendem Tau ausgesetzt. Schirme, die mit dem Stabspitz im Boden verankert werden können und teilweise oder rundum senkrecht nach unten abfallender Plane schützen vor waagrecht ankommendem Niederschlag. Mitunter werden auch muschelförmige, halboffene Zelte verwendet.

Abbildungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Details[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kugelspitzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auswahl an verschiedenen Speichen-/Kugelspitzen
Bei B und D lassen sich mit einer Schieberkappe die Speichenspitzen bündeln und verschließen

Die Verbindung von Schirmdecke mit den Speichenenden wird mit einer Naht in den Speichenspitzen vollführt. Dafür werden verschiedene Arten von Spitzen verwandt. Das Material reicht von einfachem Draht über Spritzguss-Hülsen und Kunststoff sowie Holz.

  • A: Beispiel eines „Billig-Produktes“ ist das Loch in der Speiche
  • B: verchromte Kugelspitze
  • C: geschwärzte Kugelspitze
  • D: Kunststoffspitze (fasst jeweils 2 Speichenenden)
  • E: vergrößerte Kunststoffkugelspitzen (Sicherheitsspitzen) an einem Kinderschirm

Schirmkunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Parapluie kommt in einigen geografischen Benennungen in Österreich vor:

Parapluieberg gibt es in Bairisch-Kölldorf, Perchtoldsdorf und Retz. In Wien findet sich ein Parapluie Teich, in Lilienfeld ein Bergmugel namens Parapluie.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alkuin-Brief Nr. 207 aus dem Jahr 800. Die betreffende Stelle befindet sich im letzten Absatz: „Misi caritati tuae tria munuscula: tentorium, quod venerandum caput tuum defendat ab imbribus;“. Der Brief wird in der Harleian Collection in London verwahrt. Auskunft Dr. Max Diesenberger, 2012
  2. Johann Conrad Gütle: Allgemeine Sicherheits-Regeln für Jedermann bei Gewittern, in Ermangelung eines Blitzableiters den Gefahren des Blitzschlages auszuweichen. 1805
  3. Marken des Jahrhunderts Knirps
  4. Wiedergeburt eines Klassikers
  5. Managermagazin: Immer wenn es regnet
  6. Praxistest des Wandermagazins (PDF; 676 kB)
  7. real-self-defense-Schirm
  8. freiwillige Selbstauskunft (E-Mail; Stand: 28. September 2010) aus dem Fachhandel Schirmhaus-Doppler ohne Anspruch auf Vollständigkeit
  9. Kyo-Wagasa-Seite engl.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Regenschirm – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: (Regen)schirme – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Exoten